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Wiener Morgenzeitung · 1921-09-11 · Heft 943 (11.9.1921) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 943 (11.9.1921)
Date
1921-09-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Ar. 943 auieiTSonntag* Wlerrer ÄrrorgettzeitUNH 11. September 1821 Seite 3 PoliLische^RrlndschÄU. Das Organ der römischen Katholiken übdr die deutsch-antisemitische Hetze. Die antisemitische Hetze in Dcntschland, welche von der fcci&ihtftcfen Reaktion der Hakcnkreuzler, Militarillen, Scbwec-- mdnsiriellen und ,wie die verschiedenen rechtsbolschewiüscben Hetzer alle heißen wögen, immer vehementer und roher betrieben wird, findet natürlich ihr Echo im Ausland, das auf die Ereignisse in Deutschland, mit besonderem Interesse hinhorcht. Interessant und fnmp.tomcmsch ist,. daß das Organ des römischen Katholizismus, die „Gazntta del Povolo" einen Artikel aus Berlin veröffentlicht, der den Titel „DaS Hakenkreuz trägt und sich mit der anirfemit-schm Vrchctzprig in Deutschland befaßt. Der Artikelschreiber konstatiert' daß.,Deutschland das Zentrum der antisemitischen Bewegung geworden sei, und von Berlin und München gebe eine niedrige und gemeine Agitation auS, wie sie in keinem zivilisierten Lande. ihresgleichen bat. Der Verfasser bespricht die wüste Propaganda der rechtsstehenden Zeitungen und stellt fest, dcch die „Deutsche Zeitung" Aufsätze von ehemaligen Ministern und G euer alen veröffentliche, die nicht emmal in den Organen der „schwarzen Hundert" Aufnahme fänden. E r n st ei n werde in diesen Blättern beschimpft, seine Ermordung werde gefordert und dafür der Redakteur zu — tausend Mark Straf,' verurteilt. D-r Verfasser schildert dann einen Besuch bei oem WortNibrei der Antisemiten Grafen R e v e « t l o w und schließt, nachdem er desten Anschauungen und die falschen Beschuldigungen gegen die Juden erörtert hat, mit den Worten: „Der Deutsche ist Antisemit;' beute wie von jeher. Und seine Geschütze beweist, daß er in Zeiten des Unglüris stets nach, einem Sirdepbock gqfncht hat fiir seisen ohnmächtigen Zorn, wc l l e r e b e n e i n B o l k i st. d e m d t e Duld< i ä irr k e i t m a n g e l t. die Phantasie und — das in it ßaus d r ückli ch b e t o m t w e r d r n — d i e G ü te!" . Daß mm,auch.ein so auZgesprochen llerckales Organ, wie bie„Gaz;et'.r del Povolo", die Gefahren dieser letzten Eides gegen die,Republik gerichteten Bewegung anfrelgt, beweist, welchen Umfang das wüste Treiben-angenommen hat. Der baltische Dreibund mih die Wilnaer Frage. Die Bemühungen, einen Verband der baltischen Staaieri ^siaride zu bringen, welche bereits seit zwei Jahren im Gange,-, find, haben bekanntlich vorläufig za einem B ün»nis zw scheu, Litauen. Lettland und Eiland ge'ührt. Die baltischen Staaten sind naturgemäß an einer baldigen Lösung der Wilnaer Frage interessiert und über diese sowie-über die Grundlagen des bAltischm Dreibundes äußerte sich der levische Minister des Aeußern M e i e.r owrtsch jn einem Interview m?t den VkrtreterN der litauischen Presse anläßlich'seines Besuches in Kowno in ausMhtl'cher' Weise. Deinen Darlegungen ist;u 'entnehmen, daß ursprünglich' beabsichtigt war, baß P o l e n dem Bündnis der baltischen Staaken beilreie. Dies! wurde jedoch infolge, des Konflikts zwischen Polen und, Litauen unmöglich. Die Eiwelterung des baltischen Siaatm- Verbandes ist daher nicht möglich, solange der polnischlitauische Konflikt nicht ewschieden ist. Das Bündnis, wrtchcs sich gegenwärtig ans die drei baltischen Siaaie.