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Wiener Morgenzeitung · 1921-10-26 · Heft 985 (26.10.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 985 (26.10.1921)
Date
1921-10-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Z-. .Wwn. Mimvocy _ * Lehar u«d Osztenburg geflüchtet. Budapest, 25. Oktober. (Ung. Tel.-Korr.-Dur.) Nach Zerstrerülng der aufständischen Truppen sind Oberst Lehar und Major Osztenburg in Zivikleidnng geflüchtet. Der Gefangene von Totis. Horjhy ist Herr der Lage. Die politischen Ratgeber des Exkönig?, Graf Andrassy, Dr. Gratz und Stephan Rakovszky wurden ve haf'et, die Truppen Osztenburgs zersprengt und enttvafsnet. Eine Erklärung der ungarischen Negierung schildert des Ende des Putsches ln folgender Weise: Die an der Organisierung des Putsches beteiligten Politiker und Soldaten fremder Herkunft liegen den König schmählich im Stich und trachteten nach Söldnerart, sich den Folgen des begangenen AerrateZ durch die Flucht zu entziehen. Die Regierung hat Maßnahmen zur Festnahme der übrigen Austvi.'gter getr-o,fen. Mit dieser Darstellung soll der Eindruck erweckt werden, daß der Exkönig von nichtmagyarischen Elementen zu seinem Putschversuch ausgemunte.t wur'e. Das kann wohl bei niemandem verfangen, der d'e List? der Verhafteten liest. Die Horthy-Regierung tut noch ein übriges, indem sie eine Mitteilung verbreitet, wonach österreichische «nd bayrische Offiziere nnt dem Exkönig ins Land gekommen seien. Das ist eine etwas zu grobe Lüge. Diese Sotdknechte sind schon seit langem Gäste Ungarns und entstammen der von den Wiener CHristlichnationalen und Frontkämpfern ausgestellten österreichischen Legion in Zatae^erfzeg, wo über ii: Jget.en Rakonitsch und Hoynigg, erprobte Führer des Pogromantisemitismus, jederzeit genaueres betunderr kmnen. Ueber bas Schicksal des im Schloß von Totis internierten Exkönigs und seiner F au wird jetzt zwischen der ungarischen Regierung und den Mächten verharrdelt. Es besteht der Plan, beide aus die Insel Mallorea westlich von Spanien zu überführen. Dort befindet sich ein habsbu'-'gischer Besitz, der zuletzt von dem verstorbenen Erzherzog Ludwig Sa'vator bewohnt war. Die Schweiz ist beiden wohl verschlossen. Was die politischen Wirkungen,der Affrrs betrifft, so liegen bereits klare Äußerungen der tschechischen und jugoslawischen Regie mngen vor. Atu? der Wiener jugoslawischen Gesandtschaft wird erklärt, eswerde jetzt die Gelegenheit benützt werden, um in allen Punkten mit Ungarn reinen Tisch zu machen und die restlose Durchführung des Friedens von Trianon zu erzwingen. Bei dieser Aktion werde sich bas Königreich S. H. S. an die Sp tze stellen und vor allem auf die Verringerung der Ungar schon Armee bringen. Auch die Frage der Baranya werde noch'mals zur Erörterung kommen, da die ungarischen Kohlenlieferungen aus diesem Gebiet au?gteb lieben seien. Man ist übrigens in jugoslawischen Kreisen der Meinung, daß da? Abkommen von Venedig schwerlich zur Durchführung gelangen werde; Ungarn dürste vielmehr veranlaßt werden, den Vertrag von Trianon in seinem Wortlaut ein uhalten. Dagegen läßt die Regierung Bethten in den Buäapester .Blätiern schreiben, daß sie an der Konvention von Venedig sesthalte. Es wird sich bald zeigen, ob auch die Enbente dieser Mei unz ist und ob inbbeso..dere Italien noch' die Voraussetzungen für dieses Abkommen für unverändert ansieht. Der Kern der Sache bleibt aber die restlose Erfüllung tez Friedensvertraz.es in dem Sinne» daß Ungarn feine Armee entwaffne» muß. Findet es sich hiezu nicht be eit oder geschieht die Entwaffnung nicht unter der Kontrolle der Tschecho-Slowakei und Jugoslawiens, dann kann die Eesahr für den europäischen Frieden nicht als beseitigt gelten. Es