Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 959 (27.9.1921)
- Date
- 1921-09-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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V«Sr r Mim, Dienstag Wiener Morgenzeit««U 27. September 1921 Rr. 989 p 11 b t u*. So sieht es in Wirklichkeit aus., Herr , Waber merkt plötzlich, welches Unheil er bereits an-, gerichtet hat, und welche Konsequenzen seine antisemitische Praxis haben kann und tritt den Rückzug fl». Das Ministerium geht die ganze Geschichte nichts «r. Die Gemeinde- und Landesbehörden sollen den Optanten die Ausnahme in den Gemeindeverband, zosem die Bedingungen zutreffen, gewähren. Es liegen pi der Tat Erklärungen des amtsführenden Wiener Gtadtrates vor, in deffen Kompetenz die Frage der Aufnahme in den Wiener Heimatverband fällt, nach welchen für viele bisher durch Waber um ihr Recht Gekommenen die Möglichkeit besteht, auf dem Wege über den Magistrat Oesterreicher zu werden. Der Wiener Stadttat Richter erklärt, daß Leute, die Dvr dem Kriege in Wien ansässig waren, einen ordentlichen Erwerb haben und in moralischer Hinsicht einwandfrei sind, anstandslos in den Wiener Heimatverdand ausgenommen werden können, während man bei Leuten, die erst während des Krieges nach Wien gekommen find, vorsichtiger zuwerke gehen müsse. Man muß abwarten, wie die Behandlung der Aufnahmsgesuche in die Gemeindeoerbände» welche jetzt also ohne weitere Zustimmung des Innenministeriums erledigt werden sollen, sich gestalten wird. Aber auf keinen Fall ist in dieser Praxis, auch wenn sie keinen Anlaß zu Beschwerden geben sollte, eine Lösung des Optionsproblems zu sehen. Herrn Waber wird es nicht gelingen, die Angelegenheit aus der Welt zu schaffen, indem er einfach seine Kompetenz und Verantwortlichkeit abschüttelt und den ahnungslosen Unschuldsengel spielen will. In ihren Entscheidungen über Bewilligung oder Nichtbewilligung der Aufnahme in den Heimatverband sind die Gemeinden autonom und wir begnügen uns mit keinem Wohlwollen, wenn wir Rechtsansprüche geltend zu machen und zu verteidigen haben; ebenso wie die Angelegenheit dadurch erschwert wird, daß auf dem von Waber gewählten Umweg gegen die Friedensverträge eine neue und ganz ungerechtfertigte Steuer geschaffen wird, welche viele als drückend empfinden müssen. Die Optionsfrage erscheint Klar und eindeutig durch die Friedensoerträge erledigt. Herr Waber» der nicht einmal den Inhalt des Brunner Staatsvertrages kennt und mit seiner Interpretation des Friedensvertrages kläglich Schiffbruch gelitten hat, will sich nunmehr in die Büsche schlagen und die Verantwortung anderen Faktoren zuschieben. Aber Unrecht bleibt Unrecht, solange nicht der klare Sinn der Verträge erfüllt wird und solange die Schande nicht wieder gutgemacht ist, daß man Juden von Staats wegen unter ein besondere» Recht zu stellen »Mernimmt. _____ Die industriellen Möglichkeiten Palästinas. Nach dem vom Prcßdepartement des Keren Hajessod in London Üerausaegebenen ,^ren Hayesod Book", London, Leonard Parsons Limited. Eine andauernde, ausgedehnte Kolonisation Palästinas ist ohne eine sehr beträchtliche industrielle Entwicklung nicht möglich'. Dabei ist freilich nicht an die große Industrie mooerner Staaten zu denken. Für derartige Unternehmungen besitzt Palästina nicht genügende natürliche Hilfsquellen. Die Möglichkeit wäre allerdings vorhanden, daß die Ausbeutung des Petroleums im Lande den Grundstein zu einer großen industriellen