Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 1012 (23.11.1921)
- Date
- 1921-11-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Wien, Mittwoch Wiener Morgenzertuug 23. November I§2f Nr. 1012/ Der Pogrom von Diszel. Ein Monsterprozeß in Zalaegerszeg. tnerkuug abzutun, es feien politische Unmöglichkeiten. Die Regierung werde positive Maßnahmen Mitteilen, am liebsten in der Plenarsitzung des Reichstages. Die Kreditfrage fei m'u dem Ausgang der Washingtoner Konferenz verknüpft. Es handle sich darum, daß die freien Gelder auf dem Weltmarkt nicht in den Abgrund des WeltMens hinabrutschen. Der Reichskanzler sehe aber einer Kreditaktion auf lange S i ch t mit einer gewissen Zuversicht entgegen, falls in Washington eine Klärung möglich märe. Der Reichskanzler rechtfertigte es, daß die Regierung in der Vergangenheit einen kurzfristigen Kredit von 270 Millionen ausgenommen habe. Gerade diese Aktion habe die Erkenntnis der weltwirtschaftlichen Folgen vertieft. Aber für die Zukunft sei dieser Weg eines kurzfristigen Kredits nach der eingetretenen großen Katastrophe für die deutsche Mark jetzt nicht mehr möglich. Wenn man einen Kredit zur Zahlung der Jänner- und Februarrate, falls sie in Gold gezahlt werden müßten, mit einer Rückzahlungsfrist von nur zwei oder drei Monaten aufnehmen maßte, wäre das für die deutsche Währung absolut ruinös. Der Reichskanzler sehe den Entscheidungen und Besprechungen mit größter Spannung entgegen und wolle die Kreditaktion gemeinschaftlich mit der Industrie führen. Er sei nicht in der Lage, die Probleme der Kreditaktion mit den übrigen von der Industrie gestellten Fragen zu verbinden. Die Reichsregierung werde ihren Weg gehen, auch wenn die Industrie nicht folgen wollte. Er nehme aber an, daß die Industrie neben der Regierung marschieren werde auf dem Wege zu einem Kredit, wenn auch nicht auf lange Sicht, so doch zu solchen Bedingungen, die nach menschlicher Voraussicht eine ökonomische Grundlage haben. Die Regierung werde damit die Politik fortsetzen, die sie bisher betrieben habe. Pslittsche^Rurrdschau. Wedgwood und Patterson über den ZiorriSMNS. Am £1. November, welcher nt ganz England als Gedenktag für die un Kriege Gefallenen gefeiert wurde, fand e« lcicrlichrr Umzug in London statt, an welchem sich auch Vertreter der ehemaligen P a l ä st i« a - L e g r o n L r c beteiligten» Sie legten einen K.an; wir weiß-blauen Schleifen am Denkmal des „Unbekannten Soldaten" nieder. Am selbe« Abend fand im Regent Pslykechnic eine große Versammlung statt, bei welcher Oberst Patterson über.Äaö britische Mandat über Palästina sprach. Er hob hervor, daß seiner Ansicht nach Juden u«d Araber in Palästina in Freund schm t miteinander' leben können, der Platz für M llionen von Irrten sei, ohne daß ein Araber darunter za lüden haben, wird. Der Redner führte terner aus, er sei als Engländer stolz darauf, daß England die Ausgabe, eine nationale Heimstätte für die Juden zu schaffen, ans sich genommen habe. Die Behaupinng, daß die Schaffung dieser, nationalen Heimstätte England finanz ell belaste, w es Patter on energisch zurück und sagte: die Z-onisten stellen sowohl.Menschen als auch Geld zur Sicherung des Landes. Vorsitzender der Versammlung war Oberst Wedgwood, der bekannte Führer der Labour-Pattre, Lessen Eröff.mngsrede sich ausführlich mit der Geschichte der Datiour-Dellaration befaßte. Er selbst ist, wie er anführte, im Jahre 1916 eigens nach Amerika gefahren, um den Oberst H o u s e, w.lcher damals einer der Führ er der amerikanischen Polink war, iür die Zustimmung zur Idee eines jüdischnationalen Heims zu gewinnen. Warend des Krieges war. wie L e d g w o o d allsführte, bi* militärische Verwaltung m Palästina