Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 982 (23.10.1921)
- Date
- 1921-10-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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; UckdkAv'~ Kit% Sonntag E«gl«Ngegen Karl. Ger «»-«rische Minifterrat i« Permanenz. Budapest, 22 Oktober. Dar Ungarische Telegraphen-Korrespondenz-Bureau meldet: Die Demarche, womit die Ententemächte gegen die jüngsten Ereignisse protestieren, ist heute vormittags mündlich erfolgt. Wie versichert wird, sei die ungarische Regierung fest entschlossen, ihren im amtlich ausgegebenen Communiquä gekennzeichneten Standpunkt weitestgehend zur Geltung zu bringen, zumal seitens Englands schon in den Vormittagsstunden eine mündliche Demarche e r s o l g t s e i, w o n a ch E n g l a n d dagegen protestier^ daß Exkönig Karl die Herrschaft übernehme. - Man versichert, daß es der feste/ Entschluß der Regierung sei, die ganze Angelegenheit rasch und sehr energisch zu Ende zu führen. Der Ministerrat hat sich i» P e r m a n e n z erklärt. In Budapest herrscht vollkommene Ruhe. Arich die Arbeiterschaft verhält sich vollkommen ruhig. Wie verlautet, stehen eine Proklamation der ungarischen Regierung an die Bevölkerung und ein Armeebefehl desReichsverwesers an die Nationalarmee bevor. Die Telephonleitungen mit der Provinz funktionieren wieder normal, auch die Verbindungen mit Oedenbmg und Steinamanger. Budapest, 22. Oktober. Ueber die Weiterreise des Exkönigs Karl nach dem Passieren der Station Raab sind keinerlei Meldungen hier eingetroffen. Nach bisher unbestätigten Meldungen habe Exkönig Karl den in seiner Begleitung befindlichen Abgeordnete» Stephan Rakovszky zum Ministerpräsidenten und den Abgeordneten Edmund Beniczky zum Minister de» Innern ernannt. Der schweizerische Bnndesrat zeiht den König des WsrLbrnches. B«r», 33. Oktober. S5u»s Karl von Ungarn hat, wie die Schweizerische Depeschenagentar erfahrt, a« Samstag dr» 22. d. M. de» BuudrSrat schriftlich «r! geteilt, daß, wie er ßehauptrt, ferne ungarischen Getrene« ihn »nter Darlegung schwerwiegendster Gründe seiner eidlichen Pflicht gemäß aufgrfordert hätten, mit der Königin Unverzüglich nach Ungarn zu kommen. Der König und die Königin habe» am 80. d. M. gegen Mittag die Schweiz »on Dübevberg auS in Begleitung von drei anderen Personen im Flugzeug verlassen. Der BundeSrat stellt bei diesem Anlaß erneut fest, daß der König sich am 18. Mai 1921 in Hertenstein verpflichtet hat, sich jeder politischen Betätigung zu enthalten nnd dem pvliti« scheu Departement von jeder beabsichtigten Adresse mindestens dreiTagevorher Kenntnis zu geben. Am 5. d. M. hat der König den Anlaß einer Anfrage benützt, um durch einen besondere» Beauftragte« «schmalerkläre» zu lassen, er erachte sich durch die ihm am 18. Mai 1921 m Herteustei» unterbreiteten und von ihm angenommenen Bedingungen immer noch rückhallS. los gebunden. Der BunteSrat sieht sich dennoch ,» sei»«« tie'steu Bedauern zur Feststellung gezwungen, daß der König durch seine Handlungsweise dal gewährte Asylrechtmißbraucht und insbesondere sein Verspreche» fit’ brache» hat, indem er die Schweiz ohne die au-beßuugme Voranzeige verlassen hat. Grne««»«g eines MilitLrdiktatsrs. Budapest, 22. Oktober. Das Ungarische Telegraphen Korrespondenz-Bureau meldet: Der Reichsverwefer hat aus Vorschlag der ungarischen Regierung de» General der Insantene Baron Paul Nagy zum plenipvtentiLre» Militärkommandanten ernannt. Die Betrauung des Baron» Nagy erfolgte in der Absicht, dem