Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1921-10-16 · Heft 975 (16.10.1921) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 975 (16.10.1921)
Date
1921-10-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2979076-2979773-2980054--09095-2995309
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Wien Sonntag Wiener Morgenzeit««- 16. Oktober 1921 Mr. 975 Veite 4 Die neue Parlamentssesfion In Prag. -r. Prag, Oktober. Mit dem 6. b- M. wurde die Frühjahrssession des tschecho-slowalischen Parlaments durch ein Hattdsch eiben des Präsidenten Masaryk geschlossen und gleichzeitig wurde die Nationalversammlung für den 18. d. M. zur Eröffnung der Herbstsession einberufen. In der ersten Sitzung wird sich das Kabinett Bene sch vorstellen. Der Ministerpräsident wird seine Programmrede und der Finanzminister Novak seine Budgetvche halten. Die Pläne der Regierung Benesch werden also erst aus diesen Reden zu erkennen sein und trotzdembeswäftigt sich die Öffentlichkeit seit der Bildung der s Regierung mit dem Programm. Daß aber die Öffentlichkeit in fait täglich Wiede Ehrenden Artikeln die Möglichkeit des Ausgleiches mit den Deutschen einerseits und die budgetären Fragen andererseits erörtert, ist ein Zeichen dafür, worauf die neue Negierung unbedingt wird Rücksicht nehmen müssen. Es läßt sich nur schwer annehmen, daß Benesch in seiner Programmrede nicht auch die Frage der Deutschen anschneiden wird. Der deutschparlamentarische Verband hat inzwischen seinen Abstinenzbeschtuß vom August revidiert. Es ist heute jedermann klar, daß das Fernhalten der Deutschen ihnen nichts genützt hat und ihnen ein weiteres.Festbalten daran nur unermeßlichen Schaden zufügen würde. Die deutsche Bevölkerung würde es auf keinen Fall verstehen können, daß sich die deutschen Abgeordneten auch dann fernhalten, wenn, wie Präsident Masaryk in seiner Preßburger Rede angekündigt hat, die Kriegsanleihefrage. die ein Teil der Minoritätenfrage ist, verhandelt werden soll. Ministerpräsident Benesch wird es jedenfalls nicht leicht haben, seine Aufgabe zu erfüllen. Käme es nur auf seine Persönlichkeit an, könnte man heute schon einen Erfolg prophezeien. Aber schon macht sich bie Opposition bemerkbar. Kramarsch und sein chauvinistischer Anhang protestieren in ihren Blättern gegen alle Annäherungsversuche an die Deutschen. Sie sind der Meinung, daß die Deutschen erst Garantien' geben müßten, daß sie alle ihre Fehler emgeftehen und daß sie sich von Grund auf ändern müßten. Es ist übrigens interessant, was man in eingeweihten Kreisen von der Entstehungsgeschichte dieser scharfen Opposition der Kramarsch-Leute zu erzählen weiß. Während der Verhandlungen zur Bildung der parlamentarischen Regierung hat K r a m a r s ch sein Buch über Rußland veröffentlicht. Dieses Buch, das schon in dritter Auflage vergriffen ist und demnächst in deutscher Uebersetzung erscheinen soll, wurde als Epilog zur russischen Jnterventionspolitik Kramarsch' angesehen. Es hieß, Kramarsch habe sein Steckenpferd, Rußland, fallen gelassen und suche jetzt ein anderes. Er habe es auch schon gesunden, und zwar wolle er den Ausgleich' zwischen Tschechen und Deutschen herbeisühren. Da er aber, weil nicht er, sondern Benesch Ministerpräsident ist, nicht die Möglichkeit habe, seinem Namen durch diese Tat neuen Glanz zu verleihen, mißgönnt er jedem anderen einen möglichen Erfolg auf diesem Gebiet. So erklärt man sich das Verhalten Kramarsch' und zweifelt infolgedessen daran, daß Benesch stark genug sein werde, gegen Kramarsch und die übrigen Nationalisten mit den Deutschen zu einem guten Ende zu gelangen. In diesem Zusammenhang wird auch bedauert, daß Benesch Ministerpräsident wurde, weil man annimmt, baß eine Schlappe in der Innenpolitik auch Benesch' Außenpolitik abträglich werden