Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 1011 (22.11.1921)
- Date
- 1921-11-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Wien. Dienstag Ans der Wiener jüdischen Gemeinde. Die Wahlresorrr». — Die Haltung -er Orthodoxen. — Die VanLrottpolitik der Majorität. Nach hartem Kampfe ist >rs der zionistischen Mi>wri-; Sät rmmwchr gelungen, den „nichtjübischnationalen" Majoritätsklub zu offener Stellungnahme in der Wahlrechts frage zu zwingen. Bekanntlich beraubt das von den Assimilanten fabrizierte Wahlstatut alle Steuerzahler, welche nicht österreichische Staatsbürger sind, also gut 40. Prozent aller Wiener Juden, des Wahlrechtes. Der infame, unMische Streich, der seinerzeit über Antrag des Gemeinderates Dr. Schwarzv) Ufer von der alten assimilatorischen Clique gegen die breiten Massen 'des jüdischen Volkes geführt wurde, lwt in der neuen Majorität begeisterte ^wunderer und Verteidiger gefunden. War doch der Streich gegen die verhaßten Ostjuben geplant. Dank der antisemitischen Vorsehung und ihres Werkzeugs, des Jnnenminifters Dr. Waber, tvelcher auch die Westjuden von der Erwerbung der österreichischen Staatsbürgerschaft ausgeschlossen hat, raubt das Statut der Wischen Gemeinde nunmehr auch Zehntausendeu aus Mähren, Böhmen, Deutschland, Ungarn usw. stammenden, vielfach seit 50 und mehr Jahren hier ansässigen Westjuden das Recht, zu wählen. Bereits im Frühjahr hatten, die Zionisten einen Dringlichkeitsantrag auf Abschaffung dicsts Unrechts eingebracht. Durch Manöver und Schliche aller Art hat die Majorität, welche auch zu leig ist, offen gegen den -Antrag zu stimmen, seine Bebandlung zu verschleppen gewußt. Darauf haben die Zionisten, des unwürdigen Spieles überdrüssig, mit der Obstruktion eingesetzt, welche, nunmehr den Erfolg gezeitigt Hot. Nach langem Sträuben' kam e§ in der Vorwoche zur Abstimmung über den zionistischen Antrag. Die assimilatorische Majorität hat ihn, mit Hilfe der Orthodoxen, wohl uiedergestimmt, aber gleichzeitig den Rückzug angetreten, indem sie selbst einen Antrag einbvachte und annahm wonach der Wahlrefornnausschuß bis Ende Februar 1922 dem Borst-and einen fertigen Refo.rmantra g zu unterbreiten hat. Eine Galgenfrist ist gewonnen, aber auszrchalten ist die Refornr nicht mehr. * Merkwürdig ist die Haltung der orthodoxen Vertreter Pappen heim, Bondy und März. Selbst dein ungarischen, böhmischen und galizischen Milieu entstammend urrd von „Nichtbodenständigen" haben die Genannten bisher blrnd init den. Assimilanten gegen die Wahlre fo rm gestimmt. Natürlich unter Bruch aller ihren Wählern gegebenen Versprechen, unter Verleugnung des in orthodoxen Kreisen gewiß vorhandenen Mischen Solidaritctsgefühls. 3öoch merkwürdiger aber ist dis Art, wie hex orthodoxen Osffentlichkeit über diese Tätigkeit im Vorstand berichtet wird. So bringt „Der Israelis, das in? F.^nkftrrt erscheinende Zeutralorgan der orthodoxen Juden, nachstehende Meldung.aus Wie-: ,Mährend naturgemäß in zahlreichen Fragen oltdrei orthodoxen Mitglieder des Kultusvorstandes mit der Mehrheit zusammen gegen zionistische Experiments aufzutr«ten Gelegenheit hatten, hat sich jetzt bei der Frage der Wahlrefo-cm bas Bild geändert. Zur größten Entrüstung der herrschenden liberalen M^brheit trat in der letzten Sitzurrg der orthodoxe Vertreter Kommerzialrat' SiegmUnd Bonby entschieden für die Demokratisierung des Wahlrechtes ein Hnb w-ur de dabei von seinem Kollegen Herrn Wolf Pappenheim kräftig unterstützt. Ob es auf den ersten Hieb gelin gen wird, )io Entrechtungspolitik der Mehrheit des GemeindeoorstaNds .'U beseitigen, erscheint natirrlich fraglich. Auf die Dauer kann ein System, das unter nahezu 300.000 jüdischen Seelen nur 19.000 Wähler kennt, sicherlichnicht aufrechterhalten