Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 998 (8.11.1921)
- Date
- 1921-11-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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**psjmw zar, ay» toten. Tnensmg svrener LL-rzerrzsrmrtg r. November 1921 Seite 3' Die Absetzung der Habsburger. Die neue Note der Enteule. Am Sonntag haben die Ententevertreter in Budapest eme Note überreicht, in der der ungarischen Regierung die Forderung der Botschafterkvllferenz zur Kenntnis gebracht wurde, bis heute den 8. d. M. das von der ungarischen Nationalversammlung gchtexi: erledigte Habsburger-Gesetz durch eine amtliche Auslegung dahin zu ergänzen, daß Karl und allaMitglieder der Fan: ilie Hab s b ur g von der Wählbarkeit auf den ungarischen Thron ausgeschlossen sind. Die Note ist sehr energisch «äbgesaßt, sie weist auf. die Zwei-- d eu t i g ke i t des von der Negierung eingebrachten Gesetzes hin und erklärt die Besorgnisse der kleinen Entente als gerechtfertigt. Die Nöte hat wohl ultimativenCharakter, da sie befristet ist, siestellt sich! '"aber als großes Entgegenkommen gegen Horthy dar, da die kleine Entente eine Ergänzung durch ein besonderes Gesetz forderte, während sich -die große Entente mit einer amtlichen Auslegung durch die Regierung begnügt. Keine Demission der ungarischen Regierung. Budapest, 7. November. Wie in politischen Kreisen verlautet, wird die Demission der Regierung, die bekanntlich nach Dotierung der Entthronungsvorlage geplant war, aus /verschiedenen außenpolitischen Gründen einen Aufschub erfahren. Samstag abends erschienen Wer Auftrag des Pariser Botschafterrates die hiesigen Vertreter der Großmächte beim Minister des Aeuhern Grafen Banffy und gaben namens ihrer Regierungen dem Wunsche Ausdruck, daß die ungarische Negierung Verfügungen treffe, daß für die Zukunft kein Habsburger, auch nicht durch freie K ö n: g s w a h l/ auf den ungarischen Thron gelangen könne. Minister des - Aeußern Graf Banffy gab zu bedenken, daß es im gegenwärtigen Augenblick'unmöglich sei,'diese Forderung in das Gesetz anfzunehmen, da die Nationalversammlung dieses bereits in zweiter Lesung votiert habe. Die Negierung sei jedoch bestrebt, diese Frage in anderer Form zu lösen. Mit Rü-cksicht auf diesen Umstand sowie'mit Rücksicht auf die Tatsache, daß über die tschechvkslowakische Und die jugoslawische Demobilisierung noch keinerlei amtliche Meldungen vorliegen, wurde die Demission auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Die Abrüst««g Ungarns. London, 7. November. (Muter.) Wie der diplomatische Berichterstatter des „Daily Telegraph" erfährt, ist es zwischen den Hauptmächten und den Regierungen Her kleinen Entente zu einem Einvernehmen hinsichtlich der Vorgangsweise gekommen, die bei der Entwaffnung jUngarns befolgt werden soll. Danach soll von, der seinen Entente eine militärische Ünterkommission mit 'beratendem Charakter gebildet werden, die ermächtigt Und aufgefordert werden soll, die interalliierte Kommission in ihrer Aufgabe zu unterstützen, indem sie ihr .das ans den Informationsquellen der kleinen Entente, Kämmende Material zu liefern hätte. Di« Bilanz des Königspntsches. Unter dem Titel „Die Bilanz des Königspntsches" faßt das christliche Organ „Uj Nemzedek" die durch das Scheitern des Königspntsches geschaffene Lag« wie folgt zusammen: Selbst die Anhänger der Legitimität haben mit sehr geringen Ausnahmen die Methode verurteilt, mit welcher die Ueberei'frigen das Prinzip der Legitimität burchzusetzen bemüht waren. Verurteilt nicht nur vom Gesichtspunkt des Landes, sondern auch von demjenigen der Legitimität selbst. Der Plan ist mißlungen und damit, wenigstens momentan, der königstreuen Richtung der größte Schaden zugefstgt. Da nun der Versuch gescheitert ist, hie Leidenschaften allmählich