Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 974 (15.10.1921)
- Date
- 1921-10-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Rr. 974 Wie». Same Wteuer MsrKe«seitmrs 15. ÖLtvber 1921 Seite 9 ————^—~ rTr'!" State« gewendet, bemerkte et^lauBett Sie, daß ein christlichsozialer Minister nur Let^ anstellen muß, die Sie ihm präsentieren? (Großer Lärm^ den Sozialdemokraten.) Abgeordneter Schis/: Wen haben wir Ihnen präsentiert? Namen nenn« (Rufe: Lügen Sie nicht') . . - Abgeordneter Resch/ Es sind , auch Leute ans Ihren Reihen angestellt worden. / Abgeordneter Eldosch: Schämt Euch in den Hals hinein! Der Lärm wurde!nn ft» arg, daß Dr. Resch nicht , weitersprechen konnte. Hisident Dr. Dinghofer läutete unausgesetzt. Unterdessenkam es zu einem Renkonter Zwischen, dem Abgeordneten Dr.M ataja und Leut Huer. Ditz Sozialdemokraten trom^lten während dieser Sze»e unauSgesetzt auf den Pulten.'/ , Abgeordneter Dp Bauer und Dr. Seipel bemühen sich, die Krasällmacher von der Mdnsterbank zn entfmren, wgS ihnen Nch geraumer.Zeit gelqng. Abgeordneter Nüch Maß; Aach meiner Urzeugung hat die Anstellung!des RakonitsH den gesetzliche» An« sörderungen vakltomy/u entsprachen. ' . Abgeordneter ^c. Bauer; Was ww es mit dem Strafverfahren? j " Mgeordneter Resch: DaS Strafverfahren war riel später! Da der chrj-ttchsoziale AbMrdnew Dr. Strinrst gar, zn den Doialdemokraten gewendet, einen Zwischen« cuf 'macht, ruft ihmAbgeordneter Zelenka zu: Halten Sie das Maul, fete Tiroler 5;rettet! W r w rten uns schon diese Mo^rchisten Ms den StaatSämtc^ Herairshalst»!. j * Dr. Ns sch :1Jhr habt euch eure Leute an ge stellt, warum sollen wir nicht unsere Parteigenossen anstellen? '' D'ie'Mgeordm^n Sch iegk und Bauer schreie--, aus dM. Redner m: Drsdrehen Sie dach nicht den Tatbestand! Abgeordneter Korst»er beantragte eine Resolution, in der die sofortige!Entlassung Rakomtsch' und die Vorlage eine- Verzeichnisses j über die neuäustzenommenen Beamten verkamt wirb. AbMorbnewr Dr. Frank (großdeutsch) meinte, vor Nationalrat habe nicht das Recht, die Anstellung Zeines Beamten zu annullieren. Doch werden seine Parteigenoffen für den zweiten Teil des Antrages Forstnsr im Hinblick auf die karlistische Gefahr stimmen. Er beantragt« eine Entschließung, in deriW Regierung aufgesorderl wird, die Gesetzmäßigkeit der Aufnahme Hans Rakonitsch' in den Bundesdienst zu überprüfen und dem Finanzausschuß sof-rt Bericht zu «statten. Bei der Abstimmung wurde der Antrag Frank angenommen, ebenso der zweite Teil des Antrages Forstner, während der erste Peil dieses Antrages vbgelehnt wprde. Hierauf wurde noch ohne Debatte das Bundesgesetz über die Akademie der Wissenschaften in Wien zum Beschluß erhoben. Nächste Sitzung Donnerstag den 20. b. M., 8 Uhr nachmittags. - Die Ko«fere«z von Portorose. Rom. 14. Oktober. (FaulspruchZ Rach verläßlichen Nachrichten wird die Konferenz vou Portorose am 34. d. M. ihre Sitzun»e» Itflimte». _ Telegramme. Sokolow in Berlin. Berlin» 13. Oktober. (Iüd. Korr.-Bur.) Zu Ehren de« hier weilenden Vorsitzenden der zionistischen Exekutive H. N. S 0 k 0 l 0 w fand ein großer Empfang statt. Es sprachen die Herren Dr. Rosenberg. Iabotinsky, Georg H a l p e r n und Dr. Schmarjahu L e w i n. In Erwiderung aus die Begrüßungsansprachen sagte Sokolow unter anderem, er sehe in der Tatsache seines Ausenthalts in Berlin den Beweis, daß der Zionismus stärker sei als der Moloch des Welt Krieges. Sokolow bezeichnete das Mandat als nicht befriedigend und führte aus, es könne keine Rede sein von einer Auswanderung von Juden nach Palästina. Juden müssen nach Palästina repatriiert werden, er hoffe, daß e« eventuell möglich sein werde, eine günstigere Interpretierung der Mandatsbestimmun gen zu erlangen. Die neue jüdische HUfskampagne in Amerika. Ttzica^o, 11. Oktober. (JÜd. Korr.