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Wiener Morgenzeitung · 1921-09-30 · Heft 962 (30.9.1921) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 962 (30.9.1921)
Date
1921-09-30
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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■»am MmFreitrz Me»er «Orßmzett»«s 30. September 192! Sette L k% Meeting Ich ttt mich mit der Atmosphäre, welche fetzt in dtzrzionistischssN Bewegung und im Judentum herrscht, bichäftigen. Der Großzionismus, dessen Heimat Bft ist, wo zuerst das Wort „Juden staut" erscholl, tvid heute hon drei Seiten gestürmt. Die eine ist Jerusa nt, wo man auf dem O»lb«rg (der Residendes Ohymmmissärs. Anm. d. Red.) eine neue zionistisch«; Weltanschauung gefunden hat und predigt. Auf dem Oelberg hat man herausgefunden, daß dir VexwirkliMng des Zionismus in Palästina auf gewisse Wider Mn de stößt. Der Mann, welcher ans dem Oelberg radiert, ist ein Ehrenmann. Vor einem Jahre kam er ipch Palästina mit festem Glauben, und hätte er ihn voiloren, sy.hättze er bie Konsequenzen gezogen. Nun abej hat er sich hie Theorie zurechtgelegt, daß alles Monte, Propaganda, Immigration usw., vermieden nerden muß. ' Dis! zweiten Verfechter des kleineren Zionismus sitzen aiif der anderen Seite des Atlantischen OMns. Dort ■ hict man bemerkt, daß der Zionismus zuviel Lärm ipacht; und es ist manchmal für die jüdischen Schichter, welche in Beziehungen zu gewissen Regierungen stehen, schwer, ihre Beziehungen" zu einer nationalen Bewegung' zu erklären. Und darum sagt matt dort: Wir brauchen weder eine Organisation noch Geldsammlungen unter den Massen, sondern wir brauchen Geschäftsleute, die gesunde, geschäftliche Zustände in Palästina schaffen. Uber gefährlicher als diese zwei Arten des kleineren Zionismus ist eine dritte Art in unserer eigenen Mitte, eine Stimmung, die aus den Tiefen der zionistischen Bewegung' stammt. Die Leute, welche ihr unterliegen, verstehen wohl die Notuenbigkeit des. heiligen' Pathos des Grsßziomsums und sind bestrebt, seine alte Phraseologie beizubehalten, aber sie beginnen allmählich den großzionistischen Inhalt auszuschalten. Sie finden, daß die Widerstanösfläche des 'Zionismus zu groß ist, baß diese ausgedehnte Form mit unseren geistigen Kräften nicht besetzt werden kann, und beginnen sie zu verkürzen, den Zionismus leichter' genießbar, besonders für den Gegnerin machen. Und da sagen sie: Wir wollen in Palästina einer, Nationalitätenstaat schaffen; wozu brauchen wir eine Mehrheit? Mit diesem verkürzten Zionismus kommt man zu den Arabern und den Ueberbleibseln des Großzionismus gibt man harte Worte und schlägt ein neues Programm der zionistischen Tätigkeit vor: Aufklärungsarbeit, welche daraus ab zielt, unsere Gegner in allen ihren Zentren davon zu überzeugen, daß unsere Absichten gut und brüderlich sind. Auf diese Vorschläge zur Verkürzung und Verkleinerung des Großzionismus muß ich di« deutliche .Antwort geben: Non possumus. Erstens sind sie unmöglich auszuführen, denn wenn wir di« ungeheuv-n Geldmittel, die wir brauchen, aufbringen wollen, können wir sie nur durch die Bekundung des Pathos, des! Ideals, aufbringen. Und selbst wenn die leise Kolonisation, wie sie sich Samuel vorsMt, möglich wäre, so. brauchen wir dazu Menschen, und ohne Bekundung des Ideals werden wir keine Chalnzim finden. Wir können nur mit dem Pathos einer großen Idee arbeiten. Ebenso unmöglich und träumerisch ist. die amerikanische Idee vom gesuden Kapital, das nach Palästina gehen soll. Heute ist noch nicht die Zeiö gekommen, auf welche wir hoffen, da ein egoistisches, trockenes