Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 968 (8.10.1921)
- Date
- 1921-10-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ffrtle 2 , * Me». Samstag Polttifche^undschM. Aus dem Geheimarchiv -es Ballplatzes. Dke Belgrader Regierung hat, von der Ermächtigung der Verträge von Neuilly und Trianon Gebrauch' machend, in den Wiener Staats- und Hofgeheimarchiven Studien anstellen lassen. Mit dieser Arbeit wurde über Vorschlag der Belgrader Akademie der Wissenschaften der bekannte serbische .Geschichtsforscher Universitätsprofessor D-r. Wladimir George c> i c betraut. Der Gelehrte hat feiner Forschungsarbeit bereits mehrere Monate gewidmet und ist auf kurze Zeit nach Belgrad zurückgekehrt, um binnen kurzem seine Arbeit Ln Wien wö-öer fortzusetzen. Einern Journalisten gegenüber machte, wie „Becsi Magyar Ujfag" meldet, Professor Georgevic über seine bisherigen Studienergebnisse recht interessante Mitteilungen. Die in den Fächern der Geheimarchive verwahrten staubigen Akten — rief Professor Georgevic aus — Vorräten geradezu unglaublich klingende Dinge. Man umr in Wien, trotz eines weitverzweigten' Spionage- -systcms, in der Regel über alle.möglichen Dinge informiert, doch erwiesen sich diese Informationen gewöhnlich als oberflächlich oder in den wichtigsten Belangen als lückenhaft. So zum Beispiel lauteten sie Informationen, die auf dem Wiener Ballplatz einliefen, dahin, daß England sich nicht in den Krieg einmische n werde, Laß Italien an der Seite des Dreibundes zu den Waffen zu greifen entschlossen sei, und dergleichen mehr. Hingegen war man über alle noch'' so kleinlichen Vorgänge in Serbien auf das genaueste und Erschöpfendste unt-rricht-t. Die Belgrader Gesandtschaft sandte die minutiösesten Berichte über die Vorkommnisse jedes einzelnen Tages. Selbst über die weniger sedeutungsvolten Privatverhaltnisse der politischen, militärischen und diplomatischen Persönlichleiien wurde das Wiener Außenamt genauest informiert. Unter der Gesandtschaft Palla vic i nis erreichte ser Nachrichtendienst den Grad der Vollkommenheit. Selbst für dio Literaturgeschichte jener Zeit finden sich im Wiener Geheimarchiv sehr wertvolle Daten. Von jeder in der serbischen Literatur auftauchenden Gestalt, ob es sich um eine bedeutende oder bedeuiungstose Person handelt, findet sich im Wiener Außenministerium die genaue Biographie und. die eingehende Würdigung der Wirkung, welche deren Tätigkeit ausübte. So <5»ing zum Beilviel über jeden Schritt des Karlovacer Metropoliten Mi ha ly, der in den Neunzigerjahren eine große Rolle spielte, ein genauer Bericht nach Wien. Es fanden sich sogar Ausschnitte aus. dem- B rief kästen der Literaturzeitungen, von Tagesblättern gar nicht zu reden, in treuer Uebersetzung, schön sortiert, im Geheimarchiv vor. Interessant sind die Mitteilungen über die int. Geheimarchiv Vorgefundenen Berichte und Aufzeichnungen über König Milan, den austrophiten Obrenovic. Zur Zeit des ersten Zollkrieges, im Jahre 1891, setzte König Milan in Wien alle Hebel in Bewegung» um die Monarchie zum Ausharren im Zollkrieg zu veranlassen, nur um damit der damals an der Herrschaft befindlichen rusfophilen Partei unangenehm .zu werden. Der damalige Belgrader Gesandte Kalla y schreibt in einem Akt, er wisse nicht, wie er es ansiellen solle, Serbien in den Augen Milans liebenstvert erscheinen zu lassen. In einem anderen Dokument werden die WoriL des deutschen Gesandten Hegenmüller zitiert, der gleichfalls darüber ktagt, daß der serbische König ' geradezu an tipatrio t isch sei. Aus mehreren Akten .geht hervor, welcher Intrigen sich König Alexander in Wien bediente, um die Königin-Mutter Natalie unmöglich zu