«B»r.) Auf Initiative ök§ Rew-Uorker amerikanisch-jüdischen Hilfskomitees fand hier unter Vorsitz des General- Abel Davis eiue au« allen Teile» der Union beschickte Delegintenlonferevj statt, die nach Eiitgegeunadme vo» Berichten Dr. Felix W a r L u r g S und vr. Louir M a r s h a l l S beschlossen hat, einen großangelrgterr ^vrlvezur Aufbringung von 14 Millionen Dollar zu unternehmen. die für die Finanzierung dex Hilsßtätigkfit in Europa im kommenden Jahre erforderlich siud. ' Dieser ^vrive" soll gewiffermatzr» im Zeichen dss ersten Jahrestages des Todes Jalob H»-Schiffs zum Andeuke« au die Großmut best großm jüdische« Wohltäterstattfinden. EnttünschuRg der arobLschen Delegation. London. 13. Oktober. (Jiid. Kon.-Bur.) Dir „Wefirrn Mail" yeiß über große Enttäuschungen zu bcr ch^en. die die cmtiziomstische Abordnung in London erlebt habe. Man habe sie von Pontius zu Pilatus hkrumgrichM und zum Schluß wußte sie «och hören, daß sie sich an die zionistische Organisation wenden solle, Gastfreundschaft sei eine orientalische Tugend. Die einen Pascha und ei«e« Bey emMtßesde Abordnung »eint, sie sei ihr m London nicht begegnet. Die oberschlefische Frog«. Kot« Nückrtvitt de» »o«t?chen «i»»isvu»g. Brrlt», 14, Oktober. In der sirstngen Sitzung des Mnstm* Au-schusieS des Reichstages erklärt« Redlanrler Dr. W i r t % bt« Regierung sei einmüng der Auffafsun-. daß sir jetzt ihren Mcktritt nicht beschtiest t «dürfe; denn in einer Krisenzeit wie der jetzigen müsse eine akiioyMhjge Regierung vorhanden sein, Desha!b ble-be die Rrgnrnns iw Ami. Dir Vertreter der Parteien, mit AnSvabmr der Tenssch. nationalen, schlosst« sich der Aussasiung des Rt'chZkrnizbrs an. Me M«!sche Presse gegkn die Tett««g OberschLeste««. Wsvscha«, 14. Oktober. (Funksptuch.) Die Presse bespricht die Gerüchte über die TeilungsU«ie Obsrschlefiens und protestiert geqen die Ungerechtigkeit dieser Entscheidung, soweit sie Polen nnd das Selbstbestimmungsrecht der Obnschlsster betrifft. Die ZeitAngen sind empört über die willkürlich in Genf gezogene Lime, die weder das Ergehnis der VvlKsybstimmMS achtet noch dm klaren Veftimmungen des Friedmsvertrages Rechnung trägt.' MzeezvvfpülitaE schreib! Man kann eine Entschchung, die Deutschland die zwei Dt strikte Groß» Strehlitz und Güiwitz lW, die vorwiegend von Polen bsWohnt sind, nicht als gerecht bezeichnen. Dieselbe Entscheidung weist Deutschland Teile polnischer Bezirke zu, um ihm Eisenbahnlinien zu belassen, während dieser Beweggrund Keine Rolle spielt, wenn es sich um gleiche Intercssen Polens handelt. Das Blatt stellt fest, daß — fall« sich die Gerüchte bewahrheiten — nicht eine' polnische Minderheit, sondern eine polnische Mehrheit unter deutschem Joche bliebe. ExplostonskatsstrvPhe kei Bnkarrst. Bukarest, iS- Oktobrr. (Orient-Rahio.) Im Festuvtz-wers Rudeni in der Umgebung m Bukarest hat sich eine furchtbatt Explosion ereignet. 15g Waggovst «it Munition sind in dir $4* grflogr«. 10 Personen wurden Wokt. .«hlrriche verletzt. hingegen ist ein Vertreter des gegenwärtigen Kurses und rrstch' die von ihm vertretene Gesellschaft für auZwärtig« Angelegenheit«; bewegt sich ganz im Fahrwasser der gegenwärtig herrsch»»^ Politik in Ungarn. * Bundeskanzler Schober empfing gestern bi« MU, giietzer des GrueralraieS der Union der Bölkerbundligerr. Tagesbericht. Tag»»- -es Gr»eralrates der U»i»» der BSlkrrdnndligen. Zu Beginn dev gestrigen Sitzung sprach der Vorsitzende Advr den Wunsch aus, daß als erster Punkt die Erörtern'g über die Kredithilfe des Völkerbundes für Oesterreich