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Wiener Morgenzeitung · 1921-11-30 · Heft 1019 (30.11.1921) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 1019 (30.11.1921)
Date
1921-11-30
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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•rite 4 Wien Mittwoch Hm wolle er referieren und kein Programm entwickeln. Reflektierend auf die einleitenden Worte des Präsidenten der „Union", Herrn De. £) in ft ein, bemerkte noch der Redner, bevor er zu seinem Thema überging: „Bei alter Einbürgerung und Heimattreue sind wir ein Volk geblieben. Unsere Religion ist schon durch ihre Geburt national. Zion ist nichtnurein Symbol, sondern ein historisch-politischer Begriff und über die Tatsache, daß der Zionismus durch die Großmächte anerkannt ist, somit die zionistische Bewegung einen enrinent politischen Charakter erhalten hat, kommt man nicht hinweg." Dr. Feuchtwang besprach hierauf eingehend sachlich und von dem Gefühle großer Verantwortung getragen die Entwicklung her zionistischen Idee, die Verhandlungen des dritten Zionistenkongresses, die Ergebnisse der Verhandlungen und die Beschlüsse. Er behandelte ausführlich das Araberprvblem,' dessen günstige Lösung er trotz der obwaltenden großen Schwierigkeiten schon deshalb mit Zuversicht erwartet, weil Juden und Araber Brudervölker sind. Auch hob er hervor, daß es eine arabische judenfeindliche Volks* beweguug überhaupt nicht gibt. Wichtig sei, daß der Zionistenkdngveß schon vermöge der großen Zahl von Juden, die hinter ihm standen, im Namen des gesamten jüdischen Volkes auftrat und von der englischen Regievwig, der Mandatarmacht, auch als das Parlament des jüdischen Volkes betrachtet wurde. Denkwürdig bleibe der Augenblick, da sich der Kongreß mit seinem Aufruf an das ganze jüdische Volk gewendet habe, tätig mitzuwirken, an dem Wiederaufbau Erez Israels. — Zum Schlüsse seiner Ausführungen erklärte Dr. Feuchtwang, er überlasse es dem Auditorium, die Folgerungen aus dem Gehörten zu ziehen. Er wünsche nur innigst, daß zwischen den Parteien und Schichten des Judentums Friede herrsche, damit der große Moment der Wiederaufrichtung der jüdischen Heimat Nicht ungenützt verloren gehe. Herr Präsident Dr. Orüste in hat.für seinen- Teil diesen Mahnruf jedenfalls nicht beherzigt. Nach Der alten, nicht nur von den Zionisten als recht verwerflich erkannten Methode, erklärte er, der Unterschied zwischen den Jüdischnationalen und den Anhängern der „Union", bestünde vor allem darin, daß letztere loyale Staatsbürger zu sein wünschen. Eine nette Dernaderung! Der Sekretär der „Union" forderte die anwesenden Bereinsmitglieder, die sich in lläglich. geringer Zahl eingefunden hatten, zu Beitragsleistungen für die Bekämpfung der Zionisten, ferner für die Gewinnung der jüdischen Jugend, auf die sich, wie er bedauernd feststellte, leider durchaus im .zionistischen Lager befände. _ Tagesbericht. Die Beisetzung Gersorr Zippers. Aus Lemberg, 25. November, wird uns beruhtet: Unter Anteilnahme aller Kreise brr jüdischen Bevölkerung fand am Mittwoch den 23. d M. das Leichenbegängnis des zionistischen Vorkämpfers Doktor Gersisn Zipper, Chefredakteurs der „Chwila", statt. Ein unübersehbarer Traüerzug gab dem Toten das letzte Geleite. Bor dem Sterbehaus hatte» sich die Vertreter aller jüdischen Institutionen versammelt, so besonders