muß fetzt das ganze ungarische P o "tn gelöst werden. Es liegen bereits sehr bestimme Anträge der keinen Entente vor, wonach die Negierungen von Prag und Belgrad selbst die Entwaffnung der Armee und die Aufhebung der offenen und geheimen Warenlager in Ungarn durch ihre Truppen vorrehir.en will. Im inne en politischen Leben Ungarns stehen jetzt schwere und ^entscheidende Kämpfe zwischen LegMmisten, 5orthyanern und de« freie« KömgswLhlern bevor. Im Lager der ungarischen Emigranten in Wie.: herrscht tieiste Niedergeschlagenheit. Man e klärt in die,en Kreisen, daß der Sieg der HorthyichenMilitärkama i.la wieder der Weg zur Demokratisierung Ungarns verramm'e. Hätte sich der Exkönig jetzt behaustet, so wäre f Ätzer v^ec später sein Sturz durch die ungarische Nation selbst erfolgt und die Regeneration wäre im natürlichen Prozeß aus den Kräften des Landes eingelei et worden. Non den Pronays sei natürlich ein N' ständnis für die wahren Wünsche des Volks nicht zu erwarten. Es wird also auch hier die kleine Entente helfen müssen, für die der Bestand des Horthyfcheu Systems, das sie jetzt für den Augenblick no'gedrungen stützen mijk für die Zukunft die gleW Gefahr bildet, wie Wiener «reorganzerrnns die M bu'gische Restauration. Da? Hör hy-Sy'.em ist!)er^ Sch tzherr der Integrität.li a uns ailer ir.edentistischen Organisa'ionen und der Todfeind dos repub.tla..ischen tsch chischen und öster^ichiichen Staates. Es wi'-d Ordnung gemacht wo.den müssen. •. Die , , sozialdemokratischen ParkekvorstSnde der Tsch?ch.--Slowake! und Oesterreichs halei ,ich auf eine pe^neinsa-ne Erklärung ge.'ini^, die die Erwartung aulsp ichl, daß s'ch die politischen Vertretungen der Arbeiterklasse mit ihrer ganzen parlamentarischen Kraft für die Abwehr aller Monarch istichen Zrt elungen ein setzen; sie richten an die Arbeiterparteien der Welt di; Ansfordeoung, diesen Vrr^eldizungslampf zu unterstützen. Ein Internationalist über Karlsbad. Bon Artur Holitscher. Die folgenden Ausführungen sind mit Erlaubnis des BrrlageS S. F lfrh e r. B.rlin, einem längeren Artikel eiuittminten, den Artur H olitfcher im N.vemberheft der „Neuen Rundschau" erscheinen lassen wiro. Die von d m Verfasser empf ndene Par llele Moskau—Zion mug uns -Ziolusten freilich wundernehmen, weil das jüdische Zion dem v v Frieden und nur dem Frieden dienen soll. Daß Artnr Höllischerauf. seiner bevorv - Wenden Reise nach Palästina den befreienden Unterschied zwischen beiden Welten entdecken möge, ist der innigste Wunsch, den wir für den aufrichtigen Pazifisten in ihm hegen. Palästina ist ein werdender Staat, und der Kongreß, der zwölfte, von dein elften durch acht Jahre getrennt, ist als Vorstufe zu einem jüdischen Parlament anzufehen. Der Karlsbader Kongreß ist auf Kampf gestellt. Es wird um Organisationsfragen, Kompetenz- und Persönlichkeitsfcagen ebenso wie um Fragen gekämpft, die auf einem Konzil aufgeworfen sein und erledigt werden können. Lllle Probleme, Strömungen ethischer, fozialrr, politischer, ökonomischer und verwaltungsiechnischer Art, d-e. die heulige aufgefcheuch!« und erwachende Menschheit bewegen und erschüttern, finden sich hier wie in einem Mikrokosmus beisammen, verlangen Gehör und Entscheidung, begegnen sich,' sch virren auf und durchkreuzen einander. Es scheint auf diesem Kongreß um alles Wesentliche zu gehen, was den Aufbau eines Staats- -geüildes wie einer Menschengemeinschaft, eines sozialen wie eines religiösen Gemeinwesens bestimmt. Und die Grenzen zwischen Religion und' Ritus, sozialem Willen und praktischer Notwendigkeit sind nicht durchwegsklar zn erkennen. Alles scheint vielmehr zu einem einzigen magischen Mittelpunkt zu streben, als ob es nur um des einen willen da wäre, desfrn Platz gar nicht