Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 1016 (27.11.1921)
- Date
- 1921-11-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Mrrr.-^?vrmray_._Ttr-nei ^isrgv«zsrr«ng_ _ 27. StooemB« Ml TCt.'IOIC Der ZioUistische MrLschKftsraL und seine . Aufgabe». Von I. Naiditsch, Vorsitzender des Wirtschaftsrates der Zionistischen Weltorganisation. fWWTS #- nach den Ereignissen 2. November. / Der Jerusalemer Korrespondent des Jüdischen KvrvesPondenzbureauZ schreibt: Mehr als eine Woche ist seit den traurigen Ereignissen in Jerusalem vcr-. flössen und rwch ist die Stimmung in der Stadt rächt normal. Zu den ersten vier jüdischen Opfern ist ein fünftes hinzugekommen. Der Rabbiner Salrnan Rubin, ein 60jähriger Greis, Verwalter des-Wilnaer Kolel, ist seinen Verwundungen erlegen. Am 8. d. M. begruben die Araber einen-seinen Berlvurckungen erlegenen Araber. Wahres des Leichenbegängnisses entstand plötzlich neuerlich eine Panik im jüdischen Viertel. Die Geschäfte wurden geschlossen und in der allgemeinen Pani; gelang es einem Araber, Lei einem jüdischen Wechsler 150 Pfund Sterling zu stehlen. Viele Juden wurden mißhandelt, doch kam eszu keinen ernsten Tlngriffe». Dies ist nicht zumindest dem energischen Einschreiten der improvisieren jüdischen Selb ft wehr ,-yU danken, die fast ganz aus Chaluzlm besteht. (Ls ist aber das erste Mal, daß in Jerusalem der alte Jischuw mit dem jungen Einwanderer zusammentrifft Und Laß seine Würde und sein Eigentum von ihnen geschützt wird. Sic jüfcifdje öffentliche Meinung richtet sich nach »nvx vor gegen den Tou vern eur von Jerusalem, und je nrehr Tatsachen bekannt werden, desto stärker wird die Opposition. Man begreift es nicht, daß die >jZoliziftLN ohne Waffen blieben, und die Zeitungen werfen mit Recht die Frage auf, ob cs nicht die Pflicht der Wandatarmacht ist. wenn sie der Zuverlässigkeit ihrer jetzigen Polizisten nicht genug traut, um ihnen Waffen in die Hand zu geben, ein englisches, vevtäßliches Polizeikorps zu schaffen. Weitere Organisationen haben sich dem von der zionistischen Exekutive und dein Oberrabbiner sowie der jüdische a Gemeinde I rusalem und der sephardischen Organisation gegen Mr. Storrs unternommenen Schritte angeschlossen. Die Organisation der jüdischen Arbeiter Palästinas hat die Demission Storrs verlangt und sich gleichzeitig an die' Labour Party in England mit dem Ersuchen gewendet, eine parlamentarische Kommission zur Untersuchung der Zustände im Lande zu senden. Namens der Gemeinde Tet-Awiw hat der Bürgermeister von Tel-Awiw, Herr Diesengoff, an Sir Herbert Samuel einen Brief gerichtet, der darauf, verweist, daß in Jaffa — sank der Entschlossenheit der Beamten — die Ruhe gewahrt wurde, und daher verlangt, daß die für die Jerusalemer Ereignisse verantwortlich«»! Beamten suspendiert werden. Auch die jüdische Presse in hebräischer und englischer Sprache fordert einstimmig die iSuspendierung des Gouverneurs von Jerusalem. Eine Hüllwort ist von der Regierung bisher nicht ein? gelangt. Dagegen hat die Regierung es für notig befunden, gerade in dieser Zeit zwei Kundgebungen zu veröffentlichen, welche in der jüdischen Oeffentlichkeit neuerliche Verbitterung erzeugt haben. Die eins Veröffentlichung betrifft die Ausgaben der Regierung für Untttllchtszwecke; ans ihr geht hervor, daß für moflemische Kindxr 64.122 Pfund Sterling, für christliche Kinder 10.653 Pfund Sterling und für jüdische Kinder — 3550 Pfund Sterling an Subventionen ausgegeben werden. Auf Grund einer Berechnung, welche ,H»aarez" anstellt, entfallen aus ein moslemisches Kind 4.2 Pfund Sterling, aus ein christliches Kind 1 Pflück Sterling, auf ein. jüdisches Kind — 0.22 Pfund Sterling. Zieht man den Prozentsatz der allgemeinen Bevölkerung heran, so ergibt sich, baß die moslemitische Bevölkerung, die nach den offiziellen Nachrichten siebenmal so stark ist, als die jüdische, eine Subvention erhält, die 18mal ,o groß ist, als