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Wiener Morgenzeitung · 1921-09-28 · Heft 960 (28.9.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 960 (28.9.1921)
Date
1921-09-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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, GKS 2 Mrn. Mittwoch Politische^Rundschau. Die Mandatsfrage vor dem Völkerbund Man meldet uns aus Genf: Die Auseinandersetzung der Völkerbundversammlung über die Mandatsfrage, die eben stattfand, Bietet neuerlich den Beweis, daß die Schaffung eines definitiven Zustandes in der Allgelegenheit der Mandate nach wie vor den größten Schwierigkeiten begegnet. Die meisten Mandat konnten bekanntlich bisher nicht formell bestätigt werden, weil die Vereinigten Staaten seinerzeit gegen die Erledigung dieser Frage ohne ihr Mitwirken ein Veto eintegten und einer daraufhin, an sie ergangenen Einladung keine- Folge leisteten. Die sechste Kommission des Völkerbundrates, die sich mit den Mandaten befaßte, richtete an den Rat das Ersuchen, .die Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten auf jede Weife zu beschleunigen und die Mandatsm ächte zu veranlassen,^sie mögen sich auch ohne dte Beglaubigung der Mandate verpflichten, die Berichte über die Verwaltung dem Völkerbund vorzulegen. lSir Herbert Samuels Bericht über Palästina ist, wie bereits gemeldet, inzwischen erschienen. ' Die Md.) Bourgeois erklärte hierauf, auch im Namen Balso u r s diese Verpflichtung für Frankreich und England zn übernehmen. Am Mandatssystem übten verschiedene Mdner Kritik, so vor allem Robert Ce eil, der die Abschaffung der Sklaverei, eine Regelung des Alkoholverbots und der Grundbesitzfrage forderte. Die Msolutionen der Kommission würden schließlich angenommen. Eine deutsche GeheimorganrKatio«. '. # In einer der letzten Sitzungen des badischen Landtags berichtete der badische Staatspräsident von eine» politischen Geheimorganifation, deren . Statuten' folgendermaßen lauten: Die Ziele unserer Partei ergeben sich' aus der Lage: a) Geistige Ziele: Weiterpflege und Verbreitung des Nationalen Gedankens, Bekämpfung alles Antinationaleu und Internationalen, Bekämpfung des Judentums, der Sozialdemokratie und der links radikalen Parteien, Bekämpfung der antinationalen Weimarer Verfassung in MLt und Schrift, Aufklärung weiter Kreise über diese B:rf..ssung, Unterstützung einer für Deutschland allein möglichen Verfassung auf föderalistischer Grundlage; b) materielle Ziele: Sammlung von entschlossene» nationalen Männern zu dem Zwecke, die vollständige R-volutionierung Deutschlands zu verhindert, bei großen inneren Unruhen deren völlige Niederwerfung zu erzwingen, und durch Einsetzung einer nationalen Regie- ■t u n g die Wiederkehr der heutigen VerhältUifse unmöglich 'zu machen, die durch den Versailler Vertrag angestrebte .Entmannung und Entwaffnung unmöglich zu machen und dem Volke seine Wehrmacht und die Bewaffnung soweit wie möglich zu erhalten. Die Organisation charakterisiert ihren Zweck des weiteren wie folgt: Die Organisation ist etne^Vehermorgynisakiou. Sie verpflichtet die Mitgliedes untereinander, ein Schutz- und T r u tz b ü n d n i s zu schließen, wodurch jeder Angeh?ri,7e der Organisation der weitestgehenden Hilfe aller anderen Mitglieder sicher sein kann. Die Mitglieder verpflichten sich, ein Machtfaktor zu sein, um geschlossen als starke Einheit dazustehen, wenn die Not, die Ehre unseres deutschen Baterlandes und die Erreichung unserer Ziele es erfordem. Jeder verpflichtet sich zu unbedingtem Gehorsam gegenüber her Leitung der Organisation. Juden, überhaupt