Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 972 (13.10.1921)
- Date
- 1921-10-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/2979076-2979773-2980051--09067-2995278- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
9Tt. 973 ©teil Donnerstag Wie« er 7Msrqeitzett>r«A 13. Oktober 1921 Seite 3 Landtag von Niederösterreich - Land. 1. Sitzung vom 12. Oktober 1921. Präsident Intel eröffnet die Sitzung 1 nm Uhr 10 Mm. nachmittags. ' Die Abaeoidnelen Di. Mitterm an«. Pech all, Dr. R e i ch und Genossen stelle« eine Anfrage, in «elcher sie auf die Erfahr rincs Einbruchmagyarischer Banden oder der regulären ungarischen Armee in Nieder» Österreich Hinweisen, welcher die Einmischung anderer Nachbarstaaten. die Entfesselung eines Bürgerkrieges nnd y e w a l t-' iame rUmst« rzverlir che, vielleicht die Auflösung der Rchnbkik zur Folge baben. und Niederösterreich zum Schauplatz eines Krieges machen könnte. Dir Gefahr,ift schon deshalb nicht gering, weil die Monarchisten die, christlichsoziale Partei für chre Pläne zu gewinnen versuchen. Die Unterzeichneten richten daher an die LavdeSregieruug von Niedeiösterreich die Anfrage, welche Maßnahmen sie dagegen -u Irenen gedenke. Die Abgeordnetrn P ech a kl, Dr. R ei ch und Genosien 'stellen eine Anfrage, betreffend den Schutz der Grenzbevölkernng gegen magyarischl: Nebei fälle. Landeshauptmann M a her wies in seiner Ansprache auf die schwere wirtschaftliche Krise hin und führte bezüglich der Ernähr ungslage aus: Oesterreich und mit ihm NiederLsterrrich-Land gehen eine« schweren Winter entgegen. Die Ernährung unserer Bevölkerung ist durch di: fortschreitende Geltentwertung im Verein mit der dadurch hrrvorgernfenen Teuerung sowie durch die allen Anzeichen nach beginnende Waren- und Lebensmittelknappheit hedrodt. 'Die Berhälmiffe zwingen mich» dsr Bundesregierung vor dieiem Forum nmumwunden zn erklären, daß sie d a S L a ni d e S- Interesse v o r an st e l l e n und den Fortbestand der Berkebrssreiheit für die Dauer unsere!:Zwangslage a ls u n t u n l i ch bezeichnen m n st. Die Landeöprodnkte müssen zuerst der eigenen Bevölkerung zugute kommen, besonders die Jndnsiriegebrete müssen versorg!'sein, ehe daran gedacht werden kann, einen e-waigen Ueberschuß «ach anSwärts abzugeben. Eimge Worte noch zu scnem Zeitereignisse der äußeren Politik, das unser Land unmittelbar in Mitleidenschaft zieht. Tue w' e st n n g a r rsche Frage hätte schön längst ihre Lösung ' sinken solle«. Daß sie in solche Verwicklungen ausmnndm konnte, fällt einzig uüd allem den Faktoren zur Last, welche die Dnrchlöhrung der EiaatSve» träge' von St. Germain nnd Trianon übernommen Haben. Die Gefährdung unserer Eüdostgrenze ist noch nicht geschwunden. Roch immer hält nn§ die Empörung über die -gewalttätigen Ausschteitunaen und feindseligen liehe»fälle in Atem, deren sich die ungarischen Bcmven täglich schuldig machen. Doch ist zu hoffen, daß es binnen kurzem gelingeNM fd, der Ungarischen Bandeutütigleit ein Ende zn bei eiten. ' Bandeneinferk in Steiermark. Wie», 11. Oktober. Amtlich wird verlautbart : Gestern; nachmittags wnrden zwei au» österreichischem Gebiet bei llnterrohr (Steiermark) patrmllirende Gendarmen von einer ungarischen Bande überfallen und über die Grenze verschleppt. Sie Großdeutschen gegen Le» Karlismus. Gestern abends fand «Wien eine großeVeriraumSmönner- Versammlung der Großdeutschen Volkspartei statt, i» der unter anderen Abgeordneter Dr. S ch ü r f f nnd Oberst B n l e y über den Karlismus und seine Gefahren sprachen. Im Sinne der Ausführungen der Redner wurde