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Wiener Morgenzeitung · 1921-09-22 · Heft 954 (22.9.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 954 (22.9.1921)
Date
1921-09-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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feetie' 2 Jtoicii, Politische Rundschau. Exkaiser Wilhelm im Exil. Im Verlag Ullstein (Berlin) ist .ein Buch „Der Kaiser im Exil" erschienen, welches Novah Bentinck zur Verfasserin hat. Sie ist die Nichte jenes Grasen Bentinck, der des Kaisers Gastgeber in Amerongen war. Interessant ist, was sie über seine politische Gesinnung und Stellung zum Judentum sagt. Lady Bentinck berichtet: Seine politische Gesamtanschauung ist völlig unverändert, und seine Antipathien dauern unvermindert fort. Als Lady Bentinck einmal Hartzens „Zukunft" erwähnte, war ein in angeekeltem Tone geäußertes „Pfui — nein!" tzie einzige Antwort. Seine besondere 'Abneigung gilt den Freimaurern. Die plump gefälschte n „Protokolle" der Aeltesten von Zion, in denen die Entstehung des Weltkrieges und des Bolschewismus dem Zionismus zur Last gelegt werden, haben in Doorn unbedingtesten Glauben gesunden. Für ihn gab Wilsoü seinem schwankenden Thron den letzten Stoß. Und er kann es' doch nicht fassen, daß das deutsche Volk „ihn im November 1918 \o leichter Hand gehen ließ; mehr noch, ihn, den-allsvhöchsten Herrn, ausgab' und'eintauschte für Personen, deren Herkunft ihnen in dem rangwütigen Deutschland jede öffentliche Achtung hätte versperren müssen, Personen ohne gesellschaftliches Prestige und ohne alle Regierungserfahrung." Es fiel mir auf, daß die Ameronger und Doorner Monarchisten im Grunde auf die deutschen Volksgenossen schlechter zu sprechen find als auf die Alliierten. Daß diese den Kaiser zu stürzen suchten, ist ihnen ein verständliches Kriegsmittel, daß die Deutschen dies zulicßcn, ist ihnen ein unverzeihliches Verbrechen. Und je länger der Kaiser darüber nachdentt, desto mehr erscheint es ihm, daß er das Nobelste nicht von seinen Feinden, sondern von seinen Untertanen erfuhr. Er glaubt, daß er für sein Land Großes geleistet und zumindest immer nur Großes erstrebt hat; daß ex die Wohlfahrt seines Landes stets allem vorangesetzt hat und daß er-, selbst den Krieg, so unrühmlich sein Ende mar,, vor den Deutschen zu rechtfertigen, vermöchte. Und 'chließlich, .zugunsten welches besseren Mannes war er abgesetzt worden? Diese Frage, sagt er, während er im Garten von Doorn herumgeht, wundere ihn noch« immer sehr? . UeOct des Kaisers Hoffnungen schreibt Lady Bentinck: „Er wäre kein Mann, wenn er nicht von künftiger Wiederherstellung, feines Hausesträumte. Aber er ist nicht so unpolitisch; daß er verriete, ob er aus oeni Traum Wirklichkeit machen will, ob er- Gelegenheiten eines neuen Staatsstreiches im besten Augenblick vorbedenkt. Ob er nun' träumt oder sinnt oder ob «r trachtet, bas verbirgt er. Und seine Umgebung, jeder- -eit bereit, Ursache und Folgen des Krieges nach allen Achtungen offen zu erörtern, schweigt sich über die Zukunft der Hohenzollern aus. Dieses Thema ist Tabu außerhalb der verschwiegenen Wände von Doorn." Die Koalitionsveftrehungen in Deutschland. Kaum ist auf dem Görlitzer Parteitag der dnüscben Soz>alb-mokraten der Besch'nß g faßt worden, daß du Pu teile ung über em Zusammengehen mit der deutsch'« Volksv.a r t e i ve'bandl', so beginnt.in de« deut chen Blättern brrntß rn •Knt'ie'iMten über btc kün'tige Zu'ammensehung dcs Re l ch Si a b i n e t t s und des preußischen Kabinrtis. Zuerst liat mit dc'er Komb>n,tion