innerhalb der Zeit zn bestimmen ist. Dieser Kongreß ist kein Parteitag, denn die Zionisten bilde» keine Partei innerhalb der Jubenschaft. Auf irgendeine mystische Weise ist 98 ihnen nur etwas Heller und kraftvoller gegenwärtig, was in allen Rassen- und Glaubensgenossen in der Diaspora unbewußt vorhanden ist, leise sich regt, sicherlich nicht gänzlich ülerwünden durch irgendwelche Faktoren weltlicher Entwicklung. Die Parteien und Fraktionen innerhalb der Körperschaft dieser znm Kongreß delegieren des Welt- Monismus Nn'erscheiden sich denn auch von parlamentarische» Parteien herkömmlicher Art durch eben diesen Einschlag von utopischem Wollen und einer sozusagen Metaphysischen Energieentfaltung nach dem gemeinsamen Ziele, dem Lande der Verheißung, und sind regiert durch die magnetische Kristallisationskrast Jerusalem, Zion. Wem bas Glück zuteil worden war, das elementare Erlebnis: Sowjetrußland mit Herz und Hirn aufzunehmen, dem mußte in Karlsbad die überraschende Parallele Moskau—Zion zwingend zum Bewußtsein kommen. Unsere im Entstehen begriffen.;, im tiefsten Wesen »topische Kultur wurde von den deutsche» Seher- ^rilosophen vorv«r«ilet, wird von deutschen Praktikern, Organisatoren gefestigt. An der Spitze der Brtvegungen sehen wir die genialen, befreiten Ostjiwen ungestüm Vorwartsdrängen. ' Der Führer des heutigen Weltzionismus ist dev Russe Prozessor Weih mann, die obersten Männer der Exekutive sind die Russen So ko low und ltssischkin. Sie bilden mit den Organisnto"en.mb Ausbauern Palästinas, Ruppin und Lichtheim, den Deutschen, eine Einheit, die von der International« her Weltjndenheit anerkannt ist. Denn es gibt außer der Internationale Rom, der Internationale Moskau heute nur noch diese dritte, die Internationale Zion, die weltliche Macht ans den Wurzeln b«r R e l i g i 0 n< entfaltet. Darum auch die mehr noch geahnt« als ausgesprochene Sicherheit, baß das Problem Palästina, sosehr es von aktueller Machtvositi? und Wirtschaftsverkettungen bestimmt' zu sein scheint, doch letzten. Endes nur im Rahmen der großen, allgemeinen, bb welt- und menschheitbefreienben Bewegung dieser Zeit definitiv gelöst werden wird, nicht vereinzelt und isoli.;rt. Seine Bedingungen wurzeln zu sehr im gemeinsamen Motiv des Glaubens an da? Recht der unterdrückten Völker. . «UM MreAiMt. 26. vmover 192»_ Nr. 985 die sich heute unter Krämpfen und Erschütterung«« Bahn zu brechen beginnt. \ D'e überragende Figur WeitzmannS weistzahdre'che übereinstimmende Züge mit dem anderen großen - .lasen und religiösen Führer dieser Zeitläufte, Lenins auf. (Bis in die äußere Erscheinung geht diese Aehnlichkeit: Derselbe slawisch-breite Schnitt des Gesichts, derselbe etwas schlau-heiwr blitzende Blick, dieselbe Einfachheit und Ruhe, Mangel an Routine und Verachtung! der Wirkung im Auftreten.) Wie Lenin hatte Writz-, mann nur wenige Menschen hinter sich, als er. Jo* Zusagen auf eigene Faust, unbekannt und glaubensstark,! das Gebilde Zion aus seinem Hirne neu 'emporhob.' Als er aus dem Dunkel hervortrat, gewahrte man! plötzlich den von seinem Lande ausgestoßenrn genialen! Menschen, der sich der Zukunft mit entschiedenem Griffe! bemächtigt hatte und dadurch die Faktoren der Gegen-! wart mit souveränem Willen für seine Idee dienstbav zu machen vennochte ... ' i Daneben So ko low, kühl, klug, Diplomat, in Mesön und Wirkung an Tsch it sch er in gemahnend.' Eine wunderschöne Figur: Dr. Schmarja Lev in,! erster jüdischer Abgeordneter der ersten Duma, von, Wilna gewählt, heißer Redner von hinreißender Gewalt,! Psaja auf d«r Wanderschaft durch die Welt, um für den Zionismus, den Keren Hajessod zu werbrn, setzte' sich auf dem Kongreß für den Plan einer mächtigen Propaganda ein, die von Jerusalem