Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 967 (7.10.1921)
- Date
- 1921-10-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 2 Wie«. Freitag Römischer Brief. Bo» unserem Korrespondent«». Dem Kongreß der italienischen Sozialbemvkrati-, welcher am 8. d. M. in Mailand zusammentreten soll, kommt eine besondere Bedeutung zu. Der Kongreß soll die Stellung der Partei zur inneren Politik des Landes revidieren und es besteht sine starke Strömung für die Teilnahme der Partei an der Negierung. Bisher hat die Partei des italienischen Proletariats eine intransin'e'.'te OpPositiouSsteNüng eingenommen. Dieser Ilmstand jedoch hat die Zerreißung der Organisation und d'e Entstehung einer verhältnismäßig starken komniunistischen Gruppe nicht zn verhindern vermocht, welche Bedeutung man in Moskau gerade der Haltung des italieni'chen Proletariats beimißt, beweisen die verschiedenen Proklamationen, die von dorther nach Italien ergeben, und der Beschluß der SowjrtS, einen eigenen Vertreter in der Person L u n a t s ch a r s k i j s zum Sozialisten.kongreß nach Mailand zu entsenden. Die Radikalisierung des italienischen Sozialismus bat im Lande, wo der Krieg und sein- Ausgang eine starke nationalistische Bewegung in vis Höhe schießen l^eß, in der Gestalt des gewalttätigen Faszismus eine Gegenbewegung gezeitigt, die, mehr oder minder offen, von den Behörden als Sturrnbock gegen dir radikalsozialistische Welle benützt wurde. Die Folgen sind bekannt: eine sänge Reihe von Gewalttaten, denen zahlreiche Menschenleben und Volkshiniftr zum Opfer fielen, bis das Treiben den Charakter einer innert Revolution annahm und es der gstegi-arung imwer schwerer wurde, die Geister, dir sie geduldet, wenn nicht gerufen hatte, wieder loszuwerdsn. Dergewalttätige Faszismus, der bis in die letzten Zeiten stets^ Polizei und Militär hinter sich-wußte, hatjedoch zw einer Schwächung des Sozialismus geführt und ist mit ein Grund für den Meinungsumschwung innerhalb der Partei, der sich in dem kürzlich erlassenen Aufruf der Rechtssozialisten manifestiert. Wenn dir neue taktische Richtung, für welche sich bisher SO Abgeordnete ausgesprochen haben, zum Durchbruch ■ kommen sollte, Dann steht die gesamte Innenpolitik Italiens vor einer Neuorientierung. Die Kammer soll im November znsammentretsn, aber die parlamentarischen Gruppen sind bereits an der Arbeit, um ihre Grundsätze und ihre Stellungnahme zum Kabinett zu präzisieren. Vor ein besonderes Problem werden durch die sozialistische Schwenkung die Popolari, die große Katholische Volkspartei, gestellt, die gleichfalls zu ihrem Kongreß rüstet. Die Popolari haben bisher für ihre Mitarbeit an der Regierung nur Gesichtspunkte aufgestellt, welche auf eine Zusammenarbeit mit bürgerlichen Parteien berechnet waren, die Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit den Sozialisten wird jedenfalls in der Partei sehr heftige Erörterungen auslösen. Interessant ist, daß die linke Minderheit der Popolari für den Kongreß eine Eingabe vorbereitet hat, welche von den Grundsätzen innerhalb der Partei ein deutliches Bild gibt. Der Bericht fordert eine entschiedene demokratische Richtung und eine stärkere Betonung des sozialagrarischen Programms, welches die Notwendigkeit der Enteignung des Großgrundbesitzes betont, deren Verwirklichung jedoch aus den eigenen Reihen Widerstand'entgegengesetzt worden sei. Der Hauptpunkt der Forderungen der.linken Katholiken ist jedoch der Anteil des Proletariats an der Macht. Sie mißbilligen die Gegnerschaft eines Großteils der katholischen Presse gegen den ^.iassenkamps, wodurch viele Arbeiter der Partei entfremdet werden, während die Partei bei aller Rücksichtnahme auf ihre „ethischen Ziele und dir höheren Interessen der Gesamtheit" die Arbeiterklasse zur direkten