Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 987 (28.10.1921)
- Date
- 1921-10-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Cette t tötet, Freitag Wie«ev MsrHenzeit»«« 28. Oktober rsrr Mt. V8V einer Erhöhung der Tarife und noch als Dekorationsmittel «it einig« Steuern getan werden kann. Das ist ein Irrtum. Man stellt es jetzt ganz mit Unrecht so hin, als ob «um die LeLensmittelzu schösse nicht anders abbauen könnte, als -aß man die Lebensmittelbewirtschastrrng selbst aufheht und damit Len freien Handel restlos wieder herstellt. In den Plänen, die da ausgearbeitet rverden und die unter dem Schlagwort: Abbau der Lebensmittelzuschüsse! gehen, in Wirklichkeit aber viel mehr bedeuten, ist sogar die Rede v o n der völlige« Abschaffung der Äationiernng des Brotes und Mehles. Ich bin durchaus nicht -er Meinung, daß die Brot-, karte für alle Zeiten bleiben muß. Aber man muß sich doch bewußt fein, in welchen Zeiten wir leben. Wir wisse« nicht einmal, ob nicht morgen ein Krieg vor unser« Toren ist. Wir wissen, daß wir die ersten sind, die nichts zmn Essen und keine Kohle zum Herzen haben werden, wenn irgendetwas in Europa geschieht. Wir sind durchaus nicht prinzipielle Gegner Iw# Allbaues der staatlichen Lebensmittelzuschnsse. Wir erkennen das als notwendig und als unvermeidlich an, so hart daS sein wird. Wir wenden uns aber dagegen, daß man Abbau der Lebensmittelzuschüsse gleichsetzt mit Abbau der LebenSinittelbewirtschaftung. Wir haben von allem Anfang an gesagt, daß mit uns Wer den Abbau der Lebensmitislzuschüsse nur dann zu rede« ist, wenn er mit sozialpolitischen Einrichtungen verbunden ist, die hinreich nde Bürgschaft dasitr geben, daß der Reallohn der Arbeiter, A -gestellten und Beamten kern« Kürzung erfährt. Anders ist mit unS über den Abbau der Lebensmittelzuschüsse nicht zu reden. In dieser Sache werden Sie über uns nicht hinweggehen und uns nicht rnajorifieren können. » Der Abbau der Lebensmittelzuschüsfe ist nicht "das einzige Problem uns.rer StaatSwirtsch.'ft. Es ist nur lösbar in Verbindung mit sozialpolitischen Einrichtungen unter ganz bestimmten wirtschaftlichen Dorauss.'tzungen und nur, ) wenn man dem Volke die Notwendigkeit dieses Opfers dadurch begreiflich macht, baß dieses Opfer für die Rettung der Republik notwendig ser und deswegen als bringbar erscheine, weil auch diejenigen, die schwere Opfer bringen können, zu noch viel schwereren Opfern verhalten werden. Zinanzminister Dr. Gürtler: Rusen Sie gegen d'.e von mir beabsichtigten Maßnahmen kein. Mißtrauen hervor, bevor Sie sie nicht ganz genau kennen, sondern warten Sie mit Ihrem Urteile, bis sie exakt ausgearbeitet Vorlieben. Dann werden Sie rn der Lage sein, Ihre Stellung dazu , zu beziehen, die Ihnen zweckmäßig erscheinenden Anträge zu stellen und auf die Schaffung des Ganzen den Ihn« gebührenden Einfluß zu nehmen. Dann wird es unserem gemeinsamen Wirken hoffentlich gelingen, etwas zu schasten, was der gesamte« Bevölkerung zum Wohle und zum yeile gereicht. Abgeordneter Sun schak (christlichsozial): W:nn Dr. Bauer die Behauptung aufstellt, bie Lebeusmittelzuschusse i'-ien abzubauen, es müßten aber Maßnahmen getroffen loerden, daß der Reallohn des Arbeiters keine Belastung erfahre, so ist baf eine These, deren Verwirklichung dem Abgeordneten Bauer als Finanzminister überlasse« werden möge. Nach dem Schlußwort des Berichterstatters Doktor Odehna l wurde das Kreditermächtrgungsgefetz in zweiter und dritter Lesung unverändert angan o m m e n. Das H. Kriegs««leihe-Uebernahmsgesetz, das Punzierungsgefetz und daS Gesetz, betreffend Lre Erhöhung vo» GeldauSge dinglerstungen, wurden daun in zweiter und dritter Lestmg ohne Debatte angenommen. Die nächste Sitzung wird in schrifiliÄem