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Wiener Morgenzeitung · 1921-09-02 · Heft 934 (2.9.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 934 (2.9.1921)
Date
1921-09-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Freitag WieneLMorgsnzeitnng aufbau Palästinas, aber wir verstehen, düs; nicht alle Juden ebenso wie wir anerkennen, wie nötig ein ein» heitlicher Ausdruck des - nationalen Willens ist. Wir find bereit, zuzugeben, daß mehr als ein Weg nach Palästina führt, und es ist nicht unser Wunsch, andere Wege für jene zu sperren, die nicht den unseren sehen wollen. Trotz aller Schwierigkeiten steht eines fest: Unsere Organisation ist heute viel stärker als je zuvor. Der nationale W i Ile lebt u ir d w i r k t in weiten Schichten unseres Vo lLes. Ernst und feierlich ist die Stunde, in welcher - der. Kongreß seine Beratungen beginnt. Es ist mein heißer Wunsch, daß er sich der Verantwortung gewachsen zeige, die auf ihm ruht. (Stürmischer, lang anhaltender Beifall.) Die Nede Sokolows. Hierauf ergreift der Vorsitzende der zionistischen Exekutive, S o k o l o w, das Wort: Verehrter Kongreß!. Eine ereignisreiche, schicksalsschwere Zeit liegt .zwischen unseren früheren und dem gegenwärtigen Kongreß. Die „politische Landkarte" sieht ganz anders aus als. früher. Das jüdische Volk stand mitten im welterschütternden Drama. In Strömen floß sein Blut auf. allen- Schlachtfeldern. Die Altäre der Vaterlandsliebe beugten sich unter der Last jüdischer Opfer. Gleich nach Kriegsausbruch vereinigten sich alle M a cht e d e r Finsternis, um gegen das jüdische Volk zu hetzen. Ein „Krieg im Kriege", eine Zwischenszene des großen Dramas, wurde nach allen Regeln der agitatorischen Strategie in den Brutstätten der Hetzereien vorbereitet. Das Traumgesicht vom jüdischen Verrat war die Ouvertüre, aus die endlose Reihen von blösinnigen Ammenmärchen und Halluzinationen folgten. Es wurde ein neues Verfahren in das Verteidigungssystem ausgenommen: die Iudeneoakuation. Hunderttausende Juden samt Greisen, Frauen und Kindern, ganze Gemeinden wurden über Nacht, ohne Brot und ohne Kleidung, unter Beschimpfungen und Mißhandlungen aus der Heimat ausgetrieben. Der Krieg gegen die Juden hat mit dem allgemeinen Kriege nicht a u f g e h ö r t. im Gegenteil, das furchtbare Ungetüm des Judenhasses griff mit grausamer Hand nach jüdischem Leben, jüdischer Ehre und jüdischem Eigentum, als der eigentliche Weltkrieg sein Ende hatte. Gräßliches, unsagbar Gräßliches ist in der Akraine geschehen. Die Taten eines Nero sind nur ein Tropfen gegen das Meer von Blut, das dort vergossen wurde. In Hunderten von jüdischen Gemeinden wurden Blutbäder angerichtet, nicht Weiber noch Kinder oder Greise fanden Gnade. Die Toten sind aber die Glücklicheren, die Ueberlebenden haben die Schmach und den Jammer weiter zu tragen. Europa schaute diesem Gemetzel mit verschränkten Armen zu. Kein Zuruf, kein Trosteswort klang den Unglücklichen entgegen. Man nahm die Hiobsposten mit Schweigen auf. Mit tiefer Genugtuung und Hoffnung haben wir die Entstehung des V ö l k e r b u n d e s begrüßt. W o ist dieser Völkerbund, wo ist seine beschwörende Stimme? Man gibt uns zur Antwort: Wir können nicht offiziell fest stellen, was in der Ukraine vorgeht, das Land ist oerschloffen und es besteht keine Regierung, mit der man verhandeln Konnte. So fand der Moment die Kulturnationen nüchtern und fast gleichgültig, unberührt von den Vorgängen, gegen die sich die ganze zivilisierte Welt hätte zombebend aufbäumen sollen. Wenn wir nunmehr an unser Volk den Ruf richten: Rettet die Juden der Ukraine, rettet dieKind er! so find wir sicher, willige Ohren und Herzen zu finden. Wir sind bei einem neuen Abschnitt unserer Entwicklung angelangt. Was man schlechtweg die B a lsoursche Deklaration nennt, ist ein