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Wiener Morgenzeitung · 1921-09-10 · Heft 942 (10.9.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 942 (10.9.1921)
Date
1921-09-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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tzeke % Wien, Samstag r Profeffor Heinrich Lowe ^BttKn): Was uns in Palästina fehlt, ist nicht nur die hebräische Sprache, auch die intensive Kenntnis der arabischen Sprache. Zum politischen und wirtschaftlichen Kampfe brauchen wir ihre Kenntnis. Wenn wir Drücken zum Orient schlagen wollen, können wir das nicht mit Bajonetten, sondern nur auf dem Wege der Gefühls. Dazu soll uns unsere Universität dienen. Wir können den Arabern sehr nahe kommen, weil wir unendlich viel Gemeinsamkeit mit ihnen haben, solche des Blutes und der Tradition. Ich komme zur U n i v e r s i t ä t s b i b l i o» t h e k. C h a f a n o w i t s ch hat so viel geleistet, wie ejp einzelner Mensch ohne Unterstützung leisten kann. Die derzeitigen Vibliotheksräume in Jerusalem sind überfüllt und das wichtigste Erfordernis ist der Bau eines eylsprech endenGebäudes. Wir brauchen dazu 10 Dunam Boden, die uns der Nation cr.lfonds geben muß. Bauen Sie das Haus, Bücher wird es genug geben. Wenn jeder Jude nur ein Buch herschenkt, dann werden wir die größte Bibliothek der Welt haben. In diesem Gebäude wird auch das Herzl-Mrrseum seinen Platz finden. Die Bibliothek ist p a r t e i l o s, jeder Jude ist zur Mitarbeit eingeladen. Wir müssen Wanderbibliotheken für die Kolonien gründen. Redner gedenkt, der zahlreichen Förderer der Bibliothek, der Freunde und Spender, insbesondere des großen Wiener Philosophen Josef Bopper-Lynkeus, der seine wertvolle Bibliothek, die Arbeit eines ganzen Lebens, dem jüdischen Volke geschenkt hat. (Stürmischer, mmulrnlanger Beifall.) Redner beantragt eine Resolution, in der unter anderem gesagt wird: Der XU. Zionistengreß macht die systematische Förderung des gesamten jüdischen Bibliothekswesens m Erez Israel der Leitung zur Pflicht. Er erblickt in der Gründung, der Förderung und dem Ausbau der Bibliothek ein wichtiges Erfordernis auch des materiellen Aufbaues eines jüdischen Palästina. Er erwartet, daß an dieser allgemeinen, kulturellen, nationalen und jüdischen Sache jeder Jude ohne Unter schied von Partei und Anschauung nach besten Kräften mitarbeite. Jeder Zionist soll Bücher und Geldmittel beisteuern. Die Landsmannschaften sollen gehalten sein, Komitees für die Bed ürfniste der Paläpina-Bibliolheken einzurichten. Der Kongreß hält ein ’ ganz Palästina umspannendes. landwirtschaftliches V e r s u ch swesen für eine der wichtigsten Grundlagen der Kolonisation und ersucht um Erhöhung der Budgetposten. Der Kongreß nimmt mit Genugtuung Kenntnis von der begonnenen Sammlung für die medizinische Fakultät der Universität und dankt der New-Borker A erzteschüft sowie Professor Dr. Einstein für ihr Vorangehen in dieser Angelegenheit. Der Kongreß erwartet, daß auch die theoretischen Grundlagen der Naturwissenschaften sowie die Geistes- Wissenschaften, . insbesondere die Erforschung Palästinas und des Orients, bald ein« gleich tatkräftige Förderung finden werden. (Lebhafter Beifall) Professor Moffinsohn . (Jaffa, spricht.hebräisch): Er verweist auf die Notlage der Lehrer in Palästina, deren Opferwilligkeit über jedes Lob erhaben ist. Er wendet sich gegen die Streichung des Schuld budgets. Simon und de Lieme, zwei Männer, die nichts davon misten, was die Kulturarbeit in; Palästina bedeutet, kommen jetzt und werfen sich zu Richtern auf. Mr können die Kulturarbeit nicht ausschalten, weil wir die zionistische Arbeit zerstören würden. (Beifall.) K&bbintt Gold (Amerika, spricht jüdisch): Sie fragen, was die amerikanischen Bürger für das Schulwesen tun werden. In einer