Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 932 (31.8.1921)
- Date
- 1921-08-31
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite S Wien. Mittwoch Lei aller Achtung vor den sozialistischen Theorien — «nit Palästina wollen wir keine gefährlichen Experimente machen. Wir müssen es so schnell als .möglich wirtschaftlich erobern, um es dauerndzubesitzen. Wir werden es friedlich erobern Und wir .werden 's besitzen, das Heilige Land. Wenn der Araber den Wert der jüdischen Arbeit erkannt haben wird, dann lvird sein Gemüt wieder friedfertig sein und die Einsicht wird ihm sagen, daß diese nach Ere-z Israel zurückgekehrten Juden seine Heimat, unsere Heimat, reich und glücklich machen. Und dann wird kommen der Tag und wir werden uns in Jerusalem versammeln. Aber es wird kein Zionistenkongreß mehr sein, sondern -ei« Judenkongreß. Bis auf eine Gruppe- 7 internationaler Juden, die ungebeten die Welt erlösen wollen, waren und sind alle Juden im Grunde ihrer Seele Zionisten. Nur in dem Maße des Glaubens an Zion unterschieden wir uns voneinander. Aber sind wir einmal so weit, daß wir sorgen- und bedenkenlos uns zu einem Weltkongreß. in Jerusalem versammeln, dann werden die Juden der ganzen.Welt ihre Vertreter schicken zu der glänzenden Versammlung im Festsaal der hebräische« Universität zu Jerusalem. In der feierlichen Eröffnungssitzung wird sich wiederholen, was ich 1897 in Basel erlebt habe: die Freude des Wiedersehens von über die ganze Welt zerstreute ir Brüdern und Schwestern. Aber in Jerusalem wird dieses Hochgefühl der Vereinigung noch unvergleichlich stärker und mächtiger sein. Was ist uns Basel, was sagt uns Jerusalem? In Basel Hoffnung und Zweifel, in Jerusalem Erfüllung und Gewißheit! > _■ Zn der Kongretzftadt. <Voir unserem Karlsbader — n Korrespondent««.) I. Auf der Fahrt natö Karlsbad, im überfüllten Waggon, dort'!<$ plötzlich ans lern Slnmnengcwnr hebräische Laute. Ein jung S Mädchen erzählt einem aufmerksam horchenden Studenten irgcn)- eine Geschichte, eine belanglose Sache; wen» ich recht verstehe, handelt es sich wn eine Wohnungsfrage. Ganz und gar uninteressant. Dennoch lausche ich wie gebannt und fühl: ein seltsam prickelndes Erlebnis im Blute. Zn Prag, wo beängstigend viele Reffcnde in drm ohnchi« vollgestopften Wäggon Platz finden wollen, wird cs noch deutlicher, laß eine jüdische Welle nach Karlsbad flutet. Alte uns ruuge Männer, Frauen. Mädchen. Ost und West quirlt bunt durcheinander, füllt die Gänge, sttzt auf Koffern und — disputiert. Der Rabbiner ans Polen, der Bankmanir aus London, der Berliner Arzt. Menschen verschiedenartigster Jnterrffen haben sich bald in dem gemeinsamen Interesse gesunden und kürzen die Rerse mit oft sehr teniperammtvollrn Betrachtungen. Ei» slowakischer Oekonom, den ich über Befragen von unserem Reiseziel unterrichtete, zeigt sich über den Zionismus ungewöhnlich orientiert. Auf meine erstaunte Frage erzählt er, daß m seinem Städtchen die zionistische Bcrrinsbibliochel die einzige sei und er sie im Winter oft benützt. Karlsbad... Wenn der Zug in der Bahnhofhalle einläuft, flattert dir stolz die jüdische Flagge entgegen und grüßt die beglückt Schauenden» W eviel Freude kann doch ein Symbol schenken! Freiwillige Ordner mit dem Kongrrßabzeicheu empfangen die Ankommenden, fragen mit rnavpir Sachlichkeit nach Namen und woher, weisen die Wobnnngcn an und dirigieren Träger und Kutscher. Zu Debatten ist keine Zeit, die jungen Leute sind von neojüdischer Art. II. Im »S ch ü tz r n h a u s", wo der Kongreß tagen wird, find alle Vorbereitungen getroffen. Der komplizierte Apparat des Kongresses verlangt weitläufige technische Vorkehrungen, zu denen dem vorbereitenden Bureau nicht viel Zeit zur Der« füguug stand. Da reiht sich Buna« an Bureau, das der Exekutive, des Keren Hajeffod. der Landsmannschafte«, Räume für die Presse »s«. Uebcrall Tafeln in hebräischer, englischer und deutscher Sprache. Bezeichnende Plakate, wie z. 23.