Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1921-11-27 · Heft 1016 (27.11.1921) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 1016 (27.11.1921)
Date
1921-11-27
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2979076-2979773-2980095--09488-2995743
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite G Wien, Sonntag Wiener MorgenzeiLung 27. Novemb r 1921 Rr. MV Tagesbericht. Erziehung zum Gemeinfinn. Wann immer wir bei der Heranwachsenden Jngend rinell Akt der Rücksichtslosigkeit, der brutalen Selbstsucht, der inneren und äußeren Zuchtlosigkeit zu sehen ^'kommen, sagen wir einfach: Das ist der Krieg. Wir zucken die Achseln und begnügen uns mit der Erklärung. Sicherlich trifft sie in der Mehrzahl der Fälle >as Richtige. Die Kriegsverwilderung der Jugend wird noch jahrzehntelang zu fühlen sein, wenn es uns überhaupt zu verhüten gelingt, daß sie richtunggebend für Die ganze geistige und sittliche Entwicklungder nächsten ^cncratwn wird. Aber mag der Krieg auf diesem Gebiet ,'.uch unendlich viel Unheil angtzrichtzt Habenvielleicht »uehr, als wir heute übersehen können, ihm glattweg alles auf die Rechnung setzen, was wir an RohheitS- und Selbstsuchtserscheinun r: an den Heranwachsenden rvahrnehmen, heißt trotz allem Unrecht tun. Insbesondere für den Nachwuchs des Mittelstandes, der sa die eigentliche Kri.'gSverwilöerung, das Umhertreiben ohne Aussicht, das Leben ohwe geordnetes Heim, die Erziehung der Straße, doch nur in Ausnahmsfalbm kennengelernt hat, kann die Erklärung nicht ausschließlich gelten. Es muß ein Mitschuldiger dagewesen sein, und .dieser Mitschuldige war die Erziehung. Die blutjungen Schieber von heute, die jungen Mädchen, die Frauenwürde und Unschuld von vornherein als Handelsartikel betrachten und bewerten — das sind die Kinder, die vor zehn, vor zwölf Jahren unter dem Schlagwort der „ungebrochenen Eigenart" erzogen wurden, es sind we Kinder, denen man in mißverständlicher Auffassung moderner Gedanbzn jeden Wunsch, jede Zaune erfüllt iKtt, die nie gebogen und gezogen worden sind, um' nur ia die „heilige Individualität zu schützen. Es sind die Knaben und Mädchen, die im Schathrn der Phrase vom „Sichausleben" groß geworden sind. Wenn die unteren Volksschichten immer im gesunden Sinne sich diesen modernen Narrheiten gegenüber ablehnend verhalten ruck den guten, alten Brauch des kindlichen Gehorsams und der elterlichen Autorität — selbstverständlich in den durch Vernunft und Einsicht gesteckten Grenzen — nicht aufgaben, konnte sich der Mittelstand und insbesondere die gebildete Judenschaft nicht genug tun am Freiheitsrausch. Da ward die Lehre gepredigt und in dir Tat umgesetzt, daß der Lehrer kein Erzieher und Bildner, sondern nur ein älterer,Kamerad" sein solle,, daß Vater und Mutter kein Recht hätten, vom Kinde Gehorsam zu fordern, sondern chm jeden Auftrag, jede Weisung erst „erklären" müßten, da wurde der „liebe Gott" als unrmckerner Popanz verdammt, und in jedem jüdischen Mittelstandsheim wuchsen ein oder .auch mehrere ungebrochene Vvllmenschen heran, über deren Originalität" sich die ganze Umgebungnicht genug wundern und belustigen fonnte. Die Jugend, die heute. Schieberoafees und zweifelhafte Lokale bevölkert, die eine zügellose Gier nach Genuß vom Wege der aufrechten Menschen forttreibt, hat nicht gelernt, sich Wünsche zu versagen, hat nicht gelernt, sich dem Zwang.? zu unterwerfen und sei es auch dem Zwang redlicher Arbeit. Das Lernen mußte sa ein Spiel werden, ein Scherzen und Tändeln, und Aufgabe ehrg-iziger und oft genialer Lehrer war es, dem Kinde jede Anstrengung fernzuhalten. Jetzt reift die Saat, die damals gesät word-rn. Man fyat den Heranwachsenden nicht von der ersten Stunde ihres Denkers beigebrächt, daß sie . die Rechte der anderen?;U respektier-rn haben und daß der Mensch nur für und mit seinen Neb-enmenschen leben kann. Man hat vergessen, den Kindern zu sagen, baß nur durch