einmütig eine Entschließung angenommen, in der mit aller Entschiedenheit gegen den Karlismus und seine Gefahren für die Sicherheit der Bewohner der Republik Stellung genommen wird. Dir I«dustrtekon?rre»z. Gestern begann die Tagung der Indusirielonferenz. auf deren Tagesordnung diesmal die Arbeitslssigseitsfrage stand. Sowohl die Vertreter der Industrie, wie auch jene der Arbeiterschaft lehuten die Veranstaltung staatliche» Nolstandsarbeitm ab; erstere betonten besonders die Notwendigkeit einer Förderung der industriellen Produktion wie auch die Notwendigkeit eines genügenden Spielraumes für die Piivatiniliative. Ferner wurde Klage darüber geführt, daß die Regierung zwar Jndustrielonferenzen rinberufe und beschicke, von dm dort gefahren Beschlüffeu, Anregungen und Vorschläge« aber weiter keine Notiz nebme, wie zu» Beispiel bei der Konferenz über die gleitende Lohnskala. Die Generalratsfitznng der VSlkerbrmdttgen-Union. Heute nehmen die Beratungen des Generalrats der Völkerbundligen-Union. die im Gebäude der Orsterreichtschen Völkerbundliga, Wien. 1., Burgring S, staltfinden werden, ihre» Anfang. Nach Erledigung interner organisatorischer Fragen werden die für Oesterreich bedeutungsvollen Probleme des MinoritäteuschuheS, der Rohstoffverteilung »ud der Kredithilfe zur Verhandlung gelangen. Zu der von der österreichische» Völkerbundliga zu Ehren der Delegierten veranstalteten SoirL in der Hofburg haben der Bundcspräsident Dr. H a i« i s ch. dadiplomatische Korps,und die Mitglieder der Regierung ihr Erscheinen zugesagt. Einladnnaen sind ferner ergangen an hervorragende Vertreter der Fina»z- und Vantkreise, Gelehrtennnd Kunstwelt. 0«r tmverwQstllohB ra- K»dt*chok- Sohuhatwatr Der britische Gesandt« Ltuvtey verläßt Wir«. London, 11. Oktober. (Wrlff.) Die „Times* erfahren, daß eine Reihe vo« diplomatische» Veränderungen im Prinzip beschlossen ist und wahrscheinlich bald durckisefShrt wird. Der britische Gesandte in Wien, L i u d l e y. geht nach Athen. Lord Granvillr von Athen nach Kovenhagerr, Sir Charles Marliug .von Kopenhagen nach dem Haag; er tritt an Stelle GrahamS. bei: nach Ro« verseht werden soll. Telegramme. Die Aktionen zur Sanierung der polnische« Finanzen. Warschau, 12. September. (Tel.-Komp.) In feinet letzten Sitzung beschloß der Ministe.» at über Antrag des Finauzminifiers. das Demvbill'iirunervmt auizulösin wwie den Personalstavd der polnischen Mrision m W ien um 77 Kopse ru verringern. Bedeutende Abstriche sollen auch an den Mitteln gemacht weiten, die für die Verwendung staatlicher Kraftfahrzeuge nuSgeworfeu wurde». Weittr-m beschäftigte sich der Mwistcrrat mit folgenden Anträgen des Finanzministers, die diesem außrrordentl'chc Vollmachtkn zur Sanierung dcr Polnischen Finanzen verleidm follerr. Es sind düs: 1. Ein Gesetzrutwuts,^ de?den Fmanzmimster ermächtigt. die Verpachtung »md Ausbeutung stattlichen Eigentums mit Ausnahme dcs staatlichen Eism'rahnnetzes an Fu- und Ausländer vorznnehmen. 2. Der Finanznnnister erlast alle Vollmachten, die eine Anfbessening der Polnischen Vilnta eimöglichen und wird autorisier«, alle zur Erreichung dieses Zieles ihm notwendig dünkeu^ den Maßnahmen zu ergreism. S. Der Fmcmzm'imster erhalt ein Vetorecht gegenüber allen Gesetzentwmsm der Regierung und des Parlaments svstrn er von ihnen nachteilige Folgen auf die pvliii chm F nanzen befürchtet. 4. Der Goldumlauf unterliegt einzig und allein der Kontrolle des Finan;miN'.ster§, der die hiefür nötigen Bestimmungen zu erlassrn berrchtigt ist. b. Das Ressort der staatlich:« TnrlrbenSbank und der zu errichtenden .polnischen. Reichsbank wird ausschließlich dem Finanzminister unterstellt.. 