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Wiener Morgenzeitung · 1921-09-09 · Heft 941 (9.9.1921) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 941 (9.9.1921)
Date
1921-09-09
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 fciert Freilager es bleibt fraglich, ob dieser Msiveg die ablehnende Haltung Amerikas zit ändern vermochte, solange die Politik von Versailles in Europa herrscht. Anstatt aber konsequent auf eine Kräftigung des Völkerbundes hinzuarbeiten, zeigen einzelne Machte die Neigung,-sachte von diesem abzurücken, und nachdem eine Kommission durch Monate. an einem Abrr'rsruligsprcigramm gearbeitet hat, macht Frankreich plötzlich unter dem Hinweis auf die bevorstehende Washingtoner Konferenz Schirsierigkeiten. welche die ganze bisherige Arbeit über den Haufen zu werfen drohen Es ist der Zustand der Unsicherheit und Labilität, an dem heute Europa und nicht nur Europa allem krankt, und die Unstimmigkeiten zwischen den Westmächten selbst erschweren die Situation noch beträchtlich. Nur aus dieser Atmosphäre heraus erklärt sich die Politik der Ueberraschungen, der es darum geht, ein kaü saeompii zu schaffen: der Streich eines dÄnnunzio in Fiume, eines Ziel'rgomski in Wilna und die von Polen vollzogene Okkupation von Oftgalizien, und vus dieser Sphäre ist die neueste Waffentat der Horthy-Leute zu begreifen, welche den von ihnen Unterzeichneten und von den Mächten ratifizierten Vertrag von Trianon zu einem Papiersetzen stempeln, Westungams Herausgabe verweigern und reguläre Truppen in Oesterreich einsallen lassen. Dem klaren Spruch des Fricdensvertrages hat das offizielle Ungarn eine Rabulistik enlgegengestellt« die das abzutretende Gebiet in zwei Zonen trennen will. Aber während noch der magyarische offizielle Lügenapparat mit aller Präzision arbeitet, straft der neueste Streich der Horlhy-Leute ihre eigenen Behauptungen Lügen und sie schicken sich an, auch in der Oesterreich konzedierten Zone dar Banner des Weihen Terrors aufzupflanzen. Man kann sich auf eine neue Sammlung von . Erklärungen und Ausflüchten aus Budapest gefaßt machen. wo die rechte Hand nie wissen will, was die linke tut, während beide von Verbrechen schlimmster Art besudelt sind. Die Entente hat sich bisher nicht veranlaßt gesehen, von ihrem System der energischen Noten abzugehen, deren Wirkung allem Anschein nach von ententeoffizieller Seile von vornherein die Spitze "abgebrochen wird. Aber die Ereignisse beweisen, wohin diese Kulissenpoliük führt und welche Gefahr das bisher von den Westmächten ermutigte Treiben der weißen Tenoristen für die schwer errungene Ruhe in Mitteleuropa bedeutet Es wird zu keiner Stetigkeit in den Verhältnissen Mitteleuropas kommen, solange der Brandherd in Budapest nicht gelöscht ist, und es wird keinen Weg zur inneren Pazifizierung Europas geben, solange es Mächte gibt, die ungestraft mit den Verträgen spielen können, und solange kein System geschaffen ist, das auch die Protcktionskinder gewisser Ententediplomaten zur strikten Einhaltung der Vertrage zwingt. Politische^rmdschau. Völkerbund und Mandatsfrage. Man meldet aus Gens: Der Völkerbund nahm ble Regelung der Mandatsfrage, an welcher er durch den Einspruch Amerikas bisher gehindert war, wieder in Behandlung. Der Präsident des Rates, Wellington-Kov, gab zu diesem Punkte der Tagesordnung folgende Erklärung ab: . „Meine Kollegen erinnern sichdaß auf der letzten Session des Rates in Genf der damalige Präsident da Cunha eine Erklärung wegW derManaate abgab, in der er an eine Note der Regierung der Vereinigten Staaten erinnerte. In dieser Hoie rMen die Vereinigten Staaten dem Räte mit, daß - ihrer Ansicht nach Pas Schicksal der tzheiNÄlitze-n - deutsch-'n 'Kolonien und der übrigen terriwrialen;Besitzungen, oie dem Mandatssystem unterworfen werden sollen, nicht o hne ih re Zu ft im mu n g entschieden werden 'könnte. Präsident da Cunha teilte-dem.Rate dann mit, baß er auf die an die Regierung der Vereinigten Staaten Mrichrete Einladung, sich durch einen Repräsentanten beim Rare vertreten zu lassen, kein..? Antwort erhalten habe, und daß er daraufhin die Regierungen der alliierten Mächte ersucht habe, sie sollten sich bemühen, zu einer Verständigung mit den Vereinigten Staaten in dieser Frage zu gelangen, damit die Angelegenheit in der nächsten Session des Ratest erledigt werden .könnte. Der Vertreter Großbritan-niens hat damals erklärt, daß er dis unternommenen Schritte vollkommen billige, aber hinzugefügt, daß die Mandats- Mächte von einer abermalig» Verschiebung der Frage sehr unangenehm berührt sein werden^ unddaß - er hoffe, der Rat werde in der Lage sein, die Angelegenheit in der Session vor der Scptemberversammlu.ng zu regeln. Aus d e em Gruw e ist , u Frage i rr Mandate abermals auf die Tagesordnung osr .gegenwärtigen Session gestellt tvorden." - Rach dieser Erklärung Wellington - Koos teilten die Vertreter der alliierten Machte mit, daß ihre Regierungen inzwischen eine Note per Vereinigten Staaten in der Mandatsfrage erhalten hätten. Der Nat schloß ans dieser Note, daß sieeinen Fortschritt in den Verhandlungen darstelle, und beschloß, die alliierten Regierungen zu ersuchen, die Verhandlungen derart zu beschleunigen, daß hie Mandatss ra ge s o ra s ch wie möglich z ur Erleb i a u na öpmmch) töuiu-i. Wiener Morgenzeltung Möbelfabrik J. SPIRA Wien, ¥11., Siebensterngasse 1 u. 2 Grösste Auswahl 6l9 gediegener Erzeugnisse Robert Ceeil für Oeffentlichkeit des Völkerbundes. Genf, 8. September. Wie im Vorjahre, so war auch oiesmal die. Debatte über den Tätigkeitsbericht des Völkerbundrates, die in der heutigen Sitzung begann, hie Gelegenheit zu einer allgemeinen Aussprache, Branting verlas alcherster Rednär eine kritische Betrachtung dieser Tätigkeit, die ihn irr manchen Teilen nicht-befriedige. Dies gel^ ..besonders für die Lösung der-.Ä a la n d-s-fra gei ■ Der/Völkerbund habe die in ihn gesetzten Erwarlungcck vielfach nicht erfüllt. Die Ausführungen Lord Robert Cecils, denen die Versammlung mir gespannter Aufmerksamkeit folgte, gipfelten darin, daß Kritik wohl am Platze sei, daß aber der Rat unstreitig eine Wirksamkeit entfaltet habe, die volle Anerkennung verdiene, wie man sie der internationalen Betätigung in früheren Jahren nicht zollen könne. Obgleich im Bericht nichts über Ö bersch le sie n stehe, wolle.Redner doch sagen, daß er hoffe, der Beschluß des Rates werde nicht nur gerecht, sondern so sein, daß er als gerecht auch empfunden werten werde. Nach diesen, mir Beifall ausgenommenen Worten, kam Redner auf seinen vorjährigen Wunsch zurück, daß die Verhandlungen des Rates öffentlich sein sollen. Die Oeffentli chkeit sei die Stärke des Vök-kerbnndes. Die noch ungelöste Frage der Kolonialmandate ‘fei der ablehnenden Haltung der Vereinigten Staaten zuzuschreiben. die erst kürzlich dem Rate geantwortet hätten. Solche Verspätungen fchädigicn das Ansehen nnd die Wirksamkeit des Völkerbundes, die beide hoffentlich in dieser Frag« jetzt rasch wieeerhcrgestellt würden. Redner bedauerte, daß in der Abrüstungsfrage keine wesentlichen Fortschritte gemacht worden seien. Er stehe in dieser Frage auf der Seite ferrer, die ohn-e Herabsetzung der Rüstungen keine Besserung der politischen und wirtschaftlichen Lag« sehen. Ceeil richtete an die Versammlung einen warmen Appell, dieser Frage nicht auszuweichen, sondern sie praktisch zu lösen. Der Argwohn und die Furcht, die heute im internativ len Leben herrschen, seien dir Ursache der ablehnenden Haltung. Nach seiner mit großem Beifall aufgewommenen Rede legte Cecil zwei Beschlußentwürfe vor, von denen einer die Forderung der Oesfentlichkeit durcb den Rat begrüßt, der andere die V e r z ö g r u n g d e r Lösung der Mandatsfrage bedauert. Der persische Delegierte betonte die Notwendigkeit der Gleichheit aller Rassen -im Völkerbund. Der Antrag auf Abänderung der Völkerbundpakte abgelehnt. . 