jeder ftemdrassige Mann ist von der Aufnahme in hie Organisation ausgeschlossen. Die.Mitgliedschaft erlischt: a) Durch den Tod, b) durch Ausscheiden infolge unehrenhafter Handlungen, c) durch Ungehorsam gegen hie Vorgesetzten und d) durch freiwilligen Austritt. Aile Leute unter b) und e) und alka Verr äter verfallen her Feme. Die Verpflichtungsformel lautet: Ich erkläre ehrenwörtlich, daß ich deutscher Abstammung bin. Ich verpflichte wich ehrenwörtlich durch Handschlag, mich den Satzungen zu unterwerfen und nach ihnen zu handeln. Ich gelobe, dem obersten Leiter der Organisation unbedingten Gehorsam zu. leisten und über alle Angelegenheiten st r e u g.st e s N' tillschweigen zu bewahren. Der Staatspräsident Mlts wach Verlesung dieser Mitteilungen fest, daß der Mörder Erzbe gers, Tille ssen, einer Kölner Zenlrumsfsmilie angehöre, seiner Schwester abe: geschrieben habe, sie sollte künftig deutschnational wählen. Ferner fügte der Staatspräsident hinzu, daß die beiden Mörder Erzbergers dieser Geheimorganisation angehörten. Man begreift jetzt ohneweiters, wdlchtz Ziele die „entschlossenen nationalen Männer" anstrüben und welcher Mittel sie sich bedienen. Die polnisch-russischen Beziehungen. Warschau, 27. September, (Funkspruch.) Die Verhandlungen über hie Durchführung der Bestimmungen des Friedensvertrages von Riga werden nach dem letzten Notenwechsel in versöhnlichem Sinne fortgesetzt. Die Gerüchte von einem Abbruche her hip/omarischen Beziehungen zwischen Rußland und Polen entbehren jeder Begründ ung. Wiener Morgrnzernmz__28. September igzi_ Nr. 960 Sie Me " •„ " ";. in leig. Bon unserem Sonderberichterstatter. ' f Prap, 26. Scvitmblr. Die Vorkonferenz wnrtde, wie schon berichtet, am 25. d. Ar. von Dr. Leo Mozkin eröffnet. Dr. Kohan Bernstein (Beßarabien) berichtet; über die Tätigkeit der zentralen Hilfskomitees in, Beßarabien. Seinen Bericht ergänzte Gellmann mit intereffanten Daten aus der Emigrationstätigkeit in Beßarabien. Ueber die Verhältnisse in.Polen berichteten dir Herren Doktor G o t t l i e b (Jüdischer Nationalvat), ' Perlmann (Zentrales jüdisches ukrainisches Hilfskomitee), -Doktor O l,s ch w a n tz e r (EmigraL'onskou.itee) u::h G o m e l s k i (Ukrainischer Verband der Flüchtling« in Polen). Alle Referenten schilderten das furchtbare FLüchLtins seiend in Poren und Rumänien und beleuchteten die einzelnen Seiten der Hilfstätigkeit und der Arbeit für die Regelung der Emigration. Aus allen Berichten geht insbesondere die Forderung nach Erschließung von Im mi gratis ns ländern hervor, denn das Verbleiben großer Massen in Polen und Beßarabien sei auf die Dauer infolge des Widerstandes der staatlichen Faktoren sehr; erschwert. Aus den Berichten geht auch hervor, daß die Arbeit in Polen und auch anderswo durch die Konkurrenz der verschiedenen Gesellschaften beeinträchtigt wird. Einen erschütternden Bericht erstattete her eben aus der Ukraine angekommeue Delegierte Hillels. Er schilderte die fürchterliche Lage der Flüchtlinge, die von den . Sowietbeh'örden am Ue'berschreiten der Grenze gehindert werden, und den ganzen Leidensweg bis zu dem Zeitpunkt, wo die Sowjetregierung daran ging, diesen Ueb'elständen! abzuhelfen, Redner forderte, daß sich das Hilfswerk aucki auf die Sowjeiukraine erstrecke und in direkter Form die Hilfe erteile. Edelstein (Bukarest) und Doktor Rosenbanm((Kowno) berichteten über die Arbeit in ihren Länder^: Insbesondere sei es wichtig, haß Aussichten für die'Immigration bestehen; Litauen werde als Transitland , in Betracht , kommen. Den Bericht über das Wiener Hilfskomitee für