dir „Kölnische Zeitung* auf den Plan.?.ire!'elkos m der Absicht, dem Reichskanzler Dr. Wirth ein Bein m stellen. In der betreffenden Meldung heißt es nämlich,daß das Zentrum und die Soz'aldemokra ie keinen Wert aut Beibehaltung Dr. Wirths an der Spitze des Kabinetts len n. Demgegenüber ist daran festzubalien, daß alle diesbrziiglichen M ldungen einstweilen müßige Kombinationen sind. Es wird langwuriaer Verhandlungen zw scheu den. Koalii vnsparteren, und rwar zunächst zwischen der Sozialdemokratie und der. deutschen Volkspartei, bedürfen, ehe man au d>e Personensmge h rantreten kann. Das bayerische K >bmett bürf c spä estenS morgen zustande kommen. Als Kandidat sür den Ministervrästdentenposten ist in erster Lmie Graf L e r ch e n f e l d in Aussicht penommm. Sollte seine Wahl erfolgen, dann werten sich die Differenzen zwischen dem Re che und Bayern wohl rasch beseitigen lassen, da Graf herchenseld, selbst ein Zentrumsmann, sich mit dem Reichskanzler Dr. Wirlh über die noch schwebenden Differenzen wahriche nlich le cht wird verständ'gen können. Mit Interesse steht man den weiteren Enlhüklunpen entgegen, die vom Staaiskommrssär Dr. W e i ß m o n n vor e-uig'u Tagen angekündigt wurden und besonderes Jnrereste'br ttgt' man d;r in der „Germania" am Schlüsse eines Leitartikels gestellten Frage an den Reichskanzler Dr. W:rth entgegen, de- Inhalts: „Hat Herr Dr. W ißmarn oder der Reichskanzler Tatschen auf-uwerfen, daß in München unter de« Schutz einer reaktionär«« Reg erung einneuerKapP-Putichvon verbrecheriichen Elementen,. die dm Mord als Mittel benütz-n, vorbereitet wurde?*-Man glaubt in politichkn Ä-et tit, oaß der Reichskanzler nunmehr m,t feinen Enthüllungen vor die Oessentlichkeit treten w.rd. Hegedüs und Heijas. Das jüdische Blatt ,Mult es Jövö* >n Budapest beschäftigt irch im Leit«rt>kel mit dies.« brrdrn pvlitschm 'l'-rsönlichke tnt, von b:n:u gegenwärua in Ungarn am meisten die Rede ist. Das Bl Nr \u’,' eure Parallele zwr chen H \ i a s, der Juden aemoroet bat um» rwh immer morden läßt und Ävrener -LLorgenzerrnnA An die geehrten Leser der Wiener Tageszeitungen! Infolge der neuerlich enorm gesteigerten Herstellungskosten der Blätter sehen sich fämliche Wiener Tageszeitungen gezwungen, die Bezugspreise für Abonnement und Einzelverkauf einheitlich zu erhöhen. Dereinionirg der österreichischen TageszeUnngen. Demzufolge betragt ab Montag den 26. d. M. der Eirnelverkarrsspreis der „Wiener Morgenzeit ung" für Wien Kr. 8.— Der Abonnementpreis betrögt ab 1. Oktober: Für Wien (zum Abholen in den Trafiken oder mit Postzusendung) Kr. 200.— monatlich. Mit Postzusendung. Deutschösterreich monatlich ... .Kr. 200.— Tschecho-Clowabei monatlich . . .Kö. 18- Polen monatlich. poln. Mark 400.- Jugoslawien monatlich. ... Dinar 13.— Deutschland * . . . . Mark 1«.— Rumänien „ .. 24.- Holland „ . .. holl. fl. 1.50 Schweiz . 3.- England „ ...... ... 8h 3.- Italien » . . . . Lire 0.- Amerika n . . , . Dollar -.50 Frankreich, Belgien monatlich. . . . . Fre». 6- Zahlstellen: Oesterreichisches Postsparkaflenkonto (Wien) 150.603 Tfchecho-slow. Postsparkassenkonto (Prag) 50.351. Polnisches Postsparkassenkvnto (Warschaus 100.227. Deutsches Postscheckkonto (Berlin) 108 722. Rumänien (Czernowitz) Allgemeine Depositenbank, Filiale Czernowitz. Jugoslawien: Postsvarkassenkonto (Agram) 40.085 Italien: Looietn llnttsns dl Credlto commerolale, Triest Via Mazzlni 30 L. rand H r g e d ü S. der als liberaler Poli iker in die Politik des christlichen Kurses eintiat. He?edü? — schre bt das Blatt — wiederholte täglich dreimal, er