könnte. Andere Kreise wieder lind der Ansicht, daß Benesch genügende Unterstützung finde. Sie weisen da'auf hin, daß die führenden Männer der Parteien deshalb nicht in bie Regierung eingetreten sind, weil sie sich nur diesen Fragen (der Minovitäten- und den finanziellen Fragen) widmen wollen und baß schon jetzt ein gewisses Uebereinkommen bestehe. Die zweite schwierige Frage ist die Sanierung der Skaatsfinanzen. Wie alle mitteleuropäischen Staaten, leibet auch die Tschecho-Slowakei unter der Unsicherheit des Valutenkurses. Daß dieser Staat unter allen mitteleuropäischen die höchste Valuta besitzt, ist eher ein Nachteil für ihn. Dadurch wird der Export gehemmt, während andererseits der Tiefstand der tschechischen Krone in Zürich den Import erschwert und vertiert. Demgemäß ist auch bie Teuerung eine un-' geheure. Das Budget des Staates ist in Unordnung^ Die große Beamtenzahl, die noch dazu ungleichmäßig verMt ist, die doppelte Administration, die staatliche und die von Oesterreich Übernommene autonome, die hohen Kosten des Militärs bewirken Ausgaben, zu denen die Einnahmen nicht im Einklang stehen. Sab ei ist die Steuerlast nicht mehr zu erhöhen und oaraus entsteht die F ^.ge, wie es möglich wäre, bas Gleichgewicht der Einnahmen und Ausgaben herzustellen. Wirtsch«ftsk»«fere»z der -attische« Staate». Warschau, 15. Oktaler. s„Poln. Glimmen*.) In den nächsten Tagen wird eine Konferenz der Bkrtnler Estlands, Letrlanos, Finnlands, Litauens und Rußlands staitsinden. Gegenstand ■'ei Beratungen wird die Austeilung des Imports der bülti'chen Staaten nach Rußland b.ld'ri. Pole« nmd rn dieser Konierenz nicht vertreten sein. Politische MAKÄscha«. Eine neue antisemitische Partei in Deutschland. Der unter dem Namen „Knüppel-Kunze" berüchtigte antisemitische Hetzer hat in Deutschland eine neue antisemitische Partei begründet, die sich „Deutschsoziale Partei" nennt und , bei den Berliner Stadtverordnetenwahlen mit einer eigenen Liste auf den Plan tritt. Die Partei hielt in den letzten Tagen ihren ersten Parteitag, auf dem Knüppel-Kunze das Referat erstattete, in welchem er zwischen der neuen Partei und den Deutschnationalen einen scharfen Strich, zog, da auch die äußerste Rechte stark verjudet sei! Kunze verlangte die A u s w e i s u n g allerseit dem 1. August. 1914 eingewgnherten .Juden, die Stellung der in Deutschland verbleibenden Juden unter Fremdenrecht und Einführung einer Höchstzahl bei der Besetzung öffentlicher' Aemter und bei der Zulassung zu den Hochschulen für die Juden. Den Tod Erzbergers bezeichnete Kunze als langst verdient und meinte unter stürmischem Beifall, daß Erzberger längst als Verräter an die Wand hätte gestellt werden müssen. Den Streit um bie Staats form bezeichnete Kunze einstweilen als nebensächlich. Als er „den Unsinn" ablehntf daß seine Parier Wilhelm II. aus Holland zurückholen wollte, gab ihm die Versammlung mit dem entrüsteten Ruf „Nicht den Judenkaiser" recht. Das alte Kaiserreich habe Deutschland ins Elend geführt» „weil es verjudet war". Die übrigen Redner überirafen Kunze noch an antisemitischen Roheiten. Ein Redner erklärte, der Kaiser könne in Holland über das Wort Nachdenken, „wer vom Juden frißt, stirbt daran", denn Wilhelm habe den jüdischen Regierungskucs in Deutschland eingeführt. München—Budapest. Die „Münchner Post" setzt ihre Enthüllungen über bie bayrischen DerschwörerorganisatiMen fort. DaS Blatt berichtet über eine „Osthandels-Gesellschaft von der eS heißt: „Die »Osthanbels-Ocsellschaft* wurde seinerzeit gegründet, angeblich zu dem Zweck, mit den Oststaaten, namentlich mit Ungarn, Handelsbeziehungen. anzuknüpfen. Der tatsächliche Zweck ist lediglich die politische Zusammenarbei t mit Ungarn. An der G. m. b. H. sind beteiligt j der bekannte Kommerzialrat Zentz und der Konsul Rücke, i Die