Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 934 (2.9.1921)
- Date
- 1921-09-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2979773-2980013--08627-2994800- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Einzelpreis S Kronen Pran«merationsprerser W ieu: Zu« Abhole» i» der Expedition. 8. Bezirk, Taborstrafie 1. biS 3, oder i» einer Äerfchlrißstelle <L»«Pk): Monatlich. K--«n» 180 — Mit Postversand iü, Wie« und Oesterreich: Monatlich . Krone« 180.—, Tschecho-Tlowaktir Monatlich. .Krone» 18.— Vierteljährlich , 54.- i» isch echo-slowakischer wahr,», Ungarn» Monatlich. . Krone» 70.— Vierteljährlich . »1«.— iu ungarischer Währung Jugoslawien r Monatlich. . .Dinar 18— Vierteljährlich „ Sv.- KONGRESS-AUSGABE Einzelpreis 2 Lfch. Kr. Pränumeratkonspreis«: Polen: Monatlich. . Mark «00*- in polnischer Währung Deutschlaud: Monatlich-. . . Mark 14»- Frankreich: - Monatlich. . - FraneS 0.— Italic»: Monatlich. . Lire 6.— .!limnänicn: . Monatlich . Lei 25.— Schweiz u. da-1-übrige Ausland Monatlich. . . Francs 3.- Redaktion n.illd »einistratiou ' Wie».-.Bez.,Tnbc>rstr.1—3 > -Telephone: 440."8, 4331» av ü Uhr abends Sir. 18801 .Poftsparkassenkrnto 150.693 Nr. 934 Wien, Freitag den 2. September 1921 3. ZkhrgKNg; Vodt unserer Karls bad er Redaktion. K a r l s b a d, 1. September. Sonnige, herbstliche Frühe. Die Kurstadt glänzt und klingt in den Hellen Strahlen sanfter Morgensonne. Lieblich leuchtet das Grün der Wälder, das bunte Farbenspiel der Häuser und der Villen an den Bergeshängen. Die Straßen sind von Tausenden festlich gekleideter Menschen besetzt. Alles hat Festtoilette angelegt. An allen Straßenkreuzungen und Plätzen werden blau-weiße Streifen von Damen und Herren der Gesellschaft ausgeboten. Bald trägt alles die lichten Sträußchen zum dunklen Festkleid. An belebten Stellen kurbeln Kinooperateure, Amateure suchen kleine Genrebilder festzuhalten. Vertreter ausländischer Blätter haschen da und dort einen interessanten Kopf. Unablässig strömt eine tausendköpfige Menge nach dem Kongreßgebäude. An den zahlreichen Zugängen suchen die Ordner vergeblich den Änstmm zu dämmen, der große KöntzrrßsäÄ Wilckl die Menge auf und bald sind Parkett und Logen gefüllt. Tau s.e n d e fü l len den S a a l und Hunderte, die bis zmn letzten Moment gehofft hatten, doch irgendwie eine Karte zu erhalten/ mußten umkehren. Auf der Buhne ist das Präsidium aufgebaut. Alles überragend das Präsidentenpult, darunter anschließend die Sitze der Exekutive und der diplomatischen Gäste. Vorn das Rednerpult, links und rechts' die Tische der Stenographen. Man steht den englischen Gesandten Sir George El a rk. den Vertreter der tsch e cho- 'slo w aKisch e n R e g i e ru n g und den Vertreter der S t a d t Karlsbad. Aeberall Erregung, größte Gespanntheit Man harrt des feierlichen Manifests. Acht Jahre voll des tausendfältigen Geschehens und Prüfungen aller Art — nun ist die Stunde gekommen, wo die Vertreter des jüdischen Volkes sprechen, wo sie über den Weg belichten, neue Bahnen finden sollen. Gegen ^11 Uhr verstummt das Stimmengebraus. Weitznlanns hohe, schlanke Gestalt taucht hinter dem Präsidentenpult auf. Sekundenlanges atemloses Schweigen, dann stürmische, orkanartige Ovationen. Die Hoffnung eines, vielgeprüften Volkes schlägt dem dunklen, ernsten Manne entgegen. Leise-hebt er.-während noch die letzten Rufe ertönen, zu sprechen an. Er liest vom Blatt, ruhig und fest, wie es seine Art ist, in klarer Sprache, der kein Pathos, keine Poesie gegeben ist. Es ist die Sprechweise eines kühl wägenden. Politikers, nichts ist da von der blumigen Redeweise des Orients. Hart und prägnant reiht sich Wort an Wort, Satz an Satz. Er hofft, sagt er zum Schluß, daß'der Kongreß sich der Verantwortung -ewachsen zeige, die auf ihm ruht. Ganz anders S o k o l o w. Zierlich, blond und hell, kommt er gutgelaunt vor das Rednerpult, er hat noch ein munteres Lächeln um die Mundwinkel, er