Welthistorischer politischer Akt. Auch die Regierung Frankreichs hat unser Recht anerkannt und eine offizielle Deklaration veröffentlicht, die ganz identisch mit der Balfomschen lautet. Ebenso erwiderte Italien aus unsere Vor-. stellungen und Aufklärungen mit großer Sympathie. So erschienen wir vor der Friedenskonferenz zu Paris und San Remo ' zum ersten Male seit zweitausend Jahren als Vertreter eines Volkes. Wir haben unser Recht duf die nationale Heimstätte geltend gemacht und dieses Recht wurde uns zuerkcmnt. Das Kann nicht mehr geändert werden. . Die neue Epoche jüdischer Geschichte wurde eingeleilet. Der Zionismus ist zum verbrieften Völkerrecht geworden und nichts kann diese Tatsache ungeschehen machen. Zu unseren Gunsten spricht das heilige Recht der Nationen, an dem nichts zu mäkeln ist. Wir haben die international anerkannte Balfour^ sche Deklaration, die nicht in einen Papiersetzen um-, gewandelt werden kann. Nun heißt es mit dem Leben ringen. Wir sind uns wohl bewußt, daß die Schaffung einer jüdischen Heimstätte nicht mit einem: (Es werde! vollzogen werden kann, aber Keinerlei Hindernisse. Prüfungen, Krise« und Borurteilewerden uns von unserer historischen B a h n a b l e n k e n. Wir sind die natürlichen Bupdesgenossen sämtlicher wiedclerfiandenen Völker, insbesondere der o ri c n t a l i s ch e n. Nicht lös vom Orient, sondern mit b e m ganzen Orient werden wir unser Ideal verwirklichen. Wir find en!schloffen, mit der a r a b i f ch e n Rat.ionfriedlich zusammenzuarbeiten. Wir sind sicher, daß wir uns einer Entwicklung nähern, her der uns möglich sein wird, jede Gegensätzlichkeit zwischen uns und den Arabern zu überwinden und auszugleichen. Wir haben dljo größte Interesse, mit den A r a b e r n i n gutem'Einv e r n e h m e n z u leben. Die Interessen des arabischen Volkes weisen auch dieses darauf hm, ein freundschaftliches Einverständnis mit der jüdischen Nation zu pflegen. Es soll kein Gegeneinander, sondern ein Nebeneinander die Parole sein. Daß Palästina für die großen Religionen der Menschheit heilig ist, ist eine Tatsache, die wir nie außeracht gelassen haben. Das unverletzliche Recht der religiösen Freiheit muß in Jerusalem thronen. Unsere Politik' kann nur eine Politik der V e r st an d i- Qun.g und des Aufklärens sein. Und eine solche Arbeit muß von langer Dauer sein. Die Friedenskonferenz hat noch eiy Analogon zur Balfomschen Deklaration geschaffen: den Schutz der ethnischen Minoritäten. Auf die Lage der Juden in Europa übergehend,. erinnerte Redner an die beispiellose Iudenhetze, deren Schauplatz in den. letzten Jahren Polen war. Rednerlehnt die Legende von einem jüdischen Komplott gegen Polen ab und erklärt, manche Anzeichen sprechen dafür, daß aufgeklärte polnische Elemente die Reinheit der jüdischen Gesinnung und die Rechtlichkeit der Ansprüche des jüdischen Volkes einzusehen beginnen. Redner spricht den Wunsch aus, daß das schwergeprüfte und endlich befreite polnische Volk seine Gerechtigkeit den Juden gegenüber bezeugen möge. Polen sei jetzt das. größte, Zentrum der jüdischen Bevölkerung in Europa und die Juden könnten für den wirtschaftlichen Ausbau dieses Landes Großes leisten. Die Friedenskonferenz hat den M i n o r i t p t e ns ch u tz auf die jüdische Bevölkerung der neuen und der vergrößerten Staaten erstreckt. In diesem Schutze handelt es sich um. die vollständige Gleichberechtigung und um die vernünftigen sittlichen Ansprüche jeder ethnischen Individualität'auf, Freiheit und Pflege ihrer E i g e n a r t, wobei seMtoerständlich dieser Freiheitsgebrauch in Angemessenheit zu den Interessen des Staates geregelt werden muß. Was wir in der Diaspora anstreben, ist eine gewissenhafte Ausführung des Mlnoritätenfchutzes. In Anerkennung der hohen Bedeutung dieses Prinzips hat die Regierung des t s ch e ch o - s l o