-r Litauer, Lettland und E st l a n d erstreckt, wird jetzt realisiert. Die polit'sche Koordination ist nach den Mriteilungen Meierowitsch bereits geschaffen ' woWi. dagegen gestaltet sich die w i risch a f t l i che K o 0'v -d. i n! e r n n g nicht leicht. Bel einer Konferenz der Finanzmimster der' drei Bundesstaaten. welche vor kuizem in Reval staltfind, wurde festgestellt, daß cme wirtschaßliche Koordinierung zwischen Lettland und Estland leicht möglich sem wird, weil d.r Stand ihrer Valnta ungefähr der gleiche .st; dagegen steht d>e litauische Valuta weit höher, weshalb für Litauen eine finanzielle Bereinigung mit den b«dcls'andesen Staaten mcht von Vorteil wäre. Rach Meierowitsch' Ansicht müßte'man daher entweder warten, bis der Stand der litauischen und der beiden anderen Valuten annähernd gleich ist oder einen Modus finden, damit Litrüen durch einen wirtschaftlichen Verband nicht'leide. - M e i,e r,o w i t s ch erklärte ferner, - daß MHe September dieses "Jahres in 'Riga die geplante Korrferimz der, bäktffchen Staaten - mtt; N at'cr u f; l a rrd stattst-nden wird; teilnehmen werden außer den' drei baltrschen BnnduiSflaatzrr Finnland und Rußland. P o len w-'rd zu der Konferenz n i cht eiiMladen werden. .Sie wird sich ausschließlich mit mrvchaftlichen Fragen, darunter vorwiegend mit den'jetzt sowohl für Rußland als auch für die baltischen Staaten besonders aktuellen Transitsragen befaßen. Ueber die politisch-litauischen Verhandlungen bezüglich WilnaS äußerte sich Meierowitsch, daß dir devorsiehvde Konferenz zwischen reu beiden Streitteilen wohl auch kein Resultat bringen dürfte, wenn der'Völkerbund nicht Hy m aus beauftrage, die Grundlagen der Unterhandlungen a^znäudern. Doch sei deswegen die Lage noch immer nicht hoffnungslos, denn zur Entscheidung iwischenstaatlichrr Konflikte gebe es jetzt eine internationale ZwangZurbltrage, welcher die Streitfrage übergeben wecken könnte. „Litauen kann sich" äußerte sich der Minister, „ruhig der Entscheidung dieses Schiedsgerichtes anvertranen. Die Rechtslage des Generals Zieligowski ist keine klare. Auf der Konferenz von Helstngfors zwischen Polen und den Verkelem der baltischen Randstaaten habe ich den polnischen Vertreter gefragt, wofür Polen General Z«ligowsti und sein Gebiet anfähe. Er ankuorleke, es sei ein^ elb st ändiger Staat. Ans die Fimge, ob Polen ihn als solchen anerkenne, erhielt ich eine verneinende Antwort. G«<ral Zieligowski ist also im Gebiet von Mlna dasselbe, was KorfarNy m Oberschlesien/ Ans die Fragh ob militärische Abmachungen linier den baltischen Staaten bestünden, antwortete Meierowitsch: «Jtwohl, aber über solche Dinge soll so wenig wie möqM gesprochen werduu Lelllatzd dat ück htSbrt iw K«Mt MoMentanfnahmen vom Kongreß. Gezeichnet von Hoch«««. C n i Ageordnelev Grün bäum (Polen). Dlalik streng neutral verhaRen. W:r wünöhw, daß d^iser Konflikt so ra'ch als möslüi entschieden wecke. Wenn jedoch General Z i e l i g o w s k i, was allMings miner Meinung nach nicht wahrscheinlich ist, eine Offensivr gegm Litauen beginnen sollte, so wird Lettland ans scmer Neut'raliät heraüstrcteu. Lettland weiß, daß, wer immer Litauen okkupiert, Lettlands Feind ist." OQ04 >m&mupajy& S>ÄEPOH;e_> ■&- äzpedm4 dkn&dm.'^ Die indische NatiorrKlbeWsgAKg. Die Unruhen an verschiedenem Punkten Jltdiens, von denen in der letzten Zeit viel die Rede ist, dürften wohl mit der starken nationalistischen Bewegung unter den Indern'in Zusammenhang stehen. Dieses datiert formell seit dein im Jahre 1885 stattgesilndeuen ersten indischfen Rativnaltongreß, dejffen Forderungen jedoch' noch sehr mäßig waren und inr wesentlichen auf Erreichung von Reformen zum Zwecke größerer Beteiligung von Indern an der Regierung des Landes auf loyalen: We^e hinauSliesen. Allmählich jedoch wurden die Forderungen und das Programm der Bewegung. breiter, insbesondere hatdie Bewegung in und nach dem Weltkriege sich immer.stärker ausgebreitet und hat ihr Programm allmählich zur Forderung der Selbstverwaltung ausgeftaltet. Im Jahre 1916 bildete sich in Indien eine sogenannte Homerule-Vereinigung, deren Ziel. die Erreichiung der S e l b st r e g i e r u g für Indien wurde. Diese Bewegung, wurde nicht nur aus den Kreisen der Hindu, sondern auch! von den mohammedanischen Indern unterstützt und seither datiert eigentlich die neue 'Schwierigkeit für England, dessen indische Politik bisher stets mit der Trennung zwischen den Anhängern der Hindu-Religion und den etwa 70 Millionen mohammedanischer Inder gerechnet hatte. Daher hat denn, auch'- England