Entwicklung legen könnte, aber im übrigen werden sich die Industrien Palästinas auf ein mäßiges, sogar kleines Maß beschränken müssen, zum Teil auf Heimarbeit. Zunächst müssen wir den Mineralreichtum Palästinas ins Auge fassen. Im Augenblick» wären söaumaterialien dringend benötigt, die das Land in großen Mengen besitzt. Es gibt große Vorräte an Bruchstein der verschiedensten Arten. In der Gegend von Tiberias gibt es Basalt, an der Küste kalkartigen Sandstein, in den verschiedenen Gebirgsgegenden Dolomit und Kalkstein. Aus den rauhen natürlichen Steinplatten, die man zum Beispiel be Ja si n findet, könnten ausgezeichnete Pflastersteine hcrgesteltt werden. In dem Baukalkstein und Zement des Landes liegen große kommerzielle Möglichkeiten; das Land besitzt große Kalksteinlager, aber gegenwärtig werden sie ans die primitivste Weise ausgebeutet. Bei gründlicher wissenschaftlicher Ausbeutung würden sie sich entsprechend gewinnbringend erweisen und dasselbe kann von den Lehm-und Tonablagerungen behauptet werden. Die Herstellung von Dachziegeln und Tonwrren der verschiedensten Art kann in sehr vielen Gegenden mit den schönsten Aussichten auf Erfolg unternommen werden. Dazu kommt der asphalthältige Kalk, der alle dings diesseits des Jordans nicht in so großen Mengen vorhanden ist. wie.in Transjordanien. Aber er kommt dennoch in beträchtlichem Maße vor und schließt die berühmten Ablagerungen von Nebi-Musa ein. Er kann Gas zum Wärmen, Beleuchten und für sonstige Zwecke liefern. Asphalt findet sich auch in der Nachbarschaft des Toten Meeres und bei Hasbeja, und kann zur Herstellung von Farbstoffen und Firnis benützt werden. Von besonderer Wichtigkeit sind auch die Phosphatlager sowohl in den judäischen Bergen, wie auch in Transjordanien (bei Es-Salt). Ihr Wert ist nach dem Kriege überraschend gestiegen und die Ausbeutung bloß eine Frage der Transporterleichterungen. Auch die Schwefellager in der Gegend des Toten Meeres und in den Niederungen des Jordans vor der Mündung, dürfen nicht vergessen werden. Vor kurzem sind verschiedene Gesellschaften entstanden, um viele dieser Mineralschätze auszubeuten. .Der Boden Palästinas ist auch an Salzen der verschiedensten Arten überaus reich. Große Mengen finden sich in der Gegend des Toten Meeres; am südlichen Ende des Jordantales gibt es viele Salzquellen, ferner sind Sa^gebie^e in El-Arisch, Djebe l und Usdun. Das Tote Mer selbst ist ein unerschöpfliches Gebiet von Salzen der verschiedensten Arten, die zum Düngen Verwertung finden. Durch die Ausbeutung der vegetabilischen Produkte, zur Herstellung von Marmeladen und Konserven kann eine wefle^e sehr wichtige G'rupve von Industrien ins Leben gerufen werden. Die fvichtigsten Frückike für diese Zwecke sind Orangen, Mandeln, Trauben, Oliven, aber auch Aevfel und Aprikosen und alle Arten von Gemüse. Bisher ist sehr wenig dafür geschehen, doch ist unlängst die sellschaft „Amerikanische Obstzüchter Palästinas". (Boston) entstanden, um diese Industrie in allen Zweigen zu entwickeln. In den Fischzügen an der Küste und am Liberiashaben wir Material für eine Fi sch konserven-J nb u stritz. Im Znsawme.lhang mit der Olivenkultur sollte die O l- und Seifenindustrie entwickelt werden, was bisher nur auf die primitivste Art geschehen ist, Bei modernen Herstellungsmitteln würde sich da^ Ergebnis entsprechend vergrößern. Eine Fabrik dieser Art kann die Produkte des Sesam ebenso wie die der Olive verwerten und ihre Tätigkeit