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Wiener Morgenzeitung · 1921-09-29 · Heft 961 (29.9.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 961 (29.9.1921)
Date
1921-09-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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SeAe 2 Men. Donnerstag Wiener Morgenzeitung 29. September 1$2| Ät 961 Die Lösung der Kabinettskrise in -er Tschecho-Slowakei. — t Prag. 27. Sevtember. Die größte Ucberraschung, die man sich denken konnte, wurde den Journalisten gestern bereitet, als Svehla die Mmiskerkiste ^bekannt gab. Be ne sch — Mmister.p^sident und Minister des Aeußern. Die Ueberraschung äußert sich natürlich in allen Blättern. Die Frage, warum Svehla nicht Ministerpräftderrt wurde, wird überall hörbar. Die vorläufige Antwort lautet, der Gesundheitszustand SvehlaS gebietet ihm eine Erholungsreise nach Italien. Tatsächlich sch Svehla bei dem gestrigen Presseempsang übermüdet und angegriffen aus. Es ist sicher richtig, daß er krank ist. Aber wußte man das n'cht schon früher? Warum das Geheimuisvokle der Ernennung Bene sch' zum Auße minister? Svehla verkündete die Ministerliste, noch ehe sie unterschrieben war, quasi um die genassührten Journalisten zu versöh.reu und' so kam es, daß spät nachts G rächte austauchten, der Präs'deut habe der Ernennung B reich' zum Ministerpräsidenten seine Genehmigung versagt.' Tatsache ist über, daß das neue Kabinett i>tn Äctmeü des erfolgreichen Außenministers der Republik trägt und daß Benesch' Energie und demokratisches Talent auch auf die Innenpolitik Einfluß nehmen wird. Die Blätter kommentierest die Ernennung Benesch' sehr günstig. Der mit je nem N Men verknüp-te Aufstieg des tschechischen Volkes ließ das auch nicht anders erwarten. Aber auch die deutsche Presse stellt sich, soweit man das bis jetzt überblicken.kann, zu Benesch freundlich und hossrrungsfroh. Man kann mit Recht an» nehmen, daß Benesch seinen Namen nicht für eine Notregierung hergegeben hätte. Und eine Regierung kaust cststp daun dauerhaft fein, wenn sie sich entschließt, an die schwieriger? Probleme, deren schwierigstes die Minoritätentrage ist, ohne. Furcht heranzutreten. Diese Ercennbuis mag vielleicht dazu bergetragen haben, daß Präsident Masarhk seinm erfolg-- reichen Mitarbeiter zum Premier jener Regierung gemacht hat, die vor diese Ausgabe gestellt wird. BenesH wird es wagen können, den Deutschen Zugeständnisse zu machen, die kein anderer Politiker sich dürste abringen lassen, ohne sich gleichzeitig sein Grab zu jdjauf.Tit. An seine Popularität wird sich der Chauvinismus der Nationaldemokraten nicht wagen. Benesch ist der Mann, der seinen Erfolgen in der Außenpolitik neue Erfolge in der Innenpolitik wird stünreihen, wenn .... Das ist der wunde Punkt. Wenn die Deutschen wollen werden. Noch einmal wird es sich zeigen, ob die Politik der deutschen Abgeordneten nldjt doch einen Lichtpunkt anfweisen wird. Gerät« Benasch als Minister- ' Präsident müßte den Deutschen als Kundgebung de- Willens zu einem nationalen Ausglstch erscheinen.' Aber Benesch war nicht die einzige Aeberraschuirg, die uns das neue Kabinett brachte. Mit Ausnahme des. Vertreters der katholischen Volkspartei,, des Monsignore, i d) rotn.cf, der ba§ Eiseubahnministerium übernimmt, ist ieiuer der Parteieuvertreter im Fünferausschuß in die Regierung eingetreten. Es scheint, daß die Führer der Parteien den Zeitpunkt, sich zu engagieren, für nicht gekommen erachtet haben. Die Leute in den Miuisterstühleu werden nicht regieren. Regieren werden die Parteien, der Koalitkonsausschuß, der gebildet werden soll, der Fünserausschuß. Das ist das Merkwürdige an dieser Regierungsbildung, daß sie den Fünserausschuß nicht beseitigt hat. Solange die B'amtenreZierrprg am Ruder war. Hatte -der Fünserausschuß