8. September. Rach Meldungen der Presst» traten B e n e s ch, H h in ä n s, I s h i i und W sll i n g to n - K j o gegen die Annahme des argentinischen Vorschlages ein. Der argentinische An tra # auf Abänderung des Palles wurde schließlich' unt 29 gegen 4 Stimmen verworfen. (Der argentinische Antrag ging darauf hinaus, daß Staaten, deren Selbständigkeit völkerrechtlich nicht angezweifest werden kann, ohne Prüfung und Abstimmung zum Völkerbund zuznlassen sind, während die Völkerbund Pakte die Aufnahme mit Zweidrittelmehrheit vorsehen. ferner daß der Artikel, welcher denr Völkerbund die Sorge für die.- llnverletzlichbeit der Grenzen seiner Mitglieder übertragt, gestrichen werde.) Ein syrisch-palästinensischer Kongreß. Wir die Jüdische Preßzentrale aus Zur i ch meldet, wurde am 27. August in. Genf ein syrischer Kongreß eröffnet, an dem auch Delegierte aus Palästina teilnahmen. Um Zedent Mißverständnis vorzubeugen, wurde beschlossen, den Kongreß „S y r i sch - p a l ä st i n e n s i s ch e r Kongreß" zu nennen. Zum Vorsitzenden wurde ernaünt Fürst Michel L a t f a l l a tj, zu Vizepräsidenten Said Rachid Aida und Hag Tewfik Hannnad Bei, zum Generalsekretär Emir Chakib. Arslan. Mehrere ernannte Kommissionen haben ihre Arbeiten unverzüglich ausgcnomNten. Der Kongreß - nahm folgende Resolution an: Der Syrisch palästinensische Kongreß forderik vvn her Zivilisierten Welt und vom Völkerbund btt Unabhängigkeit Syriens und Palästinas. Wir sind sicher, daß wir, sobald ihnen die Wünsche der Bevölkerung und die wirkliche Lage des Landes bekannt fein würde,'ihre wohlwollende Unterstützung genießen würben zur Verwirklichung unserer gerechten und legitimen Wünsche. Auf der Dicnstagsitzung wurden zahlreiche Begrüßungsschreiben vorgelescn. Der Kongreß nahm Kenntnis von dem Verhalten der französischen Behörden in Beirut, dieden Delegierten die Teilnahme gm Kongreß nicht gestattet; es 9. September 1921 Nr. wurde beschlossen, die.Aufmerksamkeit des Völkerbundes «tf dieses Vorgehen zu lenken. Hierauf wurde der dem Völkerbund zu unterbreitende Bericht behandelt. - Indaftrialifiernug des rumimychen Heeres. Das rumänische Amtsblatt veröffentlichte vor eim'gm Tagrp,- eure interessante Verordnung, betrefferU) die Indienststellung des Heeres für die Schaffung großer Industriebetriebe: -n Rumänien. Nach der Verordnung werden in diese« Betrieben a ti ss chl i estl ich militärische Arbeitskräfte verwendet. Es ist zunächst die Herstellung solcher Industrieartckrl in AuZsscht genommen, welche zur Deckung des Bedarfes des 'Heeres' dienen. Vor allem beabsichtigt die Heeresleitung, eine Buchdrucker«, eine Selsen-, Kurzen-. Schuhnnd Konservenfabrik z« errichten. Sollte sich .riese . Einrichtung bewähren und «erden die auszustellenden Fadriten qualitativ und quantitativ entsprechende Produkte Herstellen um sich eine Renlabilitä: der Betriebe ergebe», so sollen auch weitere Industrieunternkvmungen deS Heeres geschaffen werden. Man ist. in Dukarestec Fachkrrisen ubrrzeust, daß diese Nnternebmung. der Heeresverwaltung den ersten Schritt zur völligen Industrialisierung des rumänischen Heeres bedeutet. AüS diesem Grunde nehmen die Jndustrrelreüe Rumäniens gegen diesen Schritt Stellung und, wie „Uj Kelct" meldet, hat eine G e g e n a k 11 c n d c c" Industriellen besonnen, welche hoffen, daß e§ gelingen werde, die rumänische Heeresleitung za vytmlassen, d'.r IndnstrialiüttnnaSbcstrebnngcir nicht über den Rahmen dcr Eczen-nvg des nnmit'.el^dren Bttarscs des Heeres auszrr^h:'.