Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 1002 (12.11.1921)
- Date
- 1921-11-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Gerte 4 Wien Samstag Wie«er Msr-es-eituns 12. November 192f MliW r ' 1 “ " : " ' ~ 1 **"——- Psund Sterling, an'.erikanische Bankier.? hätt.'n ihn «nf 2 7)0 Millionen Dollar geschätzt. Zugleich se: all.-rseits erklärt ivord.'n. das; vov dem Ab'?jlns; der Washingtoner 5konst?rnz nicht an eine Kreditgewährung für Deutschland cu by.itin Bei der Prüfung der deursck:« Kreditfähigkeit habe üte Industrie erkannt, daß die Fiuairzwirtfchaft des Reiche? auch den Privatkredit -nntergrake. Die sta a t l i ch e n B e t r ^e b e stlen nach Ansicht der Jrwnstrie am schlechtesten geleitet. Bei der Eiseilbahn sei eche Unmenge überflüssiger Arbeitskräfte, wahrend in Bergbuir und in anderen Priva Lind nstrien Arbeitermangdl herrsche.. Aus dieser Erkenntnis heraus fei die Schlußfolgerung ent-- standen, daß nur der Uebergänz der Privatwirtfchaft die Reichseisrnbah neu wieLer zu einem sich rentier en d e n Betrieb machen könnte. Es sei klar, daß eine solche Umwandlung nur mit Zustimmung und unter positiver Mitarbeit der Arbeiter und Angestellten durchgeführt werden könne. Di« Industrie, werde in her nächsten Woche mit den Gewerkschaften verhandeln, nicht um an einen privaten Jndustriekonzern d'e ganze Eisenbahnverwaltung zu übertragen, sondern in der Meinung, daß an einem solchen Unternehmen daS Reich, dir Industrie,, die Gewerkschaften, der .Bändel und dir Finanzwirtschast,. kurz die ganz-r deutsche Wirtschaft beteiligt sein müßte.. . Die beabsichtigte Zerstörung der Deutschen Staatswsrke. Bcrl.n, 11. November. Die 'in'tcr.rl'.sicrre Militärsontrvllkomnlisswn wird nächsten Montag ein: D r egatwn der Ep andauer Arbeiter der Deutschen Werk? empfangen, welch. den Protest der Arbeiter gegen die von der Kommission geplante Zerstörung d-:e Werk? übergeben wird. Deutsche Arbeiter fLr Frankreich. Paris, 10. November. (Test-Komp.) Die interparlamentarische Kommission der verwüsteten Erbiete' hat sich am Donnerstag mit'dem Plane beschäftigt, nach dem einer deutschen (Jewe'rkschasLsgrupps der Wiederaufbau von elf Dörfern rin Gebiete der Somme nöerla'sen werden.soll. Nach einer längeren Beratungwurde ein Antrag angenommen, in dem sich die Kominisfion prinzipiell diesem Plane nicht abgeneigt zeigt, aber die Forderung erhebt, daß die Verwendung deutscher Arbeiter von Vorsichtsmaßregeln begleitet sein müsse und daß die Angelegenheit nicht Sache privater Abkommen sein könne, sondern 'eine RegierungZangelegenheit darstelle. Die Washingtoner Konferenz. Paris, 11. November. Der „Matin" mrldet ans L'asjington: In der Erösfrmngssitzung der Konferenz wird Präsident Har di ng das Wort ergreifen, worauf die Konferenz zur Wahl der Präsidenten der einzelnen Briand uütgeteilt, daß er am 25? d. M. ab reisen müsse. Zahlreiche Delegierte uwllen am 15. Dezember.'-heimkehren. Die weiteren Verhandlungen dürften von den Sa.chversts'.nd:gen geführt werben. Zu Ostern' würden die Führ?.- der De.e Mion sich neuerlich in Washington versammeln', nrn dir Konferenz abznschlreßen und die Schlnßprotokollc zu unterzeichnen. Die englische Washingtoner Delegation. Washington, 11. November. (Tel.