werden." Bravo! Klingt sehr schön! Leider müssen wir aber konstatieren, daß der wundervolle' Bericht von A bis Z ven Tatsachen widerspricht. Wir müssen zu unserem Leidwesen konstatieren, daß weder in der erwähnten letzten noch in irgendeiner der zahlreichen früheren Sitzungen die Herren Bondy und Pap'penheim für die- Wahlresorm gesprochen oder gar gestimmt haben. Hingegen sind sie in vollster Harmonie mit den Assimklanterr gegen die Wahlreform vorgegangen. Es konnte daher auch von größter Entrüstung der herrschenden liberalen Mehrheit nichts zu hören und zu sehen sein. Sollte aber der schöne phantastische Bericht ein gutes Zeichen für die Zukunft bedeuten, dann kann man über seine derzeit noch mangelnde Richtigkeit hinweggshen und ihn als Beginn eines Stimmutlgswochfels bei den Orthodoxen lebhaft be- -rüßeir. Die „nichWdftchrativnale" Majorität begnügt sich nicht damit, die Jüöengemeinde durch Ausschluß breiter Wählermassen moralisch zugrunde zu richten, sie treibt sie durch eine ungerechte und lediglich, auf Schonung '»er Reichsten berechnete Steu^rvolitik in den materiellen Bankrott. Vergebens verlangen die Zionisten die Einführung einer gerechten, auf der Höhe des Einkommens iernhrndtzn 'Steuerreform. Die Majorität fährt fort, ne Reichen zu „schonen" und zwar in den: Maße, wß das voraussichtliche Defizit zirka 100 Millionen , Wiener Morgenzeitung Kronen betragen wird. Dafür setzen'sie für den Mittelstand oft unsinnige Beträge ein irno lassen die Beamten h-unge'.'ir und alle Institutionen verkommen. Bei den letzten Debatten konnten die Zionisten unter Anführung konkreter Fälle Nachweisen, daß bei der »Majorität jeglicher Wille, die größte Jubengemeinde Europas vor zum Zusammenbruch zu retten, fehlt. Anders als bewußte Bankrottpolitik kann man es nicht nennen, wenn; der Chef des größten MöbeirndustrieunternehmenS des alten Gesamtöstrrreich mit 8000 Kronen besteuert wird, wenn man sich mit einem Kronenmilliardär auf 16.000 Kronen „nusgleicht". Die Zionisten haben der Majorität angetündigt, daß sie dissem Treiben nicht länger zustha'Uen wollen und — falls nicht sofort Rsmedur geschaffen wird — mit. deröffentlichen Diskussion der Steuervorschreibungen, welche unfehlbar den Ruin der Gemeinde zur Folge haben müssen, beginnen werden. . Politische Rundschau. 22. November 192V Nr. lOff —-:-:-----{ - die Stimmen des Volkes seien, was der freundliche- Empfangs der.Deutschen in einer der zerstörtest«: Gegenden beweise. In Frankreich wisse man, was Deutschland jetzt leide, ebenso,, daß her Militarismus wieder fester: Fuß fassen wolle, aber? die Arbeiter tun alles, um ihn zu bekämpfen, und erwarten,' daß die Deutschen dasselbe in ihrem Lande tun werden. Der Versuch der französischen und deutschen Verbände eines gemeinsamen Wiederaufbaues stößt jedoch auf gewiss Schwierigkeiten. Lo ncheur hat seine grundsätzliche Zustimmung erklärt, jedoch seine Eyrwilligung von einer schriftlichen Bestätigung aller Beteiligten in den in Frage komnrenben Dörfern abhängig gemacht. Wie der Berichterstatter deA „Berliner Tageblatt" meldet, handle es sich hiebei um eine Vorsichtsmaßnahme. Loucheur wolle sich gegen eine Opposition der französischen Jndustriekreise mrd die bevorstehende Opposition im Senat gegen das bevorstehende Projekt decken. In der Tat hat schon in gewissen Blättern die Hetze gegen dieses Projekt eingesetzt. Die Jnangrifftrahme dieses Projekts wäre von prinzipieller Bedeutung, weil sie den ersten Versuch bedeut«: würbe, an Stelle einer beiderseitigen Verhetzung die planmäßige Zusammenarbeit treten zu lassm. Der Zionistische Finanz- und Wirtschaftsrat. In der letzten Woche haben di« in London ansässigen Mitglieder des neuen Finanz- und Wirtschaftsrabes zum ersten Male Sitzungen