ausgehend sich! der Judenheit in allen Ländern des Exils geistig be-! mächtigen sollte. Ahasver gleich, ohne Heim, ohne An-! hang, wandern Männer wie dieser von Leidenschaft,! Glauben und dem Bewußtsein der unmittelbar zünden-! den Wirklrng.dev Utopie auf die leicht erregbaren Massen! durchströmte Ostjude durch die Länder der Diaspora,! arbeiten für d«n Aufbau des Landes, bas sie höchstens! flüchtig streifen auf ihrer Wanderung, in dem sie selbst! nie Fuß fassen werden! Und daneben di« seßhafte, eingebürgerte und Um«! sichtige Kraft Artur Rn pp ins, der den Aufbau! Palästinas an Ort und Stelle, in Jerusalem, leitet —' ein Prophet, nicht minder wie der andevr, eruptive! Gewalt, gebändigt durch den sieten, an der Wirklich-; keit gestählten Willen. In der bentschrn Landsmannschaft hörte ich bas« Betrat dreier Delegirrter aus Amerika (Amerika hatte! nächst Polen die höchste Delegierbrnzahl ~ 42): Gold-! Berg, Typus M Eastend-Bowery-Juden, witzig,lebsns, sprühend, von volkstümlicher Schlagkraft,' Dr. Straus, ans den großen Familien der Frankfurt- und Fifth- Avenne-Pluwkratie, saturiert von europäischer Bildung; und amerikanischer Macht; Lipski, in Aussehen und! Gehaben schon völlig dem hundertprozentigen Uank«^ assimiliert, gemessener Matter-of-fact-M^nsch. So arbeiten nebeneinander alle Spielarten des beutigen, seiner Fesseln ledigen Weltjnden: Der Führer-^ Diplomat, brr Großindustrielle, Gvvßbankier, dessen Betrat an Aufsichtsratssitzungen in wettlestimmenden Konzernen gemahnt, der prophetische Eiferer Und'^ I«<Vf)iwah-Gelshrte, von Nachtwachen über den göbeiligten Büchern des Talmrrd gebleicht, der ans dem Dunkel dumpfer beßarabischer Gl'ektis emporgetauchte proletarische Revolutionär, sozialistischer Soldat der Friedensarbeit. Neberwälsigend ein ganz neuer, noch nie geschauter Thpns: i^er Freiluß-Jubecker aus drm Galnth nach dem Lande Israel beimgewhrte Chaluz. ostiüdischerKleinhandwerkev, Kleinkrämer — jetzt Arbeiter im Feld, den Wölbern und in der Wüstrnei, bi« zur Siedlung werden soll, ein scharfäugiger, gebräunter, alttestamentarisch-r Kr'eg^r nnd Lehrer, Hirt« und Schomer — d^r Wächter, der die Nachtrund« hält um den Rand der Niederlassung,' nach Gefahren ansluat unter dem arabischen Himmel/ die Herd«n unh di« Menschen hütet — di« B e n - Z w v Eliesl-r Jo ffe. Jabneeli, neue palästinensische Inden.' Jiknge Frauen faßen im Kongreß. Lehrerinnen aus Siedlungsschnlen Naläftinas, fein«, geistige Stirn-en, gebräunt von der Sonne des Orients, stillen Jubel in den gestählten Formen ihrer Glieder, nicht mehr die. verweichl'chten schweren HaremStyv-m des Ghettos, sondern Töch^r Jephtas, mit Zymleln gegen Sonnen-, aufgang tankend, mänadenhaft die Locken schüttelnd.' Bald werde auch ich euch stheu. ihr Leut; vom Kidrvn, von Kinereth, Rechoboth, Rlschon-kie-Ziou! Internationale Arbettatonserenz. Genf» 25. Oktober. Die Internationale Arbeitskonferenz wurde heute vormittags eröffnet. Anwesend sind gege» 40V Vertreter von 44 Staaten aller Weltteile. Der Präsident des Verwaltungsrates des Internationalen Arbeitsamtes. Fontaine. (Frankreich) begrüßte die Versammlung, indem er auf die Fortschritte der internationalen Arbeitsgesetzgebung hinwies. Der schweizerische Vundespräsident S ch u l t h e s hob die wirtschaftlichen Schwierigkeiten hervor, deren Ursache der Krieg und nickt die soziale Gesetzgebung sei. Aber die wirtschaftliche Not dränge auf behutsame Abwägung aller Maßnahmen» die die Entwicklung der Produktion betreffm. Aum Präsidenten der Versammlung wurde einstimmig Lord B u r n h a m gewählt. In seiner Ansprache betonte er. der Wiederaufbau der Welt sei nur einer aemeiMme» Arbeit aller Nationen

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