Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 987 (28.10.1921)
- Date
- 1921-10-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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9tt. »87 /SEd WtHf (jlcuflg Srtraev «»«geUzvmnEA 28. ORWVer I9Z1 Pottttsche^Rundschau. Kurswechsel Itt Rußland? Nachdem Lenin vor einiger Zeit auf einem Idongreß indirekt das Fehlschlagen der Weltwirtschafts- »olitik Sowjetrußlands zugegeben und eine aEere Eindellung zum Bauernstand empfohlen hatte, treffen jetzt ms H e l s i n g f v r s.Nachrichten ein, die erkennen jassen, daß Sowjetrußland gewillt ist, auch auf polikischem Gebiet einen neuen Kurs einzuschlagen. Hach diesen Meldungen hat die Sowjetregierung beschlossen, alle im Gefängnis befindliche Menschewiken auf freien Fuß zu setzen, nachdem sie bereits Ämdgegeben hatte, mit de» Führern der anderen Arbeitsparbeien über eine eventuelle Koalition zu verhandeln. Der Sonderberichterstatter-des „Daily Expreß" berichtet ans Moskau, als Resultat des Umschwunges in der Politik der Sowjetregierung lasse sich heule seststellen, daß eine Besserung der Gesamtlage möglich' wäre, und daß man alles tun sollte, um Rußland zu ermöglichen, seinen Platz im internationalen Handelsverkehr wieder einzunehmen. In Moskau beginn« seit einigen Wochen der Verkehr, insbesondere der Warenaustausch, sich ersichtlich zu beheben. Wer vor zwei Monaten in Moskau war, würde heute das Stadtbild ganz wesentlich verändert finden. Mehrere hundert Kaufläden haben ihre Dore wieder geöffnet und machen bereits gute- Geschäfte, andere bereiten die Wiederaufnahme des Betriebes vor. Die jahrelang fast leeren öden Straßen, die mit ihren geschlossenen Läden einen unsagbar ne'ancho'Ischen Anblick bt'.tn, sind bereits wieder belebt. Sogar der Handel mit Luxusgegenständen setzt ein und heute gibt es bereits wieder Konditoreien, Kuchen, weißes Brot, olles freilich zu fast unerschwinglichen Preisen. M-M MMsj lll" . Die kleine Entente irr Bereitschaft. ''i4 Litauen »nd die Mische Ansmanhernns ans Rußland. Der P. Z." wird gemeldet: Der litauische Ministerrat befaßte sich in seiner Sitzung vom 3. d.M. mit dem Gesuch! der Exekutive der jüdischen Welthilfskonferenz wegen Gestattung der Durchreise durch Litauen an jüdische Emigranten, die aus Rußland Nach Amerika reisen und wegen Visierung ihrer Papiere. Der Ministerrat beschloß, den jüdischen TvanSmigrante» den Transit durch Litauen zu gestatten. Die Emigranten dürfen in Litauen drei Monate verbleiben, bis sie alle nötigen Formalitäten erledigen, untrr her Bedingung, baß die Exekutive der jüdischen Welthilsskonsevenz dafür bürge, baß die Emigrant« in Litauen nicht länger als drei Monate verbleiben, baß str genügend Mittel'für Unterhalt wahrend dieser drei Monate haben, damit sie nicht der Ortsbevölkerung zur Last fallen, und daß sie genügend Geld haben zur Deckung der weiteren. Reisrspeftn. Die Hilfszeutrale hat diese Bedingungen akzeptiert ulck» beabsichtigt, vorerst für jene Emigranten Bürgschaft zu übernehmen, die zu ihren Eltern, respektive Kindern nach Amerika gehen. In erster Reihe werben Emigranten in Betracht kommen, die nach Argentinien gehen. Die Exekutive der WelthilfskvnfereNz hat sich ' verpflichtet, für die TransmigranteN an einigen Orten in Litauen Baracken zu errichten. Die' bezüglichen technischen Bestimmungen für diese Transmigranten wird ein permanentes Komitee, bestehend aus dem Minister für jüdische . Angelegenheiten,, dem Innen- und J>«m Kriegsmiuister, seftlegen. Der Vertreter