die. ukrainischen. Mischen Pogvomopfer erftattet? Dr. Kr äm er, welcher auch über das ukrainische Hilfskomitee in Czernowitz berichtete. Er hob dir Bedeutung Wiens als Transitstadt hervor uiid verlangte die Errichtung einer Abteilung der künftigen Zentrale in Wien. Weinfeld (Preßburg) berichtet; über di« Slowakei. Die Zahl der Flüchtlinge, die sich über das Land ergossen, sei innerhalb eines Jahres ans 17.400 angewachsen. Die erste ordentliche Sitzung der Konferenz leitete Leo Mozkin mit einem Expose über die Ziele der Konferenz ein. Die jüdische Oeffrntlichveit, führte er aus, muß sich dessen bewußt werden, daß Millionen von Juden in den einzelnen Ländern in der Gefahr sinh, ausgerottet zu werden. Die Juden dieser Länder setzen sich in Bewegung, irgendwohin auszuwandern, und wenn dies bei den schwierigen Kommunikationsverhältnissen heute er/t Hunderttausend« versuchen, so wird diese Zahl bei der nächsten Gelegenheit viel größer werden. Wir stehen vor einer fürchterlichen Katastrophe Und die Judenheit hat bisher nicht in der richtigen Weise reagiert. Es haben sich zwar in den letzten Jahren verschiedene jüdische Korporationen große Verdienste erworben. In den «inzslnen Ländern, wie zum Beispiel Kanada, Vereinigten Staaten, Argentinien, England, Frankreich, Tschecho-Slowakei usw. haben sich /einzelne Verbände und Komitees mit diesen Fragen befaßt; eS haben dies aber nicht alle Faktoren getan, die in Betracht kämen. An diesem Umstand ist viel gescheitert. Unlängst hat eine Konferenz in Brüssel getagt, die von einer großen jüdischen Organisation einberufen war und die sich mit diesen Fvagm beschäftigte. Hier trat es zu Tage, daß das Prinzip her Beteiligung aller jüdischen Schichten an dem .Hilsswerk nicht eingehalten wurde. Redner glaubt, auf drei Punkte ein besonderes Gewicht legen zu müssen: 1, Die Möglichkeit, den Bedrohten hie Ausreise aus den Pogromländern zu ermöglichen, I. DH Ausschaltung des Wettbewerbes im Zusammenschluß aller Hilfst körperschasten. 3. Die Erschließung Pon Jmmt- ..g rat ionsmö glich keijen, Im Namen der H ias (Jüdisch-amerikanische HilfsgeMschaft) begrüßte Held (Amerika) die Konferenz. D« HiaS steht auf dem Standpunkt, daß es ihre Pflicht ist, die Immigranten vor Schwindlern undAusbeutern zu schützen. Auch ist es notwendig, vielgutgemeinte Wohltätigfsitsaktionen in die richtigen Bahnen zu lenken. Unsere Erfahrung lehrt uns, daß die Emigrationsarbeit durch Kooperation gefördert werben kann. Wohltätigkeit ist nötig, jedoch nur für Flüchtlinge und andere Zwecke. Für Immigranten brauchen wir eine gut funktionierende Zentrale, die zur gesunden Selbsthilfe für die Emtvandev-r führen zoll. Mijall.j Dr. Sulam (Venedig) Überbrachte die Grüße des italienischen Hilfskomitees und des italienisch-jüdischen Gemeindebundes. Die Italienische Organisation besteht seit Jänner und hat die italienischen Hilfskomitees unter Beteiligung der Gemeinden organisiert. Redner sei ermächtigt, der Konferenz die Grüße der italienischen Regierung zu übermitteln, die den Juden gegenüber wirklich gesinnt ist, und die bereit ist, den jüdischen Emigranten ihre moralische und politische Unterstützung zuteil werden zu lassen. Nachdem Hr. Maas (Argentinien) Über die Tätigkeit der dortigen Hilfsorganisation berichtet hatte, die sich bereit erklärte, alles mögliche im Interesse der Emigranten zu tun, wurde die Sitzung auf kurze Zeit unterbrochen, um eine Besprechung für dir Wahl ins Präsidium und in die Kommissionen zu ermöglichen. Nach Wiedereröffnung der Sitzung wurde» die Wahlen vorgenommen, wobei ins Präsidium die Herren Dr. Leo