Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 961 (29.9.1921)
- Date
- 1921-09-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2979773-2980040--08952-2995152- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
*r. 901 JDien Donnerstag -Vieaer «rorgerrzetmrrg 29. September 1921 -Setter Politische Rundschau. Walik über de« Xll. Zionistenko.gretz. Einem Mitarbeiter deS Warschauer ÄHajnt" gegenüber machte der Dlchier : Nachmann Bialik, dessen formschöne Schlußrede am XU. Zionistenkongreß wir am Sonntag mitgeteilt haben, die folgenden Bemerkungen über seine Eindrücke: Der Kongreß macht auf mich den Eindruck, als hätten sich zwei liebe gute Freunde nach langen Jahren der Trennung wiedergesehen. Es hat sich bei ihnen, so viel Wichtiges angesammelt, daß sie einander erzählen, etrmnder fragen wollen, sie haben so viel miteinander zu besprechen, daß sie — hilflos dastehen und schweigen oder über das Wetter spreche«. Sie wollen alles besprechen, alles voneinander wissen, alles einander mitteiben und das ist unmöglich; so steht man da und .'schweigt oder redet über, nebensächliche Dinge. Ans dem Kongreß redet man sehr viel. Es scheint'aber, daß es nicht bas Grundsätzliche ist; baß man nicht das wirkliche jüdische Wort hört, welches Ln solcher. Stunde gesagt werden muß. Es scheint, .daß man nur den Schaum von oben abnimmt, aber der Grund bleibt unberührt. Der Kongreß macht daher auf mich eher den Eindruck eines V o r kongresses. Der wirkliche Zionistenkongreß wird erst kommen. Sie sehen , ja: Das Große und Wichtige, weshalb der Kongreß einberusen würde, die neue Lage, in welcher das jüdische Volk sich befindet, das wird hierfast gar nicht berührt. Man hat sich' schon daran gewöhnt und nimmt es als natürliche Tatsache hin. Andererseits war auf dem Kongreß nicht der richtige Ausdruck Wr schrecklichen Lage zu hören, in welcher sich groß« Teile unseres Volkes, hauptsächlich in Rußland, befinden. Dafür fehlte diesmal die Löwenstich,ne Max Nord aus. Der Kongreß hatte wohl eine^Anzahl von interessanten Momenten, aber es waren keine seierlichen Momente, keine - Momente, in denen der Geist der Heiligkeit zu spüren war. Das kommt vielleicht daher, baß wir alle bereits gewachsen sind, daß wir uns geändert haben und dvo Zeit sich geändert hat, daß wir älter, wochentägiger, praktischer geworden sind. Da ist der Einfluß jener schrecklichen 'Ereignisse zu spüren, welche wir erlebt haben; nach dem Krieg, den Revolutionen, den Pogromen, ist es schwer, etwas zil finden,zdas auf uns starken, erschütternden Eindruck machen könnte. "* / Wir müssen jetzt sehr viel arbeiten. Der Weg ist für uns frei. Wir müssen nach Palästina so. viel Inden als möglich bringen und müssen hie riesigen Summen bekommen, die dazu nötig sind. . Natürlich ist diese Aufgabe -unendlich schwer. Wir sind nicht sicher, ob es uns gelingen wird^ bei unseren Volksgenossen den kolossalen Enthusiasmus hervorzurufen, welcher notrvendig ist, damit. das jüdische Volk den lKvnst unserer Lage begreife und bereit sei, die schweren O p f e r, zu bringen, welche wir von. der Gesamtheit des Volkes und von jederM einzelnen besonders fordern. Hauptsächlich wenden sich jetzt unsere Blicke auf das amerikanische Judentum, dem angesichts der geschaffenen Verhältnisse die größte Roll e beim "Ausbau unseres Landes zufalle-n wird. Ich bin sicher, daß die amerikanischen Zionisten ihre Pflicht erfüllen werden iknd däß das amerikanische Judentum das Glück, zu den ersten Erbauern des jüdischen Heims zu gehören, nicht von sich weisen wird. Die Brandeis- Gruppe hat einen großen Fehler begangeD daß sie nicht zum Kongreß gekommen ist. Aber sie. wird diesen Fehler wieder dadurch gutmachen können, daß sie wirklich für Palästina zu arbeiten beginnt; mag es i-.ach ihren Prinzipien, nach ihrem Verstand und nach ihren Methoden sein, aber arbeiten soll sie. ilsrandeis und seine Anhänger werden große Leistungen, konkrete, reale Werke schaffen müssen, .denn sonst wird es keine Entschuldigung geben für das, was sie getan haben, und das Volk wird ihnen ihre Handlungsweise nie verzeihen. . Ich blicke mit großen Vertrauen in die Z u k u n f t; der Zionismus. macht jetzt eine Krise durch, eine schwer«, Krise, er wird sie aber überstehen, wie er schon mehrmals schwere Zeilen überstanden hat. Letzten Endes sind wir doch im gegenwärtigen Moment unserem Ziele viel, viel näher als früher. Und nur das ist maßgebend, und niemals darf man dies vergessen. Wir schreiten unserem Ziele, entgegen. Die'Losung her Stunde ist: Das jüdisch* Volk muß wieder die Arbeit beginnen. Italien und Rußland. Die italienische Regierung, welche schon vor geraumer Zeit mit der russischen Mission in Rom Verhandlungen führt«, die auf Abfassung eines Handelsvertrages abzielten, hat einen Vertreter nach Moskau Bvu tirfmtn S^Halkoerefponderrte«. T“ Kratz, 27. September. Die Nachmittagssitzung wird von Dr. Kl^e (Berlin) eröffnet. Beyer berichtet namens 'der Mandaisprüfüngskomniissiou. Ueber deren Antrag werden 41 Delegierte mit Sitz' und Stimme und :7 'Delegierte mit Beratungsrecht zugelassen. .; Aus der Tagungsordnung stehen folgend^ Beratungsgegenstände: 1. Erleichterung der Emigration auf politischsozialem G.'birtr; 2. Gründung einer Ml scheu Emigratio.isb.ank: 3. Vermittlung zwischen Emigranten und Verwandten und Geldüberweisungen; 4. Vorbereitung der Emigranten für die Lebensbedingungen ür den Jmmigrationsländern; 5. Abmachungen mit den Schiffsgesellschaften; 6. Kredit- Hilfe für die Emigranten; 7. Regelung der jüdischen Emigration aus Rußland; 8. Schaffung eines ZentralorgaiiM^ für die Emigration; *9. Verschiedenes. Ing. Wladimir Tem kin (Exekutive, Paris) berichtet ergänzend, über die Tätigkeit der Melthiiss zentrale für die ukrainischen Flüchtlinge in Brßarabmi und schildert die Entstehung sämtlicher. Einrichtung^, welche zwecks Regelung der Fürsorge für die Emigranten erforderlich wö^en. Er weist auf die Schwierigkeiten hin, di«'Hilfsarbeit von der ■' Emigratiorlstätlgkeit zu scheiden. Er gedenkt auch der großzügigen Unterstützung, die die .Exekutive durch viele Hilfsgesellschasten erfahren hat. Der Vors'tzende verliest eine herzliche Begrüßung des ts checho-slowalischen Ministerium 3 für soz«.ale Fürsorge. Hierauf erstattet Ä. Held (,Hias") sein R.f^at über die Verbindung der Emigranten mit ihren Verwandten und konstatiert, daß die „Hias" bis heute zirka 15 Millionen Dollar aus Amerika an die Emigranten ausgezahlt hat, welche Beträge die amerikanischen Verwandten fast kostenlos durch die ,Hias" überwiesen haben. Er weist auf die unersetzlichen Schäden hin, die