5> Der MäilLnder GsMlisLenks«gretz. Mailand» 11. Oktober. «Stewni.) In der heutigen Sitzung deS Sö',!asistento«gr:sfts befchnld'gte Abgeordneter Bar a t o n o nattrenS der Maxrmalrsttu die Zerr-raliste«, daß sie künstlich eine nrne Spaltung herbeizuführrn tuchen. Die Teilnahme an der RcglerungSmchrheit ftr unr zeitweise zulässig, wen« sie sich als nützlich «weiie, doch dürsten Arbeiter ni«mc>ls direkt an der Regierung teisnehmeu. Klara Zetkin, die die Drifte Jutemasionale vertrttt, sprach gegen die resormist'schen Tend uzen des italicnischr« Sozialismus und forderte die Partei auf. die Anhänger der Teilnahme an der Regierungsmehrheit auSzuschließen und in die Dritte Internationale k,«zptreten. . ' . Namender Rechten rechtfertigte Abgeordneter T t e » e 8 die Bestrebungen nach Teilnahme au der NegierungSmehrheit, da sich seit dem Kongreß von Livorno die Lage geändert habe. Die ständige» Fordemngrn nach Ansichbcßnng könnten den Ruin der Partei Hervorrufen. Betreffs des Zasammenwirkens wies er nach, daß eS unter gewissen Umständen eine Notwendigkeit nnd Pfl'ch! sei, m die Rcmrnng einzLlreten. Abgeordneter L a z z o r i e-klärte, die Partei müsse gereinigt vnd die Reformisten auSgeschsosst» werden-Er kiitifierte abfällig daS nachsichtige Veihslfen der Pürteileitung i» Fallen vo«! Disziplinwidrigkeiten. UebersiedLnng jüdischerBnRernfaMirre« «ach Palästina. KbMftichurg, 10. Oktober. (J-üd. 5tzorr.-Bur.) Die Siebenbürgener „Achusa" hat 'mit dem jüdischen Naiionalsonds einen Erbpachtvertrag auf einige tausend Dunam für 300 jüdische Bauernfamilien abgeschloffeir, die mit ihren Viehbeständen und mit vollem I n v e nt a r demnächst wach Palästina übersiedeln, um zum Frühjahrsanbau bereits im Kande zu sein. Jede Familie erhält 15 Dunam Bodens für gemischte Landtvirtschast. Der Hafenbau i» Haifa. Dvttbon, 10. Oktober. (Jüd. Korr.-Bur.) Im Zusammenhang mit der palästinensischen Meldung, daß die Firnra P e a r f o n aus London eine» Kontrakt in der Höhe von zehn Millionen Pfund Sterling für den Ausbau des Haisaer Hafens abgeschlossen hätte und dass dieselbe eine Anleihe für die palästinensische Regierung vorbereite, erfährt der „Aorkshire Observe^ von einer der genannten Firma nahestehenden Person, daß die Nachsicht in dieser Form unrichtig sei. Die Firma Pearson, heißt es, hätte sich um gewisse Hafenarbeiten in Haifa beivorben, die dke Errichtung VM Docks und eines Wellenbrechers sowie die Erweiterung des Hafens einschließen. Dieser Kontrakt werde jedoch, wenn er zustandekommt, keinesfalls einen Betrag. von zehn Millionen Pfund Sterling erfordere. Gegen die .»aggresstve Politik -er weitzen Raffe". Mufhiugt»», 11. Oktober. (Funkspruch." I« Tokio ist ' ein A s i a t r s ch e r Bund, mit Japan an der Spitzt, gegründet worden, der die aggressive Politik der w 11 % e n R as*s e im inneren Osten bekämpfen soll. Die Wünsche der Kriegsanleihebesitzer in der Tschecho-Slowakei. Prag. 12. Oktober. Eine Deputation der Kriegs.mlcih?» besitzet fand sich heute beim Finanzminister ein, um ihm die Wünsche der Eigenlnmer von österreichisch-ungarischer Kriegsanleihe;u übermitteln. Der Minister erklärte, daß sich. M« Regierung mit der Frage der Lsterreichisch-rmaarischen Kriegsanleihe eutsvrechend befaßt habe und daß diese Frage jetzt im Sinne der Erklärungen des Piäsidenien Dr. Mat a r p k. die dieser in Preßburg gegeben habe, gelöst werden soll, damit die Angelegenheit endlich in einer alleBeleiligten zufriedenstellenden Weise aus der Welt geschafft werde. Ein „Anfr»hr"-Prozetz in Bndapesti Budapest, 15. Oktober. (Ung. Tkl.