Leitung ist im Münchner Ring-Hotel, dem bisherigen Sitz der Einwohnerwehr-Zentrale. Der erste Direktor ist der Materialreserent der Landesleitung der Einwohnerwehr, der zweite Direktor ein Major, der ftüher längere Zeit in Ungarn tätig war. Eine Filtaldtrektion der Osthandels- Gesellschaft befindet sich in Budapest. Dir erlauben uns die Anfrage, ob es richtig ist, daß Leutnant Schwetkhardt, der als Täter depolitischen Morde» im Forstenrieder Park sestgestellt ist und außerdem hinreichend verdächtig erscheint, an dem Mord des Abgeordneten Ga re iS beteiligt gewesen zu sein, von der Osthandels-Gesellschaft im Ausland beschäftigt wird." Wahrscheinlich hat der Gesuchte inzwischen in Budapest ein sicheres Asyl gefunden, wenn -er sich nicht unter den Banden des BnrgenlandeS befinden sollte! Eine arabische Stimme für die jüdischarabische Verständigung. D^e äghptt'che arabische Zeitung „Alotniah" (Nationalität). die von einer Gruppe bedeutender Schriftsteller und Dichter in Kairo herausgegeben wird, veröffentlichte einen Aussatz von einem bekannten Jafsaer arabischen Schriftsteller gegen die arabische Europa- Delegation, in dem es unter anderem heißt: Diese Delegation wirb, wenn sie ihr Ziel nicht erreicht, und dies wird nie der Fall sein, uns (Arabern) nur Schaden bringen. Falls es ihr gelingen würde, die Annullierung der Balfour-Deklaration, was ja ganz ausgeschlossen ist, durchzusetzen und in Palästina jede Spur des Judentums zu verwischen, so werde sie nur dem Lande arb eitenbe Kräfte und Mittel für dessen Aufbau und Entwicklung entziehen^ wenn sie jedoch, was gänzlicher ist, erfolglos sem wird, so wird ihr Bestreben nur den Haß dev Juden erregen und die Feindschaft zwischen diesen beiden Bruderstämmen stark aufloöern lasse«. Man müsse betonen, baß wir die Juden nicht besiegen werden und ihrem Zorn und dessen Folgen nicht werden standhalten.können. Wenn wir jetzt, wie wir behaupten, in unserem Lande nicht bleiben können, während die Juden Frieden wünschen, tvie wird erst unsere Lage in der Zukunft sein, wenn die Juden uns Krieg angesagt haben und die Herrschaft des Landes in ihrer Hand haben werben, mit allen Aemtern, Militär, Polizei^ Vermattung, Gericht, Handel, Landwirtschaft und Industrie? Wenn wir jedoch uns gegenseitig vertrauen, so werden wir gemeinsam den V o r te il des Landes fördern, die Juden mit ihrem Geist, ihrem Geld und ihren handelsorganisatorischen - Kenntnissen und wir mit unserer Hände Arbeit und dem Erbteil unserer Väter. Dank diesen Bestrebungen werden auch die palästinensischen Araber zu Konzessionen geneigt sein und sich' dem jüdischen Jmmigrationsstrvnk nicht widersetzen. Wenn die muselmanischen und christ lichen Araber den alten Religionshaß, der sie zur Zeit der Türken trennte, auslöschen und an besseo Stelle ein einheitliches Nationalgefühl setzen konnten, bis sie fast zu einem Körper geworden sind, so, als ob sie einer und derselben Religion angehören würden, weshalb soll Aehnliches nicht zwischen Arabern und Jude« möglich sein? , Lassen wir Verstand über Gefühl die Oberhand gewinnen und wir werden erfolg, reich fein. _ Witos ruft zum Audenbo-Lott aus. Aus Warschau wird berichtet: Der gewesene Ministerpräsident Witos hat in dem Städtchen Bus,es5 welches zu seinem Wahlkreis gehört, eine Versammlung abgehalten, um einen Tätigkeitsbericht zu erstatten. Darin sagte er unter anderem: „In meinem Kabinett gab es einen Minister, zu welchem das ganze Land Vertrauen hatte; bas war der Finanzminister St e czkowski. Es zeigte sich aber, daß hier kein Finanzminister Abhilfe schaffen kann, weil es Leute gibt, welche auf das Fallen der polnischen Mark spekulieren. Das sind die Juden. Sie sind für die ganze Krise verantwortliche Nachdem noch einige andere Abgeordnete der Witos« Partei, wie die Deputierten