auch für die Herstellung von Margarine und Kerze n erweitern. Eine weiter« Industrie, für die sich Palästina ganz besonders eignet, ist die Herstellung von ät herischen Oe len und Parfüms, wozu in vielen Fällen die überaus wichtigen Pflanzen bereits gezüchtet werden. Auch die Möbel- und Holzindustrie sind entwicklungsfähig; es werden bereits ziemlich viel Möbel in Palästina durch Handarbeit hergestellt. Im Zusammenhang damit müssen wir auch die Schachtel- und Papiererzeugung nennen, für welch letztere bas Rohmaterial in großen Mengen von Papyrus längs der ganzen Sumpfgegend um den Meronfee vorhanden ist; Papyrus läßt sich überall ohne Schwierigkeiten züchten. Auch Gerber eie n bieten gute Aussichten infolge der im Lande vorhandenen ausArzeichneten Gerbstoffe. Die Weinprvbuktion spielt schon längst eine wichtige Rolle, doch könnte man Spirituosen auch aus Dürr hä, Kartoffeln und gelben Rüben herstellrn. Der Weizenanbau liefert die Möglichkrit zur Entwicklung der Stärkefabrikation. Endlich könntt eine chemische Iudüstrie durch Verwertung der Gewässer des Toben Meeres entwickelt werden. Die Wasserkräfte des Landes kann man auch für die Herstellung von Nitro ge y aus Luft zur Erzeugung von künstlichem Dünger benützen. Dje Aufhebung des Tabak- Monopols macht es jetzt möglich, Tabak in verschiebewesi Gegenden zu züchten, so daß die Zigarette ninduftr ie eine sichere Grundlage erhalten kann. Damit kommen wir zu einer ganzen Reihe von Industrien, die weniger vom valästinensischen Boden als von der Erfahrung der jüdischen Einwanderer abhängen, Typisch jüdisch sind alle Zweige der Textil- und Klei der Industrie. Der jüdische Handwerker wird das Sch^eidergewerbe in Palästina zu einem nutzbringenden gestalten, und zwar eher durch Heimarbeit als in großen Fabriken. Auch bie Se ideuweberei in Verbindung mit Seidenraupenzucht kann von Syrien über Palästina ausgedehnt werden. Es gibt noch anderbesondere jüdische Industrien: die Herstellung von S chuhen, Uhren und Diamantensch leiferei. Im Zusammenhang mit der großen Entwicklung des Druckereiwesens in Palästina, die man für die nächste Zukunft erwartet, kann dieser Geschäftszweig besonders wichtig werden. Auch der Fremdenverkehr einschl'eßlich des H o te lb e tr ie b es ist bestimmt, eine wichtige Rolle zu spielen, und dir Herstellung jüdischer Ritualien und gottesdienstlicher Behelfe wird auch bedeutend wachsen. Endlich gelangen wir zur Gruppe der Industrien, die mit Bauarbeiten jeder Art in engstem Zusammenhang stehen. Hier müssen wir die Habonrh- Baugesellschaft erwähnen. Die Erfahrung lehrt, daß die Werkstätten für die Herstellung und Ausbesserung von Maschinen usw., die für die Ausführung aller Bauarbeiten unerläßlich sind, nach und nach in Maschinenfabrik« n mngewaiidelt werden. Inland. Sehnsucht nach der „Iudenherrschaft". Es ist nun bald ein Jahr her, daß die Wiener Wähler — genauer gesagt: die Wiener Wählerinnen —- Oesterreich von der ,JubenHerrschaft" befreit Halen. Im Ze'chrn dieses Schlagwortes war der Wahlkampf geführt und schließlich' von den antisemitischen Parteien mit einem knappen Siege beendet worden. Die gigantischesten Hoffnungen waren von einer in ihrer Skrupellosigkeit beispiellosen Demagogie in den politisch ungeschulten Massen .der Bevölkerung geweckt worden. Es kam zum Beispiel vor, daß biedere Handwerker die Anmeldung ihrer Kinder zu HoNandveissn zurttckzogrn mit der, Begründung, daß sie nach der Wahl sicher in der