weckt sofort Sympthien, Freundschaft »und Interesse. Man muß ihn anhören, mühelos zwingt er die Hörer in seinen Bann. Es ist geradezu ein Vergnügen, sein alles, quellfrisches Hebräisch zu Hörens die ^-'.'unik dieses einzigartigen Mannes zu sehen, der mit erstaunlicher Kraft der Sprache in breit hingepinselten Bildern dm Leidensweg'des jüdischen Volkes malt. Wenn er über das Martyrium in tiefer Bewegtheit spricht, erzittern die. Herzen der Tausende. Sein Hinweis auf den anwesenden, aus Rußland geflüchteten Dichter Vialik wird zum Anlaß einer enthusiastischen Ehrung für diesen. Seine politischen Darlegungen über den Zionismus, und den Orient, das Verhältnis des jüdischen zum arabischen Volke, die Aufgaben des Kongresses find lichtvoll und .klar ftäft&nrt. Er verstärkt mit leijer mimischer Unterstreichung seine Ausführungen und als er endet, rast ihm stürmischer Beifall entgegen. An der vornehmen, hageren Gestalt des englischen Gesandten, der die Botschaftseiner Regierung verkündet, hängen wie gebannt alle Blicke. Selste Wie d e r h o lun g d e r B a l f o u r s ch e n Deklaration weckt stürmischen Beifall. Man meldet, daß eine Radfahrstafette eingelangt ist. Ein schlanker Junge in blau-weißer Radfahrdreß erklettert die Tribüne und überreicht mit soldatischer Verbeugung .dem Präsidenten des Kongresses eine hebtäische Botschaft der Prager Zionisten, eine Botschaft der Welttumerschaft. Die Stafette ist gestern um 2 Uhr nachts aus Prag abgegang-n. Die Rede Weitzmanns. - Unter allgemeiner Spannung betritt Professor W e i tz m ann die Tnbiine^Mdbeginnt mit der folgenden hebräischen Eröffnungsrede: Es ist acht Jahre her, seit wir zuletzt zum Kongreß zusammentraten. Jahre schicksalsreicher Wandlungen im Leben der Nationen. Sie warm nicht weniger bedeutungsvoll für das jüdische Volk. Der Weltkrieg erschütterte unser ganzes Werk in seinen Grundfesten, die Existenz unserer Organisation war bedroht und wir mußten alle Kräfte aufbieten, um aus dem Z usammenbruch zu retten, was zu retten war. Wir mußten zugleich die politische Bühne betreten, um uns nach Möglichkeit die Bedingungen zu sichern, die uns nach dem Kriege in den Stand setzen sollten, unsere Arbeit auf dauerhaften Grundlagen und in g r ö ß e r e m M a ß st a b fortzusühreir. Wir hatten nichts als die moralische Kraft unserer Idee, unser historisches Recht, unsere unerschütterliche T r eu e zu Zion und den Hinweis auf unsere bisherige Arbeit für die Wiederbelebung Palästinas. Mit diesen Waffen — und nur mit diesen — gingen wir in den Kampf für unsere Anerkennung, als eine Nation, deren Ansprüche beim Friedensschluß ein Anrecht auf Berücksichtigung hätten, und mit diesen Waffen siegten rotr. Das Ergebnis war - die B also ursche Deklaration, die Bestätigkng dieser Deklaration durch die.; verbündeten Regierungen, ihre Ausnahme in den türkischen Fciedensvertrag und die Annahme eines Mandats für Palästina durch Großbritannien mit der ausdrücklichen Verpflichtung, die. jiidi s chnat.ional eH eimstät te zu erri chten. Die Balfvursche Deklaration für sich -- darüber seien wir uns .klar — bietet uns nur d i e Möglichkeit, unsere Frage zu lösen, sie ist kein fertiges nationales Heim, sie ist nur die Grundlage eines nationalen Heims. Wenn Sie versucht sind, darüber zu Klagen, daß auf der Grundlage der Deklaration nicht mehr geschaffen wurde» so vergessen Sie nicht, daß der nahe Orient vöch irr ständiger Anruhe ist, daßder F r-i e d e n sv e r tr a g mit der Türkei noch - 'der Ratifizierung harrt, daß das M a n d a t noch nicht unter eichnet ist. Diese Tatsachen beherrschen die Situation. Wir haben nicht aufgehört und werden nicht aufhören, auf die Schaffung solcher Bedingungenzu dringen, wie wir sie in Erez Israel -zu erwarten berechtigt sind. . Ich vertraue daraus, das; wir Bedingungen erhalten, welche die Möglichkeit fruchtbringender Arbeit sichern. Die britisch e Regiet?ung hat , Nns ihr Wort v