°. »Wir möchten sehr gerne mit Ihnen über den Kongreß sprechen, haben aber leider k e i n e Z e i t!" , j.f Ja den Foyers interessante Bilder aus Palästina, statrstische Anschauungszrichnungen m bunten Farben. »Die Ernte 1904 — die von 1920", „Die Industrie", .Das Schulwerk* usw. Man sieht den Ausbau des jüdischen Laude?, erwägt die EniwicklungS* Möglichkeiten, und aus Ziffern, Berechnungen und Dergleichen glüht Hossnnng auf. III. Hier sei noch einiges über die Vorkehrungen für die Kongreßbesacher gesagt. Das Bureav deS Kongresses weist die Wohnungen an, die je nach Lage und Ausstattung K 20 bis 40 per Tag kosten. Ein Mittagessen stellt sich auf K 25 bis 30. ein Frühstück auf & IC. Aber auch für die weniger bemittelten Teilnehmer ist gesorgt. Auf Grund einer Vereinbarung mit der Schützenhansdirrktiou wird im dortige» Restaurant ein EivheitSmruü für £ 16 verabreicht. >. Im israelitischen Hospiz wird für A 15 an Minderbemittelte ei» Mittag- und Abendessm gegeben. DieS bedeutet für viele eine wesentliche Erleichterung. . . : " / ■ O Während der Kongreßzeil sind verschiedene literarische, künstlerische und sportliche Veranstaltungen geplant. .Meister Struck veranstaltet eine Ausstellung feiner Werke, ebenso d« Wiener Maler Wilhelm Wachte I- .. 'K Der Jüdische Verlag wird in einrr^ Buchaürstrllmig die gesamte Produktion der letzte« Jahre vorführen. Mit Mali Pico« wird eben wege« einer'<Heparatvvrftellnna der- Wiener TMorgenzerrunA 31. Augusk 1922 Nr. SSL in cpnptn. Es wird immer klarer und unzweifelhafter, daß der Putsch der Offizielsdetachemenls mit Zustimmung der ungarischen Negierung und mit Unterstützung ihrer verantwortlichen Vertreter in Oedenburg von langer Hand vorbereitet war. Auch der letzte Rest von Zweifel wird durch die Nummer des vom westungarischen ChrichstlichnaLionalen Albin L i n d a u e r redigierten und * in Steinamanger erscheinenden »D u n a ntul i E st il ap" vom 29. d. M. zerstreut. In einer Sonderausgabe des genannten Blattes schreibt Lindauer an leitender Stelle: »Mit Schamröte im Gesicht haben wir die schmachvolle Arbeit, die Räumung und Uebergabe Westungarns vollbracht, während gleichgültige, herzlose Ententeoffiziere mit hochmütigem Gleichmut Kiebitze dieser Arbeit waren. Das Volk hat trauernd, weinend und zähneknirschend, ohne sich zu rühren, mit angesehen, was da vorgeht. Im Verlaufe weniger Stunden jedoch durchzog das Volk der Entschluß: Wir geben es nicht her. Es hat bloß einiger Püffe bedurft. Der erste Zusammenstoß hat bereits feine Verwundeten und Toten, bei P i n k a f ö steht der Kampf, bei A g e n d 0 r f widerhallen die Berge von Gewehrfeuer, bei Bruck pfeife« die Kugeln.*. Lindauer wendet sich nun mit aufreizenden Worten an die E l f e r h u f a r e n, an die 83er-,, 106er- und 18er-S 0 l d a t e n und fährt fort: »Mögen nunmehr, die schwachen Herzens find, beiseite stehen. Vorwärts, Ihr Mutigen, da nun einmal die Würfel gefallen sind, vorwärts zu den Waffen jeder, der starken Herzens ist! Laßt uns Westungarn nicht weitergeben!" Lindauer dankt schließlich Stephan Friedrich und dem Regierungs- Kommissär Grafen S i g r a y dafür, daß dieser auf eigene Verantwortung die Parole ausgegeben habe, daß Westungarn nicht geräumt werden darf. Interessant ist übrigens, was Lindauer über die »hohen Säfte" in Westungam schreibt: „Wir sehen hier seit einigen Tagen Stephan Friedrich, Ungarns ehemaligen Ministerpräsidenten, bei dessen Erscheinen überall im christlichen Volke die Anhänglichkeit an das ungarische Vaterland mit Elementargewalt aufflammt. Auf seinen Ruf hin fetzt sich das Volk zu Hunderttausenden in Bewegung. Gestern war er gerade in Pinkafö, als' an . der Grenze die ersten österreichischen Truppen auftauchten. Dort kam es auch zum ersten Kampfe. Hier ist auch Ivan H e j j a s, der berühmte Hejjas von Keeskemet, und auch Georg S m r e c f a n y i, der große Führer der »Erwachenden Ungarn", und liebevoll folgt das westungarische christliche Volk seiner mächtigen Gestalt. Er kam, ilrn zu agitieren, und die Folge war, daß er gestern angesichts der großartigen Begeisterung des Volkes sich sofort selbst meldete, um in irgendeine der aufständischen Truppen als Freiwilliger ausgenommen zu werden. In derselben Nummer des genannten Blattes wird unter dem Titel »Wir geben Westungarn nicht her!" auf die Verordnung des Regierungskommissärs Grafen S i g r a y, die Räumung