Beschluß der ungarische» Regierung, wonach König Karl im Sinne der Gesetzartikels I von 1920 derzeit in Ungarn Herrscherrechte nicht ausüben kann, mit alle» Mitteln Geltung zu verschaffen. Die VsrgüAge in Oede«b«rg. Freitag vormittags wurde auf Anordnung des ungarischen Generals He ged Ls der telegraphische, Telephon- und Eisenbahnverkehr zwischen Westungarn und Oesterreich eingestellt. Die in Oedenbmg stationierten Truppen wurden alarmiert und auf den Exerzierplatz geführt. Hier nahm der General eine Truppenschau ab und hielt eine Ansprache, in der er ausführte, daß König Karl wieder »ach Ungarn zurückgekehrt sei, um die Regierungsgewalt zu übernehmen. Gr forderte die Truppen auf, ihres Eide» gegenüber dem allerhöchsten Kriegsherrn eingedenk zu sein und ihm Gehorsam zu leisten. Die Truppen erwiderte« mit dem Rufe: „hHvv s kiräly!u Hierauf trat Osztenb u r g vor die Front und hielt gleichfalls an die Truppen eine Ansprache. Er sagte, daß er noch Kommandant sei und die Truppen ihm zu Gehorsam verpflichtet seien. Die Soldaten brachen in den Ruf aus: „Elien Osztenbmg 1M Dann erfolgte der Abmarsch in die Kasernen, wo die Truppen in Bereitschaft blieben. Kurz nach 2 Uhr nachmittags erfolgte die Ankunft des Königs in Oedenbmg mit einem Flugzeug, nur von dem Piloten begleitet. In der Stadt selbst herrscht Ruhe. W'isner Morgrrrzeitwwg » Der Friede Mitteleuropas bedroht. V n b ft p e ft, 22. Oktober. (Tel.-Korr.-Bur.) Die Budapests? Abendblätter von heute enthalte« außer dem Eommrmiquö, dadie Stellungnahme der Regierung zum Ausdruck dringt, keine näh.eren Mitteilungen Liber die Oedenburger Vorgänge. Es verlautet, daß die B ah nlinie n ach Raab auf Verfügung der Regierung ukterbrochen wurde» weil Gerüchte verbreitet waren, daß die Raaber Garnison sich dem Unternehme« des Königs angeschloffen habe. Die Vertreter der großen Entente haben sowohl beim Minister des Aeußern als auch beim Reichsverweser Protest eingelegt. Die Abfaffung einer Kollektivnote ist in Vorbereitung. Ebenso find die Vertreter der kleinen Entente beim Minister des Aentzern und beim Neichsver« Weser erschienen und haben Erklärungen abgegeben, die dahin lauten, daß durch die Rückkehr des Königs der Friede Mitteleuropas bedroht erscheint; falls die ungarische Regierung der karlistischen Unternehmung nicht aus Eigenem Herr werde« könne, würden 1 die Staaten der kleinen Entente genötigt sein, ei-zugreife». Gin Kabinett König Karls. Wie aus Oedenburg gemeldet' wird, ist König Karl vom früheren Präsidenten des ungarischen Abgeordnetenhauses Rakovszky empfangen worden. Der König ernannte diesen sofort zu seine» M i n i st e r p r ä s i d e n t e n und übertrug ihm die Kabinettsbildung. Soviel bis jetzt bekannt ist, gehören der neuen Regierung die Grafen Apponyi »nd Andrassy sowie Dr. G r a tz an. Ministerrat in Prag. Prag, 22. Oktober. Ministerpräsident Doktor BeneZ, der heute früh mit dem Präsidenten M as a r y k nach I i ö i n abgereist war, um an einer Militärfeier teilzunehmen, ist infolge der ungarischen Ereignisse bereits nachmittags zurückgekehrt. Für morgen vormittags ist ein M inifterr at, für Montag vormittags eine Sitzung des A n ß e n a « s s ch u f f t s des . Abgeordnetenhauses einberufen. r } Masarhk in Präg. Prag, 22. Oktober. (Tschecho-siow. Preßbur.) Der Präsident der Republik ist um 8 Uhr abends hier eingetroffen. Die tschechische» «ad die deutsche» Sozialisten einig. Heute Meeting «« Altstädte« Ri«». Prag, 32. Oktober. (Tschecho-sl-w. Preßbur.) Heute nachmittags