abzubauen, ist die Zeit der ernsten Erwägung kund Ueberlegüng gekommen. Die Extremen der anderen Seite sind im Irrtum, wenn sie glauben, daß das Scheitern der Heimbringung König Karts die Königsfrage schon jetzt endgültig entschieden und abgeschlossen habe- Sie kann nicht entschieden sein, -weil ethische Fragen und verfassungsrechtliche Probleme dpich Ententebeschluß nnd Gewa lt nicht entschieden Norden können. Der augenblickliche Vorteil, der nrit dem Siege des Standpunktes der Regierung auch für die Partei der freien Königswähler entstanden ist, kann in der Richtung des Parteiinteresses-und der Parteienauffassung nicht ausgebeutet werden. Auch dann nicht, wenn diese anderer Meinung sind und schon jetzt nicht n‘ur den Putschisten, sondern im allgemeinen den Legitimisten gegenüber'einen Ton gebrauche», der geradezu aufreizend ist, Auch die kleine Entente möge sich nicht zu sehr der Freude darüber hingeben, daß sie für Yen Augenblick neuerdings zu siegen, scheint. Darin können Ar alle übereinstimmen, daß tvjr uns niemals damit ab finden werden, daß dir Herren Benesch und Konsorten uns in unseren inneren Angelegenheiten diktieren. Was ist . also die Bilanz des. Dnigsputsches? Daß die Aussichten der Legitimität äußerlich sich sehrstqrk, beinahe gänzlich verschlechtert haben,' in keinem Falle jedoch, daß die Legitimität ausgehört hat. (Der nächste Satz, -in welchen: die Gegner der Legitimität.aufmerksam gemacht werden, baß stzr mit ihrer hastigen Schadenfreude dem Lande schaden, wurde von der Zensur scharf zusammengestrichen.) Frankreich «inkt de« Mazyare« ab. In französischen Kreisen ist leine radikale Abkehr von der bisherigen ungarnfreundlichen Haltung zu verzeichnen. Blätter, welche sich bisnun in der Perieidrgung des armen, angegriffenen Ungarnnichts genug tun konnten, ergehen sich in der schärfsten Kritik gegen Budapest. Ein Leitartikel im „Temps" bringt diesen Umschwung deutlich zum Ausdruck. Das als Organ der Briandschen Regierung heute einflußreichste Blatt, bisnun der eifrigste Parteigänger Ungarns, schreibt: „Die ungarische Regierung überstürzt sich förmlich in diplomatischen Aktionen und ofsHiekbrn Verlautbarungen in der Presse, welche Anklagen gegen die bedrohliche Haltung der kleinen Entente zum Gegenstand haben. Solange uns die ungarische Sache gerecht schien, sind wir für eine gemilderte Haltung gegenüber dem besiegien Lande eingetrcten. Nun aber müssen wir sagen, daß uns die ungarische Regierung übel beraten erscheint und daß sie ihre Politik im eigenen Interesse gründlich ändern muß. Die Botschafterkonferenz hat zwei Forderungen der kleinen Entente als berechtigt anerkannt: Die Forderung nach Absetzung aller Habsburger und die nach sofortiger Entwaffnung der ungarischen Armee unter schärfster Kontrolle. Die dritte Forderung, l>aß Ungarn die Kosten der Mobilisierung der kleinen ' Entente tragen soll, glaubte die Konferenz nicht annehmen zu können. Die Prager Regierung aber beharrt bei ihr. Nun sind leider bei den leitenden ungarischen Staatsmännern starke karsistische Neigungen zu verzeichnen. Einige Tag? vor der Rückkehr des Exkönigs hat Ministerpräsident Bethlen konstatiert, daß die Rechte Karls ungeschmälert besteheni Der General, welchen die Regierung mit ihrer Vertretung in Oedenburg betraut hat, ist Hegedüs, der sich ohne Zögern dem Beseht Karls unterstellt hat. Wer war ihr Delegierier für die Konferenz in Portorose? (Äratz, welcher sofort in die Regierung Karls eingetreten ist. Angesichts, dieser Tatsachen ist es schwer, zu behaupten, daß die Budapester Regierung an den militärischen Maßnahmen Jugoslawiens und der Tschecho-Slowakei völlig unschuldig ist. Wenn man jetzt entscheidet, daß Ungarn nichts zu zahlen hat, empfiehlt man den Buöapefter Royalisten förmlich, ihren Versuch bei der