Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 950 (18.9.1921)
- Date
- 1921-09-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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'■IÖiCTl. L>üN»ULiu. 0Cf)iiuiut'C u 5 kr %0 ►*c zionistische Orgarl^ation den ä Gremzverhandlunge» viuijci^u ^.'auLrerch und England beigezogen würbe». Das letztere Verspreche.« wurde nicht gehalten.- Die. fränzösischr Regierung war nicht zn brivegett, im. wesentlicher von der im Sykes-Pieot-Vertrag vorgesehenen .Grenzlinie, welche tief m bas Nördliche Palästina einschneidet, abzugrhen^ ZmAcberriifommen vorn' 4. Dezembet 1920 zwischen England und .Feankreich' wurde« diese GrenzenPalästinas im Norden "ms Meinl» und Banias, im Osten bis zir einer Linie, die von Banias bis z» einem Punkt an dem- Norduser/ düs Galiieasees, dann über den See bis nach Semakh und von da ostwärts in das Aarmuktal. verläuft, festgesetzt. Die franzvfifche Regierung konnte sich nicht dazu bereitrrklären, Palästina die Ausnützung der Gewässer des Litani ein* grämten. Beide Regierungen einigten sich jedoch auf eine Kommission, welche die Ausnützung der Gewässer des r;kü'itt Jordan und. des Hanna! und ihrer Nebenflüsse nach Befriedigung der Bedürfnisse Syriens untersuche« soll. "Als Vertreter der zütnistischvü Organisation wird dieser Kom-- rmssiis« Herr Rutte.nb-erg -ügrzdgen werben. Die Frage der O st g r e n z e - Winbsziehüng Transjordaniens in die palästinensische Derwirltung) ist noch nicht ge reg alt. Bezüglich der Aüd.grenze wird:van zionistischer Seite die Sicherung ein.es - Zuganges zum ' Roten Meere als für Palästina.lebensnottvendige-Forderung er^ wöge«. Auch diese Frage ist in Schwebe. . <' Die lange Verzögerung der endgültigen Entscheidung über die türkischen -Gebietsdie anfänglich ans militärischen Rücksichten von den -britischen. Militärbehörden' unferlsssene Publikation der Balsour-DeNaration führte bei' den britische» Beamten und auch bei best Arabern zur Annahme, daß die BalMr-Deklaration . nicht ernst gemeint werde und nur erneu. frommen Wunsch davstelle. Nach Uebergäng von ganz PglMina in/die.. militärische Verwaltung der - Engländer machte sich speziell bei den Mlitärbehörden eure. Haltung . /geltend., die in scharfem .Gegensatz Zum. Geiste Md Buch-. - sürben der Balfour^Deklaration Mud. Die Militärregierung b e n a ch t e i l r g t e b i e I u d e n überall: hei der ' Errchnnnng btt Gemeinderäte, bei der Anstellmrg von Beamten UM /cturij in wirtschaftlicher Beziehung. . In . der zweiten Hälfte 1919 war die Atmosphäre in der ganze» Verwaltung Palästinas .offen, a njt%jüdi sch geworden. Als Doktor Weitzmann im Herbst 1619 aus Palästina' zurückkehrte, brachte er - beunruhigende Nachrichten mit und verlangte dringlich, daß prattische Maßnahmen zur Verbesserung der Lstze ergriffen würden. Diese' wurden jedoch nichtunter-- i'rommen, obwohl die Regierung den Arabern gegenüber ihre Absicht, die Balfour-Deklaration zur Ausführung zu bringen, gerade damals aufs neue betonte. All dies ermutigte die Araber, die schon im November 1918, gleich nach dem Siege der Entente, durch Deputationen in Jerusalem und Jaffa die Forderung gestellt hatten, die jüdische Einwanderung zu verbieten, in ihrer antijübjschen und antizioirnstischen H.