das Präsidium der Kultusgemeinde, die Exekutive der zionistischen Landesorganisation, eine Deputation der Advokatenkammer und die Vorstände aller zionistischen Vereine. Nach der religiösen Zeremonie im Sterb ezimmer trugen Mitglieder der Exekutive den Sarg bis zum Toreingang, wo der Chor des jüdischen Musikvereins einen hebräischen Trauerchor anstimmte, worauf Dr. Malz im Namen der Herausgeber und Redaktion der „Chwila" vom Toten in tiefbewegten Worten AL- Mirb nahm. Unter Voran tritt der Schüler und Schüle- ,rinnen der jüdischen Mittelschulen und der akademischen Jugend bewegte sich der imposante. Zug zum ^Friedhof. Auf dem ganzen Wege wurde der Sarg von den Mitgliedern der zionistischen akademischen Vereine ^getragen. Vor der Zeremonienhalle herrschte ein beängstigendes Gedränge. Die Ordner hatten Mühe, die Ordnung aufvechtzuerhalten. De« Sängerchor trug ein Trauerlitt) vor, Rabbiner Dr. Freund verrichtete ,unter Assistenz der Kantoren Schein und Körner i feie rituellen Gebete, worauf die Trauerreden folgten. Als erster spvach der greise Oberrabbiner B r a u d e, dann Gemeinderabbiner Dr. Guttmann (in hebräischer Sprache), der Präsident der zionistischen Organisation Dr. Leon Reich im Namen aller Partei- Institutionen, Dr. Hausner im Namen des Misrachi, Vizepräsident Dr. Landes im Namen der Abvvkatonikammer, Direktor Lilien im Namen der jüdischen Mittelschulen und ein Schüler bes jüdischen Gymnasiums im Ntamen der Jugend. Akademiker trugen dann den -Sarg zu dem von der Kultusgemeinde gewidmeten - Ehiengvab, bas sich unmittelbar neben der Grabstätte! des aus der Pogrvmepvche bekannten' Präsidenten Doktor!.Asch?enase besticket. Die Mitglieder der zionistischen. Mädcheuver-ine! sammelten beim Ausgang für den Jüdischen Rationali sonds, der in dem Verewigten einen, feiner treuesten! Förderer und Mitarbeiter betrauert. Zum Leichen-; begängnis waren auch zahlreiche zionistische Deputationen ' aus den ProvinzftSdten erschienen. — Es wurden bereits : ungefähr 400.000 Mark für eine aus -den Namen des' «Verstorbenen errichtete Stiftung zugunsten, des durch! sein Zutun gegründeten hebräisMn Gymnasiums in '.Llevufalem erlegte Wiener M»rKe»-ett»»s 30. November 1921 •aal*. Skr. 10»' Mitteilungen ans dem Publikum. Oberkantor J.Giblichmann und Frau II., Springergasse 27 laden alle Freunde und Bekannten zu der am 1.Dezember d.J., y210 Dkr vormittags., stattfindenden nV’» n'*o (Beschneidung) ihres neugebornen Söhnchens höflichst ein. Frau und KM des im Jahre 1914 Palästina (Melchamia) srefallenen Ber! Kleu Mitteilungen erbeten an. Alexander Kiselgof (aus Tawria) im Chaluzlm-Helm, Wien, IX., Rossaiietkaserne (Turketistrasse 24) bis 6. Dezember 1. .J. (fährt am 7. Dezember nach Palästina) 557a i»33M#'lWtit«>«*iprrgiAp I RESTAURANT OFERER ■** Wien, 31., Taborstraose 13 Erstklassige Küche / Spezialität: Täglich polnisohe Fische / Tokayer und Szamorodner "Weine üebemahina von Hochzeiten nnd Diners Grosser ikieiser Saal für UnterMltangen etc. zu vergeben «» RILLANTEft, Perlen, Sold. Silber, Platin u. 