Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 988 (29.10.1921)
- Date
- 1921-10-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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M7VSS Wrear. Samstag WleNer Msr-e»-ett»ng 29. Oktober 1921 Seite S> Die Keine Entente gegen" Aufregung in Budapest. Dt< hvrthhfreimdMM 'Wiener Blatter schließen sich' der Ansicht der horthyfreundlichen Entente an, daß die Königsfrage und alle mit ihr zusammenh an gerinn Fragen eine innere Angelegenheit Ungarns seien, und nehmen unler diesem Gesichtspunkt gegen die Maßnahmen der Staaten der kleinen Entente Stellung. Es wird auch die patriotische Trommel gerührt und davon gesprochen, daß hie, Sudetendeutschen für hie tschechische Republik in dM Krieg ziehen müßten. Dabei wird geflissentlich vergessen, wie im magyarischen Staat noch zu den Zeilen der Monarchie hie Deutschen behandelt wurden, die trotz ihrer Regierungsfreundlichkeit genau so wie Slowaken und; Serben als minderwertig galten. Gewissenlos aber handelt der Doktor Niehl, der im „Deutschen DvlksblatL" die Frage stellt „Staatstreue gegenüber der Tschecho-Slowalei?" In dem Augenblick, wo in der Nachbarrepublik die Mobil-, machung plakatiert wird und sich alles "in gesteigerter Erregung besindet, schreibt dieser Staatsmann: „Ehrlos und voMvergesM ist derjenige Deutsche, der im Falle eines Krieges der Tschecho-Slowalei gegen einen andern Staat nicht dasselbe tut, was die tschechischen Legionäre während des Weltkrieges getan haben. Gerade dieser Staat hat in keinem Falle eine andere Behandlung zu erwarten. Erstens wegen des Beispiels im Weltkrieg, vor allem aber auch rein theoretisch genommen deshalb, mit es leine einzige deutsche Partei im tschechischen Staate gibt, die die,en Staat offiziell anerkannt hätte, während das bei den Tschechen in ifrühepsn. Iahrzchrrlen gegenüber Oesterreich sehr wohl der Ml war." Ist «s diesem Manne klar. mlcheK Unglück er anrüh en kann? Usber die NerttrulitLt HeftevreichS gab in her gestrigen Pressekonferenz Hoftür Ludwig die folgende Erklärung ab: „Es gibt für Oefierrichl nur eine Stellungahme. die der unbedingten Neutralität, und es muß alles angewendet werden, baß unser Gebiet unberührt bleibt und auch die Auswirkungen eines K"i?ges in dieser Beziehung möglichst abgeschwächt werden. In diesem.Sinne hat die österreichische Regierung die notwendigen Schritts bei den in Betracht kommenden Stellen unternommen." 7; In der Haltung ter kleinen Entente gegen Ungarn ist keine Aenderung emgeive^n. Die jugoslawische Regierung, bis ihre Politik hmte vor ter Nationalersmnmlung vertreten wird, tritt als d«r führend« Staat in her kleinen Entenje auf und hat lediglich in einen kurzen Aufschub der Ileberreichung des Ultimatums gewilligt. Die große Entente hat in Budapest dahin interveniert, Ungarn möge durch rasche Wrüstung freiwillig den Forderungen Prags und Belgrads zuvorkommen. Sie hat, wie gemerkt, erklärt, daß es ihr ''«onst unmöglich wäre, den Schritt der Nachbarstaaten zu verhindern. » Zu Budapest herrscht Aufregung. Alle politischen Kreise sind nervösder Mnisterrgt . tagt in Permanenz. Im „Äz Ujsag" erklärt ein Führer der chrtstlichnatiorralen Partei: „Immer häufiger treffen Ultimaten ein. Einmal tritt die große Griente, einmal die kleine Entente mit neuen Forderungen gegenüber Ungarn auf. Bon Tag zu Tag wird uns diktiert, als ob Ungarn aus der Miho