w akis ch en Staates, dessen Gastfreundschaft wir hier genießen, noch einen weiteren Schritt gemacht und den nationalen Charakter der jüdischen Bevölkerung anerkannt. Das ehrwürdige Haupt dieses Staates, Professor M a s a r y k, hat uns seit langem seine Sympathien bekundet. Der Minister des AeUßern Herr Dr. B enefch war unser Mitarbeiter und Freund während der Friedenskonferenz. Für den Schutz in der Diaspora erheischt der Jammer der Gegenwart gebieterisch die Wiedervereinigung, den Zusammenschluß, die Selbsthilfe und Selbstleitung. Für den Zionismus heißt es ganze Arbeit, jeden Mann und leben Groschen. Möge dieser Kongreß in Karlsbad der letzte Kongreß in der Verbannung sein, der Nächste in Jerusalem! ' Es folgen dann Begrüßungen der Stadtgemeinde Karlsbad, der tschechischen Regierung und des englischen Gesandten Clark, der unter stürmrschem Beifall des' ganzen H an s e s die V a! f o n r s ch e Deklaration im Wortlaut wiederh.olt und cm die Juden heit den Appell richtet, im Vertrauen zu ihren Führern und in Geduld an dem Ausbau des jüdischen Nationalheims zu arbeiten. Am Nachmittag nahm der Kongreß seine Konstituierung vor. lieber Antrag. des Professors Marburg wurden gewählt: Zum Präsidenten Nahum Sokolow. zu Vizepräsidenten D r. Mozkin (Paris), Dr. Farbstein (Warschau), K a p l a n s k i (Poale Zion), K l u m e l (Polen), Lipski (New-Pork) und Sprinzak (Palästina). Zu Beisitzern Dr. G r o d e c k i. Doktor Caleb (Konstantinopel), Oberrabbiner Dr. Ch aj es aus Wien (stürmischer Beifall), F im z i (Troppau), Grocki (Posen), Professor Löwe (Berlin), Oberrabbiner N iemiro w e r (Bukarest), Dr. Rottenst r e i ch (Polen), Ingenieur T e m k r n (Rußland) und Daviv V e l l i n (Jerusalem). Der Präsident Sokolow, von stürmischem Beifall begrüßt, nimmt sodann seinen Platz auf der Präsidentenestrade ein. Er hält hierauf einen Nachruf für die in den letzten acht Jahren Verstorbenen, der vom Kongreß stehend angehört wird. Der Redner gedenkt insbesondere des Präsidenten der Organisation, David Wolsssohn, und des verstorbenen Mitgliedes der Leitung, Dr. T f ch l e n o w, der im Kriege Gefallenen, besonders der in Palästina gesallenen Mitglieder der , Legionen. 2. September 1921 M 934 Hieraus.erstattete der Referent des Legitimationsausschuffes Dr. Emil Margulies (Leitmeritz) einen Bericht, aus dem herosrgeht, daß auf dem Kongreß 440 Delegierte anwesend sind, welche 765.955 organisierte Zionistenvertreten. Im Anschluß an dieses Referat kommt, es zu einer längeren, stellenweise sehr erregten Debatte über die Verifizierung der Mandate. Der Kongreß tritt schließlich im großen und ganzen den Anträgen des. Legitimatiousausschuffes bei. Hierauf beginnt der Kongreß. Die politische GenerÄdebgtte. I Der Sekretär der Exekutive, Dr. Lick) ttz e i m, leite! die Debatte mit einem kurzen Hittiveis aui die im Druck verteilten Berichte ein, worauf Herr S i m o n zu einer IVsstllndigen Rede das Wort ergreift, in derer die schärfste Kritik an dem Vorgehen der'Leitung' bezüglich, der Arbeiten in Palästina übt. Die Sitzung wird sodann geschlossen.' (Nächste ' Sitzung morgen.) _ Diie DeLlaratiwn. —7. K a r l S b a d, J. .S'plember. Die Eröffnungssitzung des XU. Zioriistenkongresfts war ein Symbol für die Lage der jüdischen Nation. Sie wurde in hebräischer Sprache durchgeführt. England, Amerika, Frankreich und Italien haben sich ein Anrecht auf einen Platz im jüdischen Herzen erworben. Aber trotzdem sind wir zur Durchführung unserer Ausgabe nur aus unser Volk angewiesen und nur unsere eigene Kraft laun uns helfen, das Ziel, das wir uns setzen, ganz zu erreichen. Um dies zum Ausdruck zu bringen, haben die beiden politischen Führer d'eS Zionismus ihre Dettairationen in der Muttersprache deS jüdischen Volkes abgegeben. Die Reden, die wir in dieser ersten Sitzung hörten, galten teils? bct -ölli gemeinen Lage des jüdischen Volkes, tells dem Kongreß und feinem' Arbeitsprogramm. . > Die weltpolitische. Seite der Jndenfrage ward? von einer ' f In uns autontttivften Seite sehr stark unterstrichen und-die^ neuerliche Bekräftigung-der Balfour-Deklaration, die die englisae Regierung durch ihre» Prager Gesandten vornehmen ließ,, richtete.