üruttg. ES kam zu den Unruhen im A p r r r 1920 in Jerusalem. Während dieser Unruhen war die Haltung der britischen Militärbehörde in Palästina fast ausnahmslos offen jnden fe indlich. Die Nachrichten über diese Vorfälle riefen einen Sturm der Entrüstung in ‘ der ganzen jüdische» Welt.hervor. Dem Obersten Rate, der im April 1920 in San R mo zusamiümtrat, kamnr aus der gesamten jüdisch. « Welt AufsorLerungen zu. die Palästina-Frage im Sinne der zionistlfchen Forderungen zu entscheiden. Er entschied am 24. April, daß? die Balfour-Deklaration in den Friedensvertrag mit der Türkei aufgenomnreu und daß das Mandat über Palästina Großbritannien übertragen werden soll. Drei Monatespäter, wurde..Sir Herbert Samuel zum erste» Oberkommissär Palästinas ernannt. Die Unruhen in Palästina hatten deutlich gezeigt, daß die Methode der Militärverwaltung verkehrt sei, daher wurde sie durch die. Zivilverwaltung, mit Herbert Samuel an der Spitze, abgelöst. Sie Lat für das Land während der kurzen Zeit ihres Bestehens einiges Bemerkenswerte geleistet. Aus.den Gebieten der- Landwirtschaft, der Stadtprojet'je, des Sauckäts- und, Bildungswesens wurden energische Maßnahmen getroffen. Ein Regierungsbeirat /Advisory Council), "wurde ins Lebengerufen, eine Reihe von Gesetzen erlassen, die die Prinzipien/moderner. GesetzgÄung. auf dem Gebiete des Bo de «rechtes, des Bankwesens, der Gemeindeverwaltung usw. zur Geltung brachten. Die erster: Reden des Oherkommisfärs zeigten, daß die'Schaffung der nationalen Heimstätte eines der: leitenden Prinzipien der..neuen Berrvaltung sei. Die jüdische Einwanderung begann und im Kaufeeines Jahres landeten ungefähr '10.000 Juden au Palästina. Aber Mt neue Verwaltung beging den Grundfehler, fast .das gesamte Personal, der vorhergehenden M litär- WorwEutg im , Amte z'n behalten. Die Anstifter der Jern-- -salemer' Unruhen unter den Arabern wurden nicht bestraft. Einer ihrer Führer erhielt sogar eine wichtige amtliche Stellung. Die Resultate dieser Politik zeigten sich in den Exzessen von Jaffa am 1. Mai und besonders in ihren Folgen: Der Sperre der jüdische» Einwanderung, ber neuen Interpretation des Begriffes „nationale Heimstätte" durch Samuel, welche einer Widerrnsung der Balsour-Deklaration gleichkai» und dem Versprechen, dem Lande eine V o l'ksver tretung mit einer arabischen Majorität zu geben. Ob dies auch das schließliche Ergebnis des Systems von Sir Herbert Taumel sein wird, ist eine Frage der Zukunft. ‘ _ ZoinL-HUse für Rußland. Sttfia, 15. Septrmder. (Jüd. Koir.-Bur.l Der Dympier »Indiana Bridge" ist mit einer großen Ladung Hilfsartikel eingetrosfe«, die vom I o i » t für die hungernde Bevölkerung Rußlands geschickt wurden. Politische^Rundschau. Entwurf einer jüdischen Gemeindeordnung für Palästina. Der palästinensische Mitarbeiter der „I. P.-Z." teilt mit: Der Waad Lemm (Jüdischer Dolksrat) überreichte sämtlichen .Mitgliedern der Delegiertenversammlung die von ihm gemeinschaftlich mit einem besonders dafür eingesetzter: Komitee ausgearbeiteten Gvundbestimmung.»« ber Organisierung ber jüdischen Gemeinden mit der Bitte, wegen der Dringlichkeit der Frage dazu schriftlich Stellung zu nehmen, da die Regierung ehestens Vorschläge bezüglich der Gemeindeo rdnungen verlangt. Die Hauptbestimmungen dieses Entwurfes sind: Ueberall, wo mehr als dreißig volljährige Juden beiderlei Geschlechtes wohnen, bilden diese eine Gemeinde. Jede Gemeinde bildet eine juristische Persönlichkeit mit allen.einer solchen zststehenden Rechten. Aufgabe der Gemeinden ist es, die allgemeinen Bedürfnisse ber Gemeinde, geistige und materielle, zu befriedigen, und zwar: Organisierung der Reldgionsanftalten, Erziehung und Kultur, gesellschaftliche Hilfe,. Hilfe für Einwohner und philanthropische Tätigkeit, Gesundheitsschutz der Mitglieder der Gemeinden, Führung der Matrikeln, Initiativen Leim Waad Leumi in allgemeiner Fragen, die über die Gemeindetätigkeit hinausgreifen, Ber- , waltnng des Gemeindeeigen tums, und au Orten, die ausschließlich von Juden bewohnt sind, auch Durchführung allgemeiner wichtiger Reformen, wie Wasserversorgung, Straßenreimgung, Beleuchtung, Stadtverschönerung, Kampf gegiftt Preiswucher und dergleichen mehr. Die Memeindeeinnahmv» bilden: Eine allen Gem-eindemitglieder-n auferlegte Pflichtsteuer, Einnahmen von Besitz und Anstalten der Gemeinde, Taxen, wch Schächt-, Begräbnis-, Legal: sierungsgrbühren und dergleichen, die mannigfachen außeroroentlichen Einnahmen, wie Schenkungen, Erbschaften und dergleichen, U7w die der Gemeinde von der Regierung uno dem Waad Leumi zur Verfügung. gestellten Summen. Die Pslichtstenern haben, aus einer progressiven Einkommensteuer und einer Er lisch af'ts stener zu bestehen. Die Einkommensteuer soll drei Prozent'des Einkommens nicht überschreiten. Alle Grmeindeangelegenheite» werde:: auf einer allgemeinen Generalversammlung aller Mitglieder Und durch ein erwähltes Aktionskomitee entschiede:,. Wo infolge der großen Einwohnerzahl keine', allgemeine Generalversammlung stattfindet, wird ein Gemein berat gewählt, der die Generalversammlung vertritt. Aktives Wahlrecht haben alle Gemeindemitglieder über 20 Jahre und passives die über 25 Jahre, die hebräisch lesen und schreiben können. Die Wahlen sind allgemein, direkt, gleich, geheim und Proportionen. Die Generalversammlung, respektive der .Gemeinderat, bildet das oberste Organ der Gemeinde und beschließt über; alle in den Arbeitsbereich der Gemeinde fallenden Fragen, bas Budget, Gründung und Erhaltung der verschiedenen Institutionen, organisiert das Rabbineramt, wählt Richter usw. Einer geschlossenen Minorität innerhalb der Gernemde steht das Recht zu, die Befriedigung ihrer religiösen II M L Die Erlösung. 'Aus de« Jüdische« detz Akrah«« Krise«.' ' - Unter den vielen philanthropischen Institutionen, che'sche die Großstadt bssaß, gab es auch ''ine, welche t'^cmandem mit Geld unterstützte, außer das Dutzend Beamte, welches übrigens recht bescheidene Gehälter bezog. „ Dürfe Institution befaßte sich damit, den Schwächen gegen die Starken mit Rat behilflich zu sein. Wenn' es nötig war, stellte man auch dem Schwächeren einen Advokaten umsonst bei, der ihn gegen den Staren verteidigen sollte. Da aber der Starke einen größeren - Hivokaten hatte, so pflegte' der Schwächere seine Sache stets zu verlieren. Das schadete aber dem Prestige ttr ermähnten Jnstiturion inicht. Im Gegenteil — auch wenn her Schwache verloren hatte, kanr er doch', um der Institution für ihre Teilnahme an seinem Um glück zu danken. > Besonders nahm sich die J'nstirntion der unglücklichen Frauen an, welche schlechten Männern in die Hände gefallen waren. Für dieses Frauenunglück war speziell ein Mann angestellt er hieß Mster Kold> -r der selbst seit langen Jahren verheiratet wiar und' mit seiper Frau nicht allZufesten Frieden hielt, ihtt' Gegenteil... Erstens hatte er die Gewvhnheit, seiner Frau :Ht seinen ganzen Gehalt abzugeben, den er jede Woche pünktlich in einem Couvert erhielt, auf welchem die Firma der philantropischen Institution nufgedpuckt >par. die nicht mit Geld, soiidern mit Ratschlägen und Äldvo laten aushalf. Er gab .seiner Frau nur dm H'Llfte. Zweitens war er kei.n Freund davon, am 'Abend, zu Hause zu sitzen. Er kam einmal nun dvvi Uhr, oirt andermal um vier Uhr nach Hanse, und nranchrnaß erst am Morgen, wenn seine Frau schon aufgestanden war, nm für ihn urck) die Kinder das Frühstück zw bereiten. Drittens liebte er bas Kartenspiel und hlatte die Schwäche, beiin nächsten Mal das zurttckgewinnen zu lvollen, was er beim ersten Mal verloren hatte. Und! da bas sein stärkster Wunsch' war, gewann or natürlich das Verlorene nicht zurück, sonder» verlor noch! das bißchen Geld, welches er b2jaß ... Das waren feine Hauptfehler. Diese Hauptfehler harten kleinere Fehler im Gefolge, wie, daß der Mannständig aufgeregt war, daß er seinen Zorn, an Frau und Kindern aus ließ, daß er manchmal vom Hause, weglief, auch dann, wenn er nicht gerade dringend' in