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Wiener Morgenzeitung · 1921-10-07 · Heft 967 (7.10.1921) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 967 (7.10.1921)
Date
1921-10-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Sein Vertreter in der Oedenburger Generalskommission hat hn Namen Großbritanniens ein Protokoll unterschriehen, das an Perfidie und Verhöhnung jedes Klaubens an Treue und Gerechtigkeit selbst in der pn Unaufrichtigkeiten so reichen Geschichte der Diplomatie nicht seinesgleichen hat.. Im Namen der verbündeten Großmächte wurde in Oedenburg eine Uebergäbskomödie aufgeführt, die grell hineinleuchtet in den tiefen Abgrund, an dessen Rand die Welt durch diese Politik der Zwangsgenossenschaft, welche lstW die Entente darstellt, gebracht wurde. Es gibt Wte in Ungarn keinen Menschen, mager welcher Hürtei oder welcher Clique immer angehören, der rncht, über das in Oedenburg gelungene Beiyarenstück HM Mr die blitzdumme Entente, die sowohl dem MMY.. als auch seinem Gegner Friedrich auf den Kim gegangen ist, hell auslachen würde. V^And .in der Tat, die Magyaren haben allen GHnd, die Welt zu verhöhnen. Sie sind im Besitz der MWen, sie haben in allen Nachbarstaaten ihre irreheWsüschen Agitatoren und Spione. Die Tschecho- Slpwakei, Rumänien und Jugoslawien können sich Ätzt mehr der Wühlarbeit magyarischer Jrredentisten dtzr verschiedensten Couleur erwehren. Bis nach Al- Hiusst hinunter. wurden Horthy°Agente« .festgestellt, M-.-M der wohlwollenden Förderung Ämch Italien ekßMn.- Gegen WWn> hin sind' 'Äse Emiffäre der? .magyarisch«». Propaganda am Werke und benützen he»K, wie seinerzeit vor dem Zusammenbruch der KD-Regierrmg, Wien als Treffpunkt zur Beratung und Ausarbeitung ihrer Kriegsplane. In Wien wimmelt es' von Emissären und politischen Agenten aus Wgärn. aus den Nachfolgestaaten und aus Bayern. In Wien treffen sie.sich mit ihren Pariser Freunden rchd in Wien^ hoffen sie zuversichtlich mit all den geäenreoolutionären bewaffneten Banden zusammen- ^üneffen, die heute an den Grenzen Oesterreichs auf das Losungswort, warten» um gegen Wien zu marschieren und überhaupt die durch den Trianoner FKhensvertrag geschaffenen ungarischen Grenzen zu sprengen. Diese Gefahr ist viel naher gerückt, als allgemein angenommen oder zugegeben wird. In Weftungarn ist eine große Armee unter dem falschen Namen von Freischärlern zusammengedrängt, die heute zum Teile von der Aristokratie, vom hohen Klerus und zum Teile durch brutale Erpressung von Kontributionen Halten werden kann. Das kleine, durchaus nicht reiche Westungarn ist schon heute beinahe ganz ausgesogen und kaum mehr imstande, den Anforderungen der Bandenarmee zu genügen. Die täglichen Plünderungen bei den verhältnismäßig wenigen wohlhabenden Juden in Westungarn sind gleichfalls nicht mehr ergiebig genug, um dem Raubhunger der Aufständischen zu genügen. Die aus Oesterreich heimkehrenden Emissäre vermöge« die Banden nur noch durch die Aussicht auf ergebnisreiche Ra u b z ü g e in Oefterreichund in W i e n munter zu erhalten. In Wien winkt ihnen die Möglichkeit eines beutereichen. Pogroms und es ist psychologisch nur zu begreiflich, daß die in Westungarn hausenden Banden nicht mehr lange zu halten je in werden, wenn die Entente in ihnen die durch best Oedenburger Ulk gezeitigte Anschauung fortwirken laßt, daß die Großmächte das wirtschaftlich und militärisch in einer Zwangsjacke befindliche Oesterreich aufgegeben haben. ./ Aus Oedenburg soll nun Venedig folgen. Die Führung der Entwirrungsaktion wurde dem tschechischen Außenminister Benesch entrissen und dem italienischen Außenminister della Torretta überantwortet. Die momentane Niederlage, die der Tschecho-Slowakei und mit ihr der kleinen Entente bereitet wurde, wird sich bitter , rächen. In Venedig soll nicht Oesterreich sei» Recht, sondern Horthy für seine ständige Beunruhigung Jugoslawiens und der übrigen der kleinen Entente angehörenden Nachbarländer den Lohn erhalten. Aber Italien gibt lick einer verhängnisvollen Täuschung hin,- wenn 'es .