e rp f ä n d et, in' voller Kenntnis der Verantwortungen und der Schwierigkeiten, die dies mit sich . brurst. Die britische Regierung will ihr Wort halten, davon sind wir überzeugt. In einer Welt; in der so vieles im Fluß ist, steht das Fundament, unseres nationalen Heims unerschüttert, - vergessen Sie, aber nicht, daß ein st weilen noch keine gebahnte Straße nach Erez Israel führt. . Wir dürfen nicht im Rückschlag nach übertriebenen Hoffnungen geringschätzen, was wir bereits; auf diesem Fundamt gebaut haben und noch bauen. Die Einwan derungsbeschr än k u n g eit und die Schwierigkeiten, die unseren Unternehmungen'', manchmal in den Weg gelegt werden, geben uns manche harte Nuß zu knacken. Selbst heute, mebr als ein Jahr nach dem Beschluß von San Nemo, tritt die dunkle Seite des Bildes noch scharf hervor ' und ich habe nicht die Absicht seine Düsterkeit zu - leugnen oder auch nur zu verschleiern. Aber unsere Arbeit geht vorwärts. Unsere C h a l u z i m haben dem Iischuw und dem Lande als Ganzem ein Element der Kraft zugeführt.' Der Kongreß wird Pläne'für eine E r w e i t e rung unserer K o l o n i s a t i o n s a r b e i t beraten ' und beschließen für die Festigung unserer bestehenden Siedlungen und für die Schaffung neuer Kolo n ie it auf dem kürzlich in Nordpalästina erworbenen Boden. Ein großzügiges Projekt für die Bewässerung und der Plan zur Ausnützung der Wafserk r ä s t e, wodurch eine stattlicheHahl jüdischer Arbeitet beschäftigt werden wird, nähert sich der Verwirklichung.' Eine - i, " . - - Hypothekenbank ist in Bildung begriffen, die das Tempo der städtischen Kolonisation und die Bautätigkeit beschleunigen wird. Der Kongreß wird den wetteren Ausbau unserer F i n a n z t n \t i t it t e in gründliche Erwägung zu? ziehen haben. Ein ä r z t l i ch e s L e h r i ri ft t tat’ im Rahmen unserer geplanten Universrät wird hoffentlich bald Tatsache sein. Wir bedauern auf das - tiefste, daß wir zurzeit noch einen. Teil der a r a b i s ch e n Bevölkerung zu den widerstrebenden Mächten rechnen müssen. Unsere Politik gegenüber den Arabern ist klar und geradlinig. Wir woCsn kein Iota der uns durch hie Valfourschs Deklaration gesicherten Rechte preisgeben und die Anerkennung dieser Tatsache durch die Araber ist eine wesentliche Vorbedingung für die Herbeiführung befriedigender Beziehungen zwischen Juden und Arabern. Ihre einstweilige Weigerung, diese Tatsache anzuerkennen, zwingst uns, auf Mittel Zu sinnen,: durch die wir unseren Iischuw am besten . gegen einen Angriff schützen können. Selbstschutz ist eine elementare Pflicht, aber" mir proklamieren auf das feierlichste Md unzwei-, deutigste, daß wir k e i n e n G e d a n k e n.. a n, Angriff in unseren Herzen hegen und keine Absichthaben, die legitimen Rechte unserer Nachbarn anzutaften. Wir hoffen auf eine Zukunft, in> der-Juden. und Araber in Palästina nebeneinander leben und gemeinsam fürdas Gedeihen .des Landes arbeiten werden. Nichts wird dieser. Zukunft im Wegestehen, wenn erst unsere Nachbarn einsehen,. daß' uns-, unsere Rechte ebenso heilig sind wie ihnen'die ihren.. Die innere Lage unseres Volkes ist noch immervon den Kriegsfolgen beherrscht Dieselbe Zeit, die - uns die Balsoursche Deklaration gab., brachte Zerstörung und Verzweiflung über die stärksten Zentren ' jüdischen Lebens. Solange sich das Ostjudentum nicht in einem gewissen Maße von dem Unglück , er-' holt, muß unsere nationale Arbeit unweigerlich schwer' behindert sein. Wir dürfen hoffen, daß daß amerv k a n i s ch e Judentum sich der schweren Derantwortung bewußt ist, die aus ihm ruht Für jene^ Juden, die heute außerhalb der zionistischen.Organr-' sqtion stehen, ist auf dem Gebiete praktischer Tätigkeit in Palästina sowie kultureller und erzieherischer Arbeit ein weites Feld vorhanden, auf dem gemeinsames Wirken möglich sein wird. Wir sehen im ' Keren Hajefsod > i das Instrument des nationale» Willens zum Wieder-