machen. Ueber die dem Kriege unmittelbar vorangegangenen Ereignisse und über dthierauf bezüglichen Akten' der Wiener Geheimarchive erklärt Professor Georgevic sich nicht äußern zu. können. Die Entente habe nämlich die Bedingung gestellt, daß über jene Dokumente, die seit dem Jahre 189 4 entstanden sind, erst nach.Verlauf von zwanzig Jahren seit den in diesen Akten behandelten Ereignissen irgendetwas in die Oefsentlichkeit gebracht werden dürfst Die auf den Krieg bezüglichen Geh-imakten könnten demnach erst um das Jahr 19 4 0 verarbeitet und veröffentlicht werden. . Zum Schlüsse sei noch erwähnt, daß Professor Georgevic auf Grund seiner Studien in den Archiven zur Ueberzeugung kam, daß man auf dem Wiener Ballplrtz aus Grund der cingelaufeüen Tag^Zrapvorte sowie der rirha irdenen vertraulichen. Mitteilungen von Privalp-rsonen Über die Vorbereitungen zu dem Attentat gegen Franz Ferdinand genau unterrichtet war. Provisor Georgevic schloß seine Mitteilungen mit der Bemerkung, daß jeder Geschichtsschreiber, der über die Periode vor dem Ausbruch des Krieges schreibt, eine nutzlose Arbeit verrichtet, wenn er sich nicht vorher mit dem Inhalt der in den Wiener Geheimarchiven befindlichen Akten vertraut macht. Ei»e Vorkriezsreminiszrnz Drei Mona'' vor Ausbruch des Krieges, im April lull, entiandt' Wilson den Oberst. .H o u s e nachBerlin. um zu erf.. chen. welche Aufnahme dort der Plan deuM-MLlM-anremkamM» Entente fände, Wiener Morgsnzertrrng welche den Ausbruch des Krieges verhindern sollte, der damals noch in-wcjter Ferne-schien, mit dessen Möglichkeit tuen jedoch rechnete. House ging, wie „Worlds Work" erzählt, nach Berlin, trat mit verschiedenen Persönlichkeiten in Fühlung, darunter, mit Tirpitz, und erlangte nach manchen Schwierigkeiten eine Audienz beim Kaiser. Bei tzineni Diner nahm ihn Wilhelm beiseite und unterhielt sich im stillen mit ihm; nur drei oder vier Generäle wußten/ daßes sich um den Plan, handle, ein ittterncktionäles Abkommen zum Zwecke der Abrüstung und einer permanenten Vereinigung zur ErhaLtung des Friedens zu schließen. Wilhelm, der immer das Wort führte, nahm das Projekt ziemlich günstig auf, im 'Gegensatz zu Tirpitz, der es von vornherein ablehnte, ivobei fraglich bleibt, ob die Stellungnahme des Kaisers aufrichtig war und er ermutigte House, nach London zu gehen, sich mit den dortigen Staatsmännern ins Einvernehmen zu setzen und dann nach Berlin zurückznk.'hren. „Wir wollen keinen Krieg", sagte Wilhelm, „aber alle Völker Europas richten ihre Bajonette gegen uns, doch wir sind bereit!" House verließ Berlin mit geringer Hoffnung. Wilhelm hatte auf ihn den Eindruck einer Nervosität gemacht, die an Irrsinn grenzte. Bald darauf brach der Krieg aus, der all? Pläne Wilsons mit einem Schlage zerstörte. Br. Renner vermittelt in Prag. Prag» 7. Oktober. (Tel.-Komp.) Wie die „Stibuna* erfährt, weilt der gewesene Staatskanzler Dr. Renner feit einigen Tagen in Prag, um mit allen maßgebenden Regierungsstellen die Oesterreich und die Tschecho-Slowakei gemeinsam betreffenden Fragen zu berate». Heute fand beim Präsidenten des Abgeordnetenhauses Tomaschek zwischen Dr. Renner und dem Präsidium des tschechischen sozialdemokratischen Verbandes eine Konferenz statt, die nicht bloß wirtschaftliche Fragen, sondern auch die mestungarische Frage und das Vorgehen der deutschen Sozialdemokraten in der Tschecho-Slowakei zum Gegenstand hatte. Ueber diesen letzten Punkt der Beratungen hat Dr. Renner auch mit dem deutschen sozialdemokratischen Abge? ordneten Dr. Coch konferiert. In einer Sitzung des Vorstandes des deutschen parlamentarischen Verbandes wurde — wahrscheinlich im Zusammenhang mit diesen Beratungen — mit Mehrheit beschlossen, der morgigen Plenarversammlung des deutschen parlamentarischen Verbandes die Rückkehr ins Parlament zu empfehlen. ZKlMd. Die Frage des BeamLenshhaurs. tzn der 'gestriges Pressekonferenz berichtete Rvgierungsrat Kamel über die Frage des Veamtenabbaues und sagte unter anderem: Die' Frage des Beamten- - ab bau es gehört zu den schwierigsten und heikelsten Problemen unseres' Staates. Es bedaöf daher' der eingehendsten Studien aller zuständigen berufenen Faktoren, urn zu einer Lösung dieser Frage zu gelangen, die einerseits den; angestrebten Ziele einer dauernden Entlastung des Staatshaushaltes entspricht, andererseits dem sozialen Gelvissop der Zeit gerecht wird, indem es den abzübauenden Beamten entweder — int Falle ihrer Pensionierung — einen' materiellen, möglichst gesicherten Lebensabend verbürgt oder ihnen Wege eröffnet und ebnet, die die'Möglichkeit einer materiell! gesicherten Zukunft erhoffen, lassen. Die mit diesen Studien in erster Linie betraute Ersparungskommis sio n hat der Regierung vor kurzem eine diese Frage betreffende Denks chrift vorgelegt, die gegenwärtig im Schoße der Regierung einer eingehende» Beratung unterzogen wird!' Von einem Widerstand der Beamtenschaft g-gelr die Arbeiten der Ersparungskommission kann schon deshalb nicht die Rede sein, weil die.Beamtenschaft noch, keine Gelegenheit hatte, zu de» Vorschlägen' der Kommission' konkret Stellung zu nehmen. Menschlich erscheint es allerdings begreiflich, daß die Beamtenschaft dieser Aktion mit einer gewissen Beunruhigung entgegensieht. Da aber bei der Behandlung des Problems die notwendige Rücksicht auf die Lebensinl-eressen der zur Ausscheidung gelangenden Beamten in weitestmöglichem Maße bewahrt werden soll, ist zu hoffen, daß auch die Beamtenschaft sich nach Kenntuisnahme der in'Vorbereitung, befindlichen Vorschläge der Notwendigkeit der Durchführung dieser Maßnahmen nicht verschließen werbe. Ehristlichsozialer Gesamtparteirat. Ge-'lnn trat der «hiistlicbsoziale Gesamtpari enat;u einer Kon'lectnz zusammen, drrrn De,atunsr« auch die christlichsozialen Miiglnder deS NatrpnalrateS und des BundeSrate» vollzählig beiwohnten. Dre Beratungen wurden durch einen eingehend«« Bericht Dr. Seipels über die politische Lage eingeleittl, a» den sich eine Wechselnde schloß. Der Ge;a«tparteirat begrüßte den Eintritt deS Abgeordneten Dr. G ü r t l e r in die Re- «rerung und nahm das Scheiden deS ÄundeSministerS V a n g v in auf de« Kabinett zur Kenntnis. Anschlutzpropaganda in Tirol. In«»br«ek. 7. Oktober. Die .T'.rolcr Bauern ritung" veröffcnllicht einen Artikel des früheren Landeshauptmannes S ch r a f l l. worin unter teilweise sehr scharfer Antik der allgrwri.'chasck:ck>e^ Vrrhälttüü'c unter anderem 'erklärt wird, vaß buc Twoler Bauer» weder für eine« Putsch von recht» »och 8. Oktober im Rr. 968. --————. -- , von links zn haben find, und unter Hinweis auf die immer wieder erlolg e Ber ögernng der Kredithlffe die Notwendigkeit des A nfchlußeS an Deutschland betont wird. Der VMrgenland-KonMt. Magyarische Lüge«. Wie», 7. Oktober. Wie der „Politischen Korrespondenz" von informierter Seite mitgeteilt wird, entspricht die von Budapest in einem amtlichen Communique ver- ' breitete Nachricht, die internationale Generalsmission in Oedenburg habe der Botschafterkonferenz in einem Bericht die Mitteilung gemacht, daß Ungarn durchs Unterzeichnung des Uebergabeprotokolls den Friedensvertrag erfüllt habe, nicht den Tatsachen. Damit ist der offenbar tendenziöse Charakter der amtlichen ungarischen Verlautbarung festgestellt. Hejjas erpreßt -er Raaber J«be«gememde drei Millionen Krone«. Die westungarischen Banden, die