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Wiener Morgenzeitung · 1921-10-31 · Heft 990 (31.10.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 990 (31.10.1921)
Date
1921-10-31
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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SÖieit, Montag Wiener Morgenzeitung 31. Oktober ittcl Nr. 990, Setter Die Fahrt des Exkönigs ins Exil. Zn diplomatischen Kreisen verlautet, daß Karl «ud Zita heute in Baja ein geschifft werden sollen. Man hofft, dätz der mittlerweile gebefferte Wafferstand der Donau die Fahrt der englischen Flottille bis Gylatz ermöglichen werde. Die große Entente schützt Horthy? Paris, 30. Oktober. (Havas.) »Petit Puristen* meldet folgende Einzelheiten über die Beratungen der Botschaftcrkonferenz über die ungarische Frage: Die Konferenz wollte in erster Linie die Besorgnisse der kleinen Entente zerstreuen und rasch die Frage der Zukunft Karl Habsburgs regeln. Sie war jedoch der Ansicht daß das U l t i m a t u m, das die Donaustaaten nach Budapest richten wollen, gegenstandslos geworden sei, da sie selbst schon in ihrer der ungarischen Negierung übermittelten Note die Absetzung Karls und seiner Familie gefordert habe, ob er nun dem Thron- Verzicht zustimmt oder nicht. Und bisher hat es den Anschein, daß er ni t zugestimmt hat. Bezüglich der ungarischen Armee erklärte sich die Konferenz nicht nur entschlossen, darüber zu wachen, daß die Bestände vermindert werden, sondern auch die Angaben welche die kleine Entente ihr geben könne, günstig auszunebmen. Was die Kosten der von der kleinen Entente beschlossenen Mobilisierung anbelangt, so war die Konferenz der Ansicht, daß es nicht angebracht sei, sie Ungarn aufzubürden, da diese Staaten die Maßnabmen aus sich selbst ergriffen hatten und Ungarn seine Pflicht erfüllt und den Versuch des Exkönigs zum Scheitern gebracht habe. Prager diplomatische Verhandlungen. Prag, 30. Oktober. Nach der Freitagskonferenz des Ministerpräsidenten Dr. Benesch mit den Entente- Vertretern wurden die diplomatischen Verhandlungen zwischen Prag und Paris am Samstag und Sonntag fortgesetzt. Ebenso wurde ständig zwischen Prag, Belgrad und Bukarest verhandelt. Die Ergebnisse lassen sich vor Montag nicht genau bestimmen. Die große Entente seht auch ihre Verhandlungen in Budapest fort, wo die Demarche m den letzten Tagen iu sehr energischer Form. erfolgte. Alles zielt darauf hin, einen kriegerischen Konflikt hintanzuhalten, der bisher nicht als vollkommen gebannt betrachtet werden kann. Heute abends erschienen die Vertreter der Großmächte neuerlich beim Ministerpräsidenten mit einer Mitteilung über die Verhandlungen der Botscbafterkonserenz, betreffend die letzten Schritte der kleinen Entente in Paris, London und Nom. Die Standpunkte der Großmächte und der kleinen Entente haben sich beträchtlich genähert. Die diplomatischen Verhandlungen werden fortgesetzt. Samstag vormittags überreichten die diplomatischen Vertreter der kleinen Entente gemäß den Instruktionen ihrer Regierungen den Regierungen in Paris, London und Rom eine Note, die die Standpunkte der tschechoslowakischen, der jugoslawischen und der rumänischen Regierung in der magyarischen Frage dgrlegt. In Paris wurde sofort eine Botschafterkonferenz einberusen, um über die Note der kleinen Entente zu beraten. «MOMB-. . -» »WCT——————————I—i Konzerte. L Z churichts schlichte, hingebungsvolle Dirigentenkunst hatcn wir erst kürzlich gewürdigt. Er will nicht Selbstherrscher im Reiche der Musik, sondern Diener des jsimstirertes ftin, eine Selbstlosigkeit, die bei Brahms mehr am Platze ist als bei Gustav Mahler. Mit gesundem musikalischen Cinpsinden, ohne einen starken Einschlag von Sentimentalität und ohne weitgehende Subjektivität in Dynamik und Agogik kann man gerade „Das Lied von der