zur Besprechung gelange. Diesem Wunsche wurde Rechnung getragen. Professor Dr. Josef Redlich wies auf den beklagenswerten Zustand hm, in tvelchem sich die öffentliche Meinung derzeit gegenüber der vom Anbeginn mit so großen Hoff« nungen begrüßten Hilfsaktion des Völkerbundes befindet, und befürwortet die Annahme einer Resolution, in welcher brr Generalvat der Völkerbundligem seine wärmsten Synrpathien und den dringendsten Wunsch nach schleuniger Durchführung der Oesterreich zugesagten fina^rziellen Hilfe sowie der hierauf begründeten Hilfsaktim des VölkerbuudrS zum Aus« dmrck bringen. Professor Redlich begründete diesen Antrag in englischer Sprache. Nach einer sehr lebhaft geführten. Debatte, an der sich Präsident Ador, {Senator Estournelies de Constant, Lafontaine, dann der englische Vertreter Sir W. Dickinson und Loki (Argentinien) beteiligten, wurde der Antrag des Professors Redlich mit einigen, von französischer Seite gestellt«: Verbesserungszusätzein angenommen. Ei» Zwischenfa«. « In der vorgestrigen Sitzung ereignete sich eine für die ungarischen Verhältnisse interessante Szene, welche auf die übrigen Mitglieder heS Kongresses einen unangenehmen Eindruck übte. Prälat Gieß wein begründete in längeren Ansführungerl das Gesuch der migarländischon Friedensgesellschaft, deren Präsident Gicßwein ist, um Aufnahme in den Verband der Völkerbundligen. Gegen diesen Antrag nahm ein anderes Mtglied der ungarischen Delegation, AloiS Paikert, namens der ungarischen Gesellschaft für auswärtige Angelegenheiten in scharfer Weise Stellung. Paikert erklärte, daß Ungarn in der Union der BölksrbnndI.- ligen durch die Delegierten seiner Gesellschaft hinreichend vertreten sei, und beantragte die Ablehlmng 'deS Gießweinfch'en Antrages. Ueber Antrag deS Präsidivlten Ad or wurde schließlich beschlossen, eine Beschlußfassung über daS Gesuch' deS ungarländischen Frisbensvereines bis zu» nächsten, im Frühjahr in Prag ftattiinbefttbe« Vollversammlung zu vertagen. Zur Erklärung dieses Vorfalles muß beinerkt werden, daß Prälat Gießwei», der wohl naturgemäß auf dem christlichen Stmchpunkt steht, em überzeugter Demokrat ist, den herrschenden christlicherationalen Kurs in Ungarn bei jeder Gelegenheit öffentlich verurteilte usid dafür von den Machthabern i» verschärfter Weise verfolgt wird. Alois Paikert Preistreiberei. Gestekn dorMtiags fand auf dem Marktplatz in Favorite n eine grüße re Frauendvmv-nstranon statte Mehrow hinrdert Frauen famweiten sich an und bernon* ftt'isvtCH gegen die Abfuhr ei lies TrauSports A-artoffetn« die dort augohäuft worden waren. Es entstand größere Unruhe und Miyogung und von einigen Verkauf^stünden entrngen die Frauen Feit und Kraul. Ein Sicherheit^ wachausgcbat stellte die Ruhe in kurzer Zeit miede'.'her. Uuf der gestrigen Pressekonserenz wurden nach, ' stehende Maßnahme« zur Beläinpfnng der Preistreiberei mit geteilt: Das Kriegswncheraurt war in den letzten Tagen vor eine äirßerst fchwi^rige Aufgabe gestellt. K'.nfuinenten ebenso rvie Kannen & standen ratlos eiu :r Erschrinnng gegenüber, die wie ein El'enrentarereignis gekommen war. Di' Beurreisung. ob es sich in einzelnen Fällen nn', Preistreiberei oder u n unvermeidliche Folgen her gegenwärtigen Anstände handelt, ist deshalb sehr schwer. Oisenkunbige Mißbräuche, so das Bettangen einzelner Kanfleute nach Z a h l n n g i n auslfindif di c v 55 a Ui ta, wurden selbstverständlich sofort abgrstelkt. Ptttt'stpie-l schwierig ist die Frag« auch dadurch, daß die Kanfwute sich auf das Gemeindegesetz der Luxusabgabe berufen unh so eine ungehenrs Menge von Vlrtikeln als Luruswaren angesehen wissen wollen, dl» es zn>a'-' für das fiskalische Interesse