-Korr.-Bur.) Heute begann vor dem hiesigen Strafgericht als Standgericht die Hauptverhandlnng gegen 87 Augeklagte wegen B e r h r e ch e n s des Aufruhrs. Es wird gegen sie die Anklage erhoben, daß ne sich mit dem Plan befaßten, durch einen Putsch mit b ewasfneter Gewalt die- Macht an sich zu reißen und die Mt^repnbl l w-ederberzustellen. Tagesbericht. Der Psgrsmpla«. Wir wovon am Dienstag in der Lage, Mitteilungen über einen Pogromplan zu machen, der von seiten der Frontkämpfervereinigung ausging und bereits gestern hätte-verwirklicht werden sollen. Unsere Mitteilung hatte den Zweck, Unglück zu verhüten und aufzuzeigen, daß die Gefahr für die öffentliche Ruhe bereits sehr aktuell geworden ist. Fast die gesamt Wiener Presse hat unsere Nachricht ausgenommen arnd auch die Pressen des fiir Oesterreich' maßgebenden Auslandes hat der . Oeffentlichkeit hievon Kenntnis gegeben. Die Wi'euer Polizei, der die Leitung der zionistischen Organisation die ihr zur Kenntnis' gekommenen Nachrichten mitgeteilt hatte, traf für den gestrigen Tag umfangreiche Vorkehrungen, um einer Ztuhestörung sofort entgegentreten zu können. Sie setzte sich' auch mit der Leitung der Frontkämpfervereinigung in Fühlung und erhielt hier die selbstverständliche Erklärung, daß ein Pogromplan nicht bestehe. Die Maßnahmen der Behörden blieben nichtsdestoweniger den ganzen Tag über in Kraft. Diesen Vorkehrungen ist es zu danken, daß der gestrige jüdische Feiertag in vollster Ruhe verlief. Däs Straßenbild der Stadt stand durchaus unter dem Eindruck des jüdischen Feiertages. Fast sämtliche jüdischen Geschäfte waren gesperrt und man konnte einen sehr augenfälligen Beweis dafür sehen, daß bas Geschästsleben in Wien zu einem sehr großen Teil auf -die jüdische Arbeit gestellt ist. Die TenernngSVeKe. Preiserhöh««sen bei alle« Lebensmittel«. Der Ausverkauf Wiens durch! die Privatkunden hat etwas abgenommen, obwohl er noch immer bei weitem stärker ist als das Weihnachtsgeschäft. Die Zurückhaltung ist auf mehrere Umstände zurückzusühre». Viele Leute haben ihre am Ersten erhaltenen Monatsbezüge zur Anschaffung von Vorräten verwendet und verfügen über keine weitrren Beträge. Dann sind die Preise durch die starke Nachftage so stark in die Höhe' ßgetrieben worden, daß weniger wohlhabende Schichten nicht mehr mittun können. Ein Teil des Publikums ist wohl auch der Ansicht, daß die neue Besetzung des Finanzministeriums die Valuta hinauf- und die Preise hinuniersetzen wird. Inzwischen hat die Teuerungswelle sich /auch auf dem Markt für Lebensmittel erhoben. Die gefürchtete Tatsache, daß ein Kilogramm Fett 1000 Kronen kosten wird, ist heute eingetreten, und.so wichtige Nahrungsmittel wie Fleisch, Kartoffeln und Zwiebeln folgen der aufstrebendrn Bewegung mit einer Geschwindigkeit, die die Hausfrau ängstigt. Dabei kommen zu wenig Kartoffeln und Zwiebeln auf den Markt und in Eiern herrscht starke Bedrängnis, da Polen für seine Wäre in England Abnehmer gefunden hat und jugoslawische Eier wegen der Valuta von österreichischen Stellen gar nicht gekauft werden können. Aus allen Märkte» sind weitere Preiserhöhungen für die lebenswichtigsten Artikel eing>;treien, die einen großen Teil der Bevölkerung von dev-n Bezug vollkommen ausschalten. Man konnte gestern bereits die Beobachtung machen, daß große Schichten der Verbraucher in ihrer Kaufkraft so erschöpft sind, daß sich der Absatz für manche Artikel «ur schleppend^ erstklassig und billigst im Warenhaus Ente Schiffmann