Erde" nicht nachschasfen, nnd so fehlte der Ausführung unter Schuricht, dessen Wiesbadener Mahler-Aufführungen so gerühmt werden, bei aller Gediegenheit der spezifisch Mahlersche Geist, den auch der musikalisch stets sichere Herr Maikl Nicht auszuströmen vermag. Einzig Frau Cahier wußte in dem ergreifenden und ergreifend gesungenen „Abschied" Geist vom Geiste Mahlers zu bringen. Der Dresdner Staatsopern kapellmeistrr Fritz Reiner dirigierte letzthin Rcsplghis „Ballade her Gnomenfrauen".. Koloristisch ist dieses moderne, programmatische Klangstück nicht uninteressant, aber die Kakophonien häufen sich und so hinterlassm die zu zahlreichen Kurzwelligkeiten schli ßlich den Eindruck der Laugwttle. In S.rauß' „Eulcnspiegal" bewährte sich Reiner wieder als temperamentvoller, dabei wohlbedachter Dirigent, dessen Berufung nach Wim einen künstlerischen Gewinn für die Stadt, vielleicht auch für daS Operntheater, bedeuten könnte. Auch Herr Bernhard Tittel, der heuer seine Abonnementkonzerte fortsetzt, hat sich bereits sein Stammpublikum erobert, das ihm trotz seiner für Auge und Ohr etwas gewalchamsu Dirigentenpraktiken Treue bewahrt. Der Sollst des ersten Tittei-Konzerts, Herr Alfred Hoch n, «spielte- Ti'chalkowsk.)s B-Moll-Klavwrbonz.rt, ein grai dioftS Bltt osenstück, das stets seiner Wirkung sicher ist, mit elementarer 5krast uub hinreißendem Schwung und ebenso dirigierte Herr Tittel dre leidenschaftliche Schlußstttgeruiig Von Berlioz' „Römischer Karneval"-Luvertüre, bis an die Zähne mit Kraft gewappnet. Lorle Meißner haben wir schein weit besser singen An unsere geehrten Abonnenten! Ab 1. November beginnt ein neues Abonnement cmf die „Wiener Morgenzeiturig*. Wir ersuchen, die Bezuysgebühren umgehend zu überweisen, damit in der Zusendung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. Ab 1. November treten folgende Bezugspreise in Kraft: Abonnement für Wien (zum Abölen im Exredit oder in den VcrschleWellen) monattich Kr. Oesterreich monatlich. . . Tichecho-Slomakei monatlich Voten monatlich.poln. Mark Jugoslawien monatlich Deutschland » Rumänien ,, Bulgarien „ Holland „ Schweiz „ England „ Italien * . Amerika „ Frankreich, Belgien monatlich . . Kö. Dinar Mark Lei Lewa ho«, st. Fres. sk Lire Dollar Fres. 360.- 360.- 18.- 500.- 15.— 20.— 30.- 30.- 1.50 3.- 3.- 6.- -.50 6- Ernirrverschleitzpreis ab 30. Oktober irr Wien Kr. 14.—. Zahlstellen: Oesterreichifches Postsparkassenkonto (Wien) 150.698 Tschecho-slow. Postsparkassenkonto (Prag) 50.351. Polnisches Postsparkassenkonto (Warschau) 190.227. Deutsches Postscheckkonto (Perlin) 103.722. Slnmänien (Tzernowitz): Allgemeine Depositenbank, Filiale Czernowitz. Jugoslawien: Postsvarkasienkonto (Agram) 40.088 Italien: Seoleta Italiana di Oredlto commerolai«, Triest Via M&zzlni 30. Die Verwaltung der „Wiener Morgenzeitnng" Wien. U., Taborstrahe 1-3. Telephone 43.3-19, 44.0-38. Erklärungeu des Ministerpräsident«« Trijkovic. Belgrad» 30. Oktober. (Preßbureau Belgrad.) In der gestrigen Sitzung der Nationalversammlung gab der Vertreter des Ministerpräsidenten Triskovia eine Regierungserklärung ab, die in folgendem gipfelt: Wir können ruhig die weitere Entwicklung der Dinge abwarten. Wir werden versuchen, die ungarische Frage friedlich zu löien. Falls es jedoch notwendig seist sollte, äußerste Mittel zu gebrauchen, werden wir das tun. Die Vertreter aller Parteien billigten die Haltung der Regierung einstimmig. Verlängerung des Standrechtes ln der Slowake!. P r e tz b u r g, 29. Oktober. (Tschechoslowakisches Preßbureau) Durch Verordnung vom Juli 1920 ist in einigen Kreisen der Slowakei das S andrecht verkündet worden, das nicht widerrufen wurde. Am die öffentliche Ordnung zu sichern, wird das Standrecht neuerlich erklärt und auf die ganze Slowakei erstreckt. Gleichzeitig werden die Schwurgerichte