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Wiener Morgenzeitung · 1921-10-02 · Heft 964 (2.10.1921) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 964 (2.10.1921)
Date
1921-10-02
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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€eifc S Wim, Sonntag Telegramme. Die Ncgiersugsbildunq in Deutschland hinausgeschobe«. Berti«, 1. Oktober. (Korr.-Bur.) Das Hauptinteresse der Reichstagsabgeordneten konzentrierte sich auf den jüngsten Schritt der Sozialdemokraten, aus die Anfrage an die Unabhängigen, ob sie bereit waren, in eine Koalition einzutreten. Um zwei Uhr nachmittags traten die unabhängigen Sozialdemokraten zu einer F aktionssitzung zusammen. Es wurde konstatiert, daß bei dem rechten "Flügel eine gewisse Neigung bestehe, mit dem Zentrum, den Demokraten und den Mehrheit s s o z i a l d e m o k r a t e n zusammenz u g e h e n, wenn gewisse Vorbedingungen erfüllt werden. Andererseits ist jedoch darauf hinzuweisen, das; weder das Zentrum noch die Demokraten die Koalition ausschließlich nach . links zu erweitern gedenken. Ferner ist an eine gemeinschaftliche Arbeit der deutschen Volkspartei und der unabhängigen Sozialdemokraten nicht zu denken. In dem Schritt der Meheheitssozialdemokraten sieht man vor allem eine Sicherungsmaßnahme derselben, nachdem erhebliche Wählermassen gegen den Görlitzer Koalitionsbeschluß Stellung genommen haben. In den Kreisen der Sozialdemokratie rechnet man nicht mit einem wirklich praktischen Erfolg der Anfrage. Jedenfalls ist durch diesen Schritt der Sozialdemokraten die Regierungsumbildung um zwei bis drei Wochen verzögert. Der von den Unabhängigen eingesetzte Ausschuß hat seine Arbeiten noch nicht abgeschlossen; er soll aber die Absicht haben, die Bedingungen für eine Teilnahme an der Regierung möglichst milde zu fassen, um dem Zentrum und den Demokraten eine Ablehnung zu erschweren. . . . Englisch-irische Verhandlungen. London, 30. September. (Wolfs.) De Val er a hat die Einladung Lloyd Georges zu einer Konferenz angenommen. London, 1. Oko'er. (Wolff) In der Antwortnote deValeras an Lloyd George heißt rs: Wir haben Ihre Einladung zu einer Kon'ercvz r, halten, die am 11. d. M. stanfinden soll. Unsere beiderseitigen Standpunkte find dargeiegl worden. Wir stimmen dann öderem, daß eine Konferenz und nicht ein Schnüenwechsel der p nkkischeste und hoffnungsvollste Weg zu ««er Verständigung ist. Wir nehmen die Einladung an. llnsere Deleürrten werden mt Ihnen an dem erwähnten Tage »London zmammmtreten, um jede Möabchke'.l "einer Emi- Mg drrlch persönliche Besprechung zu erschöpfen. Die rumänisch-jugoslawische Grenze. Graz, 1. Oklvber. Der „Tagespost" wird aus B e lg r a d gemeldet: Im heutigen Ministerrat berichtete Minister» Präsident Basic über das mit Rumänien zustrndegekommene Einvernehmen, betreffend d:e d e f i » i l i v e A b g r e n z u v g zwischen beiden Staaten. Im weiiere» Verlause verhandelte der Ministerrat über die Voranschläge emzelner Mimfierlem Beim Voranschlag des Kriegs- Ministeriums en wickelte sich eine längere D-backe, die noch nicht beendet ist. Fast alle Minister verlangten, daß das Kriegs» Ministerium senm Voranschlag noch weiter als bisher htrabütze Das jüdische Theater in Amerika. Von D. Druck. Wenn man so manchmal einen Blick auf die. Mw- Aorker jüdische Bühne wirst und sich manche- Bühnenkünstler und -künstlermnen näher ansieht, so kann man gar nicht glauben, daß das jüdische Theater in Amerika nicht älter als 30 Jahre ist; man könnte vielmehr meinen, es habe noch vor der Sintflut bestanden und die erwähnten Bühnensterne seien aus der Zeit her Arche Noa aus uns überkommen. Es gibt ein paar Erscheinungen auf der