Lag« sein würden, ihre Kinder wieder selbst ausreichend zu ernähren. Und heute- W'r können uns wohl eins nähere Ausmalung des Fiaskos der vereinigten „sittlich-religiösen" und „germanisch-idealist'schen" Regierungstalsnte ersparen. Denn sie sind der gesamten Bevölkerung fühlbar genug g> wvrden. Aber auch die Oktobersieger vom vorigen Jahre selbst beginnen ihr« Unzulänglichkeit zu erkennen. Da bat vor einigen Tagen der Sozialistenführer Dr. Ban e 's eine Rede gehalten, in der , er die Ausarbeitung eines Finanzplanes durch seine Partei aukündigte. Das Echo, das diese Rede im Blätterwalde der Regierungsfraktionen geweckt hat, Macht in höchst ergötzliche« Weise deutlich,, was seit Jahr und Tag als unausgesprochene Sehnsucht die Seesen der glorreichen Befreier O sterreichs zu tiefst erfüllt. Es ist nichts Geringeres als der Traum der Wiederkehr des Zustandes, den sie als „Judenherrschast" denunziert und so wütend bekämpft hatten. Schon damals, als di« Sozialdemokraten unmittelbar nach der Wahl die Konsequenzen aus bereu Ergebnis zogen und aus der damaligen RegieruinHskoalition austraten, wurde den christlich-Hrrrncunscheu Phrrhnssen vor ihren eigenen Siegeln bange. Rach der letzteil Rede Dr. Bauers, die ja wirklich ein Heraustcetcn. dev Sozialdemokraten aus ihrer unfruchtbaren Opposition vorbereitet, befreiteein hörbarer Seufzer der Erleichterung di« gepreßten Busen der mit der Verantwortung für die gegenwärtige Staatsleitüng Belasteten und eine von diplomatisch?r Mäßigung kaum noch .verhüllte Hossnungssreudigkeit spricht aus unzählig«: LettärtikelanfpielungM, wie gerne die koalierten Antisemiten Männer in ihre Regierung ausiiehmeu möchten, die ihr Innenminister Waber um keinen Preis in den österreichischen Staatsverbanb aufnehrnett würde. L ider zeigen aber dir Soz'üliemokrateri, bei allein Pfltchtbewußtscin dem bedrohten Staats gegenüber, das sich in 'der 8l.be Doktors Bauers unverkennbar ausdrttckte, nicht die geringste Lust, gerade jetzt der ziemlich eindeutigen Einladung Folge zu leisten. Denn ihr« bisher gemachten Erfahrungen lassen ihnen kaum einen Zweifel darüber, daß sie ihren heute so tolerant gewordenen »Msiegern" nicht nur ihre im geheirnen stets sehr geschätzte Arbeitskraft zur Verfügung stellen, sondern auch wieder gehässige Schlagwörter liefern würben, deren Ausnützung im kommenden Wahlkampf der ein-'ge Dank der heutigen Bankrotteure an ihre „verjudeten" Retter wäre. Das zeigen ganz eindeutig die abstoßenden Formen, in denen sich der Kampf der Reaktionäre gegen die Wiener RathauSmajorität abfpkelt. Diese ist «och immer in den Händen der Sozialdemokraten und muß deshalb seit deren Ausscheiden aus der Staatsregierung als Blitzableiter für bi« gesamte antisemitische Den>agogik herhalten. An das Schlagwort vom „verjudeten" Rathaus klammern sich seit der Entjudung der Staatsregicrung krampfhaft alle jene XionistiselAe^ K^amdieskoxuiitee £«!*» **** «© i <©la Morgen den 28. September 1. J., 7 Uhr abends, findet im Sopliiensaal, 111.» Marxergasse 17, eine statt Redner: Wladimir Jabotlnsky Mitglied der Exekutive der zionistischen Organisation Oberrabbiner Br* H* P* Chafea Präsident des Qrossen Aktionskomitees der zionistischen Organisation Br» Isidor Schallt Vizepresident der österreichischen zionistischen Organisation Eintrittskarten ab heute den 25. d. M. im Bureau des Zionistischen Landeskomitee», II., Zirkusgasse 38, an der Kasse der „Wiener Morgenaeitung“, H., Taborstrasse 1—8 H BMW«