sei Liberaler und zw schendu ch saß er im Rate derjmgn. welche da» Judentum seiner elementarsten Rechte bciaubten. Er gab sene Zust mmmifl zu Pe> ügungen, durch welche das Judentum in seinem Menschentuin heeabflewüidtgl, vom sozialen Gestch'Spunkt ern edriflt wurde und hat Maßnahmen gutgehäßen, durch welche breite Schrchien des Judeniums in ihrer Existenr b dioht werden. Demgegenüber Habe HejjaS immer offen die Bad ari.,ung de- Judentumverkündet, so daß die Juden imnir genau wußten, woran sie mit ihm sind. AuS diesem Grunde stehe HejjaS, weun man so sagen dürfe, höher als HeftedllS. Eine englische Protestnote an Rutzland. Eine Note, welche die englische Negierung als Prolest gegen die bolschewikische Propaganda inZentraläsien nach Moskau gerichtet hat, macht Lenin den Vorwurf, daß er in seinen Netzen eine Sprache führe, die mit den Verpflichtungen des Londoner Handelsabkommerrs, in dem die Sowjetregierung ausdrücklich auf jede Propaganda in England verzichtet hat, nicht in Einklang zu bringen sei. Die Note zählt dann die Vergehen der Bolschewiken in den einzelnen Staaten auf. Indische Revolutionäre, die in Europa Zuflucht gesucht hatten, wurden von der Sowjetregierung am 25. Mai zu einem Kongreß nach Moskau berufen, um die Re.volutionierung Indiens zu besprechen. Sie erhielten vom Berliner Vertreter der Sowjetregierung, Ko PP, Geld und 'Pässe. Ebenso ist die englische Regierung darüber unterrichtet, daß die Berliner Sowjetmission den Verkehr zwischen der indischest revolutionären Gesellschaft und deren Moskauer Gruppe L. Bojko Wien, I,, Kärn^nerstrasse Nr. 34 (Maysedergaase 2) Vorführung der auserlesensten Original Pariser und eigenen I Modelle in 8 flbcitd- und CagKkftkrn, “ ~ . Mitteln und Pelzen 1 in reichste« Auswahl täglich von 9 bis 1 Uhr und >vn 3 dt« 6 Uhr »! —mnrMQ-iTrowOTmiBriwnwiwwraianwiiWiiiMiBriiiiH iwiniimiiii 22 September 192! Nr. 954 vermittelt. Vor einiger Zeit habe die Sowjetregiernyg/ einen bekannten indischen Anarchisten, der m Wien die Herstellung von Bomben leitete, nach Afghanistan entsandt, um die Kämpfe an der indischen Grenze zu unterstützen. Ein besonderes Kapitel bildet die Zuammenarbeit zwischen Moskau und Angora. Die >mglische Regierung wisse genau, aus welchen Quellest >)ie türkischen Nationalisten mit G«L und Waffen unterstützt werden, um eine friedliche Annäherung ay dir Entente zu verhindern. Aus demselben Grunde unterhalte die Sowjetregierung auch Truppen an der Grenze der asiatischen Türkei. Das Vorgehen der Bolschewiken in Afghanistan bezeichnet die Note als wichtiges Mitte! der Sowjetpolitik, um die Revolution nach Indien zu tragen. Der Regierung von Afghanistan sei eine jährliche Unterstützung von einer Million Goldrubel versprochen worden. Die erste Rate sei bereits ausgezahlt worden. Im Osten Afghanistans seien sögenannte russische Konsulate errichtet worden, die aber nicht etwa dem Handel dienen, sondern, reine Propagandabureaus sind. Die englische Regierung verlangt, daß die bolschewikische Propaganda endlich aufhöre. Lunatscharski will zum italienischen Sozialistenkonaretz. Das Exekutivkomitee der Dritten International« in Moskau hat sich telegraphisch an die Leitung der italienischen sozialdemokratischen Partei gewendet und den Entschluß kundgegeben, sich auf dem bevorstehenden Kongreß der italienischen Sozialisten in Mailand von Lunatscharski vertreten zu lassen, da die Dritte Internationale diesem Kongreß eine besondere Bedeutung betmesse. Lunatscharski, bekanntlich Volkskommissar für Erziehung und Volksbildung, hat bereits, wie gemeldet