jüdischen Bühne in New-Dork, bei deren Auftreten auf den Brettern uns ehrfürchtiger Schauer überläuft. Und die spielen noch immer Liebhaüerrollen und zwanzigjährige Mädche-n. Ich wundere mich darüber, daß die New-Porker Mädchen zu solcher Beleidigung ihres Geschlechtes und ihrer Jugend schweigen. Aber es geschieht nichts — Amerika ist ja das Land der Freiheit und jeder kann tun, was ihm beliebt. Dieses Nebel stammt daher, daß viele bereits überlebte Schauspieler und Schauspielerinnen leider noch immer arbeiten müssen, mm den Bissen Brot zu verdienen. Es wäre gewiß viel richtiger, wenn sie in einer Merkstätte arbeiten und Knopflöcher ausnähen würden; aber sie halten sich an. die Theaterdirektoren' und gute Freunde, welche Einfluß haben und. jetzt im Glanze ihrer Jahre eigentlich auf dem Theater nicht besser „arbeiten" als jene vorsintflutlichen Geschöpfe. Man kann sämtliche jüdischen Theater Newsyorks, die erlauchten dramatischen sowohl wie die Operettenbühnen, durchgehen und findet nirgends echtes, natürliches Feuer. Alles ist aufgepulvert. .Alles. In den Ope''e'tentheaiern gibt es keine einzige Sängerin, die zufriedenstellend wäre. Alle quieken und' sind aNs der Szene genau so beweglich wie Elefanten. Verwunderlich ist jedenfalls eines, daß die Theaterdirektionen dafür so viel Geld ansgeben. Kann man denn Wiener MsrgenzerLrrnK ArbeitsLoseKdemoNstratiouen' irr Englau-, London, 1. Oktober. (Wolfs.) Bei einem Zusammenstoß in Leie e st er zwischen Polizei und Arbeitslosen wurden 16 Personen v e r l e tz t. Etz .sind mehrere Verhaftungen vorgenommen worden/ --- ■ Entscheidung Rbrr Oberschlesierr. Warschau, 1. Oktober. '(Tel.-Komp.) Wie aus Genf gemeldet wird, durfte' die Entscheidung des Völkerbundes über die oü-rschlesifche Frage anfangs nächster Woche - fallen.' Von dem Gutachten des Völkerbundes wird sofort Briand als Vorsitzender des Obersten Rates verständigt werden. Das Exposö -LS polnischen Ministerpräsidenten. Warschau» 1. Oktober. („Poln. Stimmen".) Wie in parlamentarischen Kreisen versichert wird, bat das Expose des Ministerpräsidenten einen recht günstigen Eindruck gemacht, wenn es auch mit ziemlicher Reserve von den Parteien ausgenommen wurde. Irgend eine Prognose bezüglich der Stellungnahme der Parteien ist jedoch im Augeübl'ck schon aus dem Grunde nicht möglich, weil ja der neue Finanzminister Dr. M i ch a l s k i noch keine Gelegenheit hatte, fein Finanzprogramm zu entwickeln. Und den eigentlichen Schwerpunkt der aegenwärtigen Situation bildet ja die Frage der Sanierung der Staatsfinanzen. In den Landtagseouloirs wird lebhaft die Idee einer K o n f o l i d i e r u n g allerParteien für eine 'begrenzte Zeit zwecks Erledigung der Staatsnotwendigkeiten und Durchführung der finanziellen Sanierung erörtert. Die Anreger dieser Idee, die übrigens wenig Aussicht auf Verwirklichung hat, treten für eine teilweise Parlamentcrnsi?-nng des Kabinetts ein. _^_ Auslieferung der Petlmra- und Sawinkow-Bandeu gefordert. Moskau. 1. Oktober. (Funkspruch.) Der Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten der ukrainischen Republik hat an die polnische Regierung eine Note gerichtet, in der er die Ausweisung der sogenannten „Regierung der ukrainischen Nationalrepublik" verlangt. Die ukrainische Regierung, heißt es in der Note, hat Beweise dafür, daß. diese Regierung einen Auf st and in der Ukraine zum Ausbruch bringen will. Die militärischen Behörden dieser Negierung stehen mit den polnischen Behördenw in enger Fühlung, die W Panden bewaffnen/ die in ukrainisches Gebier einfallen. Die Tätigkeit der P e t l j u r a- und/ S,a w in Kow-Banden äußerte sich in Raubüberfällen aus die friedliche Bevölkerung. . Die verurteilLe« Mitglieder des Allrussischen Hilfskomitees. London, 1. Oboder. (Funkfvruib.) T'chit'cherin bat Nansen geantwortet, daß die «ich kommunistisch n Mitglieder..drallrussischen Hillskomitees, die' angeblich zu « T » dc v e r ür teilt worden seien, fick wohlauf befänden Er dePentrert ab«l nicht, da'? dsS U tel nefäflt worden sei, und gibt auch feine Sicherheit dafür, .d.