kritischen Lage ist ein Zusammenschluß aller selbstverständlich. Die Masten haben aber kein besonderes Zutrauen zu den Vertretern der zionistischen Organisation in bezug auf das Schulwesen. Die Masten in Amerika sind gegen die B r anbei s s ch e Organisation, nicht aber gegen seine Methoden. Dieser Kongreß darf nicht schließen, ohne daß die Abseits st eh enden z u r M it a rb e it e ingeladen werden. Die. Leitung sucht sich damit zu verantworten, man hätte für das Schulwesen nicht allzuviel ausgegeben. Das ist eine komische Verantwortung. Viel mehr hätte ausgegeben werden wüsten. Der Redner beantragt die Trennung des Schulwerkes vom Keren Hajestod und die Gründung einer speziellen Institution. Wir werden die jüdischen Massen nur durch die jüdische Schule dem Zionismus zuführen. (Beifall.) Dr. Blumenstock (Polen, spricht jüdisch): Unsere Schule muß den Grundstein zu einem nationalen Leben legen. Das nationale Ideal muß tiefer wurzeln, die Jugend zur Arbeit. Disziplin und Hingabe erzogen werden. (Beifall.) Das Pi o n i e r t u m muß da»nationale Grundelernent unserer Erziehung sei«. Wiener «orsenreitnnA Präsident M oz k i n beantragt den Schluß der Debatte. Er verweist darauf, daß die Zeit des Kongresses besonders knapp ist. und spricht die Hoffnung aus. daß der Kongreß in den nächsten zwei Tagen sein Pensum absolvieren werde. Es wird notwendig sein, dis Montag abends alles zu Ende zu.führen. Der Antrag auf Schluß der Debatte wird a n g e n o m m en. v Schluß der Sitzung.. Nächste Sitzung Sonntag, 7210 Uhr vormittags. ' ■ Unmittelbar nach dem Kongreß wird Präsident Sokolow nach Genf zu den Beratungen des Völkerbundes reisen. Es ist möglich, daß er sich von dort nach Rom begibt. Es heißt, daß er zu einer Besprechung mit dem Kardinal- Staatssekretär für das Aeutzere eingeladen ist, , « '■ — 1 it Die ökonomische Struktur Palästinas. Von Dr. Artnr R u p p i n, Setter drs zionistischen E'mwcmderungsamteS in Palästina. (Aus seinem Kongreßreferat.) Früher arbeiteten wir in 'Palästina so viel, als -wir wollten und konnten, und hatten, nur vor uns'. selbst die'Verantwortung, wenn unsere Leistungen gering waren. Jetzt sehen.die Regierungen, toelche in : San Nemo unsere historischen Ansprüche legitimierten, sörschenten Auges auf uns. Das Wort von Lloyd George nach der San-Remv-Konferenz: „Ich habe Ihnen jetzt einen Statt gegeben, es ist an Ihnen, die Sache gutzurnacheü; dies ist' nicht nur eine Verheißung, sondern auch eine'Warnung. Wenn unsere Opferwilligleit und Leistungsfähigkeit versagen, dann werden sich die Balfour-Teklaration und der Beschluß von San Remo von einem Segen in einen Fluch verwandeln. Es sei jetzt in kurzen Machen ein Bild von der gegenwärtigen ökonomischen Lage Palästinas gegeben. Palästina umfaßt heute nach den leider sehr verengten Grenzen, welche es durch das französischenglische Abkommen erhalten hat, in seiner Ausdehnung vom Mittelmehr biszum Jordan, von Nasa bisMetulla, weniger als 20.000 Mlometer. Die Bevölkerung ist 'auf 600.000 bis tOOrÖOO Einwohner zu schätzen, darunter 80.000 bis' 90.000 Juden. Zwei Drittel der Bevölkerung leben in Dörfern von der Landwirtschaft, die sie in recht primitiver Weise betveiben, und drei. zur,.Befriedigung' ührer sehr bescheidenem Hebensansprüche hinreicht. Die übrige Bevölkerung lebt in den Städten von Ritualien, vom Handwerk, Handel, Fremdenverkehr und von milden Gaben, die aus den religiösen Kreisen Europas kommen. Die einzigen größeren Industrien sind einige Mühlen mittleren Umfanges, teils in jüdischen, teils in nichtjüdischen Händen, ferner die Rothschildschen Weinkellereie«, einige Maschinenfabriken und Maschinenreparaturwerkstätten, schließlich die fast durchaus in nichtjüdischen Händen befindliche Oel- und Seifenfabrikation. Mineralien, mit Ausnahme von Bausteinen, werden