Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 933 (1.9.1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2979076-2979773-2980012--08619-2994791- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Setie S Wien, AonnerstaK A-ierreL ^orgenzettung 1k Septemver 1S2I Nr. 933 Zwei Welten. (Eine Erinnerung.) Ec steht mir noch heute vor den Augen, der aufgeschossene,, bleiche Knabe mit den schwarzen, brennenden Augen, die so wehmutvoll ins Weite blickten. Er hatte ein bleiches MädHcngesickt, eine schmale, spitze Rase und wunderbar gelockte Haare. Zum ersten Male sah ich ihn im Cheder, wohin ich zur Strafe für irgend einen bösen Streich vom „Besser" auf Ge'icrß meiner Mutter geschleppt wurde. Der „Besser" führte mich in ein. kleine?, schmutziges Häuschen mit halbeingefallenem Dach, vor welchem Äirlr, blasse, rachitische Gcltokinder, im 'Sand spielten, unb über drei verfaulte Treppen in ein ebenerdig gelegenes Zimmer, setzte mich an emen großen Tisch, der mit zwei Bänken das ganze Zimmer füllte, und öffnete vor mir ein großes Buch, dessen vergilbte Blätter mir Furcht einflößten. Er saß mir gegenüber und blickte mich feindlich und neugierig zugleich an. Ich saß voller Furcht vor dem Unbekannten, daS mich hier umgab, und blickte sehnsüchtig zum kleinen.Fenster empor, durch welches goldene Sonnenstrahlen ins Zimmer draußen. Endlich gab mir der Belfer die geraubte Freiheit wieder und ich stmrnle davon und lief — bis ich den alten Iwan trcü, der Pferde zur Tränke führte und mich mitnahm. Mein kleines Abenteuer war schnell vergessen, es blieb nur das beklemmende Gefühl, welches mich auch beherrschte, als ich das erste Mal einen Friedhof betrat. Es vergingen zwei Jahre,, bis ich ihn wirdersah. E/ war in der Zcrt der erbitterten Kämpfe, die wir Volksschüler „A.pikorssim" mit den uns beschimpfenden, fanatischen Jüngern der Thora ausfochten. Wrr befehligten beide un'cre Truppen. Manchmal trafen wir «nS im Handgemenge, sprachen aber nie miteinander. Ich wußte nur, daß er Zwi heiße. Bald verließ ich das Städtchen, um ms Gymnasium zu gehen, sah ihn nicht wieder und vergaß schnell d n Zwr mit den kohlschwarzen Augen. Es vergingen rlf Jahre ... Das Tal Frsreel badete sich in den goldenen Strahlen der untergehcndm Sonne. -Lang dehnte sich die Chaussee, die Haifa mit Razareih verbindet. Einige Araber schlcprtm sich müde des Weges und schauten verwundert nach rechts, von wo ein rhythmisches Geräusch klang, wie das Geklapper einer Wassermühle. Wir saßen im Steinbruch und klopften Steine. Ununterbrochen hoben und senkten sich tie Arme. Jeder saß aus einem Haufen Steine, ganz in seine Arbeit vertieft. Eine Gruppe, die etwas entfernt von uns arbeitete, sang. Jung und stark klang es herüber: „Arm Kümu!" Die Sonne sank tiefer und tiefer und sendete ihre letz'err Strahlen aus. Da begann das herrliche Farbcnfpirl des palästinensischen Sonnenunterganges. Der Himmel wechselte seine Farben vom Tiesblau bis ins Fenenot. Wie der Abglanz einer macht g.u Feuersbrunst lag es vor uns. Wir legten die Hümmer weg und i aßen, stumm die ganze Bracht bewundernd, bis nach violetten Reflexen mattes Grau d.r. hereinbrechengen Nacht, vorauscilte. Plötzlich erzitterte die Lust' von hefngen Detonationen, die schnell aufeinandersolgten. Langsam, majestätisch grollendwiederholte Gr das Echo der Berge. Felsen nur, den gesprengt. Die Gruppe, bi« dabei arbeitete, verkündete Uns so, daß es an der Zö'u sei, nach Hause zu gehen. Langsam erhoben wir uns, noch ganz berauscht von der Fülle der Eindrücke, die uns die Natur gab, .und . gingen dem Lager zu. Ich ging allein, und vor mir schritt langsam, träumeusch hrrumblickend, ein „Grüner", ein Chawerder erst gestern zu uns gekommen war und dem man den Neuling oui den ersten Blick, schon an seinen ganzen Schuhen, ansah. Ich .gesellte mich ihm und wir wechselten einige Worte. 