der unabhängigen Staaten, bereits gelöscht wäre. Wir vertrauen darauf, daß die große Entente diesem kata-' strvpHalen Pro'.eß Einhalt gebieten werde. Wir haben den ersten Schritt mit Freuden zur Kenntnis genommen, als die große Enlente unsere Nachbarn zur Mäßigung mahnte, und wir erwarten zuversichtlich auch den zweiten Schritt, mit welchem die Großmächte Ihrem Willen auch Geltung verschaffen werden. Es ist Pflicht der Negierung, ihren Protest, gegen alle Versuche zu erheben, welche eine Beeinflussung der inneren Politik Ungarns vom Ausland her zum ^Zield haben. Wir wissen sehr wohl, worauf die kleine Entente abzielt. Die Königsfrage bietet jedoch keinen genügenden Rechtstitel dazu, daß alle unsere Feinde auf der erniedrigten ungarischen Nation mit Füßen herumtreten." Auch in der Partei her kleinen Landwirte herrscht große Bestürzung wegen des äußeren Druckes, den die kleine Entente auf Ungarn ausüben will. ES werden immer mehr Stimmen laut, die verlangen, daß di« Natiynaloeesammlung ehestens «inberusen werde, damit sie zu den außenpoliAschen Ereignissen dar Letzter! Tage Stellung nehmen könne. Jnr „Magyar Orfzag" faßt bas Mitglied der Partei der kleinen Landwirte, Abgeordneter Julius Berki, die politisch« Situation in Ungarn anläßlich des Kvrl-Putfches wie folgt zusammen: Wer in den letzten Tagen dt« Augen offen hatte, kvnute sehen, paß das Land von Putschisten stark untertvühlt ist. Das Land war in zwei Lager geteilt: Auf der einen Seile standen diejenigen, welche mit UnMUld den Erfolg des Puisches erwarteten, .Hierzu gehörten die hohe Aristokratie, die hoho Geistlichkeit, ein ansehnlicher Teil der rsichen Juden, sehr viele führende ftitgli^er der staatlichen BurSaukratie und der Armee. m anderen Lager befanden sich als Gegner des Putsches die ungarische Tvrfbejyyhnerschast, das städtische Bürgertum, die aus diesem hervorgegangene, vorausblickende bürgerliche Intelligenz, eine kleine Zahl kluger Mitglilcher der historischen Klassen sowie die «nabhäniüg fühlenden ungarischen Inden. Diese Kräfteverteilung bürste schon vom Gesichtspunkt der Schaffung der einheitliche» inneren politischen Front nicht nullifiziert werden. Abgeordneter Berki spricht für die Vereinigung aller jener, welche eine LinlMltzhe aMr-demvkra'.ische Partei auf sozialer Grundlage wünschen^ in einer Landespartei. Die Verhöre mit den verhafteten Ratgebern -Ides Exkönigs haben bereits begonnen. Rakovszkh erklärte HM Untersuchungsrichter: „Ich bin niemandem Rechenschaft, schuldig!" Oberst Lehar wurde in Westungarn verhaftet. Karl und Zita besiMn sich noch immer unter scharfer Dtovachung in her Abtei Tihany. Der „Petit Parisien" meldet, daß der endgültige Aufenthaltsort drs Exkaisers Karl möglicherweise Madeira sein werde. Der Beschluß der- Botschaft^rbonftrenz richte sich nicht gegen die Exkönigin, die dem Abenteuer wahrscheinlich fernstehe, hoch sei es wahrscheinlich, daß sie ihrem Gemahl ins EM folgen werde. Lloyd George ‘teitbs im englischen Unterhaus mit, baß die Alliierten über die Frage beraten, an welchem Orte Karl endgültig untergebracht werden soll. Die Budapester Blatter enthalten ein« Mngs von Einzelheiten über die Ankunft des Exkönigs in Tihantz. Demnach ist dvrt eine uns 150 Mann bdsteheubiL Wache eingetroffen. In den umliegenden Ortschaften ist ein größeres Militäraufgebot konzentriert. Der Exkönig und sein« Frau sowie auch Graf Esterhazy