Elistenzberechligung. Jetzt sucht er seine Existenzberechtigung damit zu begründen, daß er die Regierung te etwas Heiliges, Uu au tastbares verkündet, als „unsere Regierung", Hie er zu schüheir und zu stützen habe. Der Fünserausschuß soll auch in Zukunst allen Fragen die Schärfe nehmen, die der Rexierung im Parlament gefährlich werde» kö.inten. Mö^l cherweise erweist sich det Fünserausschuß als nützlich, aus keinen Fall aber wirft er auf dir Regierung ein gutes Licht. Der Kampf Raschins-^m daS Finanztriinistetluin ist schlecht für ihn, aber gut für seine Partei äusgegangen. Ter Oberdireltor des Bankamtes, August No Vak» der jetz'ge Finanzminister, ist eine unparlamentarische Persönlichkeit. Aber die Nationaldemokraten sind es, die ihn auserwählt haben. Gegen Raschin als Finanzminister waren die Prager Abgeordneten der nationaldemokratischen Partei mit Krainarsch an der Spitze. Da die Nationaldemokraten das Finanzministerium nicht aus der Hand geben wollten, suchten sie einen Fachmann, den sie in Novak gesunden haben. Von Novak weiß man bisher nur Gutes. Er gilt als tüchtiger Praktiker, der .am Ausbau der tschechischen Währung m'tgeholsen hat und dessen Energie e3 zu banken ist, daß dem Staate die große Noteninslatton erspart blieb, die den anderen Sukzessionsstaaten solch großen Schaden zugesügt hatte. Die „Narodm Lisch", das Organs Raschrns, begrüßt ihn als den Mann, der die Börsenspekulation und die Kurzsichtigkeit der Exporteure bekämpfen und an dem der Druck ungedeckter Banknpten auch, weiterhin scheitern wird. „Wir heißen den neuen^Finanzminister willkommen, der dem Grundsatz, auf dem der Finanzplan des erstem Finairzmiuisters der Republik aufgebaut ist, treu bleiben wird/' schreibt das Biatt. Ob aber der neue Finanzminister die Autorität haben wird, um die Ausgaben einzuschränken und das Budget zu restringieren, wird sich erst erweisen müssen. Das zweite kommerzielle Amt ist ebenfalls in ben Händen der Nationaldemokraten. Ingenieur Franz, Novak ist der jetzige Handelsminister. Ern unbeschriebenes Blatt. Die Sozialdemokraten waren sehr reserviert. Sie haben brek Minister und vier Ressorts. Der Postminister Sr ba ift gleichzeitig Letter des Ernährungsamtes. Gustav Habrm a n n. der Unterrichtsminister im Kabinett Tusar. ist Minister für soziale Fürsorge, und der slowakische Grosse Dr. Derer ist Minister sür Unisizierung. „Pravo Lidu" erklärt heute, warum die Sazialdemokrnten nur so bescheiden an der ötefliea;.;.; teUueümcn. Es sagt, daß die Partei durch den Me Wm i>er Wen im Mief m Smel. OffiMKe Berichte an das Joint Distributibn Committee in New-VdkK, ungeteilt durch das Jüdische Korrespondenz-Bureau. Das 'G/biet von Hvmel ist, seit es die Banden des Balachowiez heimgesucht haben, bis heute noch nicht zur. Ruhe gekommen. Es ist der ständige Pogromhero. Die Üeherfalle auf die jüdischen Städte. und'. Städtchen wyr^en durch Banden, welche auch heule die Gegend unsichM, machen, hervorgerufen. Ueber den gegenwärtigen Zustand der jüdischen Bevölkerung. in diesen Gee rüsen unterrich e.n die Dokumeute» weiche der Bert.eher des Joint, S> Ko ld o ch s ky, von seiner Reise durch, jenes Geüdet stach New-Fork gebracht hat, in ebenso Anschaulicher wi.e erschütternder Weise. Einige Daten seien herausgehoben. - . Das Bandenunwesen ist am stärksten in den Bezirken Homel, Reschitza und Gorodnchüny. Dort wird die jüdische Bevölkerung ge'.'o' e*u -aus gerottet, die nichtMische bieibt - stets verschont. Bon der Sowjetregieruntz geschieht »kichts. Bandenüberfälle, insbesondere durch den berück) tiPten Bandenfühder Golak, wurden ast sagenden Orten verzeichnet- Cholmi'.schi (zweima), Rutschjewla, Ankelkowstschyna, Daschow, Nowoborsu-i-i. Mepki, Jerilowitschi,^ Py,dobrianka, Wasyliewitschi, Babitschi, .Mikulitschi -stnd Kabiljewö. Bei