gemeinsame Arbeit die Welt vorwärts kommen kann, uich daß nur aus dieser Arbeit Segen und Glück erwachsen kann und staunt nun, daß die Erwachsenen nichts davon wissen wollen. In den Kreisen der jüdischen Intelligenz sind all« diese Bestrebungen besonders, unterstrichen worden und der jüdische Familienpartikularismus hat das Gebiet des Kindes noch mehr eingeschränkt. Solch ein kleiner Mensch, der war Herrscher über seinen Kreis, unumschränkter Gebieter und über diesen Kreis, zu den anderen Weltwundern und Individualitäten, mit denen man sich verständigen mußte, auf die man Rücksicht nehmen mußte, zu denen sah das Kind in her Regel gar nicht hinüber. ■ Von alten anderen Erziehungssünden rächt sich die eine, schwerste: Daß man es Unterlassen hat, die Kinder zum. Gemeinsinn zu erziehen. Gewiß, es war der Krieg, der Verrohung, Genußsucht und Zuchtlosigkeit unter die Jugend getragen hat. Aber neben dem Krieg wirkt als zweite, gewichtige lirsach-' der Mangel an innerer Disziplin, den man bei den Kindern nicht nur geduldet, sondern direkt herbeigeführt hat. Es kann keine Gesundung für uns geben, wenn wir uns nicht rechtzeitig der Pflicht erintiern, den Kommenden die Bedeutung bes Menschheitsgemeinde klar zu machen. Jugendbewegungen, Sport, Volksbildung arbeiten in der Richtung einer sozialen und ethischen Genesung, die wirtschaftlichen, harten Notwendigkeiten wirken ihr entgegen. Bon der Haltung und Meinung unserer Jugendbildner wirb es Stegs»« Wegen kleiner Kegien mbh kaufen Sie billig und gut im wl PELZHAUS BRAININ Wien, Qioekengasse S «i Oroates Lac er in Petzwaren aller Art en gros und en dötall abhängen, ob Rechtsgefühl und Gemeinsinn die Bürgschaft für eine bessere Zeit gewähren, oder ob die Zukunft den Kampf aller gegen alle bringen soll. DergrSberi»«g. Langsam, ünrnrrklich fast, kriecht er heran, ‘ langsamunmerklich fast, nistet er sich in allen Kreisen ein, schlüpft durch die streng verschlossen Türen der Vornehmen, spaziert behaglich und breit durch die Straßen und grinst uns entgegen aus allen Stätten des Frohsinns, aus allen Räumen und Plätzen, an denen Wien sich amüsiert: der Verfall. Da bröckelt leise ein bißchen Feingefühl hertmter, dort schleift sich eine Bedenklichkeit, eine Hemmung ab und sehen wir plötzlich auf, so schaudert uns vor der Veränderung, die wir erlitten. Mochte so mancher Vorwurf auch berechtigt sein, die Amnut des Gebarens, des Auftretens, da) intellektuelle und seelische Feingefühl konnte man den Gebildeten Wiens nicht abstreiten. Auch das ist anders geworden. Gar viele entrüsten sich fleißig über das Betragen, die Sitten und den Umgangsion der heutigen Jugend. Aber sie vergessen, daß diese Jugend in einer Zeit herangewachsen ist, in der die' il Mungssorge, so lächerlich das klingt, den Mittelpunkt des r ignr Lebens brütete, in der alle Gespräche der Gebildeten }L .,t die Frage drehten: „Wie kann man Eüibrenn ohne F:tt . nd Mehl "bereiten?" Man muh aber eigentlich nicht im Prrf ttum sprechen, denn im Grunde genommen sind wir noch mitten drin in dieser Epoche — wir merken es nur nicht mehr. Aus diesem Verblassen aNer geistigen Interessen, aus diesem Beiseiteschieben aller höherem Ziele ergibt sich von selbst jene Vergröberung, unter der wir zumeist mehr leiden, als wir selbst wissen. Mit dem Derberwerden unserer Sprache hat e§ begonnen. In der besten Absicht wurden zunächst in der Presse sämtliche Kriegsschilderungen mit rötester Tinte geschrieben, die stärksten Worte verwendet. So wurden wir systematisch daran gewöhnt, gewissermaßen nur das Dickunterstrichene zu beachte,:, nur die Ausrufungszeichen aufzunehmen. Damit haben wir aufgehört, auch schwächere Akzent« anzusprechen. Wir müsse,: schreien hören, sonst gilt eS nichts. Die Zeit der leisen, feinen Bücher ist, vorbei, dem geschriebenen Ainodrama gehört das Feld. Darum brüllen die Satiren heute, darum rasselt und klappert die niodeme Operette, wenn sie