die jüdische; und die christliche Bevölkerung, die der jüdischen ungefähr gleichkommt, erhält das Dreifache. So sieht in Wahrheit die Bedrückung der Araber in Palästina aus. Noch bitterer ist die zweite offizielle Mitteilung der Negierung. Sie betrifft di- Einwanderung, und stellt mit Genugtuung fest, daß die Gebühren für Einwanderer auf ein Pfund per Kopf erhöh t wurden, und daß es auf diese Weise gelungen ist, seit dem 1'. April bis zum 30. September 8023 Pfund Sterling von den Einwanderern einzuheben. Die Koste» des Einwanl'ermigZdepartements reichen nicht im diese Summe nick so —stellt der Bericht fest — wurde ein lleb-ersjchnß von 1240 Pfund Sterling erzielt, der die allgemeinen Einnahmen des Landes steigerte. Diese offizielle Verlautbarung enthält freilich kein Wort darüber, ob diese Einnahmen im Sinne der Aufgabe liegen, welche Palästina als die nationale Heimstätte der Juden gemäß dem Mandat zu erfüllen hat! Die auf dem Kongreß gewählte neue Exekutive für Palästina hat sich fetzt, rrach Tbikrmst von Professor Pick, konstituiert; an Stelle der Zionist Commission tritt die Bezeichnung Palestine Zionist Executive. Herr U s s i s ch k i n übernahm den Vorsitz und Angelegenheiten der Erziehung und K'lliur, Nationalftnds uNb A.P.C., D'r. Eder den Verkehr mit.der Regierung und Sanitätswesen, Dr. Ruppin städtische und ländliche Anfiedlung. P.D.C. und Arbeiterbank. Betreffend die Verteilung der Arbeit zwischen Professor Pick und Herrn Sprinzak wird erst die nächste Sitzung entscheiden, da die Verteilung der übrigbleiberchen Agenden, das ist vornehmlich Immigration und Arbeit, .die. in sich oraanffch Mammenhäiigen. Schwierigkeiten macht, Auf dem zwölften Ziouisteukougreß wurde der Beschluß gefaßt, einen Wirtschaftsrat zu. schafft»^ welcher im EinberN-hmen mit der zionistischen Exekütive arbetien soll. Die Aufgaben eines solchen Wrrtschaftsrates konnten nur im Permaneuzausschuß rm emMnen festgelegt werden. Das Plenum des Kongresses begnügte sich, mit der Information, daß der WirLschüstsrat sich mit allen finanziellen und wrrtschaftlrchen Angelegenheiten der zionistischen Organisation befassen werde, und sanktionierte seine Schaffung. Es ist daher notwendig, die Gründe daczulegen, die zur Schasflmg dieses neuen Komitees führten, und seine Aufgabe klarz'.»stellen. Die zionistische Bewegring hat eine teilweise Verwirklichung ihrer politischen Bestrebungen durch die politische Anerkennung des Rechtes des jüdischen Volkes auf Palästina in der Balsour-Deklaration und im Beschluß von San Remo erreicht. Wir sind auch von alüm Völkern und nationalen Gruppen anerkannt worden, und dieses Recht einer Station, welches für uns durch alle Staaten festgestellt wurde, kann uns nicht mehr genommen werden. Durch die Verwirklichung dieses Teiles unserer politischen Ziele entstand für uns ein ganz neues Problem, nämlich wie dieses abstrakte Recht in konkretes zu wandeln und wie die Arbeit für den schnellen Aufbau Palästinas zu gestalten ist. Bei Völkern, welche wohl ihre nationale Selb-, standigkeit, nicht aber ihren Boden verloren haben, bringt ein solcher politischer Erfolg, wie die Verwirklich:!,lg nationaler Ideale, keine so komplizierten Probleme hervor, wie in unserem Falle. Davon haben wir in den letzten Fahren einige Beispiele gesehen. Kaum wird bei solchen Völkern bas nationale Ideal verwirklicht, so verschwinden seine Träger; hie und da werden sie höchstens als dekorative Figuren verwendet. Faktisch aber wird ihre Stelle von den Männern der' Praxis eingenommen, welche den Staatsapparat leite». Unsere Lage ist aber anders. Da wir keinen eigenen Boden besitzen und überallhin verstreut sind, kann man bei uns die Ideologen nicht sv leicht von den Praktikern sondern. Daher hat auch Herzl so großes Gewicht auf den Geist und die Kraft der Massen gelegt und gerade diese Kraft müssen tvir heute mehr haben dem: je. Wir müssen die/OrWnMtionldes Bolkswrllens