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U«# i iftlL.. in Krakau, Siradovn 15 B B B '•■»• ■»««j «H Buwnrui b O B veröffentlicht hiemit, dass die Stelle eines a m mn R 9. «» a Die Druckerei der „Wiener Morgen* zeitung" befiudet sich ad heute; Wien» S. Bezirk» Pramergasie 6. Me Telephouadrefse der Nachtredaktion lautet ab 5 Uhr nachmittags 17-9-33. zu besetzen ist. ■ : ■ Reflektanten mit entsprechenden Qualifikationen, ■ besonders solche, die Organisalions- und Verwaltung* ■ Fähigkeiten besitzen, mögen bis inklusive 10 Dezemberl921 ihre Offerten mit Angabe der Referenzen * Ober ihre bisherige Tätigkeit ■ eineenden. (B 9298.. Bi fl BBBBBBBRinBBBBBIBBBBBIRBBBRBBBBBBBnBBI Die Waisenfürsörge des Joint. Laut dem von der Leitcrin des New-Dorler WaisenfLrsorgebureanS des Jont Miß Jelly B o g e n. erstatteten Bericht, wurden bereits 16.000 Waisenkinder aus den Kriegsländern im Nctv-Verker Bureau registriert, die sich aus Polen, Watten, Lettland, Rumänien, Ungarn, Oesterreich und Palästina rtkrutieren Die'Bureaus des Joiitt in diesen Ländern lühren eine genaue Rlgisirieruua der Waisenkinder durch, mit Angaben über Abstammung. Älter, Fähigkeiten utw. größtenteils auch unter Be>- sügirng ihrer Photographie. Diese Photographien haben m zahlreichen. Fällen es 'bereits ermöglicht, daß Ellern, respctlive nabe Verwandte >n Amerika Kruder «lärmten, ebenso bei Fehlen von Verwandten in Amerika dre sinanzitlle Adoption durch fremde Ellern. Die Arbeit, litt diese finanzielle Adoption der Kindes nimmt langsam ihren Fortgang durch das ganze Land, aber wirkliche Sammelalti'ontn für bieftrt -jiveck wurden aus verschiedenen Gründen bisher nur du'ch-csüh.t m den drei Staaten Kaltformen, Washington und Otegon. Seit Beginn der Arbeit wurden für diesen Meck gegen 16 5.000 D o 11 a r ac ammelt, die die Adoptierung v o n 1196 Kindern aus- . Polen Md 18 3 (tu s Pa 18 sti n a etusögllchten. (I. P. B.) Aus der „Matratzengruft". Als vierter Band der „Batik-Bücher-, die der Verlag Lutz A Stuttgart heransgibt, ist soeLor ein kleines Buch: „Die Ir trotzen g ruft", erschienen, daS G. Web erkriecht aus Merßners zerstreuten Erinnerungen an Heinrich Heine zusainmengestellt hat. Im nachfolgenden eine kleine Probe aus dem Werkchept. Frau Mathilde (Heines französische Frau) fuhr indessen fort, sich über Unbilden zu beklagen, die.sie „von. den Deutschen" zu erleiden gehabt' und noch erleiüei Es handelte sich, um allerlei durch'die sogenannten Freunde verursachten Tratsch, um Angriffs seitens der Börne scheu Partei-u sw. „Ach, diese. Deutschen!" darauf kam sie immer wieder zurück, „sie sind allerdings klug und wihtg — aber so malitiös, so boshaft! — Einer, das -ist das Merkwürdige, sucht dem; anderen etwas anzuhängen! Der einzige Seufsert von. allen, die ich kenne, ma-cht eine Ausnahme, der ist ganz anders, der ist einfach' gut und treu! Nein,, ich körutte nie unter Deutschen leben — nie; nie!" ES wurde mir zudiel, .diese Anklagen immer anzuhören; ich mußte ihnen endlich einnml entgegentreten. „Von pinem halben oder ganzen Dutzend Literaten, die hier leben", bemerkte ich, „ist doch kein Schluß aus den Charakter einer Ration zu ziehen. Besondere Anlage zum Witzigen, Neigung zur Satire gehört auch' wahrlich nicht.zu hen Eigenschaften der Deutschen. Ich will Jhnetr aber das Rätsel lösen und Sie werdet: dann zu Ihrer größten Verwunderung sehen, daß, wenn Sie Seufsecls Eigenschaften im Gegensatz zu den Eigenschaften der übrigen preisen. Sie d«n Deutschen unbeabsichtigt ein großes Kompliment machen. Seuffert nämlichi ist unter allen, die Sie da im Auge habe», der einzige richttge Germane . . i Die anderem sind wohl auch Mutsche, aber Leine Germanen. Es sind — nun ja,' dir Juden leben seit Jahrhunderten mit uns und sind im bürgerlichen und palittschen Leben der betreffenden Nation aufgegangen. Dennoch.