gegen die zionistrschen Pläne und forderte ständig eins Vereinigung von Syrien und Palästina. Das führte Zn Mißverständnissen einerseits von seiten der Franzosen, anderer' suts von seiten der Araber. Diese der Polrti? des britischen Kabinetts gegensätzliche Pol lik wurde auch nach dmr. Waffenstillstand betrieben. Wesgwood beendigte seine Rede mit dem Hinweis darauf, daß das britische Jmpennm den Schutz der Juden in allen Ländern, wo sie verfolgt und griagt werden, werde auf sich nehmen müssen. Was sich die österreichischen Patrioten mn den Horthyften sagen lassen müssen. Wie hie „Ungarische Rundschau" mx§ Budapest meldet, veröffentlicht der Präsident des „Move" (Ungarischer Landeswehrmachts-Verband), Abgeordneter Julius Gömbös, der als einer der Hauptführer der Äutikarlrsten gilt, in den Budapester Blättern, einen offenen Brief „An die fchwarzgelben Legitimisten Oesterreichs", in dem es nntzer anderem lautet: „Ustralegitimisten Oesterreichs, Träumer längstvergangener, nie wiederkehvender Zeiten, erlauben sich, feit dem letzten Putsch König Karls IV. in einem Don iibLr Ungarn und unsere Führer und Söhne zu spreche^ oas; ich es als meine Pflicht erachten muß, ihnen zu antworten: Sie sind unbewußte Verräter ihrer eigenen Vaterlandes, wenn sie nicht die Jnieressen ihrer so hart geprüften Natüm üb^r jene einer Dynastie stellen können. Wir stellten uns mit Waffen gegen den gekrönten König, der lediglich eigene Jnter- .'jcu verfolgte, als er mit einigen Lakaien und I ö k d n e r n Ende Oktober, trotz der bestehenden gesetzli.teu Bestimmungen, gewaltsam die Negierungsgeschäfte übernehmen wollte. Wir können im klaren darüber ■i'iit, bar, König Karl IV.. den ungarischen Thron nur als Sturmbock zur Erreichung seines, politisch un- Aus Budape st tvird uns gemeldet: Am 21. b. M. . begann in Z a la e ge r s z e g die Hauptverhändlung' gegen die Teilnehmer an dem Judenpo grom in der Gemeinde Diszel bei Z-ar.aegerszeg. Von dM 200 Angeklagten haben sich, nachdem die Staatsantvaltschaft die Anklage gegen den größereir Teil der ursprünglich Angeklagten Hallen ließ, nunmehr 63' Persdwen gegeni die Klage auf Mord, Raub,. Erpressung und Diebstahl zu verantworten. Dir' Angeklagten sind hauptsächlich kleine'Lan d wir tfe oder Fel darb ei te'r,. dich den unausgesetzten antisemitischen Agitationen folgend, am 9. September 1919 das Blutbad in Diszel anrich^ten. Zrrden wurddn niedergemetzelt. Die Opfer sind: Desider Korein, Julius Ga-'r tenza n u, Bvlksschulleh-ver M. L ö w i n g e r, Bernhard S in g,r r, Moritz B r e u e r, - Frau Moritz B reuer, Hervlanu' B reue r,- Ignaz. Breuer und ein Mann, dessen Identität' bis* zum heutigen Dag» nicht festgestellt werden konnte And der offenbar ein durchveisenher Jude war. In der Begründung der Anklage führt der Staats-, anwalt aus: In der Nacht vom 9. zum 10. Septeimlber 1919 war die Genieinde Diszel im Zala'Lp Komitat dev Schauplatz einirr blutigen Jüdenversvlgüng, im Verlaufe w,rVcher die aufgeregte Volksmasse sämüliche Juden der' Gemeinde verjagte, ihre' Wohnungen- - stürmte und ausvaubte. Da LiZsje Ereignisse Ve'rettsj ' vorher angekündigt warchl, hatte der größte- Teil der' Juden unter Zurücklassung der Wohnungseinrichtungen schon vorher die Flucht ergriffen. Diese Verwirrung haben viele ^eute dazu benützt, um die herrenlos gebliebenen, zerstreuten und auf die Straße geschlenderte^ Habseligkeiten zu stehlen. Augenzeugen und -Ortsbewohner geben einmütig an, daß der Ausbrrilch dess' Pogroms auf die gewissenlose Verhetzung durch Agitatoren zurückzu führen, ist. Bis zürn Auftaüchen diejser antistmitischen Agitatoren lebten id-ie.Bewohnter der Gemeinde i n u n g e st ö r te m Fr reden miteinander. Am Abend vor dem Pogrom erschienen fremde Personen in der Gemeinde, die dann auch, die Führer des Pogroms! waren. 