bisher im Lande noch' nicht gewonnen. Der Zollsatz für alle eingeführten Waren ist ein Wertzoll von 11 Prozent, der ohne Rücksicht darauf erhoben wird, ob die Ware zu den Rohstoffen, zu den Halbfabrikaten oder Fertigfabrikaten gehört, so daß die einheimische'Industrie so gut wie gar keinen Zoll-- schutz genießt. Auch diejenigen Industrien, die einheimische Rohstoffe verarbeiten, sind durch den Wertzoll von 11 Prozent gegen die Konkurrenz von Ländern, die weiter fortgeschritten sind, nur ungenügend geschützt. Das Verkehrs wesen hat zwar durch die im Kriege erfolgte- Eisenbahnverbindung von Haifa mit Aegypten eine große Verbesserung erfahren, leidet aber noch immer unter dem Mangel ausgebauter! Häfen. Ich will gleich hier einschalten, daß der Oberkommissär Sir Herbert Samuel sich, für die Durchführung des Hasenbaues i-nteressiert, so daß zu hoffen ist, daß diese für Palästina so außerordentlich wichtige Frage in absehbarer Zeit ihre Lösung finden wird. Die Handelsbilanz Palästinas ist sehr ungünstig. Die Einfuhp betrug im Finanzjahre 1920 bis 1921 6,200.000 Pfund Sterling, die Ausfuhr nur 7 70.000 Pfund Sterling, das heißt, nur etwa 16 Prozent der Einfuhr. Während die Einfuhr hauptsächlich Kohle, Baumwollfabrikate, Zucker, Reis, Holz, Tabak, Petroleum, Maschinen, Eisenwaren und Zement umfaßt, besteht die Ausfuhr nur aus wenigen Artikeln, wie Orangen, Wein, Seife und Ritualien. Das gewaltige Defizit in der Handelsbilanz wird gedeckt zum kleinen Teil durch' die Einnahmen aus dem Fremdenverkehr, zum größeren Teil durch die Gelder, welche für religiöse und humanitäre Zwecke aus der ganzen Welt nach Palästina fließen. Es scheint mir notwendig, daß der jetzige llpwzentige Wertzoll durch einen spezifischen Zoll erseht werde, um industrielle . Maschinen sowie Rohstoffe,. die zur Verarbeitung in Palästina bestimmt sind, vom Zolle zu befreien. Die Münz Währung, in welcher das ägyptische Pfund für den Großhandel und der Piaster für den Kleinhandel zu kleine Einheiten sind, bedarf einer Aenherung. Ebenso müßte die Ausgabe von Banknoten, die jetzt ei» Privileg der ägyptischen Nationalbaut ist, einer Palästina-Nank übertragen, tverden, damit Palästina den 10. September1921 jtä .. ■ .. > . Zinsengenuß hat' und nicht Gefahr läuft, ein Llnhängsel Aegyptens zu werden. 1 >; Neben diesen allgemeinen Angaben, welche sich' auf das ganze Palästina und seine ganze Bevölkenmg ohist Rücksicht auf ihre nationale Und religiöse Zusammengehörigkeit beziehen, möchte ich einige spezielle Angaben über die Juden machen. 15.000 von ihnen leben in den landwirtschaftlichen Kolonien, «etwa 300(i sind bei öffentlichen Arbeiten der Regierung und' der zionistischen Gesellschaften beschäftigt, , während die übrigen in den sechs Städten Jerusalem, Jaffa, Haifa, Liberias, Safeb rych Hebron wohnen. .Die größere Hälfte dieser städtischen Juden', nämlich - .35.060. bis 40.000, wohnt in Jer usale m.,.. Die ökonomische Lage der Juden ist in keiner Weise'stabil. Die landwirtschaftlichen Kolonien im Süden, di« hauptsächlich Baumwollpflanzungen haben, leiden unter häufigen Ab sa tz k ri s c 1t, bic Äc^rbankolonien im Norden 'untcc ungenügendem Ertrag. Die Juden in den Städten haben nur zum Teil als Kaufleute, Handwerker 'und Beamte — von 2490 Beamten in Palästina sind' 616 Juden — eine halbwegs Unabhängige Existenz, die übrigen sind zu ihrem Lebensunterhalt -.ganz oder teilweise auf Unie r st ü tzün ge it' angewiesen. Die.' Juden mit ihrer Geschicklichkeit im Handel könnten sichhier im Kampfe mit nichtjüdischen Konkurrenten' in vielen-Fällen schnell eine Existenz schaffen./ Sie könw'r't sich durch geringere Lohncuisprüche. diejenigen Inonftrien erobern, die, wie zum Beispiel die Konsrktionsindustrie, keine großen-Fabriksanlagen und keine besonderen technischen Borkenntnisse erfordern. - In- Palästina fehle u beide Voraussetzungen. Das Land bringt so wenig Produkte für den Verkauf hervor, daß von ihrem Vertrieb nur sehr .