-Komp.) B a l f o u r und die übrigen Mitglieder der englischen Delegation sind am Donnerstag in Washington angekommen und wurden bei ihrer Ankunft vom Staatssekretär Hughes begrüßt. Briaud fiiv die internationale Solidarität. Paris, 11. November. (Havas.) Ministerpräsident Briand erklärte in einer Unterredung einem Berichterstatter des „New §j)o£! Harald" gegenüber, die französische Abordnung werde mit Nachdruck jene unterstützen, deren Anstrengungen dahin gerichtet sein werden, eine internationale Solidarität herznstellen, um den Weltfrieden zu erhalten. Frankreich werde von den anderen Mächten nichts, verlangen, was ihch Hoheitsgrenze beschränken könnte. Wenn aber die Mächte erklären, daß Frankreich die Sorge für seine Sicherheit zukomme, so würden sie ihm auch die Freiheit laiM mtissen, jenes Mittel zu wählen, das es für diesen Zweck als bestes erachten werde.' Die französischen Heere wachen nicht nur . über die Sicherheit Frankreichs, sondern sie haben feit dem Waffenstillstand auch die gesellschaftliche-Ordnung geschützt. Was wäre aus Europa geworden, schloß Briand, wenn im August 1920 Frankreich nicht imstande gewesen wäre, Polen, gegen die Bolschewiken zu Hilfe zu kommen? Wilson gelähMt. Paris, 11. November. Wie der »Wirtin* aus Washington meldet, werde Wilson der Eröffnung der Konferenz trotz der herzlichen Einladung des Präsidenten Harding nicht beiwohnen können. Wilson sei teilweise gelähmt, geistig aber vollkommen rührig. Die französischen Sozialisten verlangen Abrüstung. Paris, 10. November. (Tel.-Komp.) Dir fozialistißche Fraktion der Kammer hat eine längere Tagesordnung aus gearbeitet, deren Annahme" sie der Kammer als Abschluß der?gegenwärtigen Finanzbebatte - Vorschlägen wird. .<p>ie. verlangt eine r adikale. Beschränkung .d«kch Uustzaben für die ' militärischen Rüstungen, die Einführung einer Käp itn lSft«uer,j Len Wiederaufbau der zerstörten Gebiete durch de ätsche Arbeiter und mit Hilfe b>ru Ischen Materials, eine internationale Kreditaktio::, Um Deutschland zu gestatten, seinen Wechselkurs zu verbessern und feinen De rp f lich tun gen nach zukommen. Faszistermnrrrhen in Rom. „ Rom, 10. November. (Tel.-Komp.) Die Unruhe« anläßlich des F a f z i st e n k o n g r e s s e s dauerr an. Alle öffentlichen Gebäude und die wichtigsten Brücket: sind von Truppen besetzt. Trotz des General streik s werden Eisenbahner von Faszisten gezwungen, sie aus der Umgebung Romain Sonderzügen nach der Hauptstadt zu bringen. Gestern nachmittags haben sich die Fafzisten in langen Zügen — die Zahl der Teilnehmer mit 20.000, mß 2000 Fahnen geschätzt — an das Grab des unbekannten Soldaten begeben. Bei dieser Demonstration gerieten die Faszisten in ein Feuergefecht mit den Kommunisten, das Tote und über 150 Verwunde'.' forderte. 50 Personen wurden verhaftet. Die Zeitungen sind heute in Rom nicht erschienen. (Bin Parlament in Wilna. Wilna. 7. November. (Privat.) Am 6. d. wurde ein Dekret des Oberkommandos der mittellitauischen Truppen veröffentlicht, in welchem die Wahlordnung für ein Wilnaer Parlament festgesetzt wird. Die Wahlen sollen am 11. Dezember ftaüfinden.' * ■= V •% t Der Versuch der Okkupationsarmee, die Eich scheidung in der Wilnaer Frage durch das Votum eines Parlaments zu beeinflussen, das als Vertretung der Wilnaer Bevölkerung zu gelten hätte, wurde bereits mehrfach unternommen. Seine Ausführung scheiterte bisher stets an der Weigerung der Entente/ ein Parlament, das von der militärischen Okkupationsbehörde zusammenberufen wird, als Vertretung der Wilnaer Bevölkerung anzuerkennen. Nun scheint man es wieder mit dem Parlament, an dessen Wahlen sich die Inden und Weißrussen nicht beteiligen, zu versuchen, um der Völkerbundversammlung in der zweiten Hälfte Dezember einen Ausdruck des Willens der Wilnaer Bevölkerung zu bieten. . ('"5 Pilsndski will wegen Wilna demissioniere«. Berlin, 11. November. (Tel.