- sich nur formell an den Zionistenkougreß, galt aber vor'allem, dem jüdischen V o l k in seine x; Gesant -t*. heit. Sie richtet sich an jene jüdischen Kreise, die a u ß e » h a l b deö Zionismus stehen, und legt ihnen die Verantwortung - ans Herz, die nunmehr für j e d e n Angehörigen des jüdischen ', Volkes entsteht. - 's Der feierliche Grundton dieser'ersten Sitzung wich schon am; Nachmittag: Wir haben wenig Zeit, Feste zu feiern und die Kmesind zu hart, als daß wir uns ihrer Verpflichtung stuchuUr? kurze Zeit entschlagm könnten- Die Fragen, die an den Köngr.ß herantreten, sind politische,-wirtschaftlicher und organisatorischer Natur, und eS ist das höchste Beravtworjjichkeilsgefühl, das d.e. Delegierten zwingt, die kostbare Zeit zu sparen. Der Kongttß -ha: mit technischen Schwierigkeitcu, der Sprache und der ilrme« Stadt zu kämpfen. Verstärken sich diese Cchirieriglcrcn noch durch Disserenzm der Weltanschauung und der ftzialrn. Richtung, so ist mehr denn je die Erinnerung daton angeMti. daß wir doch alle nur einem Ziele zustreben : Es muß ein einigen--' des Programm auch fiic düsen Kongreß ausgestellt werde«/ das^ bei allem Festhalten an der prinzipiellen Anschauung der einzrlnck' Parteigruppen die Arbeit des Kongresses crmLtzlicht. Dieses- Programm besteht bereit- und cs ist von den ö ft e r t? e i ch i" schen Deleg i e r t e n in die Diskusswn gestellt worden. . Es umfaßt alles, was von dem Kongreß billigem ecke gefürdoit werden kann: die Ordnung der L e i t u n g s f r a g e und -dir Arbeit in P a! ä st i n a. Der Kongreß hak gestern abends bereits die große' Generaldebatte über die Tätigkeit der Lcilung' feit dem letzten Kongreß begonnen. Diese Ausemand ersetz»»g'w.rtz - große« Umfang annehmen, weil es sich da um Vor« gänge handelt, die sich auf einen Zeitraum von über acht Jahren verteilen. Die Grundlagen dieser Auseindcrsetzung können hur' die' realen Tatsachen, nicht aber die Hosftmngen und Wünsche bilden.' Die Basis der Valfour-Deklaration und des englischen Akandais. scheint heute imllar. Die Enl'scheiduvg des Völkerbundes über, das Mandat wird verzögert und es ist darum für alle Falle daß sich der Kongreß nur auf die Kraft des jWschen Volkes stützt und dies auch äußerlich dokumentiert. J ' ""/A’ Die Arbeitsgemeinschaft der „Allgemeine« Zionisten". KMSbad, 3l. August. (Von uitfcra* Karlsbad t, Redaktion.) Zur strafferen Zusarnnrenfassung b^.. Landsmannschaften und der nich.t den großen.,PaMr-- verbänden angehörigen.Delegierten hatten seit rnrhrerM l Tagen Besprechungen. zwischen dein AbgeordriMu, Stricker und-nnderen führenden Persönlichfeiten st-gtl^ gefunden. Es bestand die Gefahr, daß der Kongreß entweder zum willenlosen Spielzeug der in der.. orthodoxen Rechteu und in den Linksparteien zusamuie,:- geballten Gruppen werde, und daß alle zwischen diesem. Zweckverbänden.stehenden Delegierten bei dev Berabungi der wichtigsten Fragen aus geschaltet tverd^u. Die. - mühungen Strickers hatten nun zunächst den .Erfolg,- baß sich Vertreter aller kleinen Landsmannschaften am Montag abends zu einer Beratung zusammenfanden,' die eine sehr lebhafte Debatte über den augenblicklichen Stand des Kongresses führte. Abgeordneter Stricher, skizzierte die Aufgabe der Versammlung dahin, es [tc notwendig, eine lose Vereinigung zum Zwecke-der Herbeiführung der Uebereinstimmung in den wichtigsten- UM L«a« M LMlMK mffis. ümMfefeea

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