ß es nicht vollftreck werde. für .gutes Geld . nichts * Rechtes bekommen? Um der Wahrheit näherzngehM: imjüdischen Theater .in Polen gib.t es auchnichts Rechtes. .. Aber da ist wenigstens das schlechte Geld dis Entschuldigung. Gin noch größerer Uebelstand ist, daß die „Direktoren^ sich selbst ^für? große Künstler halten - und ihre Kunst -zeigen -wollen. In ihrem Alter wäre es wirklich schon/passend, sich zur, Ruhe /zu setzeu. Wer das wollen W nicht, -sie wollen noch «immer, daß man von ihnen, spreche.' Daß. sie.Theaterdirektoren sind, genügt ihnen 'nicht; -sie -wollen auch -spielen. Einstmals, da sie --noch -jung waren, spielten sie; Liebhaberrollen. Jetzt in ihren-Älchn Tagen spielen sie ältere Rollen. „Geben Sie'mir einen Vater,.einen'Vater!" schreit jeder Direktor seines dramatischen - oder-Operettenautvr zUi - ' Dietzl'MMierr'ch-ckbEK'/LingS' Zeit den Fortschritt des Theachrs ' geherttckü "Sie ließen eiüfü'ch peue Leute " nicht^zu.'Die haben eine „Union" und diese Union-ist' eine'GoÄsgeißek. In die^Union zu kommen,! war nicht leiM/Mitz „Jury" anetMnüe Üeue' Leütd sticht und 'ühxDes Warf sie ihnen Knüppel' zwischen di- Füße, so-Mß sD auf 'und davon mußten. "Jetzt ist es in dlsse'm Punkte etwas leichter geworden: Die Direktoren fiihlen schon selöst,daßMN das Theater/,,lüften", daß man es mit „jungen Kräften auffrischen" muß. Im porigen Jahve brachte Tomaschewski die M icha les k a, Sma Go löst ein, Seradski, auch Julius Adler'und seine Frau kamen. Sie traten in der Operette „Die Csardasfürstin" auf, welche.jedoch ftir das. Wisch-amerikanische Publikum zu europäisch" war. Dennoch Hielt sich die Operette eine Zeitlang und Tomafchewfki machte mit den. neuen> Gästen -in paar Dollar. Die Michaleska konnte in Mw-Pork Fuß Pässen, ebenso Sina Go Idstein. - -anderen wurde es-schotr schwer gemacht. Sie.sind wohl fest engagiert, wordest, aber.man läßt sie nicht aUfkommen. Konkurrenz. ' Ebenso alt wie die Künstler sind die Operetten. War doch Amerika der Lieferant der Singspiele vom Genre „Plniele- Jid", die mit Anfklärungsnwral und 2. Oktober 1921 /Mt «W Tagesberichl. „Sttches-Rsfe«.- Kennt ihr das Schicksalsmotiv aus DeethbvenS Fünfter Symphonie und den strengen Ernst der Bachs» schen „Ciaconna"? Hat euch schon einmal die Heiligkeit der ersten Takte des „Lohengrin"-Dorspiels ergriffen und die Traurigkeit des Gesangenenchors aus „Fidelio"? So streng und heilig ernst, so bezwingend innig und so voll trauriger Hoheit erklingt das Sliches-Rufen des Nachtwächters in der ersten Sliches-Nachi.- Lautlos sind die Gassen. Der Herbstnebel hat die zarten Stinrrnen der Nacht erstickt. Nicht einmal daß kosende Rauschen der Weichsel ist vernehmlich. Da klingt sein schwerer, harter Schritt durch die Stille wie das gemessene Schreiten eines Präludiums. Und nun hebt in: Takt dieser Schritte sein Baßgesang an in vollem Forte, als gälte es, rasch und fest ans Herz zu greisen. Die alte, längst verrostete Stimme, die sonst ein, tönig die Stunden ruft, erwärmt sich an der wundersamen Melodie und leuchtet auf wie die blinden Scheiben der „hoichen Schul", wenn sie die Abendsonne trifft. „Wachet auf, ihr Treuen, und rüstet euch zum Jaum- Kipur, denn kurz ist die Zeit und steinig der Weg! der Buße!" „Erhebet euch, ihr Frommen, denn schwer ist die Last der Sünden/ die diese Stadt drückt!" „Höret mich, ihr stillen Frauen, deren