Wege einbecilsen werden. Umgestaltung des Klrrbs der Wresrer Mdisch«atio«akett Mandatare. Mittwoch den 26. d. M. fand eine Vollversammlung der Wiener jüdischnalionalen Mandatare statt, die ein neues Organisationsstatut des Klubs zum Beschluß erhob. Das Referat über das neue Statut erstattete Herr Gemeinderat Dr. Ehrlich. Die Mandatare sind je nach ihrem Wirkungskreise in Sektionen zufammengesaßt, welche sich sofort konstituierten. Alle sechs Wochen haben Plenarversammlungen des Klubs ftattzufinden. In das Präsidium des Klubs wurden die Herren Dr. Ehrlich, Dr. P l a j ch k e s ,und Goldschmied berufen. Die Konferenz vo« Portorose. Portarose, 27. Oktober. Die Konferenz von Portolose ist heute vormittags formell eröffnet worden. Der Anfang der Beratungen wurde mit Rücksicht auf bte 'Abwesenheit verschiedener Delegationen auf Samstag verschoben. Bis jetzt sind die jugoslawische, die rumänische und die französische Delegation eingetvoffen; die österreichische, die polnische, die tschechoslowakische, die ungarische und die englische Delegation wurden für heute erwarbt. Die Erhöhung der Eisenbahntarife. Wie die „Wiener Ällaemaue Zeitung* «Mt, hat sich oeller» der Kadnettrrat mit der F aae der Erhöhung der Qstfot«' Kichntarise btfafer Rach dem itn Kabineir-rit voi«-'chla^vrn Pr»cramm, dar jedoch erst der Genermignv« trß H a u v ta « s s ch n f f e I bedarf, »eraen dce P e r < o it e n+. & t? v ii ck s- und Gütertarife nicht 'mbrrtt'ch vMht nr.-r.-en. Geplani tft viclu ebr eine Abstufung der Erqöhuvgnr, dr« sich uotichm 1Ü0 and S00*L dewcaeu wird. fftt nnsere geehrte« Abonnenten! Ab 1. November beginnt ein neues Abonnement auf die „Wiener Morgenzeitrnrg". Wir ersuchen, die Bezugsgebühren umgehend zu überweisen, damit in der Zusendung der Blatter Leine Unterbrechung eintrete. Ab 1: November treten folgende Bezugspreise in Kraft: Al o««e«e«t Mr Mte (,um A''k,v<r« im Exoedit oder in dr» B^rschlecßsieÜen) «»»«ttich Kr. WO. — Oesterreich monatlich... . * 300,— Tschecho-SlowaUet monatlich.Kö 18,— Polen monatlich.. pol«. Marli 500. - Jugoslawien monatlich Dentfchlan» » . » » » » . » Mumänien ,» , ,L.-. . . , > Bulparie« „ . . f oüand„ . . . . . chweiz „ . England „ „ ....... Italien *. Amerika * ....... Frankreich, Belgien monatlich. . . ErnAerverschleitzpreis i in Wien Kr. 14. Dinar Mark Lei Lewa holl. ft. Fres. sk Lire Dollar Fres. IS — so — so - 80- 1.50 3.- 3- 0.- -*.50 6- 30. Oktober Zahlstellen: Oefterreichifches Postspardaftenkonlo (Wien) 150.003 Lfchecho-slow. Psstfparkassenkonto (Prag) 59.351. Polnisches PostsparkafteakonLo (Warschau) 190.227, Deutsches Postscheckkonto (Berlin) 108.722. AumÄrrieu (Czernowitz) - A8gemeine Dexositenbank, Filiale Czernosvitz. Jugoslawien: PostsparLafteudonto (Agram) 40.085 Ztatte«: Loolet» ltallser R Credit» »am««relais, Trieft Vit Stazzifll SV. Die VsrivalLrmg der „Wiener MorKenzeiLmrs Wien, L«r»rftratz« 1—3. Telephone 43-3-10, 44*0*88. M Der Parteitag der italienischen Sozialisten. (Bon nuserem römische« Korrrssoukenterr») Rom. Mvte Oitobkr. Am 16. d. M. früh wurde der MaiAuder Sozialtsteukongreß nach viertägigen heißen Drbatt-'n geschlossen. Seine Beschlüsse riesen keine Ueberraschung hervor, da der Kampf der verschiedenen Fraktionen schon früher in der Partei aüsgesochten wuche. Trotzdem bo:en hie Kongretzverhandlungen ein großes Interesse, da s'e den Stimmungswechsel des ifalienischrn Proletariats während des letzten Jahres getvrulich wiedergeben und für die ganze weitere innere und äußer« Politik Italiens in gewissem Sinne maßgebend sind. Der Mailänder außerordentliche Parteitag wurde einberufen, um zwei Fragen, allerdings brennende und sofortige Entscheidung erheischende, zu lösen: die Frage des Tlnschlusses an