zeitweilig .außer Tätigkeit gesetzt. gehört. Eine Indisposition schien sie an der vollen Entfaltung ihres reichen Könnens zu hindern und so vermochte man weit mehr des poetischen Vortrages und der reizvollen Mimik als der verschleierten Stimme froh zu werden. — Einen recht befriedigenden .Verlauf nahm der Liederabend Lama Cum ln o. Daß sie Brahms-Lieder in italienischer Sprache sang, bedeutet wohl ein Kuriosum im Wiener Konzerdsaal; dafür offenbarte sie in altitalienischen Gesängen eine schöne, dunkle, feintimbrierte, in Höhe und Tiefe gleichmäßig weichklingende Stimme von guter italienischer Schulung. — Nettes Material mit hübscher Tiefe besitzt auch Frau Melitta Bauer-Amerling. Nur schade, daß sie immer gleichmäßig kalt bleibt und so auch ihre Zuhörer nicht zu erwärmen vermag. — Einen modernen Liederabend gab Hanna Pleß und erfreute trotz bedenklicher Schwankungen in der Intonation durch ihre freundliche, helle Stimme und ihren intelligenten Vortrag. — Herr Misthn Bell, dessen Baßbrritonstimme sich vorwiegend auf Rezitation und Mezzavoce stützt, könnte von der Sprechbühne Herkommen. Darauf beutet die übergroße Freiheit des Vortrages, die geringe Mattheit des Klanges und die diskret sein sollende Mimik, die mitunter durch allzustarkes Hervortreten die Duftlgkett der kleinen Schumann-Liedchen gefährdete. — Auch; Herr Ammi Seltner verleugnet nicht den Bühnenkünstler. Sein geschmeidiger, weicher Bariton hat wohl in der Höhe frühzeitige Grenzen, aber auch die Kraft, durch scharfe Charakterisierung und Mannigfaltigkeit de« Ausdrucks dem Inhalt eine- Liedes gerecht zu werben. Dr. Alexander Borowfky, der an seinem ersten Klavierabend vor halbl-erem Saal« spielte, wird zweifellos auch in W en bald stärkeren Anklang finden; denn setu Spiel weist die Pianistik auf neue Probleme und Entwicklungsmöglichkeiten. In kleinen Stücken n-ruer russischer Tonsetzer weih er die reichsten Farben auö dem leblosen Klavier herauS- * zuzauber», sine ungewöhnlich hoho Technik und' tveitestgehandv Unabhängigkeit der ^einzelnen Finger lassen ihm di« schwierigsten Passagen leicht werden und in dem bunten Wechsel von wilder Kraft und. zartestem Traumspiel ist er ein echter Horthys „Sieg" über Karl. Nakovszkys Schuld. — Die tzorthy-Vauditerr wolle» Karl und Zita ermorde». Ein Augenzeuge der Budapefter Vorgänge schreibt dem »Söttf*: »Eben hat Bethlen sein legrtimistischeS Bekenntnis in Fttnfkircheu zu Ende gesprochen, als schon die Nachricht von der Ankunft Karls eintraf. Der Ministerpräsident begab sich daraufhin sofort nach Budapest. Der Kriegsminister B e l i c S k a wollte nichts geaen Karl unternehmen. Oberstleutnant Kurz, den die Regierung mit der Aufhaltung des kömglülen Zuges betraut hatte, ging sofort zu Karl über. Bethlen hielt seine Sache für verloren und legte sich mit kalten Umschlägen nieder. Da kam die Rettung mit GömböS. ^Schweinerei, so zu erschrecken!" schrie er den Ministerpräsidenten an. »Man muß den König gefangen« ehmen.^ »Es gibt keinen Soldaten, um gegen den König zu marschieren," anwortete Betblen. / »Ich schieße!" sagte GömböS. Er ließ sich sofort zum Regierungskommissar ev nennen. Es gelang ihm, eine Anzahl von Universitätshörern mit zwei Kanonen zusammenzutrommeln, worauf daS »Heer" die elektrische Bahn bestieg. - »Bitte zur Schlacht einzusteigenk" riefen die Schaffner. Als die hundertzwanzig Menschen und die zwei Kanonen in TotiS anlangten, fuhr der Zug mit dem Ofztenburg-Detachement entgegen. Oberstleutnant T o r k o s, der Freund von Gömbös, befahl zu schießen. Einige Universitätshörer blieben tot liegen. Wenn Karl diesen Augenblick ausnützt, so gelingt eS ihm, ohne Widerstand nach Budapest zu kommen. Doch R a k o v s z k y hat im Rausch seines ersten Triumphes lange Telephongespräche mit dem Budapefter Kabinett gepflogen und