-Komp.) Die „B. Z. am Mittag" meldet aus Warschau: Der Staatspräsident der Republik Polen droht mit seinem Rücktritt. Vorwand hiefür ist die Abstimmungsfrage in W i l n a, in der P i l s n d s k i anderer Ansicht ist als der Landtag. Der eigentliche Hintergrund isi der Kampf gegen das Vetorecht, das alle polnischen Kabinette bisher regierungsunfähig gemacht hat. Infolgedessen tagt heute der Ministerrat in geheimer Sitzung und der französische Botschafter ist bemüht, Pilsudskr umzustimmen. Russische Bestellungen in Deutschland. Moskau, 11. November. (Funkspruch.) In Deutschland und England sind Telephon- und Tele.- graphenapparate für 500.000 Gvldrubel b-rstellt worden. Kommissionen schreiten wrrd. Die Dauer der Konferenz ist noch ungewiß. Indessen hat MinistrrpräsKent KleiderundPelz IAP MAVrR hass ersten Ranges uhi^iiih i ui HTaborsftrasse 44 ■ Fernruf 41-6-34 Grosse Sperlgasse Nr. 29 Fernruf 46-6-21 Glockengasse 24 Eigene Werkstätten M für Kleider und Pelze >-> ■rWLSWMHIWrMISIMUUUS Wenn in den anderm von Inden stark bewohnten Vierteln unserer Stadt reich und arm, hoch und nieder nebeneinander wohnt, zwischen den Proletariern der Leopoldstadt so manche erbg'ösessene jüdische Patrizierfamilie ihren Wohnsitz anfgeschlagen hat, neben den lreitclarmen Juden von Hernals und Ottakring mitunter anch die Fabriksherren zu finden find, wenn in den Elendsvierteln von Heiligenstadt und der Krimm die benachbarten vornehmen Villenbvrstädte einen Ausgleich schassen — in der Brigittenau kennt man den Jude:: sonst nur als Proletarier und leider allzu oft sogar als Lumpenproletarier. Durch di« lärmenden, ftanberfülltcu Straßen hasten Männer, und Frauen an: frühen Morgen zur Arbeit, bte sie den ganzen Tag vst sefthält. Die Kinder treiben sich inzwischen im Freien herum, hungernd und frierend, allen körperlichen und geistigen Gefahren der Straße ausgeliesert. Was hilft es, daß die Mütter warnen,- bitten, drohen, was hilft es, daß die Väter strenge strafen ~ stärker als jcM Wort, als jede Mahnung ist. das Beispiel dev ilntr-..jung. Da gilt es, vorzubeugen, und — darüber find die Pädagogen aller Richtungen einig- — jede Schule, jeder Kinr-rrhort, der gegründet wird, erspart 1c: Ge'cllfchaft Strafhäus-c und Arbeitshäuser. Solche Ertoägungen mögen es gewesen sein, die den seit 1860 bcst.epenc.rn Verein Israelitische Kinderbetvahränstalt bewogen, in der Brigittenau sinen .Äo-l-kSkinbeegarten zu gründen. Diese Gründung entsprach einem dringenden, ja einem urrabweisbaren Bedürfnis. War doch vor 25 Jahren — so lange besteht der Volkskinbccgarten in der Othmargässe — das jüdische Kind noch von den allermeiste öffentlichen Wvhlfahrtsanstalleu ausgeschlossen ünd wurde von der Oeffentlichkeit gelassen dem Verderben prrisgegeben. So war der „Erfolg, wenn man so sagen darf, des jüdischen Volkskirchetgartens von vornherein verbürgt und da das Elend bei uns leider nicht geringer gewordLn ist, ist er ihm auch treu geblieben. Dis .160 Dlätzc sind immßr. voll belebt Md die 2Me des. Kriegselends in allen Formen sorgt für immer neuen I Zustrom. Nicht weniger als vierzig Prozent der | Kinder, die hier für den Dag Unterschlupf gefunden haben, sind Kriegswaisen und mehr als die Hälfte Flüchtlingskinder. Allerdings gibt es daneben^ auch wieder andere Kleuph die in der 'Zufluchtsstätte schon die zweite Generation ihrer Familie vertreten. Der> kleine Krauskopf mit dem viel zu langen und „aufs Auswachsen" berechneten seldgrünen Höschen ist der Enkel eines Wiener Hausierers. Einer von' den jüdischen .Hausierern, die mit Knöpfen oder Meerschaumspitzen von Gasthaus..zu Gasthaus Kögen und sich dort von fidelen Kumpanen, prächtig verulken > ließen, weil sie ja doch ein' .Stück