Kapital nach Palästina geht, um dort zu arbeiten. Die - Kapitalisten, die heute nach Palästina gehen, sind Vertreter eines idealistisch angehauchten Kapitals und ihr Idealismus stammt nur aus dem Einfluß eirrer großen Volksbewegung. Wenn man Dividenden in Palästina schaffen will, muß man mit der Massenagitation ansangen. Ebenso führt die inner« Verkürzung des Zionis mus nicht zum Ziele. Wenn wir anfangen, zu zweifeln, ob es überhaupt notwendig ist, eine jüdische Mehrheit in Palästina zu schaffen, so widersprechen wir den Grundsätzen der bisherigen zionistischen Kritik der jüdischen Wirklichkeit, welche damit -angefangen hat, daß wir die ewige Minderheit sind: Wir haben stets verkündet, daß. selbst eine überall gewährte Gleichberechtigung oder sogar »rationale Autonomie die jüdische Frage nicht lösen wird. Wenn wir also davon sprechen, daß eine Majorität nicht nötig ist, geben wir uns selbst auf. Wir-Juden haben die Energien von Generationen zur Annäherung an hie Völker unserer Wohnländer nufgewendet und das Resultat ist gewesen, daß man uns trotz der jahrelangen Assimilation und trotz der jahrelangen apologetischen Tätigkeit zur Abwehr des Antisemitismus weilerschlägi und daß die Reibungsslöche. wohl vermindert wurde, aber nicht die Reibung. Man kann den Zionismus nicht verkleinern; der Gipfel ist schwer miß der Weg schwierig; aber wir werden diesen Weg gehen«; , Ich bin q^rch für eine Verftändt g u ng und ' glaube an sie. Wer durch Apologetik wird man mchts erreichen. Denn die Araber wissen genau, daß 'wir ihnen nicht garantieren können, die Einwanderung werde aufhören, wenn sie bis zu einer friedlich konzedierten Grenze von etwa der Hälfte der Bevölkerung im Lande gekommen ist. Die Araber sind kluge Leute., mit heuen man ehrlich sprechen muß. Die Bevölkerung des Landes hat gewiß das Recht, zu verlangen, daß man sie ruhig im Besitze des Landes läßt. Aber unser Ansspruch besteht völlig zu Recht. Denn das Selbstbestimmungsrecht -ist nicht Aberkennung des Grundsatzes der Beatr possidentes, sondern es ist di« Idee, haß die, welche kein Land haben, Raum erhalten müssen, um ein Land im Sinne der Selbstbestimmung zu haben. Das arabische Volk von 34 Millionen hat ein Territorium besetzt, das sich von Marokko bis Mesopotamien erstreckt und fast halb so groß ist wie ganz Europa. Und Palästnm ist der zweihunderlste Teil dieses Territoriums- Jeder wirkliche Völkerareopag würde unseren Anspruch gegenüber dem der Araber auf Palästina bestätigen. Denn es ist nach den Grundsätzen der Selbstbestimmung Pflicht, feem Heimlosen Volke in Palästina Raum zu geben. Damit dies geschieht, damit dieses gerechte Urteil angenommen werde, müßten einem echten Völkerbund Mittel zur Verfügung stehen, um den, der sich mit Mord und Brand gegen solch gerechtes Urteil auflehnt, zu zwingen, die Grundprinzipien der Gerechtigkeit und des Weltgewifsens anzunehmen. Ein« Verständigung nrit' den Arabern ist gewiß möglich, ich glaube an ein Kompromiß. Aber ein Kompromiß findet immer nur bann statt, wenn man auf beiden Seiten feste Prinzips«« hat. Die Araber werden alles verstehen, wenn das Grundprinzip gesichert ist, daß,Palästina zu einem Lande mit jüdischer Mehrheit entwickelt werden muß. Wenn das feststeht, dann werden alle- Mißverständnisse leicht zu beseitigen sein, denn dann werde« wir den Arabern zeigen, daß die Grundsätze der „Mischen Christlich seit" bei .MS in GMung sind. Es besteht vielfach'die Illusion, daß wir die Aufgabe des Schutzes der Juden ruhig der Mändatarmacht übergeben könuen, deren erste Pflicht sie sei. Leider aber hat bis heute die