beschloß, bis Sonntag früh nichts mehr zu unternehmen. Diese Zeit wurde von Gömbös dazu benützt, um 10.600 Gewehre cm die Erwachenden Ungarn auszuteilen, wodurch sich die Situation für Horthy entschied. Karl hatte die Schlacht selbst nicht mitgemacht, sondern ließ auf der offenen Bahnstrecke eine Mess e l e s e n. Nur als die Verwundeten- und die TotentranSporte begannen, ließ er sich mit feiner Frau auf das Schlachtfeld bringen, um sich seinen vermeintlichen Sieg an Ort und Stelle anzusehen. Die Nacht verbrachte er im vollen SiegeSgfsühl in seinem Extrazug. Die H e j j a s - B a n d e n aus Oedenburg, die nichts von GömböS wußten, da. der Telephonverkehr gestört war, halten sich aus einfacher Notwehr zum Widerstand aufgemacht, da jedes Regime, daS ein Gesetz hat, diese Leute an die Wand stellen müßte. Das Budapefter Heer des Gömbös und das Oedenburger von HeijaS umzingelten die königliche Armee und so wurde der Sieg für Horthy errungen. Wie verzweifelt die HejjaS-Leute um ihre Existenz kämpfen, beweist der Fall deS berüchtigten Franczia- K i f S. Dieser Massenmörder machte sich mit sechzig Spießgesellen auf, um dar Schloß Totis zu erstürmen und das Königspaar zu ermorden. Die zur Wache bestellte Mannschaft schlug eine förmliche Schlacht, um den Mordplan zu vereiteln. Die Schlacht um Karl kostete zehn Tote, die am Sonnabend als Tote der Nation feierlich begraben wurden. Minister Sz ab o, ein Anhänger der freien Königswahl, war während des Vormarsches der Karlisten in Die serbische Gesandtschaft geflüchtet und ließ sich dann auf einen französischen Monitor bringen. Da nun die Gefahr Sohn von Mütterchen Rußland. — Auch der Cellist Professor E. Belousoff entwickelte auf seinem Instrument eine ganz ausgezeichnete Technik, sein Ton ist weich und mobulationsfähig, und so darf man dem Zusammenspiel'dieser beiden Künstler an ihr.m Sonatenabend mit Interesse entgegenfthn. Airs lauterster. Begeisterung und mit künstlerischem Gc-- lingen spielten Angela K e s s i s s o g l u, der freite Famulus Marxscher Klaviermusik, und der bisher in Wien unbekannte hochbegabte Geiger Karl Baltz Marx' A-Dur-Sonate. Wo Marx hinhorcht, erblühe« Blumen auf seinem Wege und so klingt eS auch frühlingsmäßig durch die A-Dur-Sonate dieses Romantikers. — Einen Sonatenabend gab auch die Genfer Pianistin Mareelle Cheribjian-Charrey sin Vereine mit dem Geiger Professor Robert Pollak. Er hält nicht gern mit seinem Temperament zurück, kämpft und siegt mit seinem etwas loSgeherifchen Geigengesang, die Pianistin hingegen weiß mit Disziplin ihre musikalische Kraft und auch dl« deS stets erregten Geigers zu zügeln. Der Geigenabeud May« Waller brachte trotz d-rr. großen Reklame, >mit her er angekündigt worden war, keine Enttäuschung. In seinem üliernationalen Programm bot er Pizzettts A-Dur-Gonate und Tor. A llins Drittes Konzert und fesselte durch musikalisches Spiel und angenehmen Vor-, frag. — Voll Leidenschaftlichkeit spielte Beatrice Harrison Elgars'Cellokonzert, in dem sich ihr warmer Cellogesang naci, Herzenslust <8rsl«öen konnte. I« BrahmS' Konzert für Violine und Cello vereinigte sich ihr wohliger Celloton mit dem männlich härteren Geigenspiel ihrer Schwester May in geschwisterlicher Eintracht, die durch daS begleitende Symphonirorchester unter Anton-Konrath mitunter getrübt wurde. Mandolinen, Lauten mid Gitarren dringen iinmer häufiger in die Konzertsäle ein, in die sie nach Konstrttkii>on, Vergangen htti und BerwendmigSmöglichkeit nie und nimmer gehören. DaS Publikum ist anderer Meinung. Die Konzerte. in denen gezupft wirb, sind ineist anSverkauft und DenurtriuS C. Douniö und Heinrich Albert wurden wie ihrs Vorgcknger im Saitenfpiel kür ihre Virtuosität mit stürmifchenr' Beifall bedankt. Dr. Erwin Felder.

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