1; V : Der Prozeß teilt sich in zwei Teile: Zunächst stehen die wegen Plünderung Ängeklagten vor Gericht. Die Zahl dieser üb.e.rfühx.tettPtlündertt beträgt 63. Unter ihnen sitzen , ganze Familien, Vater, Mutter und . sämtliche Kinder,' m'uf hier' Anklagebank. Die' Lifte der gestohlenen Gegenstände weist allen erdenklichen - Haus- .. rat auf, wie Kleider, Bettwäsche besonders sehr viel' Geschirr und Wohnungseinrichtungen. Die ■ Vorgefundenen Lebensmittel wurden von den Po groni Helden ün Straßenkot zertreten. Der Wein wuche. ausgetrrmken oder vergossen. Der materielle Schaben, der durch diese Plünderungen angerichtet ixmrbe, beläuft sich^ auf mehrere Millionen Krone». gesunden und für das selbständige Ungarn'schädlichen Planes einer Donausöberat-iou unter dem Szepter der Habsburger benützen wollte. Abgesehen davon, sind wir davon überzeugt,' daß der Exkönig, der viel zum Zusammenbruch der Monarchie beigetragen hat und von allen jenen, die ihn kannten, als ein. schwacher Fürst bezeichnet wird, ganz und-. gar ungeeignet ist, ein König der Magyaren zu sein, die nunmehr ein selbständiges Staaienleben unter einem' wirklich national denkenden und fühlenden König führen wollen. 400 Jahve lang war uns das freie - Leben unterlagt, unsere'Besten wurden hingerichtet, und es wurden ganze Generationen von den Regierungen unterdrückt, die rückhaltlos die Politik der Dynastie-gegenüber jener der Nation befolgten. ’ .* r. : Nun, meine sehr geehrten ° Legitimsten, Träumer längstvergangener, nie wiederkehrendex Zetten, glaubezr Sie ja nicht, daß ihre Schimpfreden und. Anklagen, uns je irritieren werden! Wir gehen unentwegt den Weg des freien Gewissens, .unter nie irreführender Vaterlands- und Rassenliebe. Wenn Sie sich eine , unerlaubte Kritik an dem ersten Ungarn, Seine Durchlaucht, dem Herrn Reichsverweser erlauben, de ssen G.n abe piele aus Ihren Reihen nur zn oft in Anspruch genommen haben, so beschimpfen Sie nicht nur eine Nation, der Sie zu Dank verpflichtet sind, sondern Sie stellen sich' in das jämmerliche Licht einer verbohrten nattonalen Ethik, die nur Söldnerseelen eigen ist." . ’ Bayrischer „Republtkanismus". Der „FronkfllrLer Zeitung" tvird aus München gemeldet: Am 7. November 1918, als tu . München die Revolution ausbrach! und der geängstigte König! mit der todkranken Königin, von allen Getreuen verlassen, hilflos in Nacht und Nebel aus der Hauptstadt entfloh, war Dr. v. Kahr Regierungspräsident von Oberbahern. Niemand hat davon gehört, baß Herr v. Kahr sich' in jenen verhängnisvollen Stunden inw die Not des Wittelsbacher Hauses gekümmert und auch nur einen Schritt zum Schutze des greisen Herrscherpaares unternommen yätje. '.Herr v. Kahr bekleidet seit Beendigung feiner, durch riinere Krisen und' schwere Konflikte mit dem ' M.D aMgezeWteMr/ Der Hauptangeklagte ist eur tzdwisser DeoM Me lft kowicz, der als der Führer der Bürgerwach'^ damit betraut war, die Ordnung in der Gemeinde auf--' vechtzuerhalten. Er und seine ^»llegen Karl Mo hosi Johann Per-kowac^ und Stephan Dani erhielten vom Gemeinderichter ' Gewehre zur Aufrechterhaltungi der Ordnung ausgefolgt. Gegen 9 Ähr abends kam aus Ta po lca die Mchrichi, daß dort soeben ein Po'g rom auf die Juden durchgeführt wurde. Hierauf über-' fiel eine Gruppe das Haus des Schankwirtes Spitzer,' drang in dessen Keller ein und richtete nach einem kurzen^ Weingelage einen Sturnr auf das- Haus des Lehrersj . Julius Gartenzaün. Der Lehrer wurde sofort nieder ge schossen, sein bei ihm zu Besuch weilender Schwager Eduard Löwinger mit dem GevLhrkolberr erschlagen. Das dritte Opfer war Desiderstorein'. Als.die