ersten Gelegenheit zu wiederholen. Sie werden sich dann sägen, daß sie gewinnen können und nichts zu verlieren haben, weil ihr Land in keinem Falle etwas zu zahlen hat. Eine solche Denkart fördern, heißt den Frieden gefährden. Wir hoffen, daß di? Botschafterkonserenz dieser berechtigten und klugen Erwägung schließlich Rechnung tragen wird. Für das ungarische Volk gibt es nur eine Möglichkeit des Heils: Statt seiner Regierung zu erlauben, beständig, in seinem Namen anzuklagen und zu intrigierest, muß :es der Regierung befehlen, den Wünschen der Alliierter: urch dem Friedensvertrag loyal nachzukommen. Sonst wird der magyarische Bauer für die Sünden seiner Adeligen büßen müssen." . Die magyarische Regierung n^t ihren , bewaffneten Mordbuben, welche sich Armee nennen, hat gewiß alles getan', um auch blindergebenen Freunden hie Augen zu-,'-öffne». Trotzdem wäre es verfehlt, die Wandlung der..französischen Politik auf das Konto einer in dest letzters Tagen gewonnenen, besseren Einsicht', zu setzen, Die 'Leiter der französischen Politik waren' von 'dein! verbrecherischen Wesen ihrer Budäpester Schützlinge gut Unterrichtet und haben es doch, für gut gefunden, Horthy und feine Kumpane zu begönnern. Die Veranlassung der Gesinnungsänderung bildet das neue italienischmagyarische Bündnis. Es kann Frankreich, nicht passest, baß Italien auf die führende Rolle in Zentralenrppa hinärbe'itet und sich hiebei Ungarns bedient. Es sann niKt-''dulden, daß Italien in Budapest einen Stützpunkt, gewinnt, von wo aus die Südslawen, Oesterreichs dse Tschecho-Slowakei und Rumänien -beständig. in Schach gsshaltest werden. Die Gerüchte von der Kandidatur b.e§ ' H-erzo gs von Aosta - für den rmgarischen KönigsPosten sind auch danach angetan, die Stimmützg! in Frankreich zu reizen. Daß es Frankreich?/.uuBü Elchen Umständen jür gut findet, Ungarn fallen-. zu lassen' ist begreiflich. Was aber auch immer die-Griinde des) Pariser Gesinnungswechsels sein mögend er must von den Freunden des europäischen Friedens begrüßt werden, weil ergeeignet ist, der: frevelhaften, ins, Angemessene gestiegenen Uebermut . der magyarischen Gewalthaber zu dämpfen. ' Am Grabe Kossuths. . Ute die „Ungarische Rundschau" Bus; Budapest nrelhet, begaben sich - gestern nach der Satzung. - dev Nationalversatnmlung die Mtglieder der PartSi -.der kleinen Landwirte unter Führung des/ Ackerihauusinisters ~ri Stephan Szabo-Nagyatad nach dem KerepeserFried// Hof zum Mausoleum Ludwig Kossuths, um,'sein!/ Andenken ans Anlaß der Dethr-onisierung der H>äbs^ burger zu feiern. Bei dieser Gelegenheit hielt Ackerbau-, minister Szabo eine Rede, in der er unter änderen:'' sagte: „An einem für immer denkwürdigen Tage-'sind! wir hiehergekommen, wir, die Mehrheit der «ungarischem Gesetzgebung, die wir an deine Ideale glauben.-' Im«- Jahre 1849 hattest du dasselbe ausgesprochen,/-wass/. wir jetzt gesetzlich festgelegt haben. Wir erklärest lich, baß zwischen uns kein Unterschied besteht, trötzdemst du damals die Republik proklamiert hast und' wir jtztzt/ für das nationale. Königtum kämpfen." Die Mobilisierungskssten der Sü-- flawen. i , Die „Südslawische Korrespondenz" meMt aus:. Belgrad: Die Regierung unterbreitete der National-, Versammlung einen Gesetzentwurf, betreffend die - willigung eines außerordentlichen Kredits von 200 Millionen Dinars, zur Bestreitung der Kosten der durch die Ereignisse in Ungarn notivendig gewordenen Mobilisierung. TagesberW Marktbesuch In früheren, besseren Zeiten war ein herbstlicher MarkLefuch .immer'ein besonderer Genuß für die. Hausfrau. Schon der Anblick der lockenden Früchte, der prachtvollen Gemüse, der Fische und des Geflügels zwischen buntem Blumenflor war ein Vergnügen und wer nach langem Wählen und Feilschen feinen Einkauf beendet hatte, der mochte sich des Gedankens freuen, auch seinen Teil vom goldenen Herbstsegen nach Hause tragen.'zu können. Wer etwas vom Jammer des Volkes erfahren will, der besuche des Morgens einen Markt, und -wessen Interesse auf das jüdische Volk gerichtet ist,- der wähle einen inmitten des Ghettos. Da gibt es'jeden Tag mehr Hausfr-auenverzweiflnng zu sehen als ., man , sonst in vielen Jahren sah, da spielen sich täglich Tragödien ab, die umso erschütternder wirken, als.'