-.laabt durch einen Pcckt mit Horch» Ungarn für sich zu haben und da- Die gestern erfolgte Erledigung der beiden Bankengesetze im Nationalrat hat auch den letzten Grund für ein weiteres Verbleiben des Bundesfinanzministers Dr. Grimm im Amte beseitigt. Die Suche nach einem Nachfolger nahm alle Zeit in Anspruch, welche die Parteiführer so neben den parla-" mentarischen Beratungen erübrigen .Konnten. Als neuen Finanzminister nennt man den steirischen Christlichsozialen Dr. Alfred Gürtler, Sein Eintritt in die Regierung würde die Zahl der christlichsozialen Vertrauensmänner im Kabinett zuungunsten der zweiten Koalitionspartei vermehren, weshalb diese auf das Ausscheiden des christlichsozialen Heeresministers Vaugoin bedeutendes Gewicht legt. Er soll durch OberstenW ä ch t e r, eine» Vertrauensmann der Großdeutschen, ersetzt werden. Da man den Dr. Gürtler nicht für jenes überragende Finanzgenie hält, das Ordnung in das heillose Wirrwarr der staatlichen Wirtschaft bringen könnte, sollte ihm ursprünglich der -Direktor der Anglobank Dr. Rosenberg als Staatssekretär zur Unterstützung beigegeben werden. Die Großdeutschen schauderten jedoch davor zmück, einen Juden zu wählen, so denkt! inan - an den Ausweg, Dr. R o s e n b e r g zum^LeitMAer'Kreditsektion-des Finanzmimsterim^s zu 'bestG'ey^ ,, ' - ' Sehr erschüttert soll 'ü'Hgerur.'WUd-PsMon des Innenministers Dr. W aÄ'e r feit?; BstchdeskanKer Schober würde gerne aus feine-weitere Mitniirklmg im Kabinett verzichten und die bisher «MM: Wader versehenen Agenden durch das Bundeskanzleramt be- - sorgen lassen. Verläßt Dr. W ad er das'Kabinett/so wären die Großdeutschen ohne Vertrauensmann in der Regierung; es wurde ihnen darum auch bereits das JüstiZminisierium angeboren, für das Abgeordneter Dr. Frank in Betracht käme. Des' weiteren wird auch derHandelsmimsterDr.An gerer ausgeschifft werden. Es steht zur Erwägung, das Handelsministerium mit dem zum Absterben verurteilten Volksernährüngsamte administrativ so zusammenzulegen, daß Dr. Grünberger beide Refforts gleichzeitig führen würde. Uebngens heißt es auch, Herr Heini mache alle möglichen Anstrengungen, um wieder ms Handelsministerium einziehen zu können. Schließlich Hot auch Ackerbauminister Dr. H e n n e t gestern eine schwere Schlappe im Nationalrat erlitten, der sich mit überwältigender Mehrheit für die Aufhebung der von Dr. H e n n e t erlassenen Verordnung, betreffend die Bewilligung der Viehausfuhr, aussprach. Vorerst dürste man es bei der Auswechslung im Finanz- und Heeresministerium bewenden taffen. Die Packeleien um die Ministerportefeuilles sind noch nicht beendet. Gestern abends wurde noch vom-Bundeskanzler Schober der deutschen Bauernpartei ungefähr bannen zu können. Italien schließt einen Pakt mit einem politisch Sterbenden. Alles, was Anhang und Einfluß hat, rückt von Horthy ab, Horthy hat nur noch in den Nachfolgestaaten bezahlte Anhänger und er ist nicht ausgeschlossen, daß, ehe noch der von Italien in seiner Angst vor Jugoslawien und dem sogenannten Korridor mit Horthy geschlossene Pakt wirksam wird, in Ungarn sich Ereignisse abspielen werden, die das ganze unter Führung Italiens aufgebaute diplomatische Kartenhaus über den Haufen werfen. Es entsteht nun die Frage: Was hat/Oesterreich unter solchen Umständen bei einer Konferenz in- Venedig zu suchen, vorausgesetzt, daß diese -tatsächlich zusammenkommt? BundLskanzler Schober, der sich mit dem Außenminister Dr. Benesch bisher außerordentlich, gut > verstanden -hat, wird plötzlich - gewissermaßen von; Benesch abberufen und nach.Venedig /kommandiert. . Während die Verhandlungen: mit der-. Tschecho-. Slowakei aus der Grundlage vieler gemeinsamer, wichtiger Interessen gepflogen werden.