— dennoch muß noch ein- Komplex von Eigenschaften, guten und bösen, in ihnen erhalten geblieben sein, der sie unterscheidet. Und so, sage ich: Die, über die Sie sich beklagen, sind allerdings Deutsche, aber auch Juden „Was?" rief Frau Mathilde ganz frappiert.,Juden wären fie? Jüden --? Jä, allerdings.-Nlexatüter- Weill ist ein Jude,- er hat mir selbst gestanden, daß er Rabbiner hat werden wollen — aber die übrigen, alle ührr-, gen . . * Da ist zum Beispiel Jeiteles — Jeiteles. —i bet Name klingt doch so urdeutsch, so echt deutsch . . „Sagen Sie vielmehr griechisch, altgriechisch," erwiderte ich'. „Dennoch glaube ich behaupten zu könnend daß unser Freund Jeiteles ebensowenig altgriechischem wie altgertnanischem Blute entsprossen ist." „Nun gut. Aber Metes — Bamberg —" „Sind in gleichem Falle." „O nein, Sie irren sich-, bas sind alles kein» Juden!" rief Frau Mathilde. „Das Machen Sie mir nicht mehr weis. Sie werden vielleicht gar behaupten wollen,! daß Kvhn (Cohen) ein Jude' sei? Aber Kohn ist ver-. wandt mit Henri, und Henri ist ja Protestant —" \ Ich' hielt plötzlich stille. Ganz wie ein Mn sch, der auf einem gefrorenen See däherschreitenb unverhofft! das Wasser durch einen Spalt ausbrodeln sieht, stockte ich' und zog das nächste Wort zurück. Auf das zufälligste» hatte ich etwas scheinbar Unglaubliches entdeckt, nämlich, baß Heine in betreff seiner Abstammung seiner Frau kerne Mitteilung gentacht habe und daß sie, naiv wie ein Kind, von dieser gar nichts wisse. Seine Ballade von her spanischen Judenseindin, die plötzlich erfährt, ihr Geliebter sei ein Sohn des schriftgelehrten Rabbi von Saragossa," flog mir durch den. Kopf. „Sie haben recht," erwiderte ich sehr ernsthaft.! „In bezug auf Kohn habe ich! mich wohl geirrt." , „Nun, da sehen Sie," triumphierte' Mathilde. „Kohn ist keinesfalls ein «Jude und doch hat, er hie scharfe Zunge der übrigen Deutschen! Er wird.wohl auch! ein Protestant sein wie Henri — denn Henri, ha, ha, ha, Henri ist Protestant, glaubt an Lütheer! Wenn ich ihtn' sage, daß Lütheer ein abscheulicher Ketzer war, wird er ordentlich böse und behauptet: er sei ein großer Maun gewesen, der größte Deutsche, der je gelebt, der Lütheer!. O, wie man doch in vielen Dingen gescheit sein und> dabei doch so dunim reden kann! Und Sie, Monsieur,' was haltet: Sie von Lütheer?" — Später hat Heine seinein Freunde Meißner selber gestattden, baßer seiner Frau seine jüdische Ab stamtmtug ständig verheimlicht habe. Meißner gibt ein Gespräch! Heines wieder, das hier noch Platz finden möge. „Wenn uns in diesen nächsten. Tagen der kleine Weill besucht," sagte Heine, „so soll Ihnen, lieber Freund, auch noch! eine ander« Probe meiner Pietät für ten uralten Mvsaic:- mus gegeben werden. Weill war' ehedem Dvrsängev in der Synagoge, er besitzt eine metallreiche Tenorsttnrnte und trägt die. alten Wüstengesänge ^,JudaS in ihrer ursprünglichen Reinheit der Tradition, von ihrer ganzen monotonen'Einfachheit an bis zu der vollen Höhe alttestainentlicher Koloratur vor. Meine gute Frau, die gar nicht ahnt, daß ich ein Jude bin, wundert/sich! nicht wenig, wenn, sie dieses unerhört« ntusikalischa 5999

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