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Wiener Morgenzeitung · 1921-09-26 · Heft 958 (26.9.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 958 (26.9.1921)
Date
1921-09-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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T&qirr _ de«,^MEäa fertiger Aberwitz. Aber die naiven Politiker der Linken «rch der regierenden bürgerlichen Mittelparteien wurden bald eines Besseren bel-hrt durch die sinnfällige Tatsache, daß gerade in Bayern, wo die alldeutsche Reaktion am meisten wütete, die meuchlerischen Morde am raschesten und offener aufeinandrrfolgten, so daß nach der Ermordung des Kommunisten H ar tu n g. des Reichswehrsoldaten Meie r, des Dienstmädchens Sand maier, der Schleier zum ersten Male gelüftet wurde in der Affäre Dobner-Pracher, in der einwandfrei durch einen parlamentarischen Untersuchungsausschuß festgestellt werden mußte, daß eine Gruppe terroristischer Studenten und Offiziere, die nationalsozialistische und deutschvölkische Bestrebungen verfolgten, systematisch Morde im Auto aus führte und daß sie dabei mit Angestellten der Münchner Polizei zusammenarbeitet. Noch Einmal gelang es, die Affäre tu der Oeffentlichkeit wenigstens zu vertuschen und den Anschein zu erwecken, als ob es sich um Phantasien der Sozialisten handle. Zum ersten Male war eine Mördergrube aufrestöbert, mitten im legalen Leben der parlamentarischen Republik. Die lebenden Zeugen beunruhigten diese Terroristrngruppe der alldeutschen Reaktion. Der Abgeordnete Ga reis wurde um die mitternächtliche Stunde in entlegener Vorstadtstraße erschossen. Diese Mordtat ging wieder vorüber, ohne die deutsche Nation bis auf den Grund zu erschüttern. Der Münchener Polizei „gelang" es nicht, den- Täter zu fassen. Heute gibt sie selber zu, daß ein politischer Mord vorliege, was unmittelbar nach der Ermordung heftig bestritten wurde. Das alles geschah in der bayrischen „Ordnungszelle", die mit den Komittunisten- und den Bolschewiken im Mai 1919 aufgeräumt hatte, wenn auch mit Hilfe preußischer Truppen, was.die bayrischen Klerikalen am wenigsten verwinden konnten und worüber sie nun mit den Deutschnationalen in die Haare geraten sind. Es dauerte keine drei Monate.Und Erzberger wurde durch zwölf Schüsse niedergestreckt. Und es dauerte keine 14 Tage und man stellte die Mörder in München in der Person zweier ehemaliger Marineoffiziere fest. Die verhafteten Mitwisser sind natürlich ebenfalls Offiziere und Studenten, die dem ««tisemitische» Schutz- und Trrrtzbunde angehören. Nun war der deutschen Oesfentlichkeit endlich klar, was wenige bereits im November 1918 wußten. Die Aufdeckung der Mörderzentrale ist so niederschmetternd, daß selbst ehrliche Konservative sich schaudernd abwenden und daß ein so orthodoxkonservativer und partikularistischer Mann wie der bayrische Bauernführer Dr. Heim in-einer Rede den Darups bis aufs Messer diesen Elementen angekündigt hat. „Darüber müssen wir uns klar sein," sagte er, „in ein Wilhelminisches Zeitalter kehren wir nicht mehr zurück!" Eben weil dem so ist, wie der streng katholische bayrische Bauernführer sagt, darum beflecken sich die Vertreter der. preußischdeutschen Militärmonarchie in ihrer Ohnmacht und Verzweiflung noch einmal und schlimmer wie im äußeren Kriege; denn hier geht es um das Blut von Volksgenossen, die dafür kämpfen und arbeiten, daß die europäische Welt endlich einen wirtschaftlichen und politischen Frieden sehe, der gegründet ist auf dem Rechte der Demokratie und der Freiheit der Nationen. ' Darum geht augenblicklich auch der Kampf rn Bayern, nicht um die Selbständigkeit des Buirdesstaates Bayern, wie die Deutschnationalen