'Die Umerchal ung wurde lebhafter, als wir erfuhren, daß wir demselben Städtchen entstammen. - Es war Zwi. Ich hatte ihn an seinen Augen erkannt Nur das Mädchengesicht und die Locken hatte er nicht mehr. Er erzählte mir seinen Werdegang. Es war der Weg. der» Hunderte beschnitten, obzwar viele -schon unterwegs Halt gemacht'haben. Cheder, Je'chrwa, Hazesira, Zeirri Zron, Schomer, - Eeez Israel, Hammer, Spaten... Bor vierzig Jahren ging der Weg überMapu, SmoleE bis Schiller. Der „Bocher" las sie heimlicherweise in laugen Nächten beim Scheine einer Kerze, zusammengekaüert in der alten Stube der Jeschiwa, und schaute ängstlich nach den Schatten» die über die Wände huschten, er fühlte sich sündig,-aber das Buch zog und zog — und er erlag. Zwi ging weiter. Er klopft' Steine, und als er eine schöne Struktur im Innern eines Steines entdeckte, erzählte' er mir ganz leise, daß er das Geheimnis der Steine, ihre Seele entdecke. Er sah die Schönheit, er fühlte die Allmacht der Natur, verstand sie aber nrcht. Und in seinem nimmermüden Trieb nach Erkenntnis der Dinge, nach Erforschung ihrer Geheimnisse, frag er mich, wie das Gras wachse und wie der Stein entstanden sei. Ich erzählte, weihte ihn ein in die Gehrimnisse der Biotechnik und in die Mysterien der Biologie; er lauschte wie gebannt und nahm alles gierig in sich auf. Am Tage gab uns jedes Pflänzchen und jeder kleine Wurm, jedes Insekt Stoff und Anregung' zu langen Gesprächen, und als der Tag zu Ende war, saßen wir vor unserem Zelt und schauten stumm in den sternbesäten klare» Himmel, überwältigt vom Gefühl der Ergebenheit und Dankbarkeit- Etwas Heiliges war um uns ... St. „Auf du und du mit Hejjas". Der Berichterstatter der »Neuen Freie» Presse" in Westangarn schreit seinem Blatte: j „Mein Kollege begab sich auf den Raaber Bahnhof zn dem Stellvertreter von Hejjas, namens Nagy, der uns in überaus kordral er Weife jeden Schutz zustchrrte. Auf der Terrasse des Cast Noyal traten dann hintereinander Konsul von Bogyay, der Abgeordnete Zahkany und « o ch e i n i g e d res er Z e l e b r i t ä t m auf uns zu. Wir waren während der nächsten vierundzwanzig Stunde« so-«sagen auf du aufdu mit den Führern derErwachendenUngarn, wir saßen an ihrem riesengroßen Tische auf der Terrasse des Cas« Royal, wirpromeniertenmitihnen S e i 1 ran Seite über die Grabenrunde von Oedenbnrg. ES war ei# wunderbares G e füh l d.«r G e b o r g.ei t" .. Es muß wunderschön ansgeschen haben, wie der Korrespondent der .„Neuen Freiest Presse" „sozusagen auf du und.du mit'sheÄ'.'