wird, die italienische Regierung um die Einreiseerlaubnis angegangen. Das besondere Interesse der russischen Kommunisten an dem bevorstehenden Kongreß der italienische« Sozialdemvkra'ie wird dadurch erklärlich, daß dieser vielteicht berufen sein wird, eine Wendung in der Taktik des italienischen Sozialismus herbeizufüh en. Die bisherige, streng oppositionelle Haltung der Partei, in der es übrigens seit tangerem starke Divergenzen gibt, hat zu keiner Stärkung der Partei geführt, die kommunistische Richtung, die seit Jahr und Dag von der Partei abgesplittert ist, hat unter dem Ansturm des brutalen und von Regierungskreisen geförderten Faszismus kapituliert und innerhalb der sozialdemokratischen Partei selbst macht sich in letzter Zeit eine revisionistische Strömung bemerkbar, welche den Gedanken einer Beteiligung an der Regierung zu ventilieren beginnt. So erklärt sich leicht das besondere Interesse, das die russischen Komnrunisten dem italienischen sozialistischen Parteitag entgegenbringen. MilitSrdiktatur In Detzarabien. Ueber die Verhandlungen zwischen Sowjetrußland und Rumänien wegen Herbeiführung des Friedenszustandes werden in Bukarest, wie uns von dort berichtet wird, verschiedene Versionen in Umlauf gesetzt. Nach der einen Version wechen die formellen Friedensverhandlungen noch vor Eintritt der Winters-, zeit ihren Anfang nehmen und sehr rasch abgeschlossen werden. Ministerpräsident Avereseu habe den russischen Volkskommissar für Auswärtiges, Tschitscher in, bereits verständigt, daß der rumänische Friedensdelegierte Filaliti mit entsprechendem Personal bereits nach Warsch au ab gereist sei. Die Sowjetregierung habe Karahan zu den Friedenskonferenzen delegiert. Die beiden Delegierten werden zunächst über die Hauptgrunbsätze zu einem Uebereinkommen zu gelangen trachten und erst, wenn diese von den beiderseitigen Regierungen akzeptiert werden, kann zu den eigentlichen Friedensverhandlungen geschritten werden. Die Frage der Dujestr-Schiffahrt werde jedoch schon in diesen Vorverhandlungen zur Sprache gelangen. ' Dagegen klingt ein vom rumänischen Telegraphen-Korresponbenz-Bureau verbreitetes Interview mit dem Leiter der heßarabischen Angelegenheiten nicht sehr friedenszuversichtlich. Es wird in diesem Interview festgesteüt, daß alle Attentate, Grenzstörungen und Vcrschwö- , rnngen in Beßarabien nur zu dem Zwecke inszeniert we den, um «me Konsolidierung in diesem Landgebiete zu stö.en und unmöglich zu machen. Das Ziel d«r Bolschewiken sei. durch ständige Agitation Unzufrieden^ heit in die beßarabische Bevölkörung zu tragen. Diese Aktion hätte gleich zu Beginn durch energisch« Maßnahmen niedergeschlagen werden müssen, was seinerzeit weder rechtzeitig noch mit d«r nötigen Energiegeschehen sei. Beßarabien stand in den ersten Monaten nach der Besitzergreifung durch Rumänien unter scharfem Belagerungszustand, der jedoch allmählich so sehr nachließ, baß eS den anarchistischen Elementenmöglich wurde, ihre Agitation ziemlich stark auszubreiten. Seitdem mußte neueMngs der Belagerungszustand proklamiert werben, der jetzt viel strenger gehandhabt wird als das erstemal. Die Lage in Beßarabien könne jetzt nur noch durch radikale Verfügungen verbessert werden. Solche Verfügungen sind die entsprechende Berstürwng der Grenzwachen und der Gendarmerie längs deganzen Dnjestr-UferS, ferner die Verstärkung der Garnisonen und vor allem die Unterstellung B.sarabiens unter militärische Leitung, wobei auch die Führung der Berwalumg der Arnree anver- 0677

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