die Dritte Internationale und die Anteilnahme an der "Regierung in einer Koalition mit den bürgerlichen. Parteien.' Wie erinnerlich, hat der letzte Kongreß, der in Livorno vor acht Monaten stattfand, den prinzipiellen Anschluß an die k»m- Munlftische Internationale nochmals bestätigt, sich jedoch geweigert, alle 31 Punkte ohne Widerspruch auzunehmen; M o S ka u hat darauf dis Aufnahme der Jtal'ener verweigert und an dem letzten Kongreß in Moskau haben die italisnischen Delegierten nur informativ teilgenommen und vyü dort eine entschiedene Forderung, die 21 Punkte anzunehmen und den rechten Parte'fsügel auszufchsiMn> nach Harrse gebracht. Was Ve Anteilnahme an der bürgerlichen Regierung betrifst, so wurde die Frage aktuell durch die immer wachsende Notwendigkeit, positiv zu. den zwei wichtigsten inneren Fragen Italiens, der wirtschaftlichen Krise im allgemeinen und der Arbntslosiskett im speziellen und der reaktionären Gefahr (Faszismus), Stellung zu nehmen. Im Zusammenhang mit diesen zwei Fragen rangen drei Strönmngen um die Parteiherrschaft, Die stärkste (auf dem Kongreß hatte sie von etwa 80.000 abgegebenen Stimmen 45.000), die vom Redakteur des „Avautt", Serrati, geführt wird, bestand darauf, daß die Dritte Internationale als die einzige, wirklich revolutionäre anzrlerkennen sei und daß deshalb die italisnischen Sozialisten sich au sie anzuschließeu Habens sie verlangte aber, daß Moskau den Italienern eins gewisse innere Uutouo nrie gewähre, und w?igerte sich, den rechten Flügel auszuschließen; sie verwarf energisch die Anbeilnahnre an der Mgierung unh verharrte in der Erwartung der befreienden Revolution, Die zweitstärkste Strömung (20.000 Stimmen), dtz unter Führung von ^,urati steht und die Msten und erprobtesten Sozialisten einschließt (Treves, Modigliani, d'Aragoncr) und hinter sich die Gewerkschaften und Genossenschaften hat, behauptete, baß bi.» Dritte Internationale, insofern sie nur einen kleinen Dell des Meltproletariats vereinigt und jede Landesbewegung nicht internationalen, sondern sowjetrussischen Zielen unterstellt, gar keinen Anspruch darauf erhebe» kan», die Arbeiterschaft «der ganzen Welt zu vertvew«, und bezweifelte auch deren revolutionären Charakter; sis favtAbififr weiters, wen» nicht sine direkte Koalition, so wenigstens ein* Mitarbeit mit Regierungsorganen und eine Beeinflussnng der Regierung in allv» Fragen, die die Arbeiterschaft direkt interessieren (um welche Frage d*S Staatslebens interessiert sie nichts um die Errungenschaften des Proletariats zu verbridtgen^ wogegen durch prinzipiell* Opposition sein ganzer Gin^ fluß paralysiert werden könnt«. Die dritte Fraktion, die nur 0500 Stimmen gesammelt hat und von den drei Delegiert*», die in MvSkau waren (Lazzari, Maffij Nibotdt) geführt wurde, vertrat bedingungslos dev Standpunkt von Moskau. Es war noch eine vierts Strömung vertreten (10.000 Stimm««), die sich aber nur ein Ziel setzte, die Einheit der Partei um jeden Preis zu bewahren. Schon diese offiziellen Zahle» zeigen, daß die Dritte Internationale eine Niederlage erlitten hat, und es war ganz konseguent^ wenn nach dem Votum ihre Vertreter eine Erklärung verlesen ließen, in der gesagt wurde, daß die italieni' schen Sozialisten sich endgültig außerhalb der kommu. nistischen Internationale gestellt haben. Und wenn sie vor acht Monaten wenigstens di« Genug« tuung hatte, in Livorno eine neue komnmnistifche Partei von der alten sozialistischen abgesplit'ert zu sehen, so kann sie diesmal auch diesen zweifelhaften E"solg nicht verzeichnen, weil sogat die F-a'Etion Lazzart-Maffi die Reihe» der alten Partei nicht rerlalfen wird. Diese Au frech Erhaltung der Parteieinheit ist der größte Erfolg der TuMtkschen Fraktion, aber nicht