sinh in den Appartements des Abtes Halb ig einquartiert, während Graf Julius Andrafsy, Dr. Gustav Gratz und Stephau Rakovszky in einer Villa untergebracht wurden, bevor man sie «ach Budapest führte Die beiden BevollmZchttgten her ungarischen Rirgierung, Graf Emmerich Csafy und Kolomon Kanya, die Mittwoch nachmittags in Tihany vintrafe», um den König zur freiwilligen VerzichMistung ans den Thron zu Lswsgen, wohnen i« einem Salonwagen am Bahnhof. Die Umgebung Ä-es Klosters ist auf das strengste ab ge sperrt. Niemand darf das Gebiet betreten. . Enörnteofffzieve kommen fortwährend im Auto, um sich vyn der Unterbringung des Exkönigspaares zu überzeugen und ihren Regierungen Bericht zu erstatten. Der Berichterstatter des „Pesti Hirlap", birr hei der Ankunft des KönigspaareS anwesend war, berichtete seinem Blatte: Der König trug einen kurzen Pekzrock, darunter seine Uniform. Man konnte keine Spur von Niedergeschlagenheit an den Gesichtern des Könitzspaares merken Wie „Szozat" berichtet, wollte beim Verlassen des Zuges ein KinovP«rate ur den König filmen. Doch der König verließ den Wagen nicht, bis der Kinovperateur entfernt wurde. Exkönig K»rl «eißrrt sich, kie Der- ' zichts»rk««ke z» »«terschretben. Budapest. 28. Oktober. (Privat.) Seit gestern bemühen sich die Vertreter Horchys in Tihany, Exkönig Karl zu bewegen, die Derzichtsurkunde zu unterferttgen. Der Exkönig wird durch seine Gemahlin in seinem Widerstand bestärkt und Fürstprimas Csernoch wurde von Horthy nach Tihany gesandt, um seinen Einfluß aus die Königin Zita geltend zu machen. Budapest, 28. Oktober. Wie das Ungarische Telegraphen-Korrespondenzbureau erfährt, ist Fürstprimär Cfernochim Aufträge der Regierung «ach Tihany gereift, um. 'wie verlautet, de« Exkönig « m jeden Preis zum Verzicht auf den Thron im Rahmen der Verfassungsmätzigteit zu bewegen. Die Nachricht, daß der König auf einem e«glisch-n Monitor an die untere Donau gebracht «erden wird, um dort die Entscheidung über sein weiteres Schicksal abznwarten, wird an unterrichteter Stelle bestätigt.' Die Gelkschwierißkeite» de» Exkö«itz». Geuse,28. Oktober. Das „Journal de Genäve" teilt mit. daß der Hvfhalt von Hertenstei» i« der Hauptsache mit dem Gelbe bestritten wurde, das die Banken auf die bei ihnen hinterlegten Juwelen geliehen haben. Aus diese Weise seien den Bewohnern von Hertenstein beträchtliche Kredite eingeraumt worden. Die finanzielle Lage sei eine sehr verwickelte und werde vermutlich bis Ende Oktober, bekanntlich! der Frist, die der Dundesrat für die Abreise des Gefolges fepfetzte, nicht bereinigt werde» können. Verf»gn«gen der Schweizer Regiewsg. Bem, 88. Oktober. (Tel.-Komp.) Der Bundesrat hat bezüglich des politischen Personals des Exkönigs beschlossen, baß dasselbe die Schweiz bis Ende dieses Monats zu verlassen habe. Erzherzog Max, der jüngere Bruder des Kaisers, der sich seit einigen Monaten in München aufhält und während der kritische» Tage in der Schweiz geweilt haben soll, darf über Beschluß des Bündesrates Schweizer Boden nicht' mehr betreten. Was das Schicksal der Kinder des Erkaiserpaaves anbetrifft, hat der Bunbesvat grundsätzlich deren Uebersiedlung ins Ausland in Aussicht genommen,. hingegen bezüglich des hiefür bestimmten Dermins noch keine definitive Verfügung getroffen. Zur Hütung der Kinder soll in Herten stein — da auch die Königin-Mutter Erzherzogin Maria Josefa die Schweiz