sofort Versprechungen für Selbstverwaltung gegeben und im August 1917 erklärte der englische Sraatssekretär für Indien, Mv ntague, im Parlament, die englische Politik geh« auf fort schreibet e Heranzieftimg von Indern zu allen WÄgen der «dWMr mrü aujs die Wicklung von Autonomie-Einrichtungen mt Hinblick auf die fortschreitende Verwirklichung einer verantwortlichen Regierung Indiens als eines integralen Bestandteiles des britischen Reiches aus.! - Die Homerule-Vewegung breitete sich jedoch! imMev' mehr aus, insbesondere infolge der Agitation des in Indien^ hochangesehenen Führers Ghandi, welcher! früher in englischen Regierungsdiensten gestanden war, Ghandi will sein Ziel durch das Mittel der „Non-Kooperation" erreichen, das heißt durch Nichtbeteiligung, an allen englischen Einrichtungen, Nichtannahme von Aemtern, Absistenz bei allen Wählen, Boykott eng-/ lischer Waren und dergleichen. Gewalttaten verabscheut' das. Programm Ghandis. Seine Politikder! „Non-. Kooperation" fand in Indien immer weitere Anwendung. Zur Erregung steigerte sich die Bewegung besonders nach! dem,Zwischenfall von Amritsar im Jahrs 1919, wo der englische General Dyer in eine Jnderversammlung feuern ließ und dadurch Hunderte von .Indern tötete. England macht« nun das Zugeständnis'' einer Beteiligung an der Regierung, zunächst einer zu zwei Dritteln aus Wahlen hervorgegangenen indischen Konstituante. Die Reform wurde Anfangs 1921 durch? geführt, aber für die nationalistischien Kreise war damit das Versprechen-erweiterter Beftrgnisse in der Selbstverwaltung nicht erfüllt. Ghandi proklamierte^ Wahlenthaltung. Diese wurde auch vielfach durch geführt und in eii:er Anzahl von Bezirken ließ sich kein Inder zum Kandidaten für die Konstituante wählen, so daß! die Wahl unmöglich wurde. Der Nationalistenkongreß' in Nagpur, welcher im Anfang dieses Jahres stättfrnd und von Delegierten aus allen Teilen Indiens,: auch aus den islamitischen Bevölkerungskreisen beschickt' war, nahm eine sehr scharf« Resolution an, welche „Swaraj", das heißt die Selbstregierung Indiens, - fordert. Eine Anzahl von Nationalisten interpretiert diese Forderung inr Sinne einer völligen Trennung von England, die Mehrzahl jedoch als 'G'ewäh'rung einer' Selbstverwaltung, wie sie die Dominions Kanada, Australieir usw. besitzen. Die immer wachsende Teilnahme der mohanrmed am scheu Bevölkerungskreise an der nationalistischen Bewegung, die für England besonders unbequem ist, ist auf den türkischen Friede n s v e r t r ag zarrückzu führen, der in der mohamriredanischeu Welt Indiens starke Erregung hervorrief. Daraus sind deim auch! die Widerstände der englischen Politik gegen das großgriechifchs Programm zu erklären. Ebenso wie die häufigen beschwichtigenden A«ußerung«u, unter denen die letzte die des indischen Vizekörrigs' . Lord Reading in der Sitzung des indischen Staats- . rates urrd der Konstituante ist, in welcher er der Hoffnung Ausdruck gab, daß ball) ein Friede zwischen der Türkei urrd Griechenland unter Bedingungen abgeschlossen werden würd«, welche die Türken und die . öffentliche Meinung unter Herr Mohammedanerrr In-., diens befriedigen werden. > Inzwischen erscheint die indische Bewegung irr der Anwendung ihrer Mittel zur Erreichung des Zieles . bereits weit über das Programm ihr^es Führers Ghandi hinausgegangen zu sein. Es sind Aufstände ausgebrochen, die bereits, über den lokalen Charakter hinaus- . gehen und verschieden« Gouverneure her-englischen Pro-! vinzen halten nach den Mitteilungen der „Times" di« Bewegung 'heute, für äußerst ernst.: Angeblich sollen auch! zwischen den Aufständischen und. ihren Kckuritees •, in Indien und in Aegypten nähere Beziehungen be- . stehen. Manche Anzeichen deuten daraus hirr, daßs England in Indien mit Bewegungen zu rechnen hat, . die, wenn nicht richtige Methoden gefunden werden^'.. zrr eirrer ähnlichen Situation führen können, wie sie beim großen Sepvy-AufstWtz. in dM.MIttL. des. vorigem JaMkvcheMä tafjättä, *

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