Brot, verdienen mußten.. Deirn sie.hatten immer eine „BüD voll Kindern" zu Hause, tvie man so schön sagt. Der Großvater des kleisie'n Jakob' hatte fünf. Der Staat half ihm zwar nicht, für sie zu sorgen, aber als die Söhne erwachsen waren, da forderte er sie doch! als Kvieger für das Vaterland.! Drei sind auf denr „Felde der Ehre" bestattet, dev vierte, ein Chatuz, fiel bei einem Araberanfstand in Palästina. Die einzige Tochter heiratete, natürlich eben* falls einen .Hausierer. Sie lebt mit zlvei Kindern — bas dritte ist auf dem Wege — mit den greifen Eltern und dem Manne in Kammer und Küche. _ Ein echtes Wiener Kind jst auch die blasse Kleine« im fadenscheinigen dünnen Kleidchen. Der Vater war vor kürzen: an einer im Felde erworbenen Tnberkübos'e gestorben, die Mütter kränklich,' unbeholfen^ wie betäubt vom Jammer. Sie vermietet, ein Zimmer und hungert sich durch. Arbeit suchen, mit fremden Menschen sprechen, ihren Vorteil wahren — alles unüberwindliche Schwierigkeiten, die frühzeitig Altgewordene kann es nicht. Sie kann leiden und kann hungern. Aber sich aufrafsen, das bringt sie nicht mehr zuwege. Die große Zeit hat sie zerbrochen. Und wenn Klein-Berta nicht im Hort lachen dürfte, zu Hansa hätte sie es wohl nie gekernt. Eine Kriegstvaise ist auch der blonde Knirps mit .der unternehmenden Stumpfnas'e, der in einem unbewachten Augenblick Turnübungen auf seinen: Bänkchen mimixmi, Vatßk. M Goldlckmied. i& oPMiw* die Mutter arbeitet tagsüber als Köchin. Abends holt sie ihren Buben, der: sie in guter Hut weiß. Auch! di-c> Verkäuferin, eine Frau, die sich! von ihrem' Manna getrennt hat, weil er mit schwerer Geschlechtskrankheit ans den: „v»redelnden" La gerieben' heimkehrte, wüßte sich keinen Rat mit ihren Zwillingen, köirnte sie sie nicht in: Volkskinbergarten unterbringen. Dort tverdeir die Kinder urn 8 Ahr morgens anfgenomuten, bekamen bis vor kurzem Zehnuhrbwt, Mittagessen intd Jause. Da jetzt die Milch- und Brotlieferung eingestellt wurde — die Amerikaner „bauet:" bekanntlich' - ab — muß die erste Mahlzeit entfallen, aber das reichliche Mittagessen wird aufrechterhalten. Wie reichlich dieses Mittagessen ist, kann wan an den rundlichen, rosigen Gesichtchen ab lesen. Ai:f «ine scherzhafte Rundfrage, wer schon „zweimal" bekommen habe, meldct sich einmütig, hie ganze Schar und „dreimal" bekomme;: zu haben, rühmt sich! auch mehr als die Hälfte. Dein: die Kinder dürfen, wenn sie noch hungrig sind, zur „Tante" in die Küche gehen m:d Nachschub' verlanget:. Es ist putzig, zu sehen, wie die ganz Kleinen hinauswackeln und mit einem „bitte, noch!" das Eßschälcheu hinstnecken. Die ganz Kleinen —eigentlich' werdet: nur Kinder von 3 bis 6 Jahren ausgenommen, aber man macht - Ausnahnren, man muß sie utachen. Wer hätte den Mut, den kleinen, 2i/ijährigen Moritz abzuwelsen, das Nesthäkchen des Hortes, dessen Vater arbeitslos ist und dessen Mutter mit einem schweren Frauenleiden im Spital liegt. Die Leiterin des Volkskindergartetts, eine Frau, die ebenso tüchtig als Hausfrau wie taktvoll und verständig als Erzieherin ist, ist jedenfalls viel zu gütig, um diese Abweisung' zustande zu bringe». Auch dem jüngsten der drei Kinder des Kriegskrüppels — er hat die rechte Hand verloren — wird Altersdispens gewährt. Der Mann, ein Spengler, ist jetzt aus Gnade imd Blarmherzigkeit von einem Verwandten als Verkäufer angestellt worben, sonst wäre er bei der Jnvalidenrertte schon längst verhungert. Von bet: siebet: Kindern eines Flickschneiders, dessen Frau vor knrzetry gestorben ist, haben zwei Aufnahme gefunden. Jeden Mrgen brinLi sie frife SchMst^r, die Mutter^