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Wiener Morgenzeitung · 1921-10-27 · Heft 986 (27.10.1921) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 986 (27.10.1921)
Date
1921-10-27
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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*t »SS _ggicH, Dormersla-_ »Iw« «ißrßOUzenN«- IM Das Ende des Ausfluges des Exkönigs. An hiesigen maßgebenden Stellen werden alle Nachrichten über den Ort, an welchem Exkönig Karl mit feiner Familie interniert werden soll, als haltlose Kombinationen bezeichnet. Die Entscheidung hierüber ist noch nicht getroffen und sobald hie Ententemächte zu einem Entschluß gelangt sind, muß dieser erst der Botschasterkonserenz zur Genehmigung vorgelegt wer-" den. Soviel bisher festzustehen scheint, wird der Ex-, könig und seine Familie aus einem Donaumonitor zum Schwarze« Meer und dort auf ein Ententekriegsschiff gebracht werden, um auf diesem nach seinem Bestimmungsort zu gelangen. Voraussetzung für den 'Transport auf einem Donaumonibor ist, daß der Wasserstauder Donau ein genügender sei. Das Reutersche Bureau.erfährt, die britische Regierung bleibe bei ihrem Standpunkt, nämlich den Exkaiser an einen viel weiter entfernten Ort zu schicken, um" ihm jeden neuen Versuch zu einer Restaurierung unmöglich zu machen. „Dcri'y Ehronicle" schreibt: Man wird dem Exkaiser einen Aufenthaltsort anweisen.müssen, der soweit von seinen früheren Ländern entfernt ist, daß auch Aervplanreisen dahin .unmöglich sein würden, und es kann ihm die persönliche Bewegungsfreiheit, wie er sie in der Schweiz genossen hat, nicht zugebilligt werden. .Sein Wort hat sich als wertlos erwiesen und. es wird niemandem mehr einsallen, aufs neue darauf zu vertrauen. In Ententekreisen werden die Vorgänge in der Tschecho-Slowakei und in Jugoslawien mit größtem Interesse verfolgt. Auch der Umstand, baß diese beiden Staaten mobilisiert haben und diese so kostspielige Maßnahme nicht sistterte-ri, läßt darauf schließen, daß man in Prag und Belgrad sich mit Plänen trägt, für deren Verwirklichung der jetzige Zeitpunkt dort gls der geeignetste betrachtet wird. Die Jugoslawen wollen, wie schon aus Belgrad offiziell berichtet wurde, die Aun»llier««g des Protokolls von Venedig, Und ebenso wie die Tscheche-Slowaken, verlangen sie die vollständige Durchführung des Vertrages von Trianon, der bekanntlich die Entwaffnung Ungarns vorschreibt. Daß diese bisher nicht erfolgt ist, geht aus den jüngsten Ereignissen in Ungarn deutlich hervor« wenn es eines solchen Beweises überhaupt noch bedurfte. Die Entenje, dir aber gern Ungarn schützen möchte, hält an dem .Abkommen von Venedig fest. Die österreichische Regierung vermeidet es vernünftigerweise, sich in den Streit einzumengen, hat aber für alle Fälle erhöhte Sicherungen für die freie Volksabstimmung itt Oedenbvrg verlangt. Sollte Ungarn diese Sicherungen nicht gewährleiste». dann wäre das Abkommen hinfällig und es müß'e, auch nach den kürzlich getanen Aeuße- .nrngen tes ita ie Lichen Geschäfts trägere Bianchiere, der Vertrag von Trianon in vollem Umfang und in unveränderter Form in Kraft treten. Die Entente macht auch sonst Miene, sich für Horthh einzUsehen unh tritt der von der kleinen Entente' eingelet:e:en Aktion, Ungarn