vorgeben, sondern um die Unschädlichmachung jener Elemente, diden Mord als ein politisches Kampfmittel ansehen und die den guten Ruf der gutmütigen bayrischen Bevölkerung beschmutzen. Es ist die brennende Scham darüber, baß in München die Mörder wohnen konnten, die sich ausbäumt, wie der „Bayrische Kurier, das Hauptorgan der bayrischen Klerikalen, schrieb. Es scheint, daß ein ganzes politisches System in Bayern und Deutschland von der Untersuchung in der Morbassäre Erzberger ergriffen wird l Eine Konferenz über die russische Answanderung. Aus Genf wird uns gemeldet: Gemäß de» am 87. Jv»i - esoßteu Beschlüssen des Rates deS Völkerbundes fand hier dieser Tage eine Konferenz statt, an der sich Delegierte der Staate» be« t üulrn, welche an der Regulierung des AuswanderungsstromeS aus Rußland und der Ukraine raterefneit sind. Verirrten waren zehn Siaatrn, darunter Palen, Rumänien, dre BaltiichenStaaten, die Tscheche-Slowakei und Frankreich. Die Konferenz hatte die Ausgabe, die Grundlinien derEmrgratro»spolitikder Sowjet, ußland benachbarten Länder auswarbeiten. Sie wählte eine Kommission für russische Emigration-angelegen, h e i t e«. Zur Konferenz wurde auch Herr L « c i e » Woll als Vertreter des Joint Foreign Committee (Vereinigtejüdischenglisches Komitee für auswäitigr Angelegenheiten) zngelasse»; er legte ein Memorandum über die jüdische Emigration auS Rußland vor, in welchem er vorschlug, daß der von der Konferenz eingesetzten Kommission auch rin Vertreter der c ft" sowie Vertreter derj nigeu Organisationen beigezoge» «erden solle», welche sich mit dem jüdischen Ekwgrarionsvrvblem belassen nnd die nu> der über Imitative der vv>. eimgrn Monaten DMck ftaltgeiimde»« Korüerem^ur 'Skauktnum Ifcc Wüsche» We«er MsrserrzeitmtK __ An die geehrten Leser der Wiener Tageszeitungen! Infolge der neuerlich enorm gesteigerten Herstellungskosten der Blätter sehen sich sämliche Wiener Tageszeitungen gezwungen, die Bezugspreise für Abonnement und Einzelverkauf einheitlich zu erhöhen. Dsreiriiaung der > österreichischen Tageszeitungen. * * * Demzufolge betragt ab Montaa den 26. d. M. der Eiinelverkaufspreis der »Wiener Morgenzeilung" für Wien Kr. 8.— Der AvonnementpreiS beträgt ab L Oktober: Für Wien (zum Abholen in den Trafiken oder mit Postzufendung) Kr. 200.— monatlich. Mit Postzufendung Deutsch österreich monatlich . . Tschecho-Slowakrei monatlich . Polen monatlich. r^Nfloslarvien monatlich .... .Kr. 200,— .Sts 18poln. Mark 400.— Deutschland „ . Rumänien ,, . . . . Mark 16.— ... Lei 24.- Holland „ . . . . holl. sl. 1.50 Schweiz ,» . England „ ..... Italien „ . . . FreS. 3.- ... sh 3.- . . Lire 6 — Amerika „ . Frankreich, Belgien monatlich. . . . Dollar - .50 . . . Fres. 6.— Zahlstellen: Oefterreichifches Postfyarkassenkonto (Wien) 150.VVS Tfchecho-flow Poftfparkassenkonto (Prag) 56.351. Polnisches Boftsparkassenkonto (Warschau) 190.227. Deutsches Postscheckkonto (Berlin) 108.722. Nnmänien (Czernowitz): Allgemeine Depositenbank, Filiale Tzernowitz. Fngoslawien: PostsvarKasienKonto (Agram) 40.085 Italien: Societä Itailana dl Credito commerolale, Triest Via Mazzlnl 30. Ermw a'ion teilgrpommm batten. Die Konferenz in Genf nahm ans Grund desMemorandums LncienWolfs folgende Resolution an: ,Die von Herrn ßucim Wolf im Namen der ,J c a" und der mit ihr vck einigten Organisationen dargelcgten Informationen, /welche sich aus die mehr als 200 60V Menschen zählenden jüdischen Emigranten beziehen, die sich in Polen, Rumänien nnd Litauen befinden, sind für die'Konferenz sehr belehrend gewesen. Die Konferenz hält eine w e i t e re Mitarbeit der jüdischen Organisationen für sehr wichtig für ihre weitere Tätigkeit, hält