bissest Uebersälley in den genannten Orten wurden 2 2 7 Iudemge töte t, die gesamte jüdische Bevölkerung der Orte wurde ausgeplündert. Ganze Gemeinden flüchteten" in hie größeren Städte. So "wohnt jetzt die ganze -jüdische Gemeinde von C H o l ritt t s ch i, etwa 1000 Personen, in Peschitza. Im Rayon von Mosyr ist die Loge geradezu f u r ch t b a r. In Mosyr selbst wurde die ganze jüdische Bevölkerungvon 11.000 Personen durch'die fortwährenden Pogrome ausgeplündert, '32 ^uden wurden in der letzten Zeit ermordet, über 300 Frauen vergewaltigt, darunter acht Wöchnerinnen. In der Kolonie Redki, welche 30 jüdische Höfe besitzt, wurden sämtliche Gutsgebüude' zerstört, das ganze Inventar, geraubt und ' drei Juden getötej. Dasselbe Bild bietet die Kolo nieTs cherernischeja, welche acht jüdische Höfe besHt. JnZgHamt^ würden im Bezirk Mosyr 20.550 putzen geplündert, mehr als 300 getötet, über 500 Frauen vergewaltigt, all dies nach der Epoche des Balachowicz. Im Bezirk Bobruisk haben die Juden insbesondere durch Bandenübersälle im März 1921 gelitten. Dort wurden namentlich auf den Dörfern gegen die Juden Untaten aller Art verübt. Während im Bezirk Homel die Bauern heute nicht mehr aktiven Anteil an den Bandenüberfällen auf Juden nehmen, ja sogar manchmal die Juden vor derartigen 11 ckv?eitlen warnen, nehmen im Bobruisker Rayon die Bauern an den Raubzügen teil. Aus diesem Bezirk werden schauderhafte Details berichtet. So kam in das Dorf Bibotfchki eine Bande, plünderte alle -jüdischen Huser, dann trieb sie alle Juden des Dorfes, etwa 40 an der Zahl, auf eisten-Platz zusammen und führte sie zum Fluß. Einen alten Mann, welcher den Banditen nicht schnell genug ging, erschossen sie, den übrigen nahmen sie Schuhe und Kleider weg und trieben sie im scharfen Frost weiter. Urim Flusse erschossen sie den Tobias Lipschitz, die Übrigen. Überließ man ihrem Schicksal. Sie flohen nach allen Seiten, 13 von ihnen kamen in das Dorf Opis, fielen dort einer anderen Bande in die Hände und wurden all« bis auf einen . / erschlagen. ■ In C hvjniki wurden nach Aussage eines christlichen ArzteS von einer Bande, welch; eine schwarze Fahne mit der Aufschrift: „Erschlagt bk Juden, rettet Rußland" trug, 7 5 Personen, darunter Kinder und alte Leute, erschlagen; die Bauern, der Umgebung, welche schon mrt Wagen warteten, plündert»» sämtliche jüdischen Läden aus und ermordeten nach dem Mzug der Banditen 25 Juden. Ein paar Tage später kam. Kavallerie der Roten Armee, welche sich jedoch an den Plünderungen beteiligte. Erst als Jnfantevir der Ro,ten Armee anMm, wurde es ruhiger. In der Gegend von Krasnopolje wütet vom November 1920 an bis zum heutigen Tage der Pogrom, dem die KSlfte der Stadt durch Brand zum Opfer fiel. Einige Dutzend Tote sind zu beklagen; die Zahl der Flüchtlinge aus. dieser Gegend geht in die Tausends Daß.btt Pogrom ausbrechen werde, war den Juden schon Einige Tage vorher bekannt; sie wendebrn sich an den Bezirkssowjet um Waffen und Militär, bekamen aber nichts. Erst über Intervention bei der Gouvern-smentsbehörde kam Militär; inzwischen aber war die halbe Stadt bereits verbrannt und 44 Tote konnten gezähü werden. Wie bekannt, hat der Bezirk Mosyr durch Balachowiez schon seinerzeit furchtbar gelitten.. In Msyr tvar bas Henken an dev Tagesordnung. Dabei sah man nicht darauf, daß die Gehenkten sterben, undes gelang vielen von ihnen, sich zu retten; man zählt solcher in Mosyr über 800. Der politische Obexherv. der BalachoivtG- Arrnee war jerre» Saivinkow, welcher heute judenfreundlich» Proklamationen erläßt^ Ueber seine Tätigkeit äußert sich der dem jüdischen Hilfskomitee in Ätrw-Bork zugegangene offizielle'Bericht folgendermaßen: Sawinkow erklärte in einer Versammlung, semr Arnwe plane, alle Juden auszurotten, er werde das aber nicht zulassen. In