emzuftellen, verwiesen und mitgeteilt, daß die für den 29. d. M., 4 Uhr nachmittags, in Aussicht genommene Uebergabe Westungarns unter Leinen Umständen stattfinden werde. Die Schuld der Entente a« den VorfLllen in Westungarn. Wie«, 30. August. Di« offiziöse „Politische Korrespondenz" schreibt unter anderem: In der Frage der bewaffneten Gewalt, die angewcndet werden sollte, um' das Burgenland zu besetzen, erwies es sich als unmöglich, die Entente davon zu überzeugen, daß die österreichische Regierung nicht cui Übertriebener Aengst« lrchkeit, nicht aus übermäßiger Einschätzung der zu erwartenden Schwierigkeiten die Erlaubnis zur Verwendung von Wehr' mochttruppen verlangte. Die Erklürnug liegt dann, daß mau sich in den EntrutrhauPtfiüdten ans,.die wiederholten,-.auch noch im letzte« Augenblick erneut abgegebenen $3e 11 ich erurigen der ungar ischen Negierung verließ, daß sie deu F r i e d e n S v t r t r 0 0 i n >l später Weise d rr r ch f ii h r e n ' u n d W i d e r.st 0 « b gegen den Gebietswechsel 'weder leisten no'ch dulden werde. Zu wiederholten Malen hat Oesterreich diese Forderung unter anderen auch in Paris gestellt, immer wieder ist mit der ausdrücklichen Weisung geantwortet worden, sich der Verwendung militärischer Kräfte gänzlich zu enthalten. Auch noch nach dem Anstouchen und de« Gewalttätigkeiten der von ungarischen Offizieren geführte« Banden hat die Entente, anihrem durch die Tatsachen so deutlich widerlegtenM t4« .a d p,u nk'te festgehalten. Daß österrrichischevseits iin ' dieser Hinsicht kein Versäumnis verliegt, geht daraus hervor, daß von Anfang an drei Bataillone für die Besetzung des Landes in Aussicht genommen waren und in Erwartung einer Aendernng m. der Auffassung der Entente i» diesem Augenblick vollkommen. bereitgestellt find. -v%u,U^ .• . Die Frage «ach der..Bera»twortu»g ist unter solchen Umständen leicht zu beantworte«.' ED ist «ich t d ie S ch i^t d der österreichischt'tt Regierung, >wena ihre wiederholt« Mitteilung« Üb« das Anstauchm verdächtiger von der Botschaftrrkouferenz und der Generalkomtnisston für de« Ausdruck unbegründeter Besürchtungen gehalten «»d entsprechende Gegenmaßnahmen für überflüssig, wennjuicht gar schädlich erachtet wurden. Die Entente hat eben nicht mit der Leichtfertigkeit jener Elemente, die in den letzten Togen Westungarns zum neum Schauplatz ihrer bcwahrtm Putschtaltik auSersehe». haben und auch damit nicht gerechnet, daß die ungarische Regierung, dir sich immer der konsolidierten Zu st andern ihrem Lande rühmt, ihre wiederholten ^ernstlichen Zusagen nicht einhalten könne. \ Es wird vor allem Aufgabe der Entente s e i n m ü ss e n, gutzuniachen, was von; ihrer Seite verabsäumt worden ist. ' - vi'.: \;*• -> ' Die Horthy-Betyarew leugnen und verleumde«. Das Ungarische Telegraphen-Korrespondenz-Bureau, dieses Sprachrohr der Lügen und Entstellungen, der, Horthy-Regierung.^ sucht in seiner Darstellung der Vorgänge in Westungarn alle Schuld an dem Bethareneinbruch von sich abzuwälzen und hat die Frechheit, für das Blutvergießen die ö st e r r e i ch i s ch Regierung verantwortlich zu machen. Die ungarische Regierung scheut sich hiebei nicht, dem Ausland abermals die Fabel von der aufrührerischen Tätigkeit österreichischer^ Kommunisten anfzutischcu und dabei noch sich iifor, Oesterreich lustig zu machen, indem eS e i»e m Teile der österreichischen P r e s s e zu bedenken gibt, daß ihre Erregung über den .Banditeveinfall in Westungam -vom Gesichtspunkte des augesirebten Zieles, das die endgültige Regelung der zwischen Oesterreich und Ungarn bestehenden strittigen Fragen und Schaffung eines freundnachbrrlich« ,Verhältnisses (!) angestrebt, außerordentlich bebauernsw«t>A".^-i!'! Gegen diese freche Verhöhnung des Rechtes war eS wahilich überflüssig, daß die österreichische Regierung eine neuerliche Klarstellung deS wahrlich durchaus klaren RechlSstandes erläßt. 1 Bethlen begründet die ungarische Erpressung. Budapest, 30. August. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Mi,lister. Präsident Graf Bethlen äußerte sich heute über die west-, ungarische Frage vor Vertretern der Presse unter anderem: Wir haben im Verlause der Verhