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Wiener Morgenzeitung · 1921-09-21 · Heft 953 (21.9.1921) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 953 (21.9.1921)
Date
1921-09-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Wien, mivoch Wiener «rorgenzermn- 21. Septemv er 1924 Seite 8 Rr. 958 Die soziale Ho'chspann'mtg in Oesterreich hat sich! gestern in Sturmszenen vor der Börse zu lösen versucht. Sozialdemokraten und deutschnationals Lärmmacher haben di« Börse blockiert, Spekulanten verprügelt und all« Miene gemacht, ihrer Entrüstung über die herrschenden Zustände durch Racheakte gegen Eiuzelshmptoin« dieser Krisis eine gewisse Entladung zu vergönnen. Das Volt weiß nicht sehr viel von den Zusammenhängen in der Gtaatswirtschaft, noch' weniger aber davon, daß dis Mittel der Tariferhöhungen und des Banknotendruckes setzten Endes aus der finanzpolitischerh Blockade stammen, die M dern Krieg'eirde ungeschwächt gegen Oostorreich fortdan^rt. Das SchieLergesindel, das in den C-afKs rings um die Börse sein unsauberes Handwerk treibt, erscheint den Massen als der einzig Schuldtragenbe. Aber so sehr inan diesen Elementen einen Denkzettel gönnen mag, so sehr muß betont werben,' daß hie wahre Schuld an dem trostlosen Zustand bei jenen liegt, hi« Oesterreich nicht gesund werden lassen, weil die allgemeine Misere für sie einergiebigd Feld zum Fischen int Dunkeln dar stellt. Die Deutschnationalen und die Christlich sozialen arbeiten gemeinsam. an der politischen Auswertung der Not; bei ihnen hat die Verwilderung her öffentlichen Moral begonnen unt» wenn ihre Agitatoren das alte Lied von der rassenmäßigen Herkunft des Börscnschwindels singen, so bleiben sie damit bewußt und absichtlich innerhalb des riesigen Betruges, den unsere entartete Pa^teiwirtschaft täglich am Volk« begeht. Die Partien verhindern eilwn systematischen Abbau des Beamtenüberschusses, sie haben genteinsam den Staat an den Banerinnncher au/geliefert und die Hyänen )>ev. Fleisch» und Brotverteuerer stehen ihnen parteimäßig sehr nahe. Es ist wahr, daß das Kolk in Not mW Hunger 'verkomm!, daß.die Sterblichst der Kinder in einer steilen Kurve nach oben zieht., Die Ursachen. für diese Erscheinung liegen im Krieg, an dessen Ausbruch die heute sh schreienheu Denlagogeuparteien nach Kräften mitgearbeitet haben. Den Krieg haben sie verloren und die Konsequenzen wollen sie nicht tragen. Die Frage, wid sie gehaust hätten, wenn sie gesiegt hätten, ist heute müßig. Aber daß das Ausland in seiner Külte verharrt und die Hilfeleistung für Oesterreich fortwährend hinausschiebt, ist wieder nur di« Schuld dieser Parteien, die alles tun, um das Mißtrauen der ganzen Welt wachzuhalten. Sie verhindern durch' ihr Treiben, baß die wirklich produktiven Kräfte für den Aufbau der Wirtschaft frei werden und ihre ganze Politik ist stets nur dev Sumpf gewesen,'ans dem die Giftsaat der Schieber und Preistreiber ohne Unterschied der Konfession und Nation üppig in die, Halme schießen konnte. Der eine Waber ist tausendmal mehr Staatsfeind als irgendein geohrfeigter Schieber.... lieber die gestrigen Szenen auf dem Schattenring liegt folgender Bericht vor: Nach 11 Uhr vormittags f<int «8 vor dev Börse zu Ausschreitungen von sozialdemokratischen und deutschnationale-n jungen Leuten liegen di« vor dev Börse postierten Börsespekulauten. Die Polizei statt« schon vorher die Verständigung erhalten, daß Ausschreitungen drohen, und infolgedessen eine starke Bereitschaft in her Umgebung her Börse zusammengezogen. Gegen 1/412 Uhr vormittags erschien ein Trupp von etwa 100 Arbeitern, hie beim Bankhaus Freund in der Maria Theresienstraße, Ecke Hohenstaufengasse, in das Geschäft eiudringen wollten. Ein Besucher des Bankhauses wurde Hera uSgeh-olt und mißhandelt. Dann konnte die Polizei weitere Ausschreitungen verhindern. Die Demvnstranten zogen hierauf vor bas Hauptportal der Börse, wo es zu eittem kleinen Handgemenge kam, das ebenfalls durch Einschreiten der Polizei beendet wurde. Hierauf wurden sätntliche Tore der Börse von der Polizei besetzt und eist Eindringen unmöglich gemacht. Die Demonstranten wollten jedoch den Platz nicht verlassen und erhielten auch fortwährend Zuzug aus allen Bezirken, so daß' die Zahl der Demonstranten, die anfänglich nur ettva 100 betragen hatte, um 12 Uhr bereits auf 600 bis 700 Personen angewachsen war. An der Ecke von Wipplingerstraße und Börse- Platz wurde ein Passant schwer mißhandelt. Es wurde aber auch der Versuch gemacht, in bas Cafs Wäger er und in das Bankhaus Leskovich einzudringen. Die Polizei konnte fast überall die Passanten und die Geschäfte schützen. Um 12 Uhr war die Ringstraßenfront des B.Srsvngebäudes noch von einer nach Tausenden zählenden Menschenmenge blockiert, so daß niemand ins Börsengebäude . gefangen konnte. Die Menge stieß Drohrufe gegen die Börsenbesucher und gegen die Valntenhänbler aus und alsbald traten auf der Rampe auch Redner auf. Einer von diesen macht« den Vorschlag, ein« Deputation ins Polizeipräsidium^ zu schicken und dort kategorisch die sofortig« Schließung der Börse zu verlangen. Er forderte die Versammelten auf, nicht eher vom Platze zu weichen, bis nicht sätntliche Börsenbesucher das Gebäude verlassen Hütten mtd dieses s«lbst geschlossen worden sei. Um Val Uhr mittags war die Belagerung her Börse vollständig geworden. Di« Polizei hielt sämtliche Eingänge durch starke Posten besetzt. In der Monge wurde die Parole ausgegeben, die Börsenbesucher einzeln abzufassen. Die RedneHerklärten, daß die auf der Straße angesammelte Menge Hunger leide, während die Börseaner und Bakuienschieber im größten Luxus leben. Die Versammelten und das ganze Volk habe, nichts mehr zum Anziehen, es gebe nur noch Kleider für die Valutenschieber. .Ander« Redner wieder verlangten die sofortige Entfernung der Ostjuhen aus Wien. Die Redner wurden durch stürmische Z w i s ch e n r u f e fortwährend unte?br>och en, so daß ihre Ausführungen in dem Lärm größtenteils unterg Ingen. Aus den gehaltenen Reden wie aus den Zwischenrufen läßt sich schließen, daß Angehörige aller politischen Parteien in der Versanmtlung vertreten waren. Eine sechsgliedrige Abordnung der Demvnst a "'«n begab sich' in das Polizeipräsidium * Sie wurde dort vom Chef der Staatspolizei Hofrat Dr., Brandt empfangen, der di« Zusicherung gab, daß di« Polizei, soweit dies ihr Wirkungskreis gegen die Exzesse des Spekulantentnuts Vorgehen werde. ES seien schon seit einiger Zeit l große Razzien . im Gang«, hauptsächlich gegen das Uetzerwuchsm der Winkelspekulation, die vornehmlich an den «normen Preistreibereien mit Börsenwerten schufa sei. Es seien in den letzten Tagen 21 Winkelbörseaner verhaftet worben. Dr. Brandt legte der Deputation nahe, di« Menge zur Entfernung zu veranlassen, und wies auf die . Rückwirkung solcher Szenen für die Kreditaktion im Anstand hin. Di« Deputation, in welcher, sich ein christttchsozialer Gemeiuderat und «in großbeutscher Sprecher befanden, sagte zu, alles zur Beruhigung tun zu wollen. Die Mitteilungen der Abordnung wurden jedoch von der inzwischen neuerlich durch antisemitische Agitatoren bearbeiteten Menge lärmend abgelehnt. Nunmehr räumte die Polizei di« Straß« urtd stellte die Ruhe wieder her. Die Demonstrationen sind von ch r i st l i chsozialer Seite vorbereitet und durchgeführt worden. Sie trugen den klarsten antisemitischen. Charakter, was sich , vor allem darin ausdrückte, baß jüdisch aussehende- Passanten, die mit der Börse nicht das geringste zu tun haben, in der % amway mißhandelt wurden. Der christlich soziale Gemeinderat Breuer, hielt aus der Straße eine Rede,' in der er sagte: „Wir sind hieher gekommen, um gegen das Schwindeltreiben Einspruch zu erheben. Wir werden heute ruhig auseinandergehen und uns auf diese Kundgebung, beschränken. Wenn sich aber die Verhältnisse, wie sie sich hier in dieser Bube abspielen, nicht sofort .ändern, dann werden wir sicher in einer noch größeren .Anzahl neuerdings hier erscheinen und wir werden von der Regierung verlangen, daß die Bude überhaupt geschlossen wird. Ich verweise sie auf die Aktion der christlichen Postler, die für den Fall, daß dem Börsengaunertum nicht Einhalt geboten wird, entsprechendere schärfere Schritte vorbereiten." Diese Aktion besteht darin, daß die christlichen Gewerkschaften am letzten- Samstag beschlossen hatten, der Börsenspekulation durch Boykott der Börsenlelegrammv entgegenzuarbeiten. Gegen 2 Uhr nachmittags hatte dar Schottenring wieder sein normales Aussehen angenontmen. Zahlreiche Personen sind wegen Aufreizung verhaftet worden. Die Demo«stra«ten. Die Korrespondenz Herzog meldet: Die Kundgebungen vor der Börse erreichten nach 12 Uhr ihren Höhepunkt, als die Demonstranten durch Hunderte von Personen, welche aus den Buvraüs usw. zum Mittagstisch eiltett, Zuzug erhielten. Die Situation war einen Moment lang so kritisch, baß es den Anschein hatte, als ob die Wache der Demonstranten nicht Herr werden könnte. Borsichtsweise wurden aus der Roßauerfastrne einige hundert Reichswehrleute in der Hörlgasse postiert, um erforderlichenfalls zur Wiederherstellung der Ruhe verwendet werden zu können. Inzwischen hatten auch die großen Banken^ welche rings um die Börse ihr« Bureaus haben, vorzeitig geschlossen, um eventuellen Zwischenfällen vorzubeugen. Die Kundgebungen gegen Passant««, welche für Börsenbesucher gehalten wurden, bauerten bis nach 2 Uhr ungeschwächt an. Die Wache bot alles auf* um durch gütliches Zureden die Demonstranten zum Abzug zu bewegen, wurde jedoch vielfach mit „Schutzgarbe der Valutaspekulanten" beschimpft. Auch in der Helferstvrferstraße sowie in der Hvhenstaufengasse, wo siich Börsen comptoire befinden, kam es zu lebhafte» Kundgebungen und vielfach auch zu Prügeleien. Ein« ganze Reihe von' P-.".''om'n e"utl bei den Tumulten mehr oder m.'nbcr yr«.• jiiü« Verlegungen, wtb viele derselben hatten auch den Verlust von Schmuckgegenständen usw. zu verzeichnen. Einige der Ueberfallenen protestierten vergeblich gegen d«n Vorwurf, daß sie irgeitdetwas mit der Börse zu tun hätten.' Die Leute hieben auf sieein, und erst bis Wach« zun Stelle war, gelang es, bi| Mißhandelten in Sichers heit zu bringen. So wurden unter anderen zwei Beamte des Haupttelegraphenamtes, ,1>as sich in unmittelbarer Nähe der Börse befindet, ge-' schlagen. Erst gegen halb 3 Uhr zeilgten die Straßen rings um die Börse, wieder ihr gewohntes Bild, so' daß die Wache wieder eingezogen werden konnte. Viel« der Demonstranten riesen, bevor sie sich zerstreuten) drohend: „Wir werden wieder kommen! P>ir' werden diesen O st j u d e n schon das Handwerk legen! An den Galgen mit den Faulenzern!