es aber nicht für zweckmäßig, gleich im vorhinein die Form dieser Mitarbeit festzulegen. Die Konferenz ist der Ansicht, daß die Mitarbeit dieser jüdischen Organisationen nur dann vonnutzen sein wird, wen» die in Betracht kommenden Staaten Hilfe und guten Wille« beweisen in der Zusammenarbeit mit dem Komwissär für die russischen Emigraüongangrlegenbeitm. besonders bei der Ausgabe und Bestätigung von »persönlichen. Dokumenten". Sodann beschloß die Konferenz, daß zur Erleichte' rung der Arbeit des »Kommissärs für die russische« Emigrations, angrlegenheitw" (diese Stelle wird jetzt geschaffen) jeder interessierte Staat eine« Berbindnngsdelegierten zwischen sich und dem Kommissär ernenne. Schließlich gab die Ko»ferenz der Hoffnung Ausdruck, daß nicht bloß die interessierten Staaten, sonder» auch alle andere« aus Humanitätsgründe» btt, dev Tätigkeit zur Rcgulieruug der Emigration aus Rußland Hilfe leisten werden. _ Ei« Hilferuf -er russische» Mütter. „Ogni", das in Prag erscheinende russische Matt, verbreitet einen Aufruf russischer , Mütter an die Welt, der wohl daS Erschütterndste «ach Form und Inhalt ist, was je menschliches Unglück geboren. Das an die gesamte gesittete Welt gerichtete Schreiben der russischen Mütter lautet: „Wir Mütter, in diesem Winker bestimmt zum Tode durch Hunger und durch Krankheiten, bitten die Menschen der gesamten Welt, unsere Kinder zu sich zu nehmen, damit sie nicht unschuldig unser schreckliches Schicksal teilen. Wir bitten die Welt, damit wir uns um den Preis eines freiwilligen und ewigen Scheidens von unseren Kindern von der Schuld befreien, ihnen ein Leben geschenkt zu haben, das schlimmer ist als der Tod. Alle^ die ihr Kinder hattet und sie verlöret, alle, die ihr Kinder habet und sie M verlieren fürchtet: Zur Erinnerung an die toten und im Namen eurer lebenden Kinder rufen wir euch zu: Bleibet nicht taub, nehmt euch unserer Kinder an! Befreiet uns von dem Entsetzen, sehen zu müssen, wie sie zugrunde gehen, ohne daß wir ihnen helfen können. Welt! Nimm dich unserer Kinder an! Befreie sie aus dem Bereich unserer Hölle/ soweit noch die Kraft in ihnen ist, zu wachsen, zu leben und ähnlich zu werden allen Kindern, die freudig von ihren Vätern, Müttern und Brüdern sprechen können. Erbarmt euch! dieser Kinder, die nicht eine einzige Freude kennen und die schlimmer daran sind, als die Kinder der elendesten Bettler in anderen glücklichen Ländern. Was wird mit ihnen geschehen, wenn ihre Mütter früher zugrunde gehen als sie, die armen Waisen? Unser gedenket nicht. Uns ist nicht zu helfen. Wir haben die Hoffnung ausgegeben, aber wir werden glücklich sein mit dem einzigen Glück emer Mutter. M. SepkMrr 1971 zu wissen, daß es ihrem Kind« gut geht. Wir werben satt werden von dem Stückchen Brot, das wir im Geiste in den Händen unserer Kinder sehen werden, uns wird warm werden, wenn wir wissen, baß unsere Kinder in warmer Stube sind. Nichts werden wir fürchten, wenn wir wissen, daß unsere Kinder in Sicher, heit sind. Nehmt unsere Kinder so rasch als möglich von uns!" Einberufung des Nationalrates. Der Natisnalrat wurde für kommenden Freitag» 3 Uhr nachmittags, zu einer Plenarsitzung einberufen, in der über die Frage der Bedeckung der MehunrSgaben für die Be.im'en Beschluß gelabt werden wird. Mitrwoch, 5 Uhr nachmittags, tritt der Finanz« und BudgetauSfquß zusammen, um daS A « g k onutz L ä » d e rb a » k g e f e tz in Beratung zn ziehen. Nachrichte« aus Palästina. DodenkSufe. Aus Jerusalem wirb unS geschrieben: „El Naffir" teilt mit: Im allgemeinen scheint ein Mißverständnis über die Bodenerwerbsgesetze obzuwalten. Es wirdnänck.ch angenommen, daß bei der Regierung keine Geneigtheit bestehe, Bodenkaufverträge, durch welche der Boden in den Besitz von Personen gelangt, welche, außerhalb Palästinas wohnen, zu genehmigen. Diese k.