der Welthilfskonferenz, Doktor Hermann, begab sich am 5. Oktober nach Paris, um der Exekutive e^nen Bericht zu erstatten und an die Organisierung der Emigration zu schreiten. Es bleibt noch zu bemerken, daß die litauischen Behörden die russischen Pässe laut dem von der Exekutive der Welthilfskottferenz wrgelegten Verzeichnis, und aus dessen Verantlvortung hin visieren werben. Ergänzend dazu wird der „I. P. Z." ans Paris berichtet: Durch obige Vereinbarung, der in Zukunft große Bedeutung zuLnriitren dürfte, eröffnet sich die erste Möglichkeit für eine legale Auswanderung aus Sowjetrußland. Die endgültige Abmachung, beziehungsweise die näheren Details werden zwischen dem eingesetzten interministeriellen Komitee und der Exekutive der jüdischen Welthi.'fökonserenz Ende Oktober getroffen werden. Für die notwendigen Arbeiten sind 60.000 Dollar vonnöten, die die jüdischen Hilfs- und Eini^ grationsorganisationeN aufzubringen haben werben. Verpflichtungen find vorderhand eingegangen die „Hias" (Amerikanisch-jÜdischeS Hilfskomitee für Einwanderer) und die Exekutive der Welthilfskonferenz, die es auch auf sich genommen hat, mit einem Aufruf die zahlreichen jüdischen Hilfsyrganisattönen daran zu interessieren. Es sollen noch weitere Verhandlungen geführt werden,.Um die Kategorien der Emigranten, denen die Sowjetregierupg die Ausreise. gestattet, zn erweitern, .so auch unter anderem auf PersoNe», deren Verwandt« in Amerika zwar noch nicht naturalisiert sind? aber bereits die „ersten Mpievr^ erhalten haben. Amerikamischer Kredit für Ptzle«. Warschau, 25. Oktober. (Tel.-Komp.) Die Regierung der Bereinigten Staaten hat ihre Einwilligung zur Erteilung eine« Kredit« für Polen in der Höhe von 6 MMorrrtt Bjttud Sterling omfeto» as Ul Limatum der kleinen Ententd au Ungarn ist mit 48 Stunden befristet und läuft heut« ab. Nach Informationen, die wir von jugoslawischer Seite erhalten, steht die Belgrader Regierung fest auf dem Standpunkt,, daß die ungarische Frage jetzt unbedingt gelöst werden müsse und daß dis Staaten der-kleinen Entente die Art der Lösung überwachen Müssen. In Prag und in Belgvad betrachtet man bas Ab kommen von Venedig für erledigt, zumal dis vor Budapest versprengte Armes des Exkönigs, . verstärkt durch Truppen der Regierung, sich' wieder im Burgenland sammelt. An Stell« des verhafteten Osztenburg Hab« jetzt Hejjas das Äonu'.miwo überiwmmen und aas fv-che Spiel mit dem interalliierten Kontingent, das aus. Magyaren besteht» soll wieder begonnen werden. Alan hat in Belgrad das vollste Einverständnis mit der Tscheche-Slowakei und Rumänien hergestellt. Diese drei Staaten fordern gemeinsam: 1. Die gesetzliche Absetzung der HäbZblrrger- Dynastie durch die Nationalversammlung. 2 Abrüstttng der Armee und Verringerung von 170.000 Mann auf 30.000 gemäß dem Vertrag von Trianon. 3. Bollen Ersatz der Mobill sie r'ungsSosten. 4. Vollständige und genaue Durchführung des Vertrages von Trianon. 5. Ausweisung aller jener Angehörigen - der Staaten der kleinen Entente, welche gegen ihre Heimat inspiriert haben. 