zur Demok.otie zu zwingen, entgegen. Nach einer Belgrader Mitteilung der Grazer .Tagespost" haben am Dienstag die Vertreter Englands und Frankreichs her. der Regierung<eine Demarche unternommen, mit Rücksicht auf den ruhige» Verlauf der Karl-Angelego uhejt a l l e m i l t t ä r i f ch e « Interventionen ein zu stellen. Die Demarche hat in den Belgrader politischen Kreisen starke Mißstimmung hervorgerusen. Um die Jugoslawen gefügig zu machen, schrint aber auch' noch wahrscheinlich von italienischer Seite ein Drück auf Albanie« ausgeübt worden zu fein, das zwar staatlich möji organisiert: ist,. aber doch eine in Tirana, dem Sitz Essad Paschas, befindliche Regierung hat, die jetzt die allgemeiktö'" Mobilisierung angeordnet hat. Jugoslawien hgt für'alle Fälle die seit 1918 entlassauen Jahrgänge wieder/'für sechs Woche» einberufen. In Budapest gehen die Dinge w der vön Hisrthy gewünschten Weise ihren Gang. Die verhafteten Vertrauensmänner des Exkönigs, Graf Andrafsy, Doktor Gratz und Rakovfz ky «mw nach Budapest gebracht und in / Zelle« de- St««tsgefL«g«iffes gesperrt. Sie gelarlgen nicht vor bas Standgericht, sondern Vox das Zivilgericht, das die drei Politiker auf Grund des Strafgesetzes wegen Hochverrates abucteilen wird. Seit gestern befindet sich auch Stephan Friedrich in Gewahrsam. Graf Apponyr richtete an Banffy ein Schreiben, worin er Ven karlistischen Putsch scharf verurteilt, aber auch den Widerstand gegen Karl mit Waffen als unrichtig bezeichnet. Deshalb habe zt sich entschlossen, sein Mandat zurückzulegen und sich bo« der Politik H»rÜckz«ziehe«. Er beabsichtigt, seinen Standpunkt in der Mlionalversammlung ausführlich barzulegen. Oberst Osztenb u r g wurde unter starker Bedeckung nach Budapest gebracht und im Garnisousgefängnis inhaftiert.' Die Abgeordneten Beniezky und Szmrecsanyi haben sich freiwillig gestellt und wurden in Polizeihaft genommen. Das Exkö«ig«paar i« Kloster L1ha«y. Budapest, 26. Oktober. König Karl und Königin Zita sind heute früh aus Totis Ln das Benediktinerkloster in Tihany gebracht worden. Die Abreise gestaltete sich; sehr dramatisch. Als Exkönig Karl erfuhr, daß Andrassy» Gratz und Rakovfzky verhaftet und ins Gefängnis abgeführt werden sollen, weinte er und verlangte, man solle seine Ratgeber frei lassen und mit ihm gehen lassen. Die Aufsichtsorgane hatten große Mühe, um den Exkönig zu beruhigen. Bei der Ankunft im Kloster Tihany, das von der Außenwelt fast abgeschlossen ist und fünf Kilometer tief im Plattensee auf einer Insel steht, wurde das Exkönigspaar vom Prior empfangen. Die Regierung erteilte die Zustimmung, daß das Kömgspaar täglich eine Depesche über den Gesundheitszustand ihrer Kinder aus Hertenstein erhält. Ein Verkehr mit den anderen Familienmügliedern ist auf Grund eines Beschlusses der Ententeoertreter nicht erlaubt. Der briefliche und telegraphische Einlauf für dar Königspaar wird kontrolliert. Das Kloster wird von einer Truppenabteilung bewacht. Bezeichnend für den Familiensinn der Habsburger ist der Umstand, daß weder Erzherzog Josef noch seine Gattin sich um das Schicksal ihrer Derwandlen kümmerten. Npasage ft« be« Qgftitttg. - Rom, 96r Oktober. (Tel.