-/konnten,' soll mnt Oesterreich gegen besseres.. Wissen. und Gewissen von dieser Linie abrücken: und nach mit die von ihm" so gesurchrcte- Habsburger- Venedig gehen, um dort ein fertiges, vorgefaßtes getragen, sich für das Unterrichts- oder das Justizreffort zu entscheiden, obwohl diese Sechsmärmergruppe für keines der beide» Ministerien einen auch nur halbwegs geeigneten Anwärter aufweift. Man erwartet, daß noch im Laufe des heutigen Vormittags die Parteienverhondlungen so weit abgeschlossen werden, daß der Nationalrat mindestens zur Wahl des neuen Finanzministers wird schreiten können. Unterzeichnung eines deutschfranzösischen Wirtschaftsabkommens. Berlin» 6. Oktober. Die Minister Rathen au und L o u ch e u r sind heute mittags in Wiesbade« eingetroffen. In Begleitung Loucheurs befindet sich, wie die Blätter melden, der Vorsitzende der interalliierten Kommission in Koblenz, T i r a r d, in Begleitung Rmhenaus außer Staatssekretär Müller noch eine Reihe von Ressortbeamten. Wiesbaden, 6. Oktober. (Tel.-Komp.) Als Abschluß der zwischen Loucheur und Nachenau gepflogene» > Beratungen über das deutsch-französische Wirtschaftsabkommen ' erfolgte heute» 6 Uhr abends, die Unter» z e iMnÄ n g d e s H a ü p t a b k o m m e n s mit AHüri^ -MerA has - völlige Uebereinstimmung erzielt Äürde/: Zurrt ersten Male -feit dem Kriege fft ein Ab-^ -kömmen.'W ftänzosifcher und deutscher Sprache unterzeichnet worden. Morgen werden die Sonderabkommen MitÄöerqten und voraussichtlich unterzeichnet werden. Minister Loucheur wird bereits morgen mittags Wiesbaden wieder verlassen. : ■ Äe‘ rrberschlefische Frage. Lsn)S"a, 6. Oktober. sWolff.) ^Exchange Telegraph" meldet : Der Vierer-Ausschuß zur Erivägung der vberschlesischen Frage hat im Prinzip einen von einem seiner beiden Sachverständigen ausgearbeiteten Entwurf B r i a n d und L l o y d George unterbreitet deren Voten erwartet würden. Eine sehr beträchtliche Diskussion sei wegen der B e u L h e n e t Fra g e entstanden. Amerika besteht auf Bezahlung der KrieMchUldeu. London- 6. Oktober. (Wolff.) »Mormng Post* meldet aus Washington, Amerika habe nicht die geringste Absicht, die Kriegsschulden der Alliierte» z« streichen oder auch nur herabzusetzen. Das Weiße Haus habe. amtlich mitgeteilt, daß jedem Versuche, diese Frage - auf der Washingtoner Konferenz aufzuwerfen, - von de» amerikanischen Delegierten kräftiger Widerstand entgegengesetzt werden würde. Urteil, die Verurteilung Oesterreichs zugunsten Ungarns, entgegenznnehmen. Zu wenig wurde Oesterreich bisher schon von der Betyarenpresse verhöhnt, zu wenig bis heute von der großen Entente erniedrigt, getäuscht und von Stufe zu Stufe dem politischen und Wirtschaft-- lichen Abgrund nähergebracht. Nun soll ihm auch noch der letzte Rest der freien Willensäußerung genommen, ihm der einzige Weg verlegt werden, auf dem es z.:... einer allmählichen inneren Konsolidierung gelangenkönnte, und es soll nach Venedig gehen, wo ihm nur eine Niederlage blüht, ohne Au : -lcht auf den geringsten wirtschaftlichen Vorteil. Wen- Oesterreich nicht von allen guten Geistern verlassen ist, lehnt es eiitt Teil nähme an der Konferenz mit Ungarn unter italienischer Führung ab und nimmt den Verhandlungssaden mit Doktor Benesch dort auf, wo er durch ein Pariser Diktat entzwergerissen wurde. Oesterreich kann, wenn es keine: Abenteurerpolitik treiben will, nur auf dem Wege eines wirtschaftlichen Anschlusses an die Tschecho- Slowakei aus sich selbst heraus gesunden. Von dieser Politik der Selbsterhaltung darf sich Oesterreich weder durch kurzsichrige und egoistische Parteipolttik Innern noch durch biplomalische Kunststücke vy» außen her abdrängen lasse».

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