1 6. Bestrafung aller Mithelfer an dein Putsch.! Die jugvila mW Regie ung fordert auße o«rn die Durchführung aller Verträge auf Lieferrwg von Kohle« ans den Bergwerken von FÜnfkicWsn, die am 22. August loyal an Ungarn Übergeben wurden. Ungarn hat diese Verträge nicht nur nicht eingehalten, sondern auch alle Mgenzen unbeantwortet gelassen. Ferner verlangen Jugoslawien und die Tsctz'chV-Slowalvi Garantien für die Errichtung einer MegisrirNg in Ungarn, d«r sie vertrauen können. Es ist Win Zufall, baß dieses UMmütum in Belgrad zustande ge^nnmett ist, wo man sich jetzt an bas von den Magyaren Berchtolo und Esterhazy redigierte Ultimakrmi. vom Juli 1014. erinnert. SÄW die Ungarische Regtrieüng die Bedingungen nicht an nehmen oder eine Verschleppungstaktik versuchen, so wird heule der Befehl zum Cmmorfch au drei Stellen erteilt werden. Die Großmacht« fittb in fiebttfmji&c Tätigkeit, um Ungarn zu retten. Es scheint, daß zwischen Hvrthy und den Kabinetten von Rom und Parisfest« Mnmch ungen bestehen, die der Horthy-Mgierun-g nach Kern Scheitern des Habsburger - Putsches hie Fortexistenz verbürgen. Bis zur Stunde find die Bemühungen Italiens und Frnnweichs und die Anstrengungen de) englischen Obe-rkommissärs Hohler, eines intimen Freundes HMthyS, ohne' Ergebnis geblieben. Der österreichische Geschäftsträger in Prag, Doktor M a re x, hat gestern von der tschechischen Regierung! die Versicherung erhallen, daß'fie! die NerttralitKL OsfLesreichs respektieren wird.' In dies« Mukralität lvird auch das s Bnrgeuland einbezogen, das von' der Tschecho-Slowalei als österreichisches Gebiet angesehen wich. Natürlich muß ültch Oesterreich vollste Neutralität wahre« und alles unterlassen, was ihm das Hereinschlagen des Konflikts bringen könnte. Unbedingt notwendig wäre es aber auch, baß di« Entent» dem schändlichen Treiben der Hejjas-Banden in dem unglücklichen Bnrgenlanb ein Ende macht. Der Exkönig ist mit seiner Krau bereits Im Kloster Llhany eing^troffeii. Er wird von einem englischen Dvnairrnonitor überivommen und vbtransportiert werben. Der endgültige Verbannungsort ist noch nicht bestimmt, doch heißt es, baß er nach Ascension gebracht werden wirb. Sein Haushalt in Hertenflein wird aufgelöst, doch' sollen die Kinder vorläufig in der Schweiz verbleiben. Das Gefolge des Exkönigs ist ausgewiesen worden und hat mit Ende Oktvler die.Schweiz zu verlassen. Mber die Flugreise wird bekannt, baß Karl» der unter setze schlechte« V-vhLrtMe» in ' der Schweiz lebt«, einfach auf eine Botschaft O sj Lenbu r g s die Reift nach Ungarn angetreten hat. Dieser ließ ihm sage«, Anbrassfy, Gratz und Rakovszky seien <; eneizt, die Kabinett bildung zu übernehmen. Ohne Wäsch« und Reiseefsekten find Karl und Zita in Ungarn eingxtroffen, und man mußte alles autzbvrgen, um sie bei der Internierung halbwegS uvenscheuwürdig unterzubringen. Für einen albsn Roten- Kreuz-Wagen zweiter Klasse wurde» zwei. Goldatenpässo ausgtzstellt und MrL uu^ Zita so untergebrächt. Aus der Reise nach Tihanh würbe» sie vvnRakovszky. Mtzoch. vom EM^arMrieoffrziereu bewacht waren. In StUhlweißekbürg verließen sie auf einige Minubm den Zug und mar» konnte auf den Gesichtern Karls und Zitas deutlich die vusgestandeueü Leiden der letzten Dag« sehen. Der Bahnhof war streng abgefperrt. Ueber die samstägige Eidesleistung der Raa ber Garnison werben nachstehende Einzelheiten mitgeteitt: Der Zug des Königs traf Samstag um 11 Uhr vormittags in Raab ein. Auf eine Aufforderung des Obersten Lehar leisteten die Offiziere der Garnison den Äd auf König Karl. Inzwischen kam die Nachricht über die Demarche der Entente, die General Lö r i n e z y dem, Grafen Andrassy überreichte, der si>r lächelnd dem König übergab. Der König lächelte ebenfalls und erledigte die Demarche Mit einer Handbeweguug. Oberst Lehar ließ den Kommandanten des Raabeb. Regiments, der sich geweigert hatte, am Bahnhof zu erschein«», von zwei Gendarmen nach dem Bahnhof geleiLen, erklärte ihn des