-oenig Hänoler leben können, es fomin*- hinzu, daß der Araber selbst ein sehr guter Kaufmann und dem Juden ein scharfer Konkurrent ist. Es ist volkswirtschaftlich klar, daß wir Lei. unserer. Wirtschaft--- Politik nicht darauf rechnen, haß die Einwanderer mit dem Handel allein ihre Existenz fiiiben. werden. Vielmehr können wir nur dann hoffen, daß', sie sich, in Palästina ernähren können, wenn sie Produzenten, sei es in der Larrdwirtschaft, sei es in der Industrie, in öffentlichen Arbeiten und im Verkehrswesen, werden. Die Einwanderer muffen alle Berufe ergreifen, aus < denen sie dauernd ihren Lebensunterhalt ziehen können. Allerdings werden wir zugunsten der Landwirtschafti immer das eine anführen können, daß wir eme nationale Heimstätte in Palästina nicht allein durch unsere Zentrale erreichen können, sondern daß wir dazu auch den Erwerb des palästinensischen Bodens nötig habe,: und daßs dieser Erwerb am ehesten durchs (änt> w irtschaftliche Betätigun g möglich ist. - Wenn neuerdings wieder die Bedeutung der Iw»' dustrie für Palästina besonders hvrvörg-ehoben wird, so hat das seinen Grund wohl darin,daß uns in den letzten Jahren die großen Schwierigkeiten der landwirtschaftlichen Kolonisation mehr bewußt geworden sind und baß man glaubt, in der Industrie geringeren Schwierigkeiten zu begegnen. -Ich Z taube aber, daß man sich hier einer Täuschung hingibt. Seitdem 'in Palästina durch die Einsetzung der Zivilve-rwaltung und den Antritt Herbert S a m u 0 l ß eine freie wirtschaftliche Tätigkeit möglich wurde, ist ung-e-fähr ein Jahr verflossen. Es war für die Arbeit in Palästina ein unerhört schweres Jahr. Die inneren Zwisftgkeilen in unserer Organisation seit der JahreskouferenI von 1920 wirkten auf die Stimmung höchst ungünstig' ein, vor allem aber war es ein Unglück, daß im Gefolge dieser Zwistigkeiten die Geldquellen immer spärlicher flössen. Unser Weg in diesem Jahre war ein Leidensweg. Wenn trotzdem das letzte Jahr nicht ganz als verloren zu betrachten ist, sondern einige wichtige Posten in seiner Kreditseite hat, so ist das' die Folge äußerer und innerer Anstrengungen. Ich sehe zwei große- Aktivposten: die Einwanderung von mehreren tausend Chalnzim und den E rwerb großer Bodenflächen in Stadt und Land. Die Einwanderung so. vieler für Palästina begeisterter und vorgebildeter junger Leute ist eine gewaltige Verstärkung unserer Position. Allerdings müssen wir uns immer wieder klarma'chen, daß diese jungen Leute nur zum kleinen Telle bisher efne dauernde Beschäftigung gesundenhaben. - Der Kauf von Boden Hirt uns 80.000 D'unan« erstklassigen landwirtschaftlichen Bodens gebracht. Etwa die H ä l ft e wurde vom Jüdischen N 0 t i 0 n a l f 0 n ds erworben, die andere Hälfte von der Palestine Land Developpment Company für sich selbst oder für private Gesellschaften. Der Kauf bot dem Jüdischen Nationalfvnds die einzige Möglichkeit, unter den Vesten Zahlungsbedingungen erstklassigen Boden in großen Flächen zu bekommen, durch welche eine systematische Kolonisation überhaupt erst möglich wird. Alles in allem können wir sagon, daß die im> letzten Jahre erworbenen Ländereien uns für eine Reihe yon Jahren .mit Boden versorgt haben, so daß wir viel mehr als bisher imstando find, eine ver-- UÜnftige Preispolitik zu treibe». Außer biöfeu Ländereien ist der Mische Besitz auch dadurch vermehrt worden, daß die palästinensische Regierung die großen Sumpf- und Dünen gebiete zwischeit Sichryn Jakob und Ailith der Jca > ans langjährige Pacht überließ. , Die Joa wird dieses Gebiet durch' : groß- - zügigst MtsMMnWrhiAM dvr HKur erschließe^.

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