^. Eine moslemittsche Konferenz in Mekka. Aus Jer u salem wird uns berichtet: DieBlätt'r von Damaskus kündigen für die nächste Zeit den Zusammentritt einer wichtigen mvslemitischen Konferenz unter Vorsitz des Königs Hussein von Hedschas rn Mekka an. Zu dieser Konferenz werden säintiiche'' arabischen Städte eingeladen, ihre Vertreter zu entsenden, und es wird angekündigt, daß auch di: königliche Familie an dieser Kundgebung teilnehmen werde. Der Zweck nnd der Beratungsgegenstand dieser als außerordentlich w ich t i g bezeichneten 'Konferenz sind Wohl noch nicht bekannt gegeben, doch wird allgemein angenommen, daß es sich hiebei, wie dies bereits, von König F a i s n l angekündigt worden war, darum; handelt, eilten Aufruf an die Moslems' zu erlassen, durch; eilt Manifest an die ganze Welt den türkischen Sultan als Kalifen der ganzen moslenntisch-u^ Welt anzurrkennen. Die DvlLvzähl«ng i« Polen. A«S Warschau wird «nS geschrieben: Am 30. S'vtr«ber findet in Pole« die erste Volkszählung seit der Selbftaiidigkeil diese- Staates statt. ES hat nicht den Anschein, alS würde st« ledigllch statistischen, sozialen und wirtschaftlichen Zwecken dienen, sonder« eS ist auch ei« gutes Stück Politik in sic hineingetragen worden. Zurächst ist schon die Verbindung der Volkszählung mit den kommenden P arlc- . m r n t § w a h l e n ein Pokitikmn, da mehrfach t:» klärt wurde, die Ziffern stien für Wahlzwecke notwendig- UeberdieS hat der Direktor des statistischen Staats- Professor V u z e k .einem Interviewer erllärt, d e Volkszählung werde ^verschiedene pesfimistischr Meinungen darübcr, daß der polnische Staat nicht national einheitlich sei', zerstreuen. Daraus wird schon die Tendenz deutlich sichtbar, welche bei tci Durchsühnms dieser Volkszählung votherrschm wird. Mencrs ha! Professor Buzrk erklärt, daß bloß t« Westgalizien Und Dosen etc Bevölkerung »vorwiegend^ selbständig die Slatistik durchführen wird, dagegen «erde« dieS in den Übngrv Teilm Kommissäre tim. Dadurch wird in Kongreßpolen nnd in den Randgebieten die ganze Volkszählung ein bnrrau'rrtischeS Unternehmrn werden, wobei die Wahrheit immer in Gefahr schwebt. Bemerkenswert; jst auch, daß die Zählbögen nnrin de« Randgeb ieten f ü d i f ch e n T e x t haben werde«, sonst werden alle Angaben polnisch geschrieben werden mtissen. Was das angestchis der Tatsache, daß ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung des Polnischen in der Schrift nicht mächtig ist, bedeutet, kann man leick? ermessen. Eine Rubrik, welche allerhand Ausdeutungen Raum gibt, >st. die Rubrik .Staatsbürgerschaft". Rach dem Prinzip vollstandigec statistischer Freiheit in den Angaben kann jeher die-se Rubrik aussöllen, wie er will, das heißt, zu welchem .Staate er sich als' Bürger zugehörig fühlt. In Polen aber gibt cS Zrchntan'ende von Personen, die fich als polnische Staa'Sangrhörige fiihfcn uni), nach ihrer Ansicht auch ein Recht dazu haben, -der von ^e»' Polizeibehörden als „Fremde" betrachtet averdiüi. Ihre SiaaiSbürgerscha^t wird dann natürlich so registriert «erden, wie der Kommstfar eS' will, nicht wie sie rS wollen. Eine« ganz besonderen Charakter treibt o.c'cZ „StaatsbürgerschaflSVekimntmS" in Oftgalizien. Dort wird ein Teil der Bevölkerung (znm Beffpul die Ukrainer) sich als ukrainische Untertanen deklarier e» .wollen, rin Teil (d i e Jude n) wnd, wenn er richtig polltj'ch-vorgeht, überhaupt keine Entscknidnüg treffen wollen, dcnn bic; Volkszählung ist keine VolkS.i'.--. stimmung, bei welcher die Peoölkerung nach eigenem Willen über die StaatSmgehongkeit zu entscheiden hat. Da nun dieses Prinzip vitschleirrlcr Volksabstimmung in die Volkszählung ringeführt wurde, haben qnch die ukrainische« Vertreter in Ostgalizren beim VSlkerbnnd gegen die Vornahm« der Volkszählung dortselbst Protest eingelegt. In der Tat erhebe» die nationaldemokratischen Zeitungen, in Ostgalizirn em Lrmmpbseschrri. und verkünden, in Hstflalizie« werde nicht einmal, ein Parla- «ent nötig sein, «« rmeEntscheidmig übe» seine StaatSL«g<höriL-

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