- usw.; Während rings um die Börse sich di« Kundgebnn- , gen zutrugen. dauerte im Börse ns aal'das Geschäft ungestört an. Wohl war im ersten Moment ein« größere Zurückhaltung der Börsenbesucher zu konstatieren, zumal diese vielfach mm ihr« persönlich« Sicherheit besorgt waren, doch wurden die Geschäfte alsbald wiederaufgenommen. Von einem Abbröckeln per Kurse war nichts zu verspüren, zumal die' Züricher Notierung für die gestempelt« österreichische Krone von 0.62 auf 0.41 und di« D'evife Wien von 0.57 auf 0.55 gefallen war. Die seriösen, Elemente der Börsenbesucher besprachen im Börsensaal'eiftig die Vorgänge auf her Straße, von denen sie auf telephonischem Weg« Kenntnis erhalten hatten und gaben ihrer Ansicht dahin Ausdruck, daß bei rückhaltloser Verurteilung der - Valutaspekulanten 'hie Gefahr bestehe, daß durch derartig«. Kundgebungen auf der Straße di« österreichische Kro"e im Ausland noch niedriger bewertst werden könnt«. Als die Nachricht von b«m Sir«kk der Südh ahne r und OstLahnsr in den BörssnsaaL gelangt«, tvurdrn di« auswärtigen Valuten neuerlich höher' bewertet. Viel« her Börsenbesucher verblieben bis nach 3 Uhr im Börsengebäude und begaben sich erst dann auf den Heimweg. Heute bleibt die Börse — vorläufig an jedem Mittwoch der Woche — geschlossen. Das.energische, dabei jedoch .fain«slvegs rücksichtslose, Worgehen der Wach« hat es verhindert, daß die. Kundgebungen vor der Börse einen noch exzessiveren Charakter angenommen haben. Die Zähl der Verletzten wird mit zjixka 15 bis 20 angegeben, doch haben alle nur Achter.? Verletzungen, meist Kontusionen am Kopfe und an den Händen, erlitten. D'i«. Zahl der. eigentlichen Demonstranten hatte während des Höhepunktes der ®emottv strattonen im Maximum 2000 betragen, während bi«! Zahl der Neugierigen allerdings eine etwas größere^ geivesen sein mag. Vielfach konnte man konstatieren, daß di« Berprügelnng der Börsenbesucher oder jendr Passanten, die für solche gehalten wurden, unter dem lauten Beifall und Zustimmung der Umstehenden erfolgt«. Lediglich die Wache konnte stets den Mißhandlungen ein Ende bereiten. * Insgesamt wurden gestern 17 Personen wegen Mißhandlung und Exzeß arretiert und der Amtshandlung zugeführt. Der PoliMwri'chl konstatiert an de-"' ich. oaß di« Exzesse vor .her Börse von der ch r i st l i ch s 0 z i a l e n Gewerkschaft organisiert wurden. Die Hungersnot in Rußland. Moskau. 20. September. (Funkspruch.) Das Gouvernement Odessa hat 160 Millionen Rubel und GoldgegenstLnde für die Unterstützung der Hungernden gesammelt. Die Sammlung im Gouvernement Home! ergab fast zweihundert Millionen. In M i n s k widmeten die aus polnischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Soldaten ihre Samstage Hilfsarbeiten, deren Erträgnis den Hungernden gewidmet ist. Aus dem Gouvernement Samara wurden bis zum 7. September 17.000 Menschen evakuiert. Die allrussische Hilsswoche für die hungernden Kinder im Wolgagebiet hat sehr gute Erfolge gehabt. Es wurden mehrere Kinderheime errichtet und bedeutende Mengen von Lebensmitteln aus Turkestan herbeigeschafst. 1500 Kinder wurden nach Turkestan gebracht. Tschitfchari« gegen Zulassung einer Unter» suchungskommission. MoSkan» 20. September. (Funkspruch). Der Volkskommifsär für auswärtige Angelegenheiten. T f ch i t s ch e r i n, hat an die Regierungen der Ententemächte eine Note gesendet, in der er ausführt : Die russische Regierung hat erfahren, daß die internationale Kommission unter Vorsitz Noulens andere Mächte, die bisher in der Kommission nicht vertreten sind, z» ersuchen beabsichtigt, sich auch in der Kommission vertreten zu lassen, und sich dann neuerlich an die russische Regierung »enden will, um abermals die Zulassung einer Untersuchungs- Kommission -u verlangen. Die russische Regierung teilt i« vorhinein mit, datz sie auch diese Kommission nicht zulasse« werde. Dagegen wiederholt sie abermals ihre Bereitwilligkeit, direkte Auskünfte zu erteilen, und weist auf das gute Einvernehmen hin, das zwischen ihr und den Bertreter» der Rau ien-Lrlje uud jeue» Hoovers

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