der einzige. MS ihren weiteren Erfolg muß man verzeichnen, wenn es auch seltsam klingen mag, die Offenheit und Aufrichtigkeit, mit welcher diesmal ihre Redner sprechen konnten und babe^ doch den größte» oratorischen Effekt erzielten. Die ganze Enttäuschung Über de» Mythos vo» Moskau, 6f« rc':oTut!ort5rett JlluNone» des italienischen Proletariats in der Periode 1918 bis 1920, die ganze Bitterkeit! der Niederlagen, die das italienische Proletariat tot letzten Fahre erlitt, töeil es, wir sich Modigliani aus-. drück'e, „Sowjets wollte, als nur dr« Republik möglich,' war," fanden tu diese» Rede» ihren klaren und' schonungs^o'et Ausdruck. Tttratl konnte nochmals auch lein«» „sozialistischen Patriotismus" betone», als er in deiner Schlußrede davon sprach, daß d«r Ruin des Landes in erster Linie ein Ruin der Arbeitenden, die nicht wegkönn«n, sondern an ihre Scholle gekettet sind, sei, und „wenn Italien zugrunde gehl, so gehen mit ibm wir alle zugrunde" — und trotzdem hat ihm diese Rede die wärmste Sympathiekundgebung des Kortgrefs-S gebracht. <& Noch charakteristischer war die Art, wie h^r Kongreß' ausländischen Gäste empfing.. Während Friedrich Adler, der Vertreter der „verräterischen" Wiener Internationale, von allen Delegierten — mit Ausnahme der keinen Lazzari-Gruppe — mit Zeichen höchster Achtung ausgenommen wurde, hat yur di« langjährige revolutionäre Arbeit von Klara Zetkin diese vor feindlichen Demonstrationen bewahrt, die andnen Vertretern der Dritten Internationale, einem anonymen! Franzosen und nicht minder anonymen Polen unb: Russen, nicht erspart geblieben 'sind. Niemand zweifelte aber daran, baß der Satz der Serrati-Nesolution, in dem der Anschluß an die Dritte Internationale bestätigt wird, nur den letzten platonisch-heuchlerischen Tribut an die evolutionäre Phraseologie darstellt, und daß die wichtigste Aufgabe des Kongresses in der Lösung der zweiten Frage — Anteilnahme au der Regierung — besteht. In diesen: Punkte blieb Serrati der Sieger, aber nur dem Anschein nach, denn für ^nrrati und sein« Freunde handelte es sich keinesfalls um den unmittelbaren Eintritt in hie Regierung, sondern um eine neue, positive und schöpferische Einstellung des Proletariats zu allen Staatsfragen. Seine Gruppe hat auf dem Kongreß klarge^gt, baß die ganze Partei eigentlich während her letzten Ze:t diesen Weg schon betreten hat, als sie mithalf. Giolitti zu stürzen, als sie beständig mit Regierung und Rcgterungsorganen in Berührung und Mitarbeit trat, um den Genossenschafbeu Arbeit und Kredite zu verschaffen, als die Gewerkschaften es übernahmen, ein Projekt zur Abhilfe der Arbeitslosigkeit auszuarbeiten ufw. Diese Taktik wurde vom Kongreß sanktioniert, wenn auch das Prinzip der RegierungSkoalitton weiter abgelehnt wurde. Und somit kann die Turati-Gruppe ifan Zweck als größtenteils erreicht betrachten. Die Partei hat diesmal di* Spaltungsgefahr überwunden und in neue Bahne» eingslrnkt. Wenn in den offiziellen Resolutionen noch die Spuren her frühere» Demagogie bemerkbar sind, so ist dlss der wirklich billige Pr^is, mit welchem die Partei für ihre Einheit zahlt. Ob sie auf diesen neue» W;g«n ihre Tätigkeit erfolgreich entwickeln können wird ytzer infolge der Verstocktheit und Blindheit deitalienischen Bürgertumwieder in eine revolutv-när-kntransig'Mte Position hinetngeschoben wirb, hängt nicht von ihr allein, sondern auch von der politischen Reise «chen dieses Bürgertum« ab. d—Dr. M. B. Oie Derrtschen tu Gttatz optiere« fftx Frankreich. Parks, 27. Oktober. (Funkspruch.) Uebe. 27.000 ehemalig» deutsche Staatsangehörige, die in Glsaß»Lothringeu leben, haben im Sinne der diesbezüglichen Dchimmungm des Friedenrontrages m die französische Staaisbikae^chM a-aejuchtz.