Mordtaten in der Gchneinde bekannt wurden, begäben sich die Po'gromteilnehntzssr in' die Weingärten der Juden, wo sie die Keller aufbra'chen und den Wein ausfließen ließen. Hier hatte sich auch! die Familie Breuer peÄorgen, als sie. von den Mördern' - aufgestöbert wurde, ' ' . ' an die Wand gestellt Und' durch eine 'Geivehrsalye niedergestreckt. Bier Mt-, glieder der Familie Breuer blieben tot. Einer Tochter des Ehepaars Breuer gelang es, zu entkommen/ sie? wurde jedoch von drei Mitgliedern der Pogrvmbande verfolgt, ergriffen und' IvergewaMgL. Inzwischen hatte in der Gemeinde selbst die Plünderung der Judenh Luserbegonnen. Sie dauerte bis gmtti Nächsten Mittag'.' ' '' " «. . . .' Dieser Prozeß'-ist 'nicht nür ein Monsterprozeß,' sondern gleichzeitig ein Demvnstrativnspwzeß. Durch! diese Hauptverhandlung in einem der entlegenen Wimkeh Hsrthy°U»gaV«s soll dem Auslände der. Eintritt der Rechtsvrd-i nun g dernonstriert'werden. Es ist jedoch! bezeichnend^ daß die Staatsantvattschast in ihrer Anklageschrift selbst zugibt, daß der Ausbruch eines Pogroms sozusagen in der Luft log und sich schon einige Tage vorher ,,fühlbar, machte". Dennoch. war der Pogrom möglich. Dieser.. unbedeutende Melkowics, dem die Sicherheit und die Orönüng in diesen: Minen Neste anvertraut war, hat nur dasselbe getarr, was .feine hochmögenhen Heeren/ Kollegen in Budapest, in. Kecskemet und in den andeven. SigdM -taieu,! in denen die Hüter des . Gesetzes mch! diejHiHrev dev.'Rech.MrbrWg. die Anführer her-PvM>m-. Helden waren. ' -. . . . Die Berhanblrmg dürfte mehrere Wochen in Anspruch nehmen. Hunderte von Zeugen sind vorgeloben,, und, soweit es bei der gegenwärtigen Zensur in Ungarn . möglich, ist, .werden wir . über berr. weiteren Verlauf der Verhandlung berichten. - ' rungspräsidenten wie vor und. während der Revo- - lution. Vielleicht um vergessen zu machen, wie er durch Unterlassung an feinem monarchistischen Ideal gesün-. digt/ oder .um sich' von Selbstvorwürfen zu befreien,!' hat Herr v. Kahr sich' m bie der Bewegung für die Wiedereinführung der Monarchie gestellt. Er war auch der Organisator der großen nronarchistischeck' Demonstralton, zu der unlängst mit pietätlvseur Pomp die Beisetzrmg des ehemaligen Körttgspaares gestaltet, wurhe.^ Die. „Bayrische. Stantszeitung" veröffentlicht mm ein dienstliches Schreiben, in dern Kahr in seiner Eigenschaft als Regierungspr'äsident von Oberbayern den Bürgermeister Dir. Kreuter vvw Nosenheim iw schwülstigem Don den Dank anssprichk/! für das, was der Bürgermeister und seine Verwaltuügsbezirke gelegentlich! der Ueberführung der Särge nach München „zur Bereicherung mrd .Vertiefung der Trauer^ kilndgebung" getan. Kahr fügt hinzu, daß ihm „S.eine Königliche Hoheit der Kronprinz" um die Vermittlung auch seines Dankes gebeten habe. „Seine Königliche Hoheit" sei tief bewegt gewesen usw. Das' Schreiben schließt mit denr Ersuchen, diesen Dank zur Kenntnis aller Beteiligten zu bringe^ StumStttcK ftflb bet ««garische Königsthron. Die mrmsinische Gesmrbtsch!aft in Wen demeirKerk rm Auftrag ihrer Regierung in der kategorischesten! Weise die in letzter Zeit lancierten Nachrichtenwonach . König Ferdinand von Rumänien Kandidat für > den ungarischen Thron, wäre. . In Rumänien^ denkt niemand an.einem solchen Plan und diesfällige Nachrichten sind ans. naheliegendon jWüniden als ien-mzziöse Erfindungen zu werten. > Die italienisch-türkische« Berhandlnnge«. Der Korrchpvndent'des „Mefsagerv" weDet, daß die' Vorschläge für . den Vertrag zwischeir Italien und den Zkemalisten auf hem Wege nach Rom seien. Dieser Vertrag soll unter anderen die Bestimmungerr ritt- Mpsr: Äe.wUiAUW zur K^rWrnng vmiDDWM Präsidentschaft wicher bas gleiche Amt eines Regie¬