die Emigranten , durch private Banken erleiden. Leider haben diese ein Netz von Agenten eingerichtet, die sich an die Emigranten heranmachm." Die Regelung der Geldüberweisungen werde eine der wichtigsten Ausgaben der zu schassenden Emigrationszentrale sein. Herr. L.a-tzckr erstattet ein ausführliches Restrat über die Gründung einer Emigrationsba-nk. Eh einer eingehenden historischen Begründung der gesellschaftlichen Kreditinstitutionen kommt. Referent zu folgenden Resultaten: In Berücksichtigung der sich nunmehr in unaufhaltsamem Strome ergießenden jüdischen Emigration, der Ausbeutung, welcher die Emigranten durch private Bankiers, Agenten und Sch'ffscomptoirs ausgesetzt sind, konstatiert die Konferenz, daß der Kämpf gegen das private Unternehmertum auf dem Gebiete der Emigration eine wichtige Aufgabe der jüdischen Gesellschaft sei. In diesem Kampfe «uß die iüdische Gesellschaft sich einer Waffe bedienen: eines jüdischen Finanzinstimts für Emigranten. Diese Emigrantenbank soll alle ökonomischew B> bür fnissedeS Emigranten befriedigen, wie Neberweifungen, GMwechslung, Schiffskartenkauf, Versicherung usw. Der Reingewinn soll für Emigranteinfürsorge, Vertretung bei Schiffsgesellschafien usw. verwendet werden. Die Konsereinz möge die zu schaffende Zentrale beauftragen, die Gründung dieses Unternehmens zu verwirklichen. An der lebhaften Pebatte über die beiden Referate beteiligten sich die Herren Dr. Gottlieb, Nifsenbaum, Goldenberg, Gur«. wi.cz, Jochelmann, E^reikin, Dr. Lewin und Held. Alle Redner anerkennen die Notwendigkeit . der Bankgründung. Einige wünschen, die Bank solle sich für. den Anfang nur ein engbegrenztes Tätigkeitsgebiet setzen und sich von privaten Bankgeschäften fernhalten.'"Auch wird der. Wunsch geäußert, die Frage Fachmännern zur Begutachtung vorzulegen.' Bei der hierauf vorgenommenen Abstimmung wird prinzipiell die Gründung einstimmig beschlossen. Hierauf wird eine Kommission, bestehend ans den Herrekr D< Ka hn (Berlin), Dr. Jo cheimann '(London), Doktor G o t t l i e b (Warschau), Dr. S u l l a m (Venedig), K a ul> c r's (Prag)' gewählt, welche bis zur nächsten Sitzung nähere Vorschläge in der Bankfrage zu erstatten hat. M o z k i n verliest ein T legramm aus Beßaradie n, in welchem mitgeteilt wird, die ukrainischen Flüchtlinge werden ins Innere des Landes evakuiert und die Arbeit werde 7 Millionen Lei erfordern. Die Welthilsszentrale a'signkere sofort eine halbe Million Lei und fordere die anderen Organisationen auf, ebenfalls Beiträge zu zeichnen. Dr. Krämer teilt mit, daß er soeben auch einer, Hilferuf aus Ro wno erhalten habe, woselbst ebenfalls für die Evakuierten große Summen nötig seien. Er -^unterbreitet den genauen Bericht dem Präsidium, ebenso einen Bericht und das Budget des Fürsorgekomitees beim Wiener Palastina-Amt. Er fordert^ auch eine^Berücksichtkgung der ukrainischen Flücht - linge, welche in O st g a l i z i e n evakuiert werden sollen. Der Referent des RettungskMitees sei nach Hause berufe!, .worben und deshalb sek dieses hier nicht vertreten. - . Mo zkin und.