fand i« Abgeordnetenhaus eine Beratung der Vertreter der B»llz»ßsa«-schüsfe 'der tschecho-slowaksschr« sozialdemoklatischen Arbeiterpartei und der tschecho-slowakischm sozialistischen Partei statt, an der auch Vertreter der de»tsche» Sozialdemokratie triluahmeu. In der Beratung wurde» die durch die Rückkehr Karl Habsbrrrgs nach Ungar« eutstaudeue Gltnatio« uud die Gefahr einer «onnrchrstische« R e a k t i o « für »auz Mitteleurapa erörtert. Die eirrgeheude Debatte zeigt», daß die sozial,stischen Partei» i» der Beurteilung einig uud mit aller Entschiedenheit entschlösse» sind, die republikanische« Einrichtvngeu nnd die Erranpenschajten deS Proletariats gegen die Habsburger nnd die mit ihnen verbnndenr Reaktion zu v e r t e i d i g e u. Vs wurde beschlossen, «oigrn vorm'.ltags ans de« Altstädter Rirrg em-e«ei«sames Meeting des arbeitende« BolkeS in veranstalte». Die Vertreter der sozialistischen Parteien bleiben während der Zeit der Gefahr in ständiger Fühlung. Prager VlaLLerstinrmen. Pra», 22. Oktober. Die Abendblätter beschränke« sich zu« g^dßen Teil auf die Wiedergabe der Wieurr und Budapest« Meldungen. ,PrLvo Lidu* schreibt: Wir Tschecho-Slowaken haben Karl Habsdurg im Mär, aus Ungarn verjagt, wir w«den ihn auch jetzt hiuauSlreibrn und, wen» « nicht im Guten gehe» wollte, mit Pul»« uud Blel nach helfe«. »NüropuiListy* führen aus: Für dir kleine Entente biete sich jetzt Gelegenheit, ihren Einfluß im Interesse des Friedens zur Geltung zu dringe». Die befreite» Völker Mitteleuropas können nicht zulassen. daß in d« Nachbarschaft ei» reaktionäres System Wurzel faßt, durch daS neuerlich alles bedroht werden müßt«, wofür so viele Menschenleben geopfert «arden sind. „Närodui Lisih" schreiben: Wir können in Ruhe die weit«« Entwicklung der Dinge abwarte». Wir haben die Versicherung erhalten, daß alle nötige» Maßnahmen getroffen wurde« und die Regierung der tschccho-slvwakischen Republik mit aller Entschiedenheit eingreifen wird, wie es die Interessen der Republik erfordern werden. Die „Prager Presse" schreibt: Wir könne» vorläufig »nnehmrn, daß auch die Budapest« Regierung durch den Oedeirburger Putsch wenigstenteilweise Sbrriascht worden ist. Sre sieht heute vor der Müsung, ob die ihr zur BrrtSgung stehenden ■ poikitchen und «rluärrsche» Machtmittel sich bewahre» »ud dem 23. Oktober im Xr. m karlistischen Ansturm standhaften wttdeu. Dia Ueßnraschuna ist schon ei» halber L r f o l g; deshalb ist vielleicht schon der heutig« Tag für dir Abwthrfäbigkeil der Budapest« Regierung enischeideud. Di« zwrile Rückkehr Karls' muß eine AuSeiuandersetzungz zwischen den Legitimisten auf der einen Sete und de» Anhängern Horthyt «nd den Baue>» Ungarns auf d« andere» Seite znr Folge, haben. Die Verletzung der Friedeusverträge uud das Ueberein» komm'» gegr« die Wiederkehr d« Habsburger werden eine J»terventio» des Auslandes notwendig' machen. Der österrrichssch« Protest beweist, daß diese Jtrrerventon bereits im Zuge ist. Je rasch« sie «folgt »nd je erfolgversprechertder ihre Mittel sein werden, desto schnell« wird ihre Wirkua» rmtrrte«. _________ Die Negierung mahnt zur Besonnenheit. Wie«, 22. Oktober. Die ,SLaak»korre» spondeuz" schreibt: Die Negierung ist fest entschlösse«, jede» Nebergreife« der Ereignisse i» Luga ru aufOesterreich zu v er hinder«, sie wird jedem Versuche, die öffentliche Ruhe und Ordnung in Oesterreich z» stören, mit alle« gesetzliche« Mittel» entgegentrete«. Demgemäß spricht sie die Erwartung aus, daß alle Kreise der