älschliche Auffassung ist auch der Grund, weshalb Palästinenser, welche gegenwärtig außer Latches wohnen, nicht in der Lage 'sind, Land in Palästina zu kaufen. Diese Auffassung ist, wie gesagt, falsch. Die Wahrheit ist vielmdhr, daß der Oberkommissär das Recht hatr jeden Bodenberkaus zu bestätigen, ohne Rücksicht darauf, daß der künftige Besitzer nicht in Palästina wohnt, jedoch nur dann, wenn der Käufer Nachweisen kann, baß er die Absicht hat, den Boden selbst zu bearbeiten oder aus ihm Bauten aufzuführen und nicht daran denkt, ihn weiterzuverkaufen. Daraus folgt nun, daß jeder, der die Vollmacht von einem auch außerhalb Palästinas Wohnenden zum Landau kauf besitzt, den Kauf durchführen kann, doch muß er bei der Behörde den Nachweis erbringen, daß der Käufer entschlossen ist, sich im Lande anzusiedeln. Ein rrerres Zollamt. Wie aus Jerusalem berichtet wird, wurüe in Gemach ein neues Zollhaus eröffnet. In diesem Zollamt iverden alle aus Palästina zu exportierenden Warm sowie auch alle Emsuhrwaren zollamtlich abgefertigt. D'ke französische Regierung erösfnete am anderen Äser des Jordans gleichfalls ein Zollabsertigungsami, von welchem das Reisegepäck der Reisenden von Palästina nach Syrien und umgekehrt einer Revision unterzogen wird. Tagesbericht. Die Baro»qHirsch-SchLle«. Nach dem Gesetz ist das Kuratorium einer Stift tung unzweifelhaft berechtigt, bei der Verwaltung hes dem gesamten Volke gehörenden StiftungsvermögenK so viel Schnitzer zu begehen, als seine Einsicht und sein Verständnis gebieten, daher soll nicht nochmals darüber gesprochen werden, daß die Baron-Hirsch- Stiftung Südbahnaktien verkauft und für deren Erlös polnische Staatsanleihe im Betrage von >150,000.000 polnischer Mark erstanden hat. Die fünfprvzentige Verzinsung ergibt nun alljährliche einen ganz netten Papier- Lerg, und so wähnt sich, das Kuratorium in der Lage, ungefähr 20 Schulen der Stiftung wieder in Betrieb zu setzen. Die Lehrer der Baron-Hirsch-Schulen haben daher bereits die Verständigung erhalten, daß sie binnen kurzem wieder zum Dienste nach Polen berufen würden. Es ist noch keinen Monat her, daß der Sekretär der Stiftung, Herr Dr. A s che r, dem Obmann der Lehrerschaft die Wiedereröffnung der Schulen ankündigte und den Lehrern, welche bisher durchwegs ein Gehalt von 140 bis 200 Kronen nicht bezogen, sondern zurückgewiesen haben, ein Einstmrmen von >15.000 bis 20.000 Mark versprach, was noch keinestvegs dem heutigen Existenzminimum in Polen entsprochen hätte. Dr. Ascher verstieg sich damals sogap zu dem stolzen Vers: „Lehrer, die lehren, werden wir?ernäh".'.n." Nunmehr aber ist in dem Zirkular nicht mehr, wie vorher, von einer Gleichstellung mit b«n Lehrern der allgemeinen Volksschulen die Rede, 1 jbttbet:« es wirb den Lehrpersonen, die durchwegs mehr als zwanzig Jahre im Dienste stehen, eine Besoldung von monatlich 4000 bis 6000 Mark in Aussicht gestellt. Bon einer Entschädigung der Ueversiedlungskosten, von der Beschaffung einer Wohnung, was heute für einen mittellosen Menschen Ui Polen geradezu eine Unmöglichkeit ist, wird nichts erwähnt. Doch die Lehrer, die schon 3 0 Dien stjah re hinter sich haben, wurden besonders bedacht: Sie wurden mit einem Gnabengeha.lt von monatlich 200 Kronen pensioniert. Lehrer sind und solle» nun einmal idealistisch gesinnt sein. Aber selbst wenn es sich hier um Lehranstalten handeln würde, die einem tiefgefühltem Jntereise des jüdischen Volks entsprechen, könnte niemand i M M mm

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