-Komp.) Nach der offiziösen „Trib'.rna" wird die Bewachung Karls Italien anvertraut. Die ^ungarische Regierung wird Karl eine angemessene Apanage bezahlen. In finanzieller Beziehung sei die Lage Karls außerdem durch' die großen Besitzungen seiner Gemahlin Zita gesichert: Die Internierxngsfrage. Paris, 26. Oktober. (Havar.) Man hat sich bereits mit der Internierung des Exkönigs Karl beschäftigt und verschiedene Orte für sei» Exil angegeben. In dieser Angelegenheit veröffentlicht .Journal" ein Telegramm aus London, wonach, wenn man Nachrichten aus Italien Glauben schenken will, Italien geneigt wäre, die Internierung Karls auf einer Insel im Mittelländischen Meer zu verlangen. Das gleiche Telegramm erinnert daran, es fei ein eigentümliches Ereignis, daß vor mindestens 16 Tagen ein Telegramm aus Argentinien die Ankunft eines Vertrauten Karls meldete, der die Absicht habe, dort einen Besitz zu kaufen. Man frage sich daher, ob der letzte Habsburger seinen Mißerfolg erwartet habe. BoMhe««»ürfe irr Budapest. Budapest» 26. Oktober. Gestern abends wurde gegen das Gebäude, in welchem die Administration des zum ,Az Est"-Konzern gehörigen »Magyarorszag" untergebracht ist, ein Domvenattentat versucht. Gegen eine Scheibe der in diesem Gebäude befindlichen Cafbs »New-Dork" wurde eine eiförmige Bombe geworfen, die aber glücklicherweise nicht explodierte. Der Täter ist entkommen. Die Kö«igstpe»e«. Budapests 26. Oktober. (Ung. Te!.-Korr.-Bur.) In Beantwortung der Begrüßungsrede der Universitätsjugend an die Partei der kleinen Landwirte erklärte Staatssekretär Mayer, die ungarische Nation habe n i ch t g e g e n den König, sondern gegen die Empörer zu den Waffen gegriffen und sie werde niemals in eineLösunaeinwilligen, die den Anschein habe, als wäre sie «nter fremdem Drnck zustande gekommen. Herr Fauchet lobt Horthh» Budapest, 26. Oktober. Der französische Gesandte Fouchet erklärte einem Mitarbelier des,Szosat* gegenüber» es fei für das Schicksal Ungam« erfreulich, daß es der Regierung gelungen sei, König Kar! auf seinem Wege oufzuhallen. Wäre dies nicht gelungen» ft. t«§T Seite $ •merwUitlMw Kwtsohak* tohutmbiats so wäre eine Einmischung der kleinen Entente unausweichlich geblieben. Es würde aber eine große' Gefahr für Ungarn bedeuten, wenn sich König Kart auf dem Gebiete des Landes frei aufhalten könntet Die Aufhaltung des Königs habe bewiesen, daß di^ ungarische Regierung über großen Mut und Festigkeit verfüge. Die Situation sei sehr peinlich gewesen, aber die Regierung habe ihren Platz mit Entschlossenheit behauptet. Die Ententemächte haben dies mit Anerkennung zur Kenntnis genommen. Die Stimmung in Budapest in den kritischen Tagen. Gestern ist das erste Passagierschiff aus Budapest) angtzkommen. Ein Großkaufmann, der mit diesem Schiff einlangte, erzählt über die Stimmung während dev' letzten Tage in Budapest folgendes: Die Budapester Blatter durften nur jene amtliche« Mitteilungen wiebergeben, welche der Schwager Horthys/ Pressechef Eckhardt, ausschickte. Es sind das dieselben amtlichen Berichte, welche aus derselben Quells den Wiener Blättern zugemitmi wurden. Die Budapester Bevölkerung erwartet? stündlich neue Ue berraschungen, und nach der Stimmung, die in de»! letzten Tagen herrschte, zu urteilen, wäre es in Budapest! zu ganz andere» Kundgebungen gekommen, wenn Horchy' nicht in der letzten