Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 965 (5.10.1921)
- Date
- 1921-10-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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9ÜFV Men, Mittwoch Ah-a« -es Kriegshasies in Englantz. Berlin, 4. Oktober. (Wolff.) Von amtlicher englischer Seite wird mitgeteilt, daß Seeleuten ftüherer feindlicher Nationen nunmehr das Recht der zeitweiligen Landung in britischen Häfen für die Dauer des Aufenthalts der Schiffe in den betreffenden Häfen erteilt wird. Die Debatte über das polnische Regierungsprogramw. Marsch»«, 3. Oktober. (Tel.d.»Wr. Morgenztg/) In der vorletzten Sitzung des polnischen Parlaments wurde das Expose des neuen Ministeriums durch eingehende Darlegungen des Außenministers S k i r m u n t über die Wilnaec Frage ergänzt. Nach einer historischen Darlegung des Wilnaer Problems legte der Minister die Stellung der Regierung zu Hymans letztem Vorschlag dar und erlärte, daß ihn Polen ablehne, da die Regierung unoerrückt auf dem Standpunkt stehe, daß das Schicksal des Gebietes von Wilna nur durch die Bevölkerung selbst entschieden werden dürfe. Hierauf legten die einzelnen Parteiführer ihre Stellung zur neuen Regierung dar. Es herrscht bei den Parteien der Regierung gegenüber eine gewisie abwartende Zurückhaltung. In der Rede der Sozialdemokraten Daszynski wurde die von der Nationaldemokratie geschürte chauvinistische Hetze berührt; wie sehr diese die Gemüter vergiftet, bewies Daszynfki durch die traurigen, fast alltäglichen Vorfälle, daß jüdische Leichenbegängnisse mit Steinen beworfen werden. Diese Bemerkung Daszynskis löste wieder eine Iudenrede von rechts aus, die vom Abgeordneten M a e i e w i c z gehalten wurde und das alte Märchen vom jüdische» Verrat auffrischte. In der letzten Sejmsitzung kam der jüdische Abgeordnete Grunbaum zum Wort. Er bezeichnete es als verwunderlich, daß im Expose des Premiers das Nationalitätenproblem in Polen und die I itd e nfrage nur mit allgemeinen Bemerkungen über Gleichberechtigung berührt wurden. Die Juden seien im Exposö nur erwähnt worden, als der Premier von der Vermehrung der Staatseinnahmen sprach. Die Iudenfrage in Polen sei aber nicht eine Frage, wie aus den Juden möglichst viel Geld zu ziehen wäre, wie dies im Mittelalter der Fall war. Die jüdischen Abgeordneten geben sich der neuen Regierung gegenüber keinen Illusionen hin. Grünbaum wies dann auf die Politik der Regierung gegen die sogenannten »F r e m d e n* hin und die Repreffalien gegen sie, unter denen der größte Teil Juden find. Er zeigte dann, daß an der wirtschaftlichen Krise des Landes zum großen Teile die chauvinistische Politik gegen die nichtpolnischen Nationalitäten und die wirtschaftliche Boykotthetze gegen die Juden schuld sei. Am Schluß der Sitzung ergriff der deutsche Deputiette H a ß b a ch das Wort und forderte eine vom Geiste der Gerechtigkeit getragene Politik gegen alle naüonalen Minderheiten, denen die Möglichkeit einer Vertretung im Parlament gegeben werden muffe. Wl«»sr«rsrKe»settsmA ... ... > i . .w.iim»rmrrir-B;r«-M™tiiK<7ü Jrrternattormle Arbeiterkonfereuz. Genf, 3. Oktober. Am 2b. d. M. wird m Genf die dritte internationale Arbnterkonfrrenz eröffnet werde«. Sie wird ungefähr 600 Delegierte auS allen Völkerbundstaaten vereinigen. Die Tagesordnung umfaßt eine Reihe von Fragen, die auf de« Handel, die Industrie und die Landwirtschaft Bezug habe», unter anderem: Anwendung des Beschluffes von Washington, betreffend die Reglementierung der Arbeitszeit ans die landwirtschaftliche Arbeit. Anwendung der anderen Beschlüsse von Washington ans die landwirtschaftliche Arbeit, und zwar Maßnahmen zur' Verhütung der Arbeitslosigkeit. Schutz der Frauen und Kinder. Besondere Schutzmaßnahmen für die landwirtschaftlichen