fvrtsetzen, denn nur durch den organisier ten Volkswillen wird e§ möglich sein, die materiellen Grundlagen -für den Aufblau Palästinas zu schaffen. Es ist jedoch klar, daß der Zionismus nicht rm beschränkten Rahmen politischer und organisatorischer Tätigkeit verbleiben kann. Durch den politischen Erfolg hat sich auch das ganze Antlitz der zionistischen Organisation geändert. Die zionistische' Organisation wuchs zu einem riesigen Apparat, und heute ist eine Wirtschaft? institution notwendig, welche sich ausschließlich mit finanziellen und Wirt schaftl.ihen Angelegenheiten besaßt, welche von Männern mit Fachkenntnisfen Mti> Erfahrung behandelt werden müssen. Schon auf der Londoner Konferenz wurde diese schwierige und bringende Frage behandelt, und Oberrichter Branbeis versuchte, von der Annahme ausgehend, daß die Beschlüsse von San Remo den gesamten zionistischen Problemenkomplex ändern, eine Art Wirtschaftsrat zu schaffen,, welcher sie ausschließlich mit dem wirtschaftlichen Aufbau Palästinas befassen sollte. Er wollte neue Männer heran ziehen ein Wunsch, den wir alle teilen — aber er verlangte, baß diese neu heran gezogenen Personen auch die faktischen Führer der zionistischen Bewegung werben. Es ist wohl wahr, daß wir vor neuen Problemen stehen, daß wir eine neue Epoche praktischer Tätigkeit beginnen, aber ohne die Begeisterung des Volkes, der Masse, werden wir die konkrete Aufbauarbeit nicht durchführen können. Mr könne« nicht — wie es die Branders-Gruppe verlangt hat — den seelischen Teil des Zionismus ausschalten. Da wir vorläufig keine ftmkelnagelgeuen Per-, fouen haben, welche den praktischen Ml unserer natiofiualen Aufgaben durchführen könnten, üßte die Arbeit unter den vorhandenen Menschen aufgetzeitt' werden. Die Erfahrung hat gelehrt, baß es für diejenigen, welche an der Spitze des ganzen zionistischen Apparats stehen, unmöglich ist, den wirtschaftlichen und finanziellen Fragen ebenso wie den politischen und organisatorischen Aufgaben ihre volle Aufmerksamkeit schenke^. Da der Kongreß dies ein sah, sanktionierte er die Gründung des Wirtschastsrates, der aus leitenden Zionisten besteh«:! soll, welche im engen Zusammenhang mit der Exekutive sich ausschließlich mit der Regelung der implizierten Fragen der Fonds und finanziellen Institutionen befassen sollen. Es kann — darüber wurde man sich llar — nicht zulässig sein, daß die Exekutive, welche stets mit allerlei Fragen überlastet ist, aus ihrer Mitte einen Ausschuß für diese spzielle» Fragen bilde. Eine solche Kommission würde nicht zu dem gewünschten Ziele führen, weil ihre Mitglieder als Mitglieder der Exekutive gezwungen wären, sich mit Fragen zu befassen, die dem wirtschaftlichen und finanziellen Gebiete völlig fernliegen. In seiner jetzigen Form aber hat der Wirtschaftsrat keinerlei Beziehung zum politischen oder organisatorischen Teil der Organisation und er wird M daher ungehirckert auf dis Reorganisierung und! Systematisierung der wirtschaftlichen und finanziellen Departements konzentrieren. Es ist noch zu früh, über die positiven Pläne des neuen Rates zu sprechen und ichj kann daher vorläufig nur auf einige Teile des großem Programms Hinweisen, welches im Lauft der Zeit ent-, wickelt werden wird. Der Wirtschaftsrat wird vor allem die Gelder, des KerenHajessod verwalten. Der Keren Hajessvd, welcher im letzten Jahre die zionistische Organisation gelvissermaßen gerettet hat und der Hauptwerk der zionistischen Finanzen geworden ist, wird jetzt am iumfangreiche Arbeiten großzügigen Charakters in Palästina herantreten. Es genügt auf solche Unter-, uehmungen, wie die Gründung einer Hypothekenbank mit einem Kapital von 200.000 Pfund Sterling, die Durchführung der Bewässerung des Landes? und die Kolonisation hinzuweisen. Das sind nur drei von den vielen geplanten llnternehmnnaow des Keren Hajefsod. Die erste Aufgabe des Wirtschafte Dates wird nun sein, diese großen