Kirrnik und Rubnik, im selben Sinne gesprochen hatten, nahm Witos noch ein. mal bas Wort und führte unter anderem Kus: „Man beklagt sich, daß es zu viel Aemter gibt. Ich habe immer danach gestrebt, bie Zahl der Aemter zu verkleinern, besonders den Wirkungskreis des Wucheramtes einzuschränken, welches den Bauern so viel Böses antut." Witos kam dann auf den Boykott gegen die Stadtbevölkerung zu sprechen und sagte, man könne die christliche Stadtbevölkerung nicht boykottieren, weil das einen Bürgerkrieg Hervorrufen würde. Boykottieren könne Und solle man aber die hauptsächlichen Städtebewohner, die Juden. Im -Sinne dieser und der anderen Reden wurden einige antisemitische Resolutionen angenommen. ES hat doch sein Gutes, nicht mehr Ministerpräsident zu sein, man kann freier und offener seine wahre Gesinnung kundtun. Die neue Negierimg von Fiume. Nach einem langen und für die Stadt Fiume, überaus schädlichen Provisorium hat sich endlich die neue Regierung deS Freistaates konstituiert. In der kmstituierenden Sitzung am 3. b. M. legte der neue Regierungschef, der frühere Altbürgermeister Zanella, sein Programm bar. Eine der schwierigste« Fragen bildet das Problem des Porto Baros, eine Frage, in welcher "bisher zwischen Italien und Jugoslawien keine Einigung erreicht werden konnte. Zanella führte aus: Das Delta und Porto Baros gehören zu Fiume, sie bilden einen integrierenden Bestandteil von Stadt und Hafen, über welche« niemand einseitig, ohne Fiumes Zustimmung, entscheiden dürfe. Die schwierige Frage stehe in engem Zusammenhang mit dem Problem deS Fiumaner Handels und Verkehrs und die Notwendigkeit, mit Italien und Jugoslawien gute Beziehungen zu unterhalten, mache eine endgültige Lösung dringend. Daher müsse von Italien und Jugoslawien eine schleunigste Wiederaufnahme der Verhandlungen gefordert werden, worauf man mit dem übrigen Hinterhand in Verhandlungen eintteten werde. Die diplomatische Vertretung Fiumes und der Schutz seiner Bürger ün Ausland bleibt Italien übertragen. Die Verbesserung der traurigen Situation der Stadt, der Schutz der Freiheit, die Auftechterhaltung von Ordnung und Sicherheit sei das nächste Programm der neuen Regierung. Ein Redner der Minorität, welche die Angliederunb an Italien zum Programm hat, protestierte gegen Zanellas. Behauptung, baß die Unabhängigkeit der Stadt znm Äile dem Entgegenkommen Jugoslawiens zu banken sei und erklärte, bas italienisch-annexionistisch» Programm müsse erhalten bleiben, bis die Möglichkeit', einer Angliederung an Italien gegeben sei. Fiume hat nunmehr seine neue Regierung, aber daß Fiumaner Problem bleibt ungelöst, solange die Frage des Porto BaroS zwischen Italien und Jugoslawien nicht bereinigt ist, und auch die wirtschaftliche Zukunft von Triest hängt mit dieser Lösung innig zusammen. _^_ (Sitte Aktion gegett Wittdischorätz Budapest, 15. Oktober. »Bilag* meldet: Infolge 3"' spitz««» der Gegensätze zwischen den Lrgitimiste« und den HabSb«rggeg«erv beabsichtigen mehrere der Agräiparlei augehörige Ahgew bnete,' geoen de« LkgiliuüstenfWer Prinzen Windischgräy e«e Aktion 1« de« Ginne rinzuleüen, daß seine Gäter betznfS Sicherstellung von Forderungen der Staatskasse sequestriert «erde«. DieSfaÜS soll i« der Natiorralversarimiluua ei»e Jnlirvellatiou unterbreitet «erbe«, i« der darauf -«gewiesen wird, daß Prinz Wiadi'chgrätz m der Schweiz StaaiSgelder «eraulgttt hat. deren Rückerstattung er biSher unterlasse« hat. <S» soll sich hiebei «m die Summe von «ehreren hundert Milli« «e« Krone« nach d»m Stande de» heutige« Kurse» Handel«. Allen wan In Preisen und Qualität ist und bleibt die Stadt-Restenmesse. OrÖsstes Lager in Stoffen für Anzüge, Kostüme, Raglans und Winterröcke iöso M-Min!.. WÄSM10-12,!., Adlers, i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.