Ausübung der politischen Macht erziehen müsse. Der Bericht fordert daher eine stärkere Betonung des ethischchristlichen Moments, um von anderen Parteien unterschieden zu sein und in ökonomischer Hinsicht eine Ersetzung der individuellen Initiative durch kollektive, durch genossenschaftliche Organismen. Inzwischen geht die Wühlarbeit gegen das Kabinett Bonomi weiter und die bevorstehenden Kongresse der Fafzisten, der Freisinnigen und der Demokraten können im Zusammenhang mit dem Sozialistenkongreß und der Tagung der Katholiken Umgruppierungen zeitigen, weiche oer Regierung Bonomi das Lebenslicht ausolafen könnten. Gio litti läßt bereits seine Getreuen gegen den Faszismus auffahren und ihre Geschütze gegen Bonomi richten, und auch Nitti, Giolittis Haupteiner, tritt als Prätendent auf und xntwirft Reformpiäne, wobei er. sich auf Demokraten und Sozialisten scü?cn will. Jedenfalls würden ihm Nationalisten und Faszisten die Rückkehr zur Macht nicht leicht machen. In außenpolitische Hinsicht haben die Skandale, weiche die Nationalist,^ Menge in Brnedig gegen die französische Militärmission entfaltet haben, welche zur Totenfeier am Monte Tomba gekommen war, een französisch-italienischen Gegensatz in helles Licht ge. rückt. Es ist in Venedig sehr stürmisch zugegangen und nur um ein Haar wurde» die französischen Generäls und ihr Marschall sowie der französische Botschafter Bar re re vor Brachialangriffen bewahrt. Man ist gegen Frankreich recht verschnupft geworden, wofür namentlich Frankreichs Adria-Politik, welche mit den Jugoslawen gut Freund bleiben will, die Ursache ist, aber auch Clemenceaus Haltung, der Italiens Kolonial- und Kohtenansj. tzeir sowie dem von chm gewünschten Anteil an der . utschen Reparation evtgegentrat, ist uiDrergejsen. De. Zorn des itatte.nM.-n Amperialis- Wtener Morgeazettrmg mus gegen den französischen hat sich in Venedig ungestüm Luft gemacht und die Kommentare der Presse reden eine deutliche Sprache. Ob Italiens neuester diplomatischer Schachzug in her westungarischen Frage das Verhältnis zu Fxank- > reich festigen wird, bleibt abzuwarten. Mladimkr Jabotinsky. Anläßlich der Wiener Anwesenheit Jabotinftys, des Schöpfers und entschlossensten Vertreters des jüdischen Lestons^edanlcnZ, erhalten wir nachsieh-nden Aussitz, der aus dem Kre'ss der radikalsten Gegner dieser Idee stammt: Der Gründer der Mischen Legionen, Jabotinsky, ein Mann von bedultendsten FMM en, Mitglied der zionistischen E^luttve, war in Wien und hat hier vor den österr-ichiichen Zionisten gesprochen. Diesen An aß soll man nicht Vorbeigehen lassm, ohne einige Worte über da? Problem Jaoolinskys zu sprechen. Es handelt sich hier wenizer um Me Person Jabotinsky). fo wertvoll er als Schriftsteller, als N:duer und auch als arbeitendes Mitgli?d der"jüdi,'chen Be regung ist. sondern mehr um das Symptom einer Züt, als das er uns in erster Linie wichtig ist. Er ist Mitglied der zionistischen Exekutiv«, gerade weil er ein Symptom einer Teilströmuiig der jüdischen Bewegung ist, die als echte Volksbewegung all« Arten von Strömungen in ihren symptomatischen Neuerungen vereinigen mnß. will sie wahrhaftes Abbild des Lebens sein. Eine dieser Teilbewegungen, die je nach ihrer Stärke die große Bewegung mehr' oder minder orientieren, drückt Jabotinsky in der ihm eigenen vehementen Art aus. Er vertritt jene Strömung im Zionismus, deren geistigen Untergrund,-wenn von einem solchen gesprochen werden kann, wir als eine- Anlchnung an di: Parallelströmungen europäischer Völker der Gegenwart bezeichnen können, und er vertritt ft: gut und konsequent mit allen jenen Bewrisen, die die politische Romantik gerne vorbringt. Hier schon beginnt der grundlegende Irrtum Jab-oti-skys, de in es ka'f uns um all-s.nicht darum gehen, die Triebkräfte