abgehalten, um /einen Arbeitsplan auszuarbeiten und mehrere Frager: von akuter Bedeutung, darunter die Hh.pchth.ekenbauk für Palästina und die Kre ditgeWährung an Cha i-uzim (palüstmensische Kolvnisationspiouiere), zu. beraten. Der. Rat hat eine Reihe von 'Richtlinien festgesetzt, di« er der ^Zionistischen Exekutive und dem Direktorium des Keren HaMod zur Annahme empfehlen wirb. Gleichzeitig wurde beschlossen, dieerste Plenarsitzung des Rates im Dezember abzuhalten. AN den Ausschußberatungen haben die Herren Dr. Feiwel, Dr. Halftern, Naiditsch rmd Kaplaufky teilgenoimnen; den Vorsitz führte Raidi t sch. Die Wahlordnung für den künftigen polnische» Sejm und Senat. Aus Warschau wird uns berichtet: Irr d-rn letzten Sitzungen der Verfassungsiommission des polnischen Parlaments wurden sämtliche Punkte der, Wahlordnung für den künftigen Sejm .und Senat "is ans die Einteilung der Wahlkreise bereits erledigt. Es wurde festgiestellt, daß — ausgenommen für die ersten, nach der neuen Verfassung zu!vÄ)lenden gesetzgeberischen Körperschaften^^ hie Wahlen für <Änat und Sejm nicht an einem Tage stattfindendürfen. Noch den Entwürfen d>w Kommission soll das Gebiet von W i l n a einen b >2 sonderenW a h lkreis bilden. Bei den BrratrmMn legte der Deputierte Puzek euren Entwurf für die Verteilung der Mandate für den Senat vor, welcher sich auf die bisher bekanntgewvrdenen provisorischen Resultate der- Volkszählung in Polen stützt. Laut diesen Ergebnissen wohnen in ganz Polen zirka 25,360.000 Einivohner, di;r Polen z-ugesprochene Teil von Oberschlesien hat 970.000, das Gebiet von Wilna 610.000 Einivohner. Danach wären 94 Senatoren zu wählen.Jede W o j w o d s ch a f t bildet einen Wahlkreis. Nach den Berechnamgen des Warscharrer „Najen Häjnt" kann die jüdische Bevölkerung, wenn sie einheitlich wählt,' je ein Senatsnrandat in beit Wojwvdschaften Krakau, Lembrrg, Warschau-Land, Warschau- Stadt, Lodz, Kielce, Lublin, also im günstigsten Falle sieben Senatsmandate erhalten. Dagegen erweist es sich als immer mehr wahrscheinlich, daß die Chancen der Juden für fei* Sejm wähl gering sind. Es wird fast Amen Wahlkreis geben, welcher mehr als sechs Deputierte in den Sejm entsenden kann, und das rwacht es den Juden beinahe unmöglich, Mandate zu erhalten, ausgenommen in Warschau, Lodz und eventuell in einigen Wahlkreisen in den Ostgebieten. Es kamx sich sogar ereignen, baß die Inden mehr Vertreter im Senat als im Sejm haben werben. Das ist bas Resultat der Wahlgeometrie, welche sich gegen die nationalen Minderheiten wendet. Daher wird denn auch die Idee, einen großen Wahlblock aller nationalen Minderheiten mit gemeinsamer Wahlliste, sowohl für die Juden als auch für die anderen nicht-- polnischen Minder'beiteu in Polen, ernstliaft in Betracht gezogen wriden müssen. De»tfch - französische 8«saMmenarbett. Eine aus Vertretern der deutsche« und der französischen Gewerkschaften zusammengesetzte Kommission ist in Perönne zusammengetroffen, um die Frage des Aufbaues von elf Dörfern des zerstörten Gebietes zu beraten. Es handelt sich^ in diesem Falle um Len ersten Versuch' einer gemeinsamen Arbeit zwischen den beiden Völkern. Es fand eine Tafel statt, bet welcher ein Vertreter der Deutscher: den Wilben zum Ausdruck brachte, mit den Vertretern der Entente gemeinsame Arbeit zu tun. In Deutschland höre inan nur die Stimmen von Pvincare, Fach uvtd Lefevre, aber die deutschen G'ewerksthastsbelegierten wollten alles tun, um Deutschland über die wahren Empfinöwtgen des französischen Volkes aufzu- Nären, und sie baten die Franzosen, in ihrem Lande über die Gesinnung dev deutschen Arbeiter zu berichte«. Der Frair'.'ft Marcel Laurent wies in seiner Erwiderung .daraus, hin, daß die Stimmen. Po.mcares und,.