Minute zur allgemeinen Uebevraschung mit dem Belagerungszustand fide Meinungsäußerung verhindert hätte. Bis zu diesem Moment gab eS Leinen Menschen in Budapest, der an den Ernst des Widerstandes Horthys gegen Karl geglaubt hätte. Auch den Meldungen über Zusammenstöße, Todesfälle, Verwundungen u. bergl. wurde kein Glauben geschenkt. Ueber die Verhaftungen durften die ungarischen Blätter kein Wort bringen. Unter den B u d a 7' e st e r Juden herrscht Pogromangst, da d ie sogenannten Führer des ungarischen Judentums V azsonyi, Polnai und Genossin sich in der letzten Zeit zu stark für de« Legitimismus engagiert und' dadurch den Glauben erweckt hatten, daß sie im Namen der gesamten ungarischen Jude"ichaft Vorgehen. Der Ungarische Großkauftnann war, als er »ach Wie» kam, ganz überrascht über die Ruhe, die hier herrscht. Budapest war von Schauernachrichten, über Vorgänge in Wie« erfüllt. Man sprach davon, e-aß in Wien Demonstrationen stattfanden, Straßenbahnwagen aus Le« Geleisen gehoben wurden, die Stadt ohne GaS und elektrische Beleuchtung sei, und daß! bewaffnete Banden plündernd durch die Straßen ziehen. Bezeichnend ist auch der plötzliche Frontwechsel der bekannten legitimistischen Blätter. So begrüßt der „Pester Lloyd" den raschen Abschluß des karlistischen! Intermezzos und spricht seine Genugtuung darüber aus/ daß diese Erledigung des Karl-Abenteurrs ein bewaffnetes Einschreiten auswärtiger Mächte überflüssig gemacht habe. Das Blatt erwartet, baß die Haltung! der Regierung bas Vertrauen des Auslandss zu Ungarn befestigen werde. ,/8udapesti Hirlap" fordert! eine strenge Abrechnung mit jenen Politikern, die dew König in dieses sinnlose Abenteuer getrieben habend Selbst baS Blatt der M O. D. E. (Jntegritätsliga^ der „Szozat^, greift in schärfster Form den Exkönig an, der in unverantwortlicher Weise mit Hilfe! ftemder Söldlinge einen Angriff auf das ohnehin iw der schwersten Krise befindliche Land unternommen imS> damit olle seine Rechte auf die heilige Krone verspät habe. ' Da» Esterhazy-Schloß itt Tottr. Exkönig K arl und Exkönigin Zita sind über Anordnung der Entente vorläufig im Benediktinerkloster in Tihany interniert worden. Ihre erste Jnlernierungsstatiön war das Esterhazy-Schlaß in %o11§. Das Schloß mit seinen 162 Zimmern, seiner eigenen Kapelle, dem Schloß- ' theater, den berühmten Stallungen und Reitschulen sowie einer auch im Ausland bekannten Bibliothek und Bildersammlung! hat wiederholt in der ungarischen Geschichte eine Rolle ge*' spielt. DaS Schloß wurde vom Fürsten Nikolaus .Ester-! hazy erbaut. Fürst Nikolaus war wegen seiner Verschwen-' dungssucht fast in der ganzen Welt bekannt, starb ohne Erben- und so kam baS Dstifer Majorat an den Fürsten Franzi Esterhazy. Während jedoch der Urahne der Familie wagen seiner Verschwendung Weltruf genoß — so wird zum Beispiel erzählt, daß er, als fein Rennpferd bei' esttem Londons Derby den Sieg davontrug, dieses Siegerpferd in Gegenwart der anwesenden englischen Aristokratie,' ohne mit dev Wimper zu zucken, niederschoß — sind seine Erben eher wegen! ihrer Knauserer verrufen. Das Totiser Schloß war als daÄ exklusivste Magnatenheim bekannt. Kaiser Wil- Regenmäntel VLiLLiL SM Schiff mann ros AlÜI

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