offiziellen wie die inoffifiellen, sind offenbar bereits in großen Geldnöten. Das Burgenländchen ist bereits ausgepreßt und so unternehmen die Banden- und Detachementsführer bereits Erpressungsstreifungen in die weitere Umgebung. So erschien vor einigen Tagen Ivan Hejja s, der Grausame, in Raab, ging dort zum Präsidenten der I u d e n g e m e i n d e und forderte ihn auf, binnen kurzer Frist von den Raaber Anden für ,Hatriotitische Zwecke" die Klein^keit von d rei Mill io n en ung arischen Kronen aufzubringen. Der Kultuspräsident erbat sich eine Bedenkzeit von achtundvierzig Stunden, die er dazu benützte, um bei den Regierungsstellen in Raab und durch diese bei der Budapester Regierung Schutz gegen den Erpressungsversuch Hejjas' zu suchen. Er erhielt an diesen sogenannten maßgebenden Stellen die Auskunft, daß von patriotischen Zwecken, für welche die Raaber Juden gemeinde eine so hohe Kontribution zu leisten hätte, nichts bekannt sei. Als Hejjas am anderen Tage die ablehnende Antwort des Kulluspräsibenten erhielt, meinte er, daß er wohd den Standpunkt der Raaber Juden begreife und sich auch durchaus nicht an seine Forderung klammere, doch könne er nicht verschiveigen, daß er es mit sehr heißblütigen Jungen zu tun habe, die nicht immer im Zügel gehalten werden können, und da könne es allerdings geschehen, daß sich seine Leute gegen seinen Willen zu einem Pogrom hinreißen lassen. Für diesen Fall wasche er seine Hände in Unschuld und lehne die Verantwort ung ab. Der Raaber Kultuspräsident verstand den zarten Wink mit dem Zaunpfahl, berichtete dem Kultusvorstand über seine Begegnung mit Hejjas und die Erinnerung an Kecskemet, Jzsock und andere durch die blutigen Pogrome berühmt gewordene Gemeinden führte schließlich zu dem Beschluß, aus Grund dessen Hejjas die drei Millionen Kronen erhickt. Die Konferenz i« Venedig. BÄdap-est, 7. Oktober. ^(Ung. Tel.-5korr.-Bur.)' JDie italienische Regierung hat an den 'Ministerpräsidenten Grafen BethleN sowie au den Minister des Aeußern Grafen. Batlffy eine amtliche Einladung zu den in Venedig stattfindenden Verhandlungen ergehen lassen. Telegramme. Der türkisch-griechische Krieg. Konftanti«opel, 6. Oktober. (Haoas.) Nationalistisches Communiqrrö vom 2. Oktober: Die Artillerie beschoß unerwarteterweise griechische Truppenlagerplätze und brachte ihnen Verluste bei. Im Abschnitt von Afiun-Karahiffar griff der Feind am Berg Kuseldagh östlich vom Dorfe Suffuz an, wurde jedoch mit Verlusten znrückgeworfen. Unsere Abteilungen unternahmen beim Dorfe Bealmahmud einen . Angriff gegen den Feind und warfen ihn bis nördlich von der Bahnlinie zurück. Nach den letzten Nachrichten aus Anatolien sollen die Kemalistea etwa 25 Kilometer östlich von Eski Schehir und 11 Kilometer von Asium-Karahiffar stehen. Nachdem die Griechen vom Vormarsch kemalistischer Streitkräfte auf der Südfront erfahren hatten, schickten sie dorthin Verstärkungen zum Schutze von Asiun-Karahiffar. Angora, 6. Oktober. (Haoas.) Es wird gemeldet, daß Besprechungen für die Beilegung des türkischgriechischen Konflikts eingeleitet worden seien. Man erwarte ungeduldig den Beschluß der Regierung. Wenn man aber den letzten E:Klärungen Mustafa Kemal Paschas Rechnung trägt, würden Besprechungen voc der vollständigen Räumung der - anatolischen Gebiete durch die Griechen unmöglich sein. Londo«, 7. Okjober. (Funkspruch.) Nach einer Meldimg yus Smyrna sei der türkische Angriff auf Karahiffar akgewiesen worden. Russische «uftrLge für die englische Iudusirie. Lo«don, 7. Oktober. (Funkspruch.) »Daily . Chronicle^ meldet, daß die russische Regierung der Eisenindustrie von Sheffield große Austrage für Werkzeuge gegeben habe.