Arbeiter. Landwirtschaftlicher, sachlicher Unterricht, W. irnveihältniffe der landwirtschaftlichen Arbeiter, Garantierung dcS Vereins- und KoalitionSrrchteS, Schutzbestimmunge» gegen Unfälle, Krankheit, Invalidität und Alter. Desinfektion der Wolle gegen Mllzbrandbakterien. Verbot der Verwendung von Bleiweiß in der Malerei. Wöchentlicher Ruhetag in Industrie und Handel. Verbot der Verwendung von Personen unter 18 Jahren in den unteren Schiffsräumen- und Heizanlagen. Obligatorische ärztliche Untersuchung der an Bord des Schiffes verwendeten Kinder. Amerika und die Mandate. London, 2. Oktober. (Privat.) Wie verlautet, gedenkt die amerikanische Regierung die Differenzen wegen der Mandatsgebiete so zu regeln, daß sie mit einer jeden der alliierten Regierungen , Sonderoer träge bezüglich der amerikanischen Rechte in den betreffenden Mandatsgebieten schließen will. Dadurch werden Amerika die Verhandlungen mit dem Völkerbunde, den es nicht anerkennt, erspart bleiben. Türkische Aagriffe. Angora, 3. Oktober. tHavas.) Unsere Truppen haben die Front östlich von E s k i s ch e h i r angegriffen. Dir Griechen mußten sich in westlicher Richtung zurückzichen. Unsere fllegenden Abteilungen drangen b,s K e ß k r n westlich von Eskischehir vor. Sie zerstreuten die feindlichen Truppenansammluugen und e» beuteteu große Meugen Munition. Außerdem hat nnsere Kavallerie die Station K a r a k ö j östlich von Buzuk besetzt. Der Feind erlitt bedeutende Verluste. Wer haben Gefangen? gemacht. Kritische Lage tu Marokko. Paris, 4. Oktober. (Tel.-Komp.) Der »Temps* erfährt aus Oran, daß die Lage der Spanier in Marokko noch immer kritisch ist. Der Marsch aus Seluan wird nur möglich sein, wen» die Aufständischen von den Höhen von Nador vertrieben sind. Nnr östlich von M e l i l! a hat sich die Lage für die Spanier gebessert. Madrid, 4. Oktqber. (Tel.-Komp.) Die Ersberung der starken Stellungen bei Gebt in Marokko wird offiziell gemeldet. MiLitärkre-itforderangen im ruma- ’ Nische« Parlament. Bukarest, 4. Oktober. (Tel.-Komp.) Die rumänische Regierung wird in den nächsten Tagen dem Parlament eine große neue Militärkredit- 8. Oktober 1921 Nr. 965z fordern n g vorlegen. Der Kriegsminister verlang! für außerordentliche militärische Ausgaben, die offenbar im Zusammenhang mit gewissen Verpflichtungen stehen, die zum Aufgabenkreise der kleine» Entente gehören, 7.2 Milliarden Lei. Die Bewilligung dieser Militärkredite scheint gesichert, doch wird das Ministerium noch eine besondere Begründung in vertraulicher Sitzung vorlegen. Die russischen Kinder hungern. Moskau, 4. Oktober. (Funkspruch.) »Pravda* schreibt: Das Wolgagebiet durchlebt gegenwärtig fürchterliche Hungerqualen. Besonders , schwer leiden die Kinder des Gouvernements Saratow. In diesem Gouvernement gibt es 822.679 Kinder im Alter von 1 bis 16 Jahren. Die Kinderheime find nicht imstande, alle diese Kinder aufzünehmen und zu verpflegen. Bettelei ist an der Tagesordnung. Laut Mitteilung des Volksgesundheitsamtes beträgt die Zahl der hungernden Kinder Rußlands 4,701.000. Die Typhuserkrank«»gen im Go«- vemement Zarizyn nehme» z«. In den Hungergebieten sind über 60.000 Menschen erkrankt. Die meisten Erkrankungen kommen an Cholera, Dysenterie und Bauchtyphus vor. London. 4. Oktober. (Wolff.) Wie das Reutersche Bureau erfährt, haben von den 22 zur Brüffeler Konferenz zwecks Bekämpfung der Hungersnot i» Rußland eingeladenen Staaten, abgesehen von de« i« Obersten Rat vertretenen Mächten, bisher nur Rumänien und die Tschecho-Slowakei die Einladung formell angenommen. Es wird erwartet, daß die Schweiz vertreten sein wird, ebenso die Vereinigte» Staaten. Letztere wahrscheinlich in halbamtlicher Eigenschaft. Prager Nationalversammlung. Prag, 4. Oktober. Die Herbstsessiou der Natioualversam«» lnng wird am 16. d. M. eröffnet werde«. „Narodni Politika* meldet, daß Ministerpräsident Dr. B e » e s ch an diesem Tate im Abgenduelrnhanse und i« Senat das R e g i e t» « g f* Programm verlese« und daß hiera«f der Fiuäuzmiuister den S ta a t Sv » r a u s ch l a g für 1932 unterbreite» werde^ Einjähriger Moratorium in Jugoslawien.