^Vhrrldgxjindrl M'HejjaS tznd>o.ch.Hnjgm dieser Zcle-' britaten"' »Seite, an Seite"^ über die Grabenrundc m Oedenburg bummelten.. Schade, daß. wir dieses Lustspiel nicht Niilarrsehen . konnten. Wir traten indessen dem Herrn Korrrspoudenten der „N e u e n F r e i e n P r e s s e", in t dem HejjaS-Gestndel nicht allzu intim. ,att äverden. Es könnteihm .sonst nämlich passieren, daß er, bevor' er sich d:sseu versieht, plötzlich einer uuangenehmen Operation Unterzogen ' würde und nachher noch cm Freibad in der Donau bergestcllt erhielte. Der Korrespondent der „Neuen Freien Presse" fühlt sich bei den Helden aus dem Hotel,Pannonir geborgen, Er folgt dabei getreulich den Spuren des „Weltblattcs", das, solange es geht, den Horlhy-Spreßgescllen die Stange hält und erst, wenn kein anderer Ausweg mehr übrig bleibtseinen ahnungslosen Lesern bekennt, daß es in Ungarn so etwas wie einen Terror gibt! X; Die Frauenbewegung in Indien. . Em starkes Verlangen nach mehr Freiheit und größeren Rechten geht jetzt durch die ganze.Frauenwelt Indiens und diese Bewegung hat bereits bedeutende ,Erfo!ge gezeitigt. Eure eingehende;' Darstellung; der , indischen! Fraueuemanzipatron gibt H. Page, der Herausgeber des in Bombay erscheinenden auglomdischen Blattes „Aovocate ps Jndig". Die indischen Frauen haben es leichter als ihre Schwestern in den anderey.^astMlschMDndrM'.>yH ihr Kampf--auf kenen Widerstand. brr den Männern stößt. Die indische sseberlieferung läßt der Frau freien Zutritt zu jeder Stellung, der sie sich gewachsen fühlt, und in der indischen G.schichte haben schon verschiedentlich Frauen eine wichtige Rolle gespielt. Gegenwärtig stehen alle politischen Vereine den Frauen offen und die Männer unter- Mitteilungen uns dem Publikum. BAZIA HOTEL PENSION 9120. HAUS I. RANGES Angenehmer Herbst-und Winteraufenthalt Ganzjährig geöffnet; Kongressteilnehmer Begünstigungen Direkte Expresszüge ab Karlsbad und Wien | ©lölSP» 13'ÜL'fc © für Damen und Herren Biber-Stumpen in allen Farben Hutfabrik Gustav Stransky m "Wien, XIV., Kar diaalrlRa-usclxer-Platz Q RESTAURANT KORN Spelsosaal *1® XX., Heinzeimanngasse 1-3 (Ecke W&llensteinBtrasie) 9118 Vorzügliche Küche Wein- und Bierspezialitäten ====st Str&ssenlahnliaie 3, fy. 15, 31, N ond Nk ,, , ' ,1H ,f f). .j i: -H y h. fi eO'iE ,s frßH;; : vf:- v^V „-.-M 1 v: ■ -1 . *■ . Krstklaosigo Preise. Grösster and bester Kfcnfsr Wlni BSIIULAMTEJN, PERLEN Juwelen, Weltflrma Habinowitsch, Juwelier ... MAHLER8TRASSE 5 ' II,, STEPHANIESTRASSE 3. Iiar Ef; 8 (frühsre MaximlllansIrO Toi. 8541 (Jetzigo Hollandstrassa) Im eigenen Hau» Halteatolle Opomring, Zag. Kilrntaeretr. Tel. 4546 Samstag gesohiosiea. 5227 Hören Sie-auch unsere Preise ICultus» and Justiaetalare sowie BareMe, vorrätigod. nach Maß, beim Spezialisten Zivil .u. Uniformschneider fSPJiSOLF GöLOS»T£S^I n.,Taborstrassc54.Telephon SlQltlUIWt.r HUkU9 H &BBI8 45^.29_Cegründet 1868 OrossesLager keinerStokke fürMassbestelhmgen 781 Provinzversand Rf*Slls)nfp>n Füer,en> Juwelen i J M fl A fl ^flfl fl IL fl fl Grösster bester Klurei^ Juwelier 5228 FORST - .«safc, ——n.^- ■■■■■— -"T-n-im >, Habsburgergasts Nr. B9* Zugang vom Graben beim Kohlmarkt “RB0 Wasserdichte Begenmantel Sportjacken-GafnSturen, Kostüme, Kleider aus reiner Wolle m Richard Sorer, Wien, I., 31 Z- I GT T^N?. Z- I CT T- E- N -HM U> E. Wien, III,, K. c n n w e g 79-81 kützen sie in ihrem Glrichberechtigungsbestreben. Die bisherige Ab^ geschlossenhert der Frau von allem Berkchr mit Männern und Haupt- - .