- Rofenbaum beantragen die Einsetzung einer O^ganisations'kommi ssisn, welche fidi mit der Frage der Emr grationszentrale zu befassen habe. Es werden hieraus folgende Herren einstimmig in 2r Kommission gewählt: Efroikin, Ol'fchwanger, Doktor Lewin, Goldenberg, Schelwrn, Dr. Krämer,- Tem kin, Brudzkus, Maas, Perlmann, Doktor Ko han-Bern st ei n.Nm 8 Uhr abends wird die Sitzung ' vertagt. Die Kommissionen werden Nachtsitzungen abhalten., delegiert, welcher beauftragt ist, die Schlußverhandlungen mit der Sowjetregierung im Sinne der römischen Abmachungen zu führen. Es ist.beabsichtigt, unier anderem den Seedienst zwischen Triest und Odessa wieder aüfzunehmen mnd zahlreiche deutsche Handelshäuser sollen sich bereit erklärt haben, diese Route für den Export nach Rußland zu benützen. Auch ein direkter Warenaustausch zwischen Italien 'und Rußland ist für die nächste Zeit vorgesehen. Wie der italienische Beauftragte in einem Interview erklärt, ist zu erwarten, daß eine ., halbe Million italienischer Techniker und Arbeiter, die vor dem Kriege in Amerika wohnten, wohin sie infolge der amerikanischen Einwanderungsbeschränkungen nicht zurückkehren können, nach Rußland auswandern werden, wo ihnen die Sowjets Bodenkonzessionen gewähren werden. Italien werde zusammen mit Deutschland ein weites Aktionsfeld in Rußland haben. Die ostgalizische Frage. Das „Leniberger Jüdische Dagblatt" meldet: Die politische Regierung hat am 11, und 12. d. M- Delegierte nach Wien geschickt, die durch Vermittlev die in Wien weilende westukrainische Regierung zu Frie'.ensverhandlungen mit der Warschauer Regierung veranlassen foll'.en. Die westukrainische Regierung erklärte, daß ihr Standpunkt durch den Artikel 91 des Saint- Germainer Vertrages gegeben sei, nach welchem Ostgalizien der Enlente angehöre. Für sie sei daher die ostgalizische Frage ein« Angelegenheit internationalen Charakters, weshalb sie in leine Verhandlungen eintreten wollte. Infolgedessen blieb die ganze Aktion ergebnislos. __ Das Attentat au? den Lemberg er Wojwoderr GraborvsLi. Der Führer des angeblichen Komplotts, welcher laut Mitteilungen der Lemberger Polizei das Attentat auf Grabowski vorbereitet hatte, Privatdozent Doktor" Bogdan Barwinjkij, gehört der ukrainischen christlichsozialen Partei an. Er ist der Sohn des .Hofrats Alexander Barwinskij. welcher Mitglied des ehemaligen österreichischen Reichsrates' und später des Herrenhauses war. Demnach entsprechen die polnischen Pressemeldungen, als ob es sich bei dem Attentat um bolschewikische Elemente gehandelt habe, nicht den Tatsachen. __ Propaganda des Völkerbundes für die Abrüstung. Genf, 28. September. Auf Vorschlag C e e i l s nahm die dritte Kommission die Vorschläge an. denen zufolge die Bundesmitglieder neuerlich auf den Beschluß der vorjährigen Versammlung hingewiesen werden, daß die Rüstungsausgnben in den nächsten zwei Jahren nicht erhöht werden sollen. Ferner soll eine Propaganda für die A b r ü st u n g in allen Staaten betrieben werden. Zu diesen Vorschlägen bemerkten der französische und der belgische Vertreter, daß die Propaganda nur soweit betrieben werden dürfe, als sie mit der Sicherheit des Landes und dem Grundsätze der Gegenseitigkeit vereinbarlich sei. Besichtiget die exquisiten Modelle des m Pelzhauses 0. J. Pipersberg in den Schaufenstern der Firma; II., Pratersfr. 9—11 (Konkurrenz des „N.Wr.Tagblatt“) Der unvc:!;auP A der Modelle, welche während der Messe im Marsohallsaal der neuen Hofburg ausgestellt waren, ist ausser st preiswert abzugeben