^ Graz, 4. Oktober. Die »Tagespost* meldet aus Belgrad : Zur Besserung des Kurses des jugoslawische» Dinar» im Auslande hat das Finanzministerium ei» Moratorium für die Schulden der jugoslawische» Handelswelt im Auslande auf die Dauer ettres Jahres erklärt. Verbot der national-ukrainische« Blätter in Lemberg. Wie die westukramische Preßagentur meldet, hat die Lemberg« Polizerdrrektio» das Erscheine» sämtlich« uationeäukrainischer Blatter verboten, weil sie die polnffche Administratio» i» Ostgabzien nicht anerkennen «ollen. Regenmäntel erstklassig und billigst im Marenhaus Brüder Schiffmann ÄÄ4!:EiSS2 Mufik. Ti' Wiener Musik- und Theatermesse hat die an sie ^knüpften Erwartungen kaum erfüllt. Fcrurss mit Spannung erwartete Oper „Penelope" gelangte nicht zur Aufführung, die Serie der historischen Konzerte wurde vorzeitig abgebrochen und gar die Novitätenkonzerte, auf welche so mancher junge Komponist seine Hoffnungen ^gesetzt hatte, waren eine u:oe Enttäuschung; ein eiirziges Konzert brachte Werke von teilweise bekannten, aber wenig markanten Wiener Donsetzern: Franz Jppisch offenbart sich in seinem Es-Dur- Streichquartett als gebildeter Musiker, der bei Wahrung der hergebrachten Form und Technik hübsche Einfälle findet, dabei die gefährlichen Klippen der Moderne vermeidet und st in Schirflein ruhig und sicher in dein Hasen des Erfolges jüyrt. Interessanter erscheint Gustav Havranek, der weit iucnigcr formgewandt und abgeklärt ist und mit dem Ausdruck ringt, um seine inneren Gesich-te zu formen. Bei der i-u'führung feines E-Moll-Streichquartetts wirkte er als L-rimqeiger allzu sichtbar in seinen Gesten, allzu hörbar in f nen Temperamentsausbrüchen; man belächelte seine Leidenstqartlichteit und -.fühlte gleichwohl in seiner wenig ein- -..änglichen Musik das Mitschwingen eines eigeneA Tones. — iiiecht hübsch in ihrer Klangwirkung waren die von dem liimmbegabten Fräulein La wne r gesungenen Lieder - .ar Fischers, charakteristisch die schon im Vorjahre i oit Herrn Manovarda vovgetragenen Gesänge Oskar ju,' c tzners. stimmungsvoll die van Fräulein Mihacsek uestmgenen Lieder Joses D'asatiels. Ein ausländischer Künstlerareopag hätte nach dieser ,'iurgvahl kaum die richtige Uebersicht über das Fnng-Wiener rausitalisckre Kunstschaffen gewinnen können. Ob es Lber-!;riuöt eine richtige Idee war, Musik und Messe in engere 'Verbindung zu bringen, wo doch die Kunst im geschäftlichen «xiüricöc des Alltags lieber verstummt, in ruhigere Zeiten -ui) stillere Räume flüchtet! Gin weit glücklicherer Einfall war es, das Kmrsthandwerk im Dienste der Messe, zu organri-ecen und die Instrumentenbauer zu einem Wettbewerb gusanimentreten m. lallen. S» aab es ein Vergleichsspiel neuer Streichinstrumente mit altitalienischen Violinen, Violas 1 und Cellos. Es sei gleich bemerkt, daß jede der vorgeführten Geigen tonliche Vorzüge auswies, ohne daß eine eintzige den italienischen Edelton auch nur annähernd erreichte. Seit Jahrzehnten ist der Geigenbau bemüht, in das Geheimnis , der altitalienischen Geige einzudrrngen mrd die Weichheit und Süße ihres Tones nachzubilden, wobei die verschiedensten Methoden verwendet werden: Der Schweriner Geigenbauer Josef Bausch will die Zusammensetzung des italienischen Geigenlack^s gefunden haben und durch' Verwendung dieses Lackes bei modernen Instrumenten die altitalienische Tonqualität erreichen. Eine Gruppe. von Wiener Instrumentenbauern strebt durch Veränderung