nicht zufällig in Butterweichheit zerfließt. Scharfe Mittel, starke Mittel, wenn «s nicht anders sein kann, verzweifelte Mittel — das ist die Devise der Wiener Kunst, die sich einstmals ett snobistischer Zartheit nicht genugtun konnte. Lauter und derber sind auch unsere Ilmgangsformen geworden. Galt es beispielsweise einstmals als grobe Takt-, losigkeit, nach Preisen, nach Geldverhältnissen zu fragen, so ist das jetzt die blanke Selbstverständlichkeit geworden. Ein neues Kleidungsstück, ein Opernbesrwh, eine Reise zu einer kr an Ln Mutter — die erst« Frage ist doch immer: ,Ivas hat das gekostet?" klommen Verwandte von auswärts zu. Besuch, so erstickt tec Gedanke cm die damit verbundenen Ausgaben jede Witt>erfthÄlsfreude. Unser ganzes Dasein ist förmlich imprägniert von dem ©ebonfe» an Preise und wir haben die Scheu verlernt, bas offen zu zeigen. Auch ändere Rücksichten sind äbgefallen. Wenn einstmals nur der Proletarier unverhohlen ,chas Bäucherl" zu seinem Herrgott machte, so ist ihm der Gebildete auf diesem Wege jetzt mutvoll nachgerückt. Daö Essen nimmt im Seelenleben des Mittelstandes jetzt einen ungleich größeren Raum ein als ehedem, auch die jüngste Jugend, deren Pflicht und Schuldigkeit eigentlich die Schwärmerei ist, träumt von Günselebern und gesülzten Karpfen. Es sind die wahren Ideale des Tages. Die Vergröberung unserer Umgaugssitten tritt im Alltagsleben deutlich zutage. Dder ist er nicht Vergröberung, Ivemi man einander Leim ersten Zusammentreffen gründlich über Beschäftigung, Nangsklasse, Gehalt «sw. aussragi? Und daß das geschieht, kann wohl nicht geleugnet werden. Me man sich früher nach der Telephonnummer erkundigte, so fragt man jetzt nach dem Jahreseinkommen, ohne Scheu, ohne Zöge«:. Ein Blick in die Straßenbahn belehrt übrigens über die weitere Verschlechterung unserer UmgangSsormen. Gewiß, es ist auch früher vorgekommen, baß junge Männer fitzen bli'be,:, w<nn eine alte Frau eintrat. Aber so selbstverständlich wi.' heude war cs doch nicht und blieb auch selten ungerügt. Die Abstumpfung unseres Feingefühls geht jedoch noch viel weiter, sie geht verhängnisvoll weit. Der Angehörige des Mittelstandes, der geistige Arbeiter hat eines gekernt durch den Krieg: das Amtehmen. Von wem, wamr und wie immer gegeben wird, wir greifen zu. Daß zum Teil Mißbrauch mit den Auslandshilfsaktionen getrieben wurde, ist eine zu bekannte Sache, um. besonders betont zu werden. Schlimmer noch als. dieser Mißbrauch ist die Tatsache, baß wir alle, man darf ruhig sagen, ohne Ausnahme, die Scheu vor dem Beschenküverden verloren haben. Wir haben einmal ben Kopf recht hoch getragen, jetzt plätschern wir fröhlich In .Bettlergenüssen und kennen nur die eine Angst: bei einer Aktion zu spät zu kommen. Wir sind herab gestiegen und wir besitzen nicht einmal.den letzte» Stolz: ans frei zu unserer Erniedrig Mg zu bekennen. Klara Mantner. Jerusalem im neuen Palästina. In dem berühmten Marishalt College bei Aberbeienk (Schottland) hielt neuerdings Professor Patrick? Getzdes von der Universität Bombay eitfert ausi führlichen Vortrag über „Jerusalem im inenenj Palästina". Geddes war bekanntlich in den letztem Jahren damit beschäftigt, Pläne für den Aufbau pattn stinensrscher Städte auszuarbeiten. Sein Vortrag wav außerordentlich stark besucht und der Rektor d«s Cvl-i lege, Sir George Adam Smith, erklärte in seiner: Begrüßungsansprache, daß das auf diese Weife bekund dete Interesse der schottischen Oeffentlichveit die aufrichtige Sympathie des Landes für ben Wieder^ aufhau Palästinas bekunde. Man habe beit großes Vorzug, in Professor Geddes eine der bedeutendsten! Autoritäten auf dem Gebiet des Städtebaus über ein«! ebenso schwierige wie beglückende Aufgabe zu hören. ' Nach einem Bericht der „Aberdeen Free Preß", leitete Professor Geddes seine Ausführungen ein, indem er die Befreiung Palästtnas von der türkischen Herr- . schaft als eine Mission