eu'opäisch-ratio aiist'scher B?we u 'gen uns zu ei-en zu ma'ben. denn mit der Übernahme ihrer Triebkräfte nehmen wir auch — ohne es;u wollen — Ziele auf uns, die uns nicht natürlich sind, nicht organisch aus unserer Veranlagung erwachsen: W'nn wir die romantischen Triebe unserer Jugend, in jene Bahnen münden lassen, aus denen jene künstlich hochgeha'tene, in Wahrheit läpgst gestorbene und dennoch unreife Romantik marschiert, dis den meisten nationalen Bewegungen Europas anhaftet — vom tschechischen Sokol bis zum haleukreuzlerischen Stranchromanti'er — dann assin:ilie.'en wir unseren Nationalismus. Wenn wir nach Gewalt schreien, wenn wir Stolz in uns fühlen, wenn auch wir Legionen, militaristische Drohinstrumente, besitzen, wenn wir in die Rüstkammer Europas greisen, um unseren Nationalismus mit europäischen Zieraten auszustafsisren, begehen wir Verrat am Zionismus, Verrat an der unerhört revolutionären Idee des Zionismus, der zwei Jahrtausende Unfreiheit vernichten will, durch den einen Willensakt: anders zu sein als die 'anderen, anders zn sein als die Väter. Wladimir Jaboti nskh aber ist anjirevolutionär, denn er nahm aus der Rüstkammer Europas alte, abgebrauchte Mittel, er nahm den Gedanken der. Legion, den üblen europäisch-nationalistischen Flintengedanken der Gewalt und brachte ihn in die zionistische Jdeologi«. Es muß zugegeben werden, daß er seine Zeit sehr richtig erfaßte, denn er tat es, als die zionistische Ideologie dringend eines neuen Gedankens bedurfte und da die falsche nationale Zwitlerromantik als grauenhafte Nachwehe des Krieges in Europa in Schwung kam. Jabotinskh schuf das jüdische Abbitd des preußischen Junkers, dem der Araber das ist, was dem Ostelbier der Industriearbeiter ist: unvermeidliches, inferiores Nebel. Wladimir Jabotinsky will sicherlich das Beste, denn er ist ein Mensch, der sein Leben und seine Talente der Volkssache zur Verfügung stellte. Aber es. fehlt ihm trotz seiner Romantik jenes Quentchen Phantasie, das den Ausblick in die Zukunft eröffnet, in der das Ziel des Zionismus liegt: die Befreiung des Judentums nicht allein von der ökonomischen,, sondern auch von der morali schen Fessel Europas. In diese Zukunft aber marschieren k.ine Legionen,-die der Geist Europas gebar, und dorthin reiten keine jüdischen Junker! Wladimir Jabotinsky ist' am Scheidewege. Wird er Persönlichkeit wirklich jüdischen Sinnes werden, dann werden wir mit ihm gehen können, bleibt er aber Symptom einer längst verstorbenen Romantik, die antirevolutionär ist im Grunde ihres Wesens, dann können wir nicht zusammenkommen. Eines möge sich Wladimir Jabotinsky merken: Es ist leichter, mit dem Strom zu schwimmen, sich der augenblicklichen geistigen Verfassung der Masse und ihren geistigen Bedürfnissen ganz hinzugeben, leichter, alte Ideen zu propagieren, als gegen den Strom zu schwimmen, gegen die Bequemlichkeit der mit Gewalt drohenden Flintengesinnung zu kämpfen. Ehrenvoller und, was wichtiger ist, notwendiger für die jüdische Idee ist es, die Assimilation zu töte», auch wenn sie sich nationalistisch verkleidet hat. Die Legion ist ein alter Gedanke, der dem gegcnwärti- .gen senilen Ai sie?, zu "and. Europas entspricht, die > brüderliche, ßeivatttoje Verständigung mit dem arabijMk 7. Oktober 1921 §rr. ge71 Brudervolk ist ein neuer Gedanke aus der Rüstkammei der Zukunft, deren Missionäre wir im vorderen Orieni sein müssen, kraft der immanenten Ethik des Juden, tums. Wladimir Jabotinsky möge wählen! Eugen Hoeflich. Sttlottb. Die Konferenz in Venedig. London, 6. Lkt bcr. Eine Note des Reutnschen Durrans besagt: Nachdem die icgulärn linoarischm Truppen daS Burgenland innerhalb der felt^-fetzten Frist g-rä. M haben, sott nunmehr der italienische Vermittlung S Vorschlag von Vt Bottchafte konfe' enz