verlassen muß entweder die Sttefgroßnmtter des i Königs, Erzherzogin Maria Theresia, oder die Schwester Exkönig Karls, Erzherzogin Maria Annunziata, zurückbltebeu dürfen. Der«, 28. Oktober. Das Verbleiben des Gefolges des Exkaisers Karl über den im Auswersungsbeschluß vorgesehenen 31. Oktober ist trotz der Gesuchs der betreffenden Personen ausgeschlossen. Die Durchführung der schwierigen finanziellen Liquidation in Hertensten ist, wie die Schweizerische Depeschenagentur erfährt, nach Ansicht offizieller Kreise Sache der ungarischen Regierung. Das Gefolge Karls geht nach Luxemburg» Bern, 28. Oktober. Wie man vernimmt, besteht Aussicht, daß dev zum Gefolge des Exkaisers gehörenden, in Hertenstein befindlichen Herren L e d ochowsky und Schont« sowie Hauptmann Werk mann und Frau aus ihr Gesuch hin die Einreise nach Luxemburg unter Vorbehalt gestattet werde. Das UttimatAm in Budapest eingetroffen. Äudapest» 28. Oktober. (Privat.) Von ungari- ,er Seite wird die Meldung verbreitet, daß das Ultimatum der kleinen Entente bei den Budapester Vertretern der kleinen Entente bereits eingetroffe», aber über Weisung Paste' noch nicht überreicht wurde. 11 Ungarische Ban-e«a«griffe bei Kittsee. Preftburg, 28. Oktober. (Tschecho-slow. Preßburearr.) Bei Kittsee . und in der Nähe der Grenze bei Preßburg schoß eine magyarische Bande zweimal aus unsere Finanzwache. Verwundet wurde niemand. Die Bande ging sodann nach Kittsee. FinarrzMatznahme« der tschechische» Negierung. Prag, 28. Oktober. Der Finanzminister fjal mit b«n Leitungen -er hiesi-eu Banken Fühlung genommen vnd ihnen mitgeleilt, daß die Regierung zur Deckung der Mobilislerungskvsten kurzfristige Schatzes che in« ausgeben wich. Damit soll die Ausgabe ungedeckter Staatsnvten vermieden werden, auf die sich' die Regierung grundsätzlich! nicht oinlassen will. Der Pogrom der H»rthy-Le«te. Die Demolierung der Athenäum-Druckerei und de» AdinmistraLionszentrale des „Az Est", über welche wir bereits berichteten, stellt sich jetzt,' wie einwandfrei konstatiert wurde, als der Beginn einer Rsihe von Attionen dar, welche unmittelbar vorher in dem Hauptlokal der „Erwachenden Ungarn^ i» der Sörhaz-utca (Bierhausgasse) beschlossen wurden. Nach eingehender Beratung faßte der Generalstab die solgendien Beschlüsse: 1. Die regierungstreuen bewaffneten Truppen legen neuerlichj das Gelöbnis der Treue für Horthy ab. 2. Das intransigente christliche Ungarn ist wiederherzustellen und der Kampf bis aufs Messer ist von neuem mrfznnehinen gegen die neuerlich an die Oberfläche geratenen legitimistischen Juden und die mit ihnen verbündeten liberalen Politiker. 3. Der Verband der „Erwachenden Ungarn" entbietet Ivan HejjaS (der sich in dieser Sitzung durch seinen Adjutanten vertreten ließ) seinm patriotischen Gruß und gelobt, zusammen mit Prynat eine über das ganze Land sich erstreckende Aktion zur Unterstützung der christlichen Herrschaft in Transdanubien und im Donau-Theiß-Gebiet durch die Tat zu beginnen. Zur Führung bei den Budapester Ereignissen stM das ' Detachement Hejjas-Pronai fünfzi g Offiziere zur Verfügung. 4a Die Aktion hat noch in derselben Nacht tont der Demolierung destruktiven Blätter und der Börse sowtt« durch einen großzügigen Pogrom zu beginnen. Die erste Phase ist bereits erledigt. Nun zittern die übrig.rn Blätter vor Regenmäntel Broder Schiffmann H.,Ta!iorstrass8 48 TfttopbOB 47179 mt «En gros 6