her Gemeinde, nicht «her für das soziale des Kriegswncheramtes sinh. Dennoch gelang es bereits, die Kanfpanik des Publikums und die Nervosität her Kauflente ausgiebig einzudämmen. Kauf und Verkauf beginnen sich? wieder normal zu entwickeln. Daß da? Kriegswncheramt bei dieser Gelegenheit zahlreich» Mißbräuche aufge'deckt hat, sei vorläufig nur «ngedeutet. Dre Namen der Prsistreibev werde» nach Abschluß der Untersuchung an den Pranger gestellt werden. . Btt«Äeirsch«lr Ein altes Wort sagt: Der Blindgeborene ist minder beklagenswert als der Erblindete. Wie groß, wie herzzerreißend das Elend der Späterblindeten ist, davon kann man aber doch nur eine schwache Vorstellung bekommen,' wenn man die Blindenschule des Vereines zur Ausbildung, Spätcrülindxtrr in Döbling, besucht. Diese ursprünglich jüdische, jetzt interkonfessionelle Anstalt ist in den letzten Jahren sehr beträchtlich verkleinert. worden. Nicht etwa, weil die ErblwdunMN abgenommen haben und eine geringere Zahl von Unglücklichen um Ausnahme bittet. Uber man ist gezwungen, alles abzuweism, was irgend abweisbar ist, und alle anderen warten zu lassen — warten' zn lassen, aus den einzigen Trost, der ihnen in ihrem Jammer geblieben ist: aus Arbeit. Der Grund für diese Maßregel ist höchst einfach und selbstverständlich. Die Mittel zur Erhaltung der einzigen Schule für erwachsene Blinde, die es in Deutschöfterreich gibt, sind nicht zu beschaffen, und so ist die Zahl der Zöglinge allmählich von 30 auf 14 herabgesmrken. Der kleine Staatszuschuß kaM Mt viel ausmachen, umsoweniger, als man gezwungen ist, den Blinden auch ein, wenn auch sehr bescheidenes Mittagessen, zu reichen. Der Strickereikurs für tveibliche Blinde, 8er bei der Gründung der Anstalt, 1898, eingerichtet wurde und bis..zu den Kriegsnöten, be- ^stanben hat, mußte unter dem Drucke der Berhältnisse aufgelassen werden und der Unterricht beschränkt sich' jetzt auf ^Bürstenbinder, Korbflechten und Klavierstimmen. Die Frauen, die das furchtbare Unglück trifft, das Augenlicht zu verlieren, werden einfach' ihrem Schicksal überlassen. Der Verein kam: nichts für sie tun und die Allgemeinheit bekümmert sich nicht weiter um sie. . l Auch di« Judenschast verharrt in Teilnahmslosigkeit,- obwohl bekanntlich die Zahl der Juden unter den Blinden sehr groß ist. Auch zu den Zöglingen der Schule stellen sie gmvöhnlich mehr als die Hälfte. Ein großer, stattlicher Mann mit einem mächtigen, dunklen Vollbart ist der Aelteste der Schar, schon Mitte der Fünfzigerjahre. Er war emstmals Privatbeamter und ist durch' ein Nervenleiden erblindet. Von allem, was mit seinem früheren Leben zusammenhängt, spricht er wie von längst Vergangenem. Das war einmal, damals, als die Wiesen noch grün und die Sonne noch golden war, lang, lang ist's her. Damals laS er »feie Stunden im Tag, damals sammelte «r Radierungen und Stiche, jetzt lernt er Bürstenbinden. Er nimmt es merkwürdig ruhig hjm, wie übrigens die meisten. Auch fein Tischna'chbar, gleichfalls ein Jude, der durch den grünen Star sein Augenlicht eingebüßt hat, läßt sich nicht weiter bedauern. „Schrecklich war nur das Nichtstun und Warten", sagt er abwesend. „Seitdem ich arbeiten kann, bin ich' wieder ein Mensch." Uebrigens zeigt er sich, wie der freundliche jüdische Werkmeister hervorhebt, besonders geschickt und wird vielleicht nicht einmal die sonst jlbliche Lehrzeit von eineinhalb Jahren zur Ausbildung brauchen. Die Bürstenbinderei wird, von de» SpäterÜliudeten der Korbflechterei vorgezogen, weil sie zumeist einträglicher ist und mau leichter Heimarbeit bekommt. Denn nur wenige snmSnts! erstklassig und billigst im Warenhaus Bröder Schiff mann!L2A«_'2r2 mdm IflliifBi