der philanthropischen Gejellschafr oder beim Kartentisch zu tun hatte ... Dieser Mann also saß in ber philanthropischen Institution und gab unglücklichen' Frauen Ratschläge, wie sie ihre Männer bessern oder strafen könnten . Natirrlich mußte er es aus beruflichen Rircksichterr stets mit der Klägerin halten, was nicht schwär war, da ja der größte Teil der Anklagen gegen die Männervon solcher Art waren, die ihn nicht berührten; es» waren - Sünden, die er nicht beging . Eine heimliche» Geliebte hätte er gewiß nicht, Schnaps trank er auch! nicht und seine Kinder schlug er schon gar nicht. Dä traf es sich' einmal, daß er, -nachdvrn er seinen ganzen Gehalt bekommen hatte, nicht -wach Hause ging,! um seiner Frau die Hälfte zu -geben, sondern zu einem l Bekannten. Er wollte sich' bloß erkundigen, ob am>' Abend etwas los fein werde, das heißt, ob „Hände" da sein würden, wieviele, und was man spielen werbe. Zufällig waren gerade Gästebei dem Bekannter und zufäMg solche, welche auch bei Tag spielen; und man lud ihn ein, ein wenig zuznsehen ... Er setzte' sich hin und spielte bis in den grauen Morgen mit einer kleinen Panse für einen „Imbiß". Denn der Mägen war schon ganz schlaff . . . Am nächsten Morgen verließ er bas Haus und fuhr mit der Tramway direkt zu dem Bureau, wo er an-- gestellt war, um unglücklichen Frauen Ratschläge zu erteilen ... Wilder Zorn brannte in ihm, Wut über sich selbst: Was soll das heißen? Wie kann man so etwas Mn? Ein Mann, Faunlienvater, und begeht ein solches Verbrechen! . . . Das Geld verspielt, nicht zu Hause geschlafen, die Ki^er nicht geküßt ... Und er stellte fest, er sei ein Mörder und müsse gerichtet werben . . . ' Mit diesen Gedanken über sich selbst setzte er sich auf seinen Stuhl hinter der Hvlzwand, welche ihn von den Klägerinnen schied. Er wartete ... Eine junge, schöne Frau trat ein, mit einem Zug schwerer Trauer im Gesicht und blauen Ringen um die braunen Augen ... „Was gibt es?" fragte Mister Gold weich- und deutete, auf einen Stuhl jenseits des Holzverschlages. „Unglück!" antwortete die junge Frau seufzend. „Durch wen?" fragte Gold noch weicher, und vor lauter Anteiln-ahrne an dem Schmerz der Frau Lmten ihm Tränen in die Augen.; „Durch meinen Mann ..." „Lassen Sie hören ..." „Denken Sie sich nur, in der letzten Zeii. tommr er nicht enunal schlafen nach Hause ... „Pfui! Däs ist genrein!" schrie Gold auf. „Das darf man nicht dulden ..." „Das ist noch nicht alles, er hat aber in der letzten Wochfi mir auch von seinem Gehalt nichts abgegeben . . „Was tut er damit, der gemeine Mensch?" „Er verspielt es in Karten ..." w „Ha, in Karten?" schrie Gold wild auf und sprang auf. „Wir wollen ihn ins Gefängnis setzen, dort gehört er hin . . ." „Mer, Herr, wie kann man das? . . . Ein Mann, Vater von drei Kindern ..." „Drei Kinder!" stöhnte Mister Gold auf, da ihm seine drei Kinder in Erinnerung kamen; „das ist doch ein Verbrechen . . . Sie dürfen ihn nicht schonen . . „Nein, ich will bloß, baß man mir ihn suchen hilft und ihn zwingt, mir und den Kindern das Nötigste zum Leben zu geben ..." ,. „Das werden wir tun! Ja . . . wir werden den genreinen Menschen zwingen, wir werden ihn darüber anfklären, wie rnan die eigene Frau, die eigenen Kinder, eigen Fleisch und Blut zu behandeln hat . . ." „Ja . . . Sie fühlen das mit, Sie verstehen etz, denn Sie sind ein guter Mann." sagte die Frau mit Mid in der Stimme. „Ja . . .natürlich ... ja ..." murmelte Mister Gold. Er hätte gern bekannt, daß er in der Gestalt des Mannes jetzt Über sich allein das Urteil sprach. Soweit aber ging er nicht. Er begnügte sich damit, seinen Groll gegen einen auszulassen, der so war wie er — und damit war er von der» schwerem Last erlöst, die fein Gewissen drückte . . .