Mozkin, Held, Dr. Klee (Berlin), K re in in (Ukraine), Jochelmann, zu Schriftführern die Herren Dr. Krämer (Czernowitz), Grünberg (Paris) und Czernowitz (Ukraine) bestimmt wurden. Sodann erstattete Herr Schelwin (New-Iork) den Bericht über die Tätigkeit der Hias. Das Einwanderungsverbot habe seine Ursache in der langjährigen Agitation gegen die Einwanderer, andererseits in den reaktionären Nacherscheinungen des Krieges. Dazu tritt noch die große Angst vor dem Bolschewismus, dessen mit Vorliebe besonders dir jüdischen Immigranten beschuldigt werden. Die Gesellschaft Hias will alle Mittel anwenden, daß die Nenanwendung des Einwmrderungsverbotös gemildert werde. Angesichts der Schwierigkeiten, welche für die Einwanderung nach den Vereinigten Staaten, und nach Kanada bestehen, hat die Hias bas Verdienst,'andere Unterkunstländer zugänglich zu machen. Es wurde zur Prüfung der dortigen Verhältnisse eine dreigliedrige Kommission nach Mexiko entsendet, die jedoch frststellen mußte, daß dieses Land für "jüdische Einwanderung in wirtschaftlicher, kultureller - / Ämd politischer Hinsicht-' nicht geeignet ist. Gegenwärtig werden ähnliche Versuche auf der Insel Kuba unternommen, wo es bessere Bedingungen sowohl in wirtschaftlicher als auch in klimatischer Beziehung gibt. Redner besprach zum Schluß' die eigentliche Tätigkeit der Hias, di; sich nunmehr auch auf Europa erstreckt, und betonte den Umstand, daß die Hias von dem Standpunkt ausgehe, daß die Hilfsbedürftigen gesucht werden müssen, und daß die Tätigkeit auf diesem Gebiet nicht in eine Bettelei ansarten dürfte. Nachdem Maas (Zentralvolkshilfskomitee für Argentinien) über die Organisation der Einwanderung nach Argentinien und über die Tätigkeit der dortigen! Hilfsorganisationen Bericht erstattet hatte, ergriff unter! allgemeiner Spannung Herr K re in in das Wort, um über die Lage der Juden in Sowjetrußland zu berichten. Die Lage der Jude» in Rußland erscheint in einem für das Judentum umso twstloserem Lichte, als ein großer Teil d«r Schuld das jüdische kommunistische! Sekretariat in Rußland trifft, das scheinbar jede! seelische Beziehung zum jüdischen Volk; verloren habe. Aber auch hie Delegationen aus Amerika und Kanada haben bas Hilfswerk nicht richtig eingekeitet. Höchstens die Hälfte der gesamten Hilfsmittel fei an diejenigen gelangt, für die sie bestimmt waren. Die jüdisch;^ gesellschaftlichen Organisationen sind aus dem gesell-, Myftlichen Komitee, das die Sowjets für die Hilfs-' arheit eingesetzt haben, ausgetreten, da sie für diese Art her Arbeit keine Verantwortung, tragen können. Man müsse jetzt Verhandlungen führen, um eiiw gedeihliche Hilfsarbsit einzuleiten. D'r. BrutzkuS (Petersburg) ergänzt« diesen, Bericht und schilderte die Wirksamkeit der zionistischen Organisation auf dem Gebiete der Hilfsuyh Emigrationsarbeit. Herr Latz kt überh rächte die Erklärung eines nta|V gebenden Vertreter- Ber G-Wsetregierimg, die byVeit fei, das gefellschaftlichs Komitee auf eine weitere Basis zu stellen und unter gewissen Bedingungen über die Möglichkeiten der Emigration für gewisse Kategorien von Juden zu verhandeln. Ueb?v diese Mitteilung entspann sich eine Diskussion, nach welcher dev Vorsitzende konstatierte, daß es wünschenswert wärv, diese Verhandlungen zu führen und nach Möglichkeit zu einem gedeihlichen Abschluß zu bringen. Pasie geht nach Pari». Belgrad, 27. September. (Privat.) Minister Präsident Pasie wird Samstag nach Paris reisen um dem König Alexander einen Bericht über die Innere und äußere politische Lage z« ersiattev.

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