.sie in der Stille vor sich gehen. Sicherlich fehlt es auch nicht an der wohlbehäbigen, aufgepntzten Jüdin, Won der alle Witzblätter singen und sagen, an der Jüdin die sich von der Köchin den Korb tragen läßt/ und der das Beste noch lange nicht gut genug erscheint: Aber neben diesen wenigen — welch Heerzug - des. Elends, welch erschütterndes Massenaufgebot des jüdischen Proletariats! '" > Die große, starke Frau dort würde sich zw.ar sicherlich gegen die Einbeziehung ms „Proletariat", verwahren, so wahlberechtigt sie auch fein dürfte. Aber die Frau 'trägt irgendetwas wie einen Hut oder Dach, das Gespenst eines Seidenhutes, auf den: Kopfe und hat Wer die Finger Abgeschabte, unzählige Wale gestopfte Handschuhe gezogen. Wahrscheinlich ist ihr Mann . - «XJo. Beamter oder Techniker oder sonst irgendein Mitglied- ' des Jntelligenzproletariats. Die Frau stiert mit wichen Augen auf das Gemüse in den Körben und. r>echnet. Man sieht, wie ihre Lippen sich dewsgen und chöxt: sie Zahlen flüstern. Spinat — sie braucht zwei Kilogramms das geht nicht, Sauerkraut — es bewegt sich / immer.in der Nähe des Hunderters, Kohlrüben —-sie sind teuer, und da man meistens große Stücke weggeben muß, sehr unergiebig. Ein wenig Paradeissauce-mit Kartqffeln erscheint noch als das günstigste. Die Tomaten i/sind' bald besorgt, aber Kartoffeln eine Rarität geworden. - Iw dichten Schwärmen umlagert man-, die' Stände,: gierig und angstvoll starren die Frauen auf. die^ Säcke,/berechnen, ob noch etwas für sie bleiheWwivd, ob: sM noch! beteilt, werben können. Eine dicke,' alte Jüdin entsetzt sich übenden Preis. Vorgestern haben die Kartoffeln 60 Kronen gekostet, heute 70. Das: «ist ihre, .ganze städtische Pfründe und noch ein .StückchW ' vor:7 der Vereinsunterstützung. Wie sie daö bestreiten füll?- Ein junger Bursche mit einem venvegenen'Käppchen aus dem Kopf, das schlecht genugzu seinem, graubläsien Gesicht paßt, bemüht sich, der Alten klerzumachen, /daß, fdie tschechischen Kronen gestiegen, die österreichischen nfifolg-'-- der politischen Ereignisse gefallen sind. Es sift ums«oj:st. Einer Großmutter, die für zwei verwaiste.-Enkelkinder zu sorgen hat, kan n man nicht. begreiflich /machen, daß Kartoffeln bis ins Unerreichbare steigen müssen. Mit einem Male fängt eine jmr^e -Frau^ anscheinend ohne Anlaß, zu weinen an, laut nnd heulend.' Sieist auf dem ganzen Markt umhergergnnt,: um zwei' Eiev für ihren kranken Jungen zu erbeuten. -,,Dex Doktor hat gesagt," jammert sie, „er muß. gut gtznqhrt. werden und er darf nichts essen als Mlch,' Ger. und/. Rindsuppe. Alles andere behält er nicht. O Gotö,'ch:Gotto. Gvtt!" Es ist eine Ostjüdin, die so klagt, ihre. Sprache verrät es. Mer kein gehässiges Work wird.'.laut.in der Schar der. Angestellt«en — hier schreit hie gequälte Kreatur gegen Himmel. Wer woM 'es/wagen,/Minlichem Heß Raum zu geb«:! Ein alter Mann in Mge'm Rock und Schläfenlocken jammert leise mit. „Ich.häb.' ein krankes Weib daheim," sagt er, „so. muß'ich-sie auf. den Händen aufheben." Was immer m«an ihst fragt, nickt er vor. .sich, hin, antwortet mit dies«: zwei . Sätzen und der . „T^ ein nervöses Zucken, 'verzerr/ /gräßlich sein gefurchtes Gesicht. . . ^' s srLttclqssisunchdttttgst tan Warenhaus!l.,Tahor$trassa48 Telaabaa 41179 w %»dataU U \ 't: r-! l' r % ■■ '■! ' n.' (fi (ir iii I —miHP1- ~n - *T‘