Mosyr hielt sich Sawinkow zehn Tage lang auf, aber während der ganzen Zeit seiner Anwesenheit wurde gemordet und geplündert. Sofort nach seüter Ankunft berief er eiste Bersümistlüng der jüdischen Bevölkerung ein; es kam Mach niemand, da die Juden _ sich ■ in den Kellern1 verfiM. lMMi Sawinkow pierkegte daher die VersammlüttG^atts birst" Nächsten Tag und ließ-die Anden Mit Gewalt'hevütiholen. Sie wurden vor geladenen Gewehren herbeigetrieben, und Sawinkow gab seiner Freude Ausdruck, die jüdische Bevölkerung von Mosyr noch lebend Mr sich zusehen. Er ersuchte, keine Meldungen über die Mordtaten, welche auf den Krieg zurückzuführen seien, in die westeuropäische Presse gelangen zu lassen. Durch solche Nachrichten werde.das Los der Juden und die Lage BalachowiczS nicht gebessert. Er wieS dabei auf das Beispiel von Pinsk hin. wo es 85 Mische Opfer gab, ustb als die Presse 90 meldete, die Inden dafür büßen mußten. Diese Drohung war nur zu deutlich. Der Eigentümer des Hauses, in welchem Sawinkow wohnte,;gab unter Eid an, baß Sawinkow in Mosyr von geraubten - Gegenständen Beuteanteil erhielt. Dabei erklärte - er immer, er sei kein Antisemit, und gab zur Bekräftigung an, er habe eine jüd^che Frau und m seiner.Armee gebe es eine jüdische Abteilung. Don dem, was Sawinkvws und Balanchowiez* Banden verbrachen, gibt ein furchtbares Beispiel das „Kommuuistengericht" in Plotnica. Dort wurde die ganze jüdische Bevölkerung auf einen Platz zusammengetrieben, ein Feuer entzündet und ei« großer Kessel aufgestellt. In diesen warf man einig«, Juden, die buchstäblich gekocht wurden. Dann zwang man die übrigen, von der „Kommnnistensuppe" zn kosten. Die Tage und Wochen d«r Sawinkohv-Balachv- Wiez-Episvde waren die furchtbarsten für die jüdische Bevölkerung des ganzen Gebietes, aber sie ist auch seither nicht einen Augenblick zur Ruhe gekommen. Austritt der Kommunisten um ein Drittel geschwächt wurde uub daß sie sich in Rekonvaleszenz befinde. Sie durfte sich also nicht mehr belasten. Dabei macht das Organ der tschechischen Sozialdemokraten den deutjchen Wnosseu deutliche und nicht berechtigte Dörwürfe. Die Nationalsozialist^ sind durch den Edelcmarchisten Vrben sky als Gcsunbhe tSminister u d durch Alois Tucn y als Minister für öff ntliche Arb iten vertreten. Dr. Benesch läßt sich nur ungern zu den Nationalsozialisten zählen. Die Agrarier habest das A erbauministerium mit S tanek, dem Führer der Tschechen tm österreichischen Neichsrat, daS NatiostalverteMgungSm'uisterium mit Udrzal und daS Unterrichtsministerium mit dem Slowaken Dr. Srobar beseht. Die katholische Volkspartei ist außer durch Schramek noch durch den Justtzminlster Dr. Do lansky vertreten. Außer diesen Ministern siicd nach zwei Fachmtnister, und zwar der geweseice Ministerprüsibent Cerny als Minister des Innern und der bisherig« Minister für die Slowake» Dr. Micura in gleicher Eigecischast im KabüceLt vcrbliebeu. ■i Wimm»»i Die Zusammensetzung deS Kabinettläßt den Schluß zu, daß die parlamentarische Regierung zwar eine dauerhafte sein, daß aber die Möglichkeit bestehen soll, einzett« Persönlichkeiten Im Notfälle auszutauschen? Polizeidiktator Pöhner zurück-! getreten. Berlin, 28. September. Me die Blätter aus München melden, ist der Polizeipräsident von München. P ü h n e r, zurückgetreten. Er erklärte in seinem Gesuch um Amtsenthebung, daß. die Verhältniffe es noch nicht gestattet hätten, die »bewährten Bestimmungen" des bayrischen Ausnahmszustandes preiszugeben, zumal sür die nächsten Monate die schwersten Erschütterungen des wirtschaftlichen und politischen Lebens beoorstünden. Unter diesen Umständen sehe er sich außerstande, die Verantwortung sür die Ausrechterhaltung von Rübe und Ordnung weiterhin zu übernehmeu.

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