ächlrch die Krudrrberraten haben aber die Frau vom öffentlichenLebcn erngehalten- Der Prozentsatz gebildeter Frauen ist besonders unter den Mohammedanern sehr gering. Ein Mädchen, das im Alter von 12 Jahren an einen viel älteren Mann verheiratetwird, kann nur als Kind behandelt werden. Selbst wenn sie Mutter wud, bleibt sie doch noch von ihrem Manne abhängig und in der Zurückgezogenheit des Familienlebens. Wenn aber ihre Söhne heiraten und ihre Frauen unter die Obhut k* Mutter stellen, dann erlangt die indische Matrone einen sehr' bedeutenden Einfluß, und die Rolle, die sie als Schwiegermutter spielt, beweist, daß die frühen Heiraten in erster Linie für die untergeordnete Stellung der indischen Frau verantworilich find, denn die Männer begegnen der älteren Frau.mit. größter Achtung und folgen ihren Ratschlägen. ' .f'.J'-T'&f ‘' . Die indischen Frauen, die. die neue Bervegung leiten, der« wenden all ihre Kräfte darauf, ihrem Geschlecht 'ein'e.' 'Kessere. "Er- Siehung zuteil werden zu lassen, denn sie wissen, daß Kenntnisse die beste Grundlage sind, um einen Platz im öffentlichen Leben auszufüllen. Die Männer, die für ihre Freiheiten dezr Engländern gegenüber kämpfen, unterstützen die Bestrebungen der Frauen nachdrücklich. In der Stadtverwaltung vom Bombay und Madras haben dir Frauen bereits das Recht,Aemter zu bekleiden, und die gesetz- ‘ gebende Körperschaft von Madras hatihnendas volle Stimmrecht bei den Wahlen zugestandrn. Das politische Stimmrecht besitzen die Frauen auch in einigen anderen Staaten. Im Staate Cochiu ' können sie sogar in die gesetzgebende Körperschaft gewählt werden. Ein Beweis für den Fortschritt der Frauenbewegung in Indien ist die Tatsache, daß eine Frau bereits Bürgermeisterin ist. Mit der Ansdrhnung deS Frauenstimmrechts und der weiblichen Bilvung wird die Stellung der Frau in Indien immer stärk<r werden und damit den anderen astatischen Staaten ' als Vorbild drmen. Verhaftung eines Bankiers. Flucht seiner Kompagnon«. s Auf Grund mehrfacher Strafanzeigen ist gestern die Verhaftung eines hiesigen Bankiers erfolgt. Es handelt Ich'um den 53jährigen Bankgeschäftsinhaber Max G r o ß m a n n, dessen Bankhaus eigentlich erst in der Errichtung begriffen war. , Am 29. August erstattete der Advokat Dr. S« M e h l-e r im Namen seines Klienten Isidor B e i s e r im Sicherheitsbnreau die Strafanzeige, daß sein Klient bei der. Firma K a h a n e in Krakau 880.000 Marl . polnischer Währung eingezahlt habe, wofür er beim hiesigen Bank-' und Kommissionsgeschäft G.roßmann & Komp., M , Freihei'.splatz 14, eine Summe von K 374.470 ausgesolgt erhalten sollte. Besser machte hier seine Ansprüche geltend, wmde aber Mt der Bezahlung von Tag z» Tag vertröstet und erhielt auf vieles Drängen schließlich einen Scheck auf den Wiener Giro- und Kassenvereirr. Als er den Scheck präsentieren ließ, erfuhr Besser, daß er, da keine Deckung vorhanden sei, nicht emgeM werden könne. Die gleiche traurige Erfahrung machte der Kaufmann Ehiel Trnnenbaum, der bei der Firma Kahaue in Krakau einen Betrag von 2,761.000 Mark polnischer Währung eingezahlt hatte und bei Grotzmann dafür in österreichischer Währung K 1,784.900 hätte erhalten sollen- Auch er konnte nicht zn seinem Gelbe kommen. Dann melde k sich noch der in gleicher Wesse geschädigte Papmhändler Dav'd Eisen mann, der in Krakau eine Summk von 480.006 Mark polnischer Währung eingezahlt hatte und dafür hier bei der Firma Großmann K 250.000 erhallen sollte. Auch diese beiden Kommrtienten konnten nicht zu ihrem Geldr gelänge» rind erstatletm die Anzeige. Die Erhebungen des SrÄerheitsbureauS befaßten,.sich in 1 dem Bank- und Kommissionsgeschäft Großmann L Comv.', das, , wie erwähnt, erst iy'.' Gründung begriffen ist. Teilhaber sind: der öSjLbrtge Max Ä r « i der ^-Ui, IahrHnst