barstellte, deren Hauptsache liche Bedeutung in der Wiederevschließüng des Landesj ' für das Volk Israel liege.; Die' gegenwärtige Aufbauarbeit verlange aller--, dings die Hingebung eines ganzen Volkes; aber wenn man nur die bisherigen Ergebnisse im Larcke selbst de-, trachte, werde man zuversichtlich in die Zukunft schauen. Wo im letzten Jahrhundert kleine Mische Ackerbaukolonien gestanden feien, befänden sich gegenwärtig blühende Dörfer und Farmen, besonders inder Meeresebene und am Fuße des Karmel. Die Arbeit! der zionistischetl Organisation habe die europäische; Meinung von der ausschließlich, kartfmünnischen Be-, gabung des Juden vollends ad absurdum geführt. Dir jüdischen Kolonisten in Palästtna führten schon heute; bedeutende Erträgnisse ihrer Wein-, Oliven-,. Mandet- und Orangenplantagen nach Aegypten aus. Geddes besprach bann einzelne Unternehmungender neuen Einwanderer. Er beschrieb eingehend di« Kultivierungsarbeiten der jungen Zionisten, die erfolgreiche Bepflanzung der Hügelgelarcke und die eigicntiim* liche Ausnützung der Sanddünen, welche künftig Vorteile von beträchtlichem Ausmaß erwarten lasse. Besondere Bedeutung legte er dem bekanntes Projekt des Ingenieurs Ruthenberg bei, das die, Schaffung elektrischer Kraftanlagen ür verschiehenen Teilen des Landes vorsieht und von den britischen Zentralbehörden bereits genehmigt ist. Die unmittelbar bevorstehende Verwirklichung dieser Pläne, sei von doppelter Bedeutung. Einmal schasse sie breiten. Spielraum für gewinnbringende jüdische Unternehmung gen, dann aber trage sie wesentliche zur friedliche DurchF dringnng des Landes bei, weil sie den arabischen imc; beu jüdischen Bewohnern wachsenden Wohlstand verheiße. Der Vortragende erläuterte die Baupläne für Jaffa und Haifa, die beiden Hauptseehäfeu Palä-, stinas, und für Liberias, wo die berühmten BÄberj, des Herodes einer völligen Erneuerung entgegengehen) So stehe Palästina int Zeichen einer gewaltiges wirtschaftlichen Arbeit. Doch dürfe man nicht glauben,' baß damit die Bestrebungen der gegenwärtig dort Wir-H kenden erschöpft seien; im Gegenteil: jede entfaltete Energie wirtschaftlicher Art empfange ihr eigentliches!: Ziel erst von der einmal erkannten Kulturaufgade. Schon seit 1840 habe in Jerusalem eine Art Universität bestanden; denn jenen Gruppen jüdischer Mn-, scheu, die feit jener Zeit die Stadt bewohnen, ums' nur ihrer Frömmigkeit und Gelehrsamkeit zu leben,! fehle lediglich die Organisation, um die Verhältnis-!; mäßig größte Universität der Wett zu bicken. Hier wolle nun die zionistische Organisation miß der Gründung einer großen hebräischen Universität helfen. Auf dem fast freien Gipfel' des Swpusbergess werde sich dieses Institut erheben und von der geistigen Macht des Volkes Israel zeugen. Der! Entwurf sehe einen großartigen Bau im alten Kuppetstiel vor, der von Wandelhallen, Äaboratvriett und ße*, sonderen Lehrstätten für Kunst und Gewerbe umgeben, sein soll. In allen Ländern mit jüdischer Bevölkerung werbe, man bereits für die Universität und man dürfe, überzeugt sein, daß das gesamte Judentum sich be^ mühen werde, seinen Gelehrten eine würdige Arbeits-. stätvö zu bereiten. j Geddes Vortrag fand ür der Versammlung lebhaften Widerhall; Sir George Adam Smith brachte dem berühmten Städtebauer den herzlichsten Dank dev Mitglieder und Gäste seines College zum.Artsdruck. Der Wiener v«Z«g entgleist. Salzburg. 26. November. Außerhalb der 6tatiou Slraßwalchen entgleisten heute früh, vermutlich infolge eines durch die Kälteentstandenen Schienenbruches, vier Waggons des Wiener v - Zu g e s. Ein Hilfszug aus Salzburg übernahm die Weiterbeförderung der Paffagiere, von denen sechs I durchaus unerhebliche Verletzungen erlitten hatten. Nach Wie vor fliO billiQSten - Herbst-... Winterstoffen Stall-' ******** IU1 WUU8WWU mt Unvergleichliche Qualität. -W, 10-12, L,BdUrg.i 17748452

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.