Kinder in eine fremde, gottlose Welt gezogen und fremd und gottlos heimkehrben, höret mich, ihr alten, verrunzelten! Gäßchen und Winkel, die der öde Schatten der 'aufgetürmten Zinshäuser verdüstert: Euer ist diese Stunde!" . Und das' alte, treue Krakau horcht auf. Seit langem' zieht'es sich nach dem Jaum-Kipur in die Hinter-' Häuser mit den Holzgängen und den schiefen Fensterchen' zurück* und verschanzt sich hinter den geliebten'Büchern gegen das fremde, treulose Wesen einer neuen.Zeit./ Wenn aber wieder die Sliches-Nächte konrmen und die ersten Takte dieser' Melodie rührend in Moll auf- - steigen, reckt es sich auf und drängt mit jugendlichem Arme die kalte neue Zeit hinüber in die kalten^ neuen Straßen. - ' In der „Hohen Gaß", wv zwischen uraltem Ge« mäuer, an der Seite der hochberühmten „Ramuschul", ein winziger Friedhof lehnt, beginnt das-Wunder zu' rvirken. Dort ist -unter Efeu und Jmniergrün das Kleinod des alten jüdischen Krakau bewahrt. Reb „Ramu" ruht hier, Neb Moscheh Jsserl, dev . Glückliche, der am Lag Baomer starb. Das Hügelchen ist. dicht mit Wunschzetteln bedeckt, die gläubige.Hände . in heimlicher Dämmerung hi>är nieherlegten,' dachit der - heilige Ramu'für' sie dort oben bitte. Tausend Wünsche liegen hier nebeneinander, Kinder der Sehnsucht, der Liebe, der Armut, der Sorge und wohl, auch schon des ' Zweifelns ... " Diese verwitterten Papierblättchen rauschen im Morgenwind auf: Das alte Krakau beginnt zu atmen. Im Esthergäßlein und am „Neuen Platz" in der Kupagasse und ganz rückwärts im schmalen Josessgäßchen knarren die Türen und Hallen Schritte- 'auf Gängen und Stiegen und schließlich auf den holprigen Steinen: Das Herz des alten Krakau beginnt zu schlagen. melancholischen Melodien vollgestopft sind, mit getansien und baldgetauften, die durchzogen sind von Leitartikel- Monologen über die jüdische- Lage, über Judentum und Christentum und von Beweisen, daß „Juden Juden bleiben müssen". Die musikalische Seite dieser Machwerke braucht nicht erst näher erörtert zu werden, die Melodien sind aus allen Operetten und Stücken aus dem Mussaf-Gebet vom Jomkipur zusamlnengestückelt. Es sind dieselben Operetten, die man in Warschau und anderen Städten des jüdischen Theaters rtt Polen sieht oder gesehen hat. Jedes Jahr bringt man in New-Aork solch ein neues „Werk" heraus, „das die Welt -noch nie gesehen hat, das eine Revolution in der Kunst hervorbringen wird", und zum Schluß ist es immer wieder dieselbe Geschmacklosigkeit mit denselben Zoten. Das dramatische Theater hat man in in den letzten Jahren ein wenig verbessert. Es gab auch einige begabte jüdische Schauspieler, wie Ben-Ami, Berta Kali sch und andere, aber sie sind vor kurzem zur englischen Büh':e übergegangen.*) Dort geht es auch nicht allzu hoch her, aber die Schauspielvr sehen mehr Geld und ein anderes Publikum. Besseres leistete auch Morris Schwarz, welcher eine Reihe wertvoller Stücke aufgeführt hat. Er ist auch kein fchlechser Schauspieler. Aber allzu hoch fliegen kann er nirht. Voriges Jahr bat mich der inzwischen verstorberie An—ski, ich möge mich für eine Aufführung seiises „Dybnk^ in Rew-Pork interessieren. Ich übertrug die Aufgabe Herrn Wladvk, er erklärte mir jedoch später, man könne das Stück in New-Iork nicht aufführen. So erklärten ihm die „Leute vom Bau". Erst als Morris Schwarz hörte,-welches Aufseher: das Stück in Warschau gemacht hatte, ging ep an die Aufführung. Ich bin überMgt, daß die 'ganze Wilnaee Trrrppe nicht; so viel Geld besaß, als ein Schau- *) Berta Kalisch. ist inzwischen, wie die .ayl-rikanisclM Blätter melde», rvieder zur jüdischen Bühne L-nritckaefehrt. Anmerkung des Ueberseiiers.

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