Bevölkern«« die ruhige und besonnene Haltung, die sie de» Ereignissen in Ungar» gegenüber bisher an den Tag gelegt haben, auch weiterhin wahre» werde». Die Nachricht in Wie«. Die Gnteutrmisfiuueu überrascht. — Nächtliche« Kabinettsrat. — Die «ffeutltche» Gebäude besetzt. —; lGefprechuu-e« dev Parteiführer. Die Nachricht von der plötzlichen Ankunft des Königs Karl in Oedenburg La« de» hiesige» Ententevertretern vollkommen überraschend. Die erste Meldung erhielt der englische Gesandte in Wie» L i« d l e y. Freitag u» 11 Uhr »acht» fuhr ein Auto bei der Gesandtschaft vor, dar einen Ententeoffizier ans Oedenburg brachte, der der» Gesandten die Meldung erstattete. Der Gesandte verständigte sofort de» Bundeskanzler S ch o b e r und begab sich unmittelbar nachher zu ihm. Auf diesem Wege erfuhr die österreichische Regierung von der Landung des früheren Kaisers in Oedenburg. Die italienische Gesandtschaft bekam gestern stütz aus Budapest Nachricht über die Ankunft des Königs auf ungarischem Boden. Der italienische Gesandte s» Budapest, Principe dt Castag «ei, t o, ..der ^sich-- augenbltcklich in Wien aufhält, begab sich gestern aus seine» Budapest« Posten. Der französische Gesandte Lesövre-Poutalir befindet sich augeubliMch aus einer Automobiltour i» Oesterreich. Der Bundeskanzler oeranlaßte, als er von dem Ereignisse verständigt wurde, unverzüglich die telephonische Benachrichtigung der Minister, die dann im Gebäude der Poli-eidirektto» zu einem Kabiuettsrate -usammentrateu. Er wurden sofort alle Maßnahmen getroffen, um zunächst in Wien für alle Ueberraschungen gerüstet zu sein, und Auftrag gegebe», sämtliche öffentlichen Gebäude zu besetze». Dieser Befehl wurde «och nachts durchgeführt, worauf die entsprechenden militärische» Vorkehrungen veranlaßt wurde«. Einschlägige Befehle ergingen anch an die Kommandanten der an der w e st n n g a r i s ch e n G r e »z e stehenden österreichischen Truppen. Unter eine» erging dann noch die Weisung an alle Landesregierungen, die ausgefordert wurde«, in ihrem Wirkungskreis ähnliche Sicherheilsvorkehrungen zu treffen. Bestem in de« erste» Vormittagsstunden wurden die in Men wellenden Parteiführer vom Bnndeskanzler persönlich telephonisch von der Rückkehr des Exkaiser» verständigt und im Laufe des Vor- «tttags fanden auch wiederholt neuerlich B esprechungen mit dem Bundeskanzler statt, worauf die Parteiführer miteinander in Fühlung traten. Präsident Dr. D i n g h o s e r konferierte wiederholt mit de« Führer der' Christlichsozialen Dr. E e i p e l und dem Präsidenten S e i tz. CH«« JtHxbgefmxg »es Bürgermeister». Im Gemeiuderatssttzungssaale de» Rathhauses begannen die Beratungen der fünften Hauptversammlung de» D eu tsch österr eichis ch en Städtebundes, wobei unter anderen auch Bundesprästdent Dr. H a i»i f ch nnd der Minister für Inneres Dr. W a b e r anwesend waren. Der Obmann des Städtebnndes Bürgermeister Reumann eröffnete die Tagung mtt folgenden Worten: Ich habe heute um 3 Uhr früh vom Polizeipräsidium die Mitteilung erhalten, daß der Habsburger- Karl mit Flugschiff gestern 7*2 Uhr nachmittags in Oedenburg gelandet ist. Ich halte es für notwendig, daß der Städtebund anläßlich feiner Tagung in nicht mißzuverstehender Weise ein B e k e n n t n i s z u r Republik ablege. (Stürmische Bravorufe und Beifall.) Ich halte es für dringend geboten, daß bei Stadtetag burch mich ausspricht, daß jeder einzelne auf seine« Posten stehen werde, wenn die Gefahr. ' naht, und daß jeder einzelne bereit ist» Gm und Blut