ÄlLvres...Mxt Die bayrische Neichswehr »ab ihr Minister.! In Bayern finden jetzt größere militärische Uebun» -gen statt. Der Rerchswehrmintster Geßler fam ans- Berlin, um sie zy besichtigen. Er hielt bei dieser Ge-, 'legeyheit/ W. 'Mi..OffiKieren eüw Ansprache, tvoriw er sie ermahnte', . ihrem rep ub l ikani sHe n Eid! treu, zu bleiben. Schallendes Gelächter war die Ant-- Ivort. Der/Minifiei: unterbrach, peinlich berührt, die! Mde. Ainmächsterr Tage nahm er eime Tpuppenparüde ab, aber die ^Osfiziere und' Wehrinänner blickten beim! Viorbeimarsch ostentatip nicht ihn, sondern seinen Adju-. tunten an, der — Unifornr trug. Das soll auf höheren! Befehl geschehen sein'. General Möhl, der Chef dess Münchner Wehrkreises, wurde deshalb nach' Berlin berufen — aber der Herr General kam einfach nichts Der ihn rief, war ja nur der Minister, also einj Zivilist. _ Ei« Stoßseufzer. Der tschechische Klerikale Myslivec, einer dkrs ärgsten Schreier in der Hilsner-Affäve, hat im LM.fej der letzten Budgetdebatte in der tschechischen Nationale Versammlung, wieder einmal über den zu geringen Anti-» ftnntismus seines Staates geklagt. Er beschäftigte sich! unter anderem mit der Ernennung Ludwig Einsteins! zum amerikanischen Gesandten in der Tschechow Slowakei, von dem ein jüdisches Blatt in PhiMelphiaj geschrieben habe: .„Es ist' doppelt erfreulich!, daß dies tschecho-slowakische Republik ihre Zustimmung zur Erft^ scheidung des Präsidenten Harhing.gegeben habe^i Der. Präsident der tschecho-slowakischen Republik ist wies früher liberal zu den Juden, und da das Haupt des!' Staates normalerweise für das Land spricht, st» können! wir daraus schließen,.daß die Tschechv-Slotvaken Freundei der Inden sind." Demgegenüber konstattert Myslivvc^ baß die Tschecho-Slowaken leider auch zu de ns Juden gerecht sind, aber in ihrem überwiegendes Mile sind sie, Gott sei Dank, koine Freunde de^ Juden, weder bet uns in der Mepubük noch' auch! im Amerika. ^_ Eine pelnische Richtigstellung. Wie de« ^Pslnifchm Stimmen" van autoritativer polnischer Seite »it-rteitt wird, sind die a«S bolschrttikischer Quelle stammende« Meldungen, als wäre der Einfall petljurischrr Banden h\ die Sowjetukrame auf polnischem Bodm organisiert worden und als Wörde b:e polnische Regierung der «kramischen AufstandSbewegung in irgendwelcher Weise Schutz und Hilfe angedeihr« lasten, vollkommen aus der L «f t g e - r i f f e tu Die Beziehungen zwischen Polen und Sowjrkmßland gestalten fich im Gegenteil gegenwärtig"' viel günstiger als muuittelbar »ach de» Rigaer Fried ensv ertrag. Inland. Dir D«lksabstimm*«g r« Oede«b«rg. Sin Appell der Wie»«» Kpl«p»ge»Oi«de. Das Präsidium der jüdische« Sultusgemeiude Wien richtet an die m Wie» lebenden abstimmunzlberechtigteu Jude« Oedenbnrgs und Umgebung dm folgenden Appell: »Der Friedensvertrag von St. Genua»« hat daL Bnrgmlenkd Oestrrreich zugesprochm. Ueber die künftige Zuzrhocrgkeit OedmbnrgS und der umliegenden Ortschaften soll im Sinne de§ Abkommens von Bellrdig eme Bolksadstimmung eutscheibetz. Indem die Repräseitta«z der Wiener Iudeuschast dm Brüdern im Burgenlaude ihren Gruß entbietet, wendet sie fich an die ans Oedenbnrg und Umgebung stammenden Jieden mit dem aufrichtigen Rat vnd der Litte, bei der DolkSabstimmung von ihrem Stimmrechte Gebrauch m mache« und ihre Stimmen zugunsten Oesterreichs adzua e b e n. Glaubet nicht den unwahren AuSstrenmegen übe* Oesterreich, mögen sie von welcher Seite immer kommen, dis euch von einer Entscheidung zugunsten Oesterreichs abhslten tafieit. Die Juden Oesterreichs werde» euch iu Liebe aufnehmen. Ihr werdet die große Berufung habe«, gemeinsam mit ihnen an der Elrtwicksung der Republik und an der E r h 5 h n « g des .. a.e 1*11 f tfiiai t.Li.Ä,c it u.» d . ti Ukx% A *i*