Kommandos, verlustig und nahm ihn als Gefangenen mit. Nachdem der König weiiergefahren war Lmd die Offiziere der Raaber Garnison den Armeebefehl des' Reichs Verwesers erfahren hattm, erklärten sie, baß sie irregeführt worden seien, und forderten tfji# Entbindung vom Eid. Sie stellten sich der Regierung zur Drrfügiun^. Der Generalstabschef von Raab benachrichtigte die Garnisonen von Steinamanger und Komorn, damit die nötigen Maßnahmen gdtrofftn werden könnten. Aus Budapest lagen keine Nachrichten von besonderem Gewicht vor. Die Verhandlungen wegen der Uebevgabe des Königspaares an die Entente dauern an; sie habe« bisher noch kein greifbares Ergebnis gehabt. Sektionschef Kania, der ehemalige Leiter des PreßdePartements auf dem Bällplatz, ist in Tihany, um Karl das Abdankungsprotokoll unterschreiben zw Lassen. Dw Landwirtepartei fordert die schärfste Verurteilung der Urheber des Putsches. Die christliche Partei will Appvnyi zu ihrem Führer machen. Die Partei der kteintzN.Land wirte Hai einen Beschluß gefaßt, worin fye be«t Reichsverweser ihre Huldigung und der Regierung sowie alben an der Niederwerfung des Putsches beteiligten Faktoren ihren Dank ausdrückt.' Sie fordert weiter die Bestrafung der Urheber des' AufskändvS. Dw verhafteten Ratgeber des Exkönigs ivorde» »ach dem Standrecht wegen Hochverrats abgeurteill werden. Der Staatsanwalt ün Tisza-Prozeß, Dr. Szilafs h, führt die Untersuchung. ’ 1 GMSrrrg KsrL wird a«f ein englisches? Kanonenboot gebracht. H>«rvLS. 27. Oktober. (Havas.) Die Botschaft Konferenz hat in einer heute vormittags abgehaltene» Sitzung die Einschiffung Exkönig Karls auf einem vor Budapest ankernden englischen Kanonenboot beschloffen, wo er die Entscheidung der Mächte bezüglich des Ortes seiner Intemierung abwarten soW Paris. 27. Oktober. (Havas.) Das Kanonenboot auf das Exkönig Karl gebracht «erden soll, wird die weitere» Entscheidungen in Galatz abwarten. G«te«te-Kavaliere in Tihany. Vndap.eft, 27. Oktober. (Privat.) In Tihmy! ist je ein englischer» italienischer «nd sranzösischerr Stabsoffizier eingettoffen, um daselbst bis zur Abreistl rkaiser des Exkaisers und feiner Gemahlin zü verbleiben.1 Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß Me| Ententroffi-iere den Aufenthalt des ehemaligen Kaisers paare». zu überwachen haben, bis es »ach Galatzi gebracht wird. k Die (SHtcwtc fordert de« Lhro«verztcht «nd die Ausweisung. Budaprst-, il. Oktober. (Ung. Tel >Korr.^Nlr.) DI»^ hiesigen Ententevvrtreter habeir dem Minister des Aeußern folgend« Note der Bvtfchafterkvnferenz Überreicht; Die alliierten Mächte konben die Aufmerksamkeit der ungarischen Regierung auf den Beschluß, der Bot-- schaftetkonferenz vom 2. April. (Dies ist der nach , den Osterercignissen gefaßte Beschluß, wonach die Großmächte die Rückkehr Karls auf den ungarischen Thww weder gestatten noch dulden. Anmerkung des Unga-, rischen Tel.-5korr.-Bnt.) Die Alliierten stellen fest, daß dex gewesene Herrscher an der Zurückforderung eines- Thrones ftsthält, auf dem 'seine Anweftnheit die schlimmsten Folgen für den Friedvw Mitteleuropas bedeutete. Aus diesem Grunde, sofern die Mächte die Ungarische Rrgierüng auf,t ersterrs den THronverlust des Exkönigs un-! verzüglich zu proklamieren und zweiMs diie^ Person ötzs Exkönigs, der den ungarischen Boden unter; Bedingungen, bis von den alliierten Möchten festgestelltz werdenrertajfen muß, in Sicherheit zubrin gen. Di- Mächte legen Gewicht darauf schon jetzt zu erkliiren, daß die Regierung den B»e- - ■£äi^!L 4. 04