Mandatar macht zweimal ihre Pflicht nicht erfüllt. Die Manbaiarmacht kann uns ihr Prestige geben. Aber es wäre verfehlt, zu glauben, daß irgendwelche, auch die freundlichste Nation in de»; Welt es übernehmen würde» mit ihrem Uelldv Palästina aufzubauen. Das Geld, die Opfer müssen wir selbst bringen. Wohl habe ich Ihnen - die Lage durchaus 'nicht! versüßt vorgesührt. Aber gleichzeitig will ich und muß ich vor Schwarzseherei und vor übertriebenem Pessimismus warnen. Die ganze neue zionistische Auffassung, welche aus dem Oelberg geschaffen wurde, beruht auf der übertrieben pessimistischen Vorstellung, baß in Palästina ein so gewaltiger Widerstand gegen den Zionismus besteht, Das ist eine Uebertreibung, welche Samuel von Feinden unserer Sache ins Ohr geflüstert wurde. Wol)l stehen wir vor, Schwierigkeiten, aber wenn die Araber unseren festen Willen fühlen werden, so müssen wir zur Verständigung mit ihnen kommen. - Auch das Verhältnis zu Er»glaub darf nicht in übertriebener Wrise aufgesaßt werden. Wohl gibt es in England Militärs und Zeitungen, die sa-M, Palästina koste viel' und es 'wäre besser, es aufzugeben. Aber machen Sie Englaitd morgen den Vorschlag, sich am nächsten Tage von Palästina zurückzuziehen, so wird man die Sache nicht vom Bierbankstandpunkt behandeln, sondern man wird sich ernst an den grünen Tisch' setzen und wird sagen: England kann, darf und wird sich nicht zurückziehen. Darum sage ich, England bleibt in Palästina und bleibt bei der Balsour-Deklaration. Man glaube nicht, daß England uns Palästina gegeben hat, weil es sich militärischen Nutzen versprach.'Vielmehr schwebte ihm ein Ideal vor und das Bestrebe«, den guten Willen der jüdischen Nation auf seine Seite zu ziehen. Unsere Differenzen mit England sind Zänkereien zwischen Freunden. Aber niemand in England wird dafür eintreten, daß England wirklich ein Wort zurückzieht, eine Tat begeht, die niemals in der englischen Geschichte vorbommt. Ebe.'.so dürfen die Schwierigkeiten der Geldbeschaffung nicht übertrieben werden. Wohl brauchen wir ungeheure Mittel, denn die 2 5 Millionen Pfund, die wir fordern, lind nur ein Minimum dessen, was wir brauche«. Wir dürfen sie nicht mit der Krone vergleichen. Urteilen Sie nichk L« peftimiMch über die Krone und nicht zu optimistisch! über das ägyptische Pfund. Die Mlt muß zu einen! Ausgleichszüstand kommen. Würde sie zugrunde tzehen, so würden auch wir mit zugrunde gehen. Saniert sich aber die Welt, so ist das jüdische Volk gewiß imstande, die geforderte» Pfunds in Privatkapital aufzubringen- Aus meiner einjährigen Urbeitserfahrung für den Herrv Hajeffod sage ich: Es gibt eine ungeheure Menge Geldes, das auf den Sümmler wartet, wenn er nur kommt. Es gibt, in der ganzen-Welt ein« Million Juden, von denen jeder.-85 Pfund gehen kann, es gibt «ine Viertelmillion Juden, von denen jeder 100 Pfund beisteuern karnr. Auch hier ist der Mg schwer, aber auch hier ist er nicht unmöglich. ' Es ist Mde, auf die Balfour-Deklargtion zu schimpfen. Tun sie das nicht- Sagen Sie nichts daß die Valfonr-Deklarativn nur «ine Deklaration ist, die unklar^ ist und vieldeutig. Di« Klarheit und dev Inhalt dieses Dokumentes ist auf Präzedenzien gebaut. Die Balfour-Deklaraüon hat ihr Präzedensi Die uralte Prophezeiung, Palästina Abrahams Söhne zu Mm, war eine Deklaration. ^in Charter auf Palästina, aber den wirklichen Inhalt dieser Deklaration haben wir selbst mit unseren eigenen HändS'n geschaffen. Wir haben schon einmal in unserer Geschichte eine feierliche Deklaration zur Tatsache gemacht und wir werden das wiederholen. Telegramme. Opposition der