Unternehmungen zu organisieren und zu kontrollieren. Aber außer der Arbeit für den Keren Hajesftdi wird der Wirtschaftsrat auch neue finanzielle Unternehmungen für die Durchführung von allerhand Wirt-! schaftsarheiten in Palästina zu bilden haben. Dazu gehört erstens die Kapitalsvermehruug dev Jüd ischen Kolonialbank. Die Bank sollte nach! Herzls Auffassung das größte Finanzinstrument der zionistischen Organisation sein und in Wirklichkeit hätte sie es auch sein können. Leider blieb sie bey einem Kapital von 400.600 Pfund Sterling steheu> statt der zwei Millionen Pfund, welche Herzl verlangte. Eine der wichtigste:: Aufgaben des WirtschastS-i rotes wird es daher sein, die Tätigkeit de» Bank zu verbreitern und ihren Einfluß zu erhöhen, vor allem; durch Eröffnung von Filialen in den wichtigsten jüdischen Zentren, darunter auch in Amerika, wo eine Filiale der Bank besondere Wichtigkeit habenj wird, da sie als finanzielle Vermittlerin zwischen den, Juden Amerikas und ihren europäischen Angehörigen fungieren wird. Damit nun die Kolonialbank wirklich der Hauptfinanzfaktor aller unserer praki tischen Unternehmungen in Palästina und die Mantel-, bank werde, welche die geplanten Fmanzinstitutionen! in sich einschließt, wird es nötig sein, das Ursprünge uch bestimmte Kapital von zwei Millionen Pftmd auft zubringen. < Wie bereits erwähnt, wird der Keren Mjeffobi virre Hypothekenbank mit einem Kapital von 200.000, Pfund begründen; doch nnt diesem Kapital wird das; Aufbauproblem in Palästina noch nicht gelöst. Das, Hauptinstrument der Hypothekenbank ist nicht dass Aktienkapital, sondern die Pfandbriefe, welchen auf dem Weltmarkt placiert werden müssen. Diese Placierung wird eine wichtige Aufgabe besj Wirtschaftsrates sein. Gegenwärtig wirb es vielleicht! schwer fallen, sie auf den allgemeinen Geldmärkten zu folge der überall herrschenden Wirtschaftskrise zu! verbreiten; aber im Lause der Zeit ist dieft Möglich-, Leit nicht ausgeschlossen. Inzwischen werden diest> Pfandobligationen unter uns selbst zirkulieren müssen,! besonders in den jüdischen Gemeinden. Alle Fonds,! welche in den verschiedenen Gemeinden auf Grund!! alter Bestimmungen festliegen, können in diesen Pfand-' obligattmren angelegt weicken, die mit 6 Prozent! verzinslich sind und im Laufe von zw KlK Jahren eiugelöst werden. Da wir auf dem Standpunkt stehen, daß das' nationale Kapital in Palästina die Vankinstitutionen^ die Wasser- und Elektrizitätskräfte in der Hand' haben und so die Macht haben muß, den Aufbau zu Lontroflieten, baß aber auch> für das Privatkapital die Möglichkeit geschaffen werden Miß, die Arbeit in Palästina in großem Maßstab zu beginnen, sind , wir uns klar darüber, baß die zionistische Orgauisackon allen Privatkapitalien, welche schon jetzt die Möglichkeit haben sollen, in Palästina z'u arbeiten, die nötige A'Ufnrerksamkeit schenken muß. Sie müssenden nötigen Kredit finden. Um nun der Privatinitiative, welche sich schon jetzt irr Palästina betätigen kann, die Möglichkeit dazu zu geben, wird dev Wirtschaftsrat sich bemühen, in der Finanzwelt die notwendige Stütze für solche Unternehmungen zu finden. Der Wirtschaftsrat wird auch versuchen, bekannt^ wirtschaftliche Experten hevanzNziehen, welche wohl dem Aufbau von Ewz Israel nicht allzu nahe stehen und auch bisher dem jüdischen L«ben ferngestanbe« sind, aber doch bereit wären, an den Beratungen des Wirtschaftsrates teilzunehmen. Ferner wird der Wirtschaftsrat die bereits bestehenden Finanzinstitutionen stärken und ausbauen, die großen Budgets, welche der Kongreß beschlossen hat, verwalten und endlich neue Jnstitrltionen gründen müssen, welche als Jnstmmeute btt Palästina- Organisation bienen sollen. ' Dies ist in großen Umrissen eine Darstellung der Hauptaufgaben des Wirtschaftsrates; seine gesamteüi Aufgaben find so groß und weitverzweigt, baß es unmöglich ist, sie schon jetzt iajßß hetaWrt W besprechen. Palästina des