gep üß werden. Die englische Rfginung wünscht kemeSwegs gegen irgendeinen Vorschlag Siellun». zu nehmen, dem die öfterechifche und dir ungarische Regie nng zust-mmen nnd der zn einer Regelung des Konflikts lülirm könnte, Man ist der Ansicht, daß man jeden. Weg verülchen müsse, «m die bchw«ig'e ten m beheben, jedoch immer unter der selbflveisiändl'chm Vorauilktzung daß Ungarn die Besslmmungen des Vrrtrages von Tciauon erfülle«. UlÜssk. Gntmiürrichtete «ifitvcti« Kräse sind indes bezüglich des ErgckwisieS der ,n Venedig abzilbattendcn Besprechnnam nicht allzu eprnnistlsch. Wie -die „Volu sche Korrespondenz* von maisgebrnd^ Se^te nfährt, fehlt dcn verst! iedenen Kommentaren über dasVer* ballen der emulntn MngNrdrr der El tente t« ver g planten Nksprechung in Venedia j de amtliche Be-laubiiaung. Der Umsiandkaß m den l'tzten Tagen keine neuen divlomatischen Schritte bezllgllch d r Zukamm-nkunft erfolg'en, könnte dam t 'm Zu-- sammenhiing st den. daß sich am morgigen Tage nach volliegenden P riser Pzess Meldungen die Voischaftnkonferen; veraittisichilich mil e;ner Mediation in der wkstuncacifchrn Fr.ige defass.n soll. Der Ungarische Bandenkrieg. Beschieß«»- der Stadt Bruch. Wien. 6. Oktober. Amtlich wird gemeldet: Die ungarischen Banditen halten seit gestern morgens nicht nur unsere Truppenstelllmgen bei Bruck ander Leitha, sondern auch gegen jedes Völkerrecht und menschliches Empfinden die offene Stadt Bruck andauernd unter Gewehr- und Maschinen* gew ehrfeuer, wodurch die friedliche Zivilbevölkerung unausgesetzt aus das schwerste gefährdet ist. Wie das Telegraphen-Korrespondenz-Bureau erfährt, hat die österreichische Regierung diesen neuerlichen» besonders krassen Bruch des internationalen Rechtes sofort den Mächten zur Kenntnis gebracht und in energischester Weise gegen die sich immer wiederholenden Völkerrechtsbrüche Protest erhoben. Wien, 6. Oktober Amtlich wird gemeldet: Eine ungarische Bandenabteilung, die unsere Sicherungstruppe westlich Alhau am 5. d. M. abends auf steirischem Boden angriff, wurde durch Feuer zurückgewiesen. _ Telegramme. Die ParteienverhandlUNge« in Jugoslawien. Belgrad» 6. Oktober. König Alexander wird, wahrscheinlich am 15. d. M. 'nach Belgrad zurück-' kehren. Ministerpräsident Paste wird dem König sofort die f 0 r m e l l e D e m i s s i 0 n . des Gesamtkabinetts unterbreiten. Damit die Krise nicht lange dauere, haben heute zwischen Vertretern der parlamentarischen Hauptgruppen sowie der Radikalen und der Demokraten Besprechungen über das Programm der weiteren Arbeiten der Koalitionsregierung begonnen. Bei den Hauplausfchüsse« beider Parteien herrscht der feste Wille, die Koalitton auch weiterhin aufrecht zu erhalten, die Lage vor der Rückkehr des Königs zu klären und insbesondere für die Neubildung der Regierung im vorhinein die Verteilung der Ministerstellen einvernehmlich festzusetzen. Die Verhandlungen, welche einige Tage dauern werden, sollen noch vor dem 20. d. M. zu einem Einvemehmen führen. In politischen Kreisen hofft man, datz die Verhandlungen zwischen den beiden Parteien auch mit Rücksicht auf die äußere Lage bald mit einem Erfolg enden werden. Die Aktion des zweiten Führers der . Radikalen, Stojan Protiü, welche eine Revision der Verfassung bezweckt, beeinflußt nicht die Verhandlungen der beiden parlamentarischen Hauptparteien. Pafie \n Paris. Belgrad» 6 Oktober. Ministerpräsident Pafie Ist gestern abends nach Paris abgereist, um König Alexander über M? innere und äußere politische Lage Bericht zu erstatten. EtUberafung des Prager Parlaments. Prag» 6. Oktober. Der Präsident der Republik hot gemäß der Verfassungsurkunde die Frühjahrswgung der Nationalversammlung für beendet erklärt und die Nationalversammlung zur Herbsttaaung für de» 18. Oktober etuberufen.