amerikanischen Demokraten gegen den Sonderfrieden mit Deutschland. London, 29, September. „Daily Telegraph" meldet aus New-Pork, daß die Opposition der Demokraten gegen einen Sonderfrieden mit Deutschland wachse und sogar die Möglichkeit bestehe, daß die Republikaner nicht in der Lage sein würden, die für die Ratifikation notwendige Zweidrittelmehrheit im Senat zu sichern. Zahlreiche Demokraten, die vor kurzem mit Wilson beraten hätten, entwürfen jetzt zahlreiche Vorbehalte, die darauf abzielen, . die Vereinigten Staaten zu zwingen, wenigstens einen Teil der Verantwortung des Siegers zu übernehmen. Der bei den Demokraten beliebteste Vorbehalt weise den Vereinigten Staaten die Aufgabe zu, die Beschlüsse der Reparationskommission zu erzwingen. Andererseits melden die „Times" aus Wafhington, daß allgemein die Ansicht herrsche, daß die unformelle Sitzung der demokratischen Senatoren jeden Zweifel darüber behoben habe, daß vor der Beendigung der augenblicklichen außerordentlichen Tagung des Kongreßes die Verträge mit Deutschland, Oesterreich und Ungarn mit den bereits mitgeteilten Vorbehalten ratifiziert werden würden. Berlin, 29. September. Heute vormittags trat der auswärtige Ausschuß des Reichstags zusammen, um zum deutsch-amerikanischen Friedensvertrag Stellung , zu nehmen. Die Sitzung trug vertraulichen Charakter. Es wurde mit allen Stimmen gegen die der Deutschnationalen und der K o mmunisten beschlossen, den deutsch-amerikanischen Friedensvertrag dem Reichstag zur Annahme zu empfehlen. Der Reichstag wird in seiner morgigen Sitzung als ersten Punkt den deutsch-amerikanischen Friedensvertrag beraten. Die jüdische Gmigrationskrmferenz. Prag. 28. Scptrmber. (Tel. der «Wiener Morgcnzrstung*.) Die jüdische Ern'grationskonfrrrnz schloß gestern nachts rhrr Beratungen. Es wurde der Beschluß gefaßt, eine Emigrationsbank zu schaffen und eine Emigration-- zentraler« Paris mit Abteilungen in B e r l i n und L o it b o n gu errichten. Ins Direktorium wurden gewählt: Mozkin, Temkin, Eftoikim und Gurewitsch für Paris, Jochelmann, Goldenberg und PineS für London, Dr. Klee, Dr. MofeS, Dr. Brujkus, Kreiniu und Lazki für Berlin. Die «Hias* (Jüdisch-amnikanisch:s Emigranten-HilfSkomitee) hat ihrrn Aufchluß vollwge«. Der Zentralrat soll von den eime'nen angeschloffenen Orgamsalion gewählt werden. Die Resolutionen. Pvag, 37. September. (Jüd. Korr.-Bur.) Die Emigrcn tivnsbonserenz nahm eine Reihe von Resolutionen an, von denen die wichtigsten lauten: 1. Die jüdische Emigrationskonferenz hält es für dringend, daß die künftige jüdisch« Emi grati-onszen trale alle Mittel in Beweg u n g s e tz t, damit die Hindernisse, welche der Auswanderung der. Juden ans drm Osten Europas, insbesondere aus den Pv'gronlgebieten, entgegensteheu, endgültig aus der Welt geschafft werden sollen. 2. Die jüdische Emigrationskonferenz hält es für eine der wichtigsten Aufgaben des jüdischen Volkes und aller jüdischen Instanzen, durch ein geschlossenes, solidarisches Vorgehen die Eröffnung einer Reihe von Ländern, die für die Einwanderung geeignet sind, zu ermöglichen. Die künftige Zentrale soll für diese Aktionen an al le jüdischen Institut io neu und alle politischen Organisationen überhaupt appellieren und zugleich durch die interj nationalen jüdischen Organisationen eine einheitliche! Aktion vor dem Völkerbund veranlasse. 3- Da die : Interessen der jüdischen Emigration eine vollständige, eint heitliche Tätigkeit der aus diesem Gebiete wirkenden Gesell-! schäften erforderlich machen, beauftragt die jüdische Emigra-

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