im Geigenholz das gleiche Ziel an: So will En gl durch Entfernung der Jahresringe aus der Decke den Ton voller gestalten, die Tim-Geige des Ingenieurs M a r k st c i n lockert das Holzgewcbe der Geige und will so aus technischem Wege jenen Holzzustanid erreichen, der sonst durch das Ausspielen der Geige und die dadurch hervorgerufeue „molekulare Wanderung" als Folge der Tonschwingungen erst im Laufe von vielen Jahrzehnten möglich wird. Siegfried Bauer wiederum hat einen hohlen, hochgradig elastischen Baßbalken konstruiert, der eine gleichmäßige Vibration und dadurch einen, ausgeglichenen Don bewirken soll. — Weit radikaler sind die Neuerungen des Instrumentenbauers Dr. Franz Thomaftik, der nicht dem Ideal der altitalienischen Geige' nachstrebt, sondern durch wesentliche konstruMve Aenderungen den ^eigerrbau auf völlig neue Grundlagen stellen möchte. Er geht dabei von der richtigen Voraussetzung aus, baß die-Blasinstrumente im letzte« Jahrhundert immer wieder technische Verbesserungen erfahr« haben, die Geige hingegen sich! nicht'mehr fortentwickelt hat, daher den Blasinstrumenten an 'Größe des Tones nicht mehr gewachsen ist und nur durch eine überstarke Besetzung ihren Rang im Orchester behaupten kann. Thomastik durchbricht nun die .Geigendecke und bringt zugleich mit ihr auch den Boden, dar gespielten Geige, in Vchwingupg. Go schwingt, nun nicht mehr die Decke als Resonanzbrett, sondern der ganze Geigenkasten 'als Resonanzkörper, wodurch der Don..ganz bedeutend vergrößert,' freilich' anch schärfer und schpiller wird, jo daß derartig« Instrumente wohl im Orchester, aber vorläufig kaum im Solo- und Kammerspiel verwendbar sind. Der jläir* digen Vermehrung der Blasinstrumente trägt Thomastik dadurch Rechnung, daß' er auch' die Zahl der verschiedenen' Streichmsttumente (Geige, Viola usw.) von fünf auf acht erhöht und die schwingenden Grundtöne dieser Instrumente ans dem Zahlenverhältnis. tau 1:2: 3 : 4 :5 : 6 :*7.: 8 ausbaut.' Noch mystischer erscheinen ftine bei anderer Gelegenheit öffentlich vorgeführteu Pläne über Form und Anlage von Konzertsälen. Immerhin scheint Thomastik reiches Wissen mit fruchtbaren Ideen zu verbinden, di« der Förderung wert sind. _ Gleich den Streichquartettiustrumenten möchten nun auch' die anderen Saiteninstrulnente die Konzertfähigkeit erlangen. . Die Mandolinenveveinignng hat sich diese bereits erkämpft/ nun möchte es ihr die E l m er - Zithervereinigung gleichtun. Man freute sich ihres exakten - Zusammenspiels, der - lieben Klänge, die in den Dimenskünen des Konzertsaales verzittern, und sehnte sich dabei nach Waldeslnft und Almengrün.. Ueberaus reizvoll und anheimelnd sang Frau Eleanvr Re YUolds Lieder von Mendelssohn, während sie für die: Gesänge von Brahms nicht recht die Größe des Ausdrucks, aufbringen konnte. Milde rs Frau Maria Philippr, bei der alles, auf Wärme und Jmiigkeit des Vortrages eingestellt ist; eine berufene Vach-Sängerin, die sich trotz ihrer weißen - Haare die Jugendfrische des Gemüts bewahrt hat. Einige Grade, kühler war der Bach-iBortrag von Frälllein Lotte Leonard, die nebst einer hübschen Stimme eine wohlgepflegte Technik besitzt. Das Geigenspiel des Herrrr Georg Steiner, der bereits' über das rein Virtuose hinausgewachsen ist, imtwickelt sich immer erfreulicher zur Meisterschaft. Auch die junge Geigerin Roszika Nevay, der wir erst kürzlich Anerkennung zollteil, hat, wie wir hören, inzwischen nicht gerastet. Unser verlaß-> licher Gewährsmann berichtet über ihre entwickelte Technik, ihren reinen GesangSton und die Bravour ihres Spieles. Die Pianistin Margarets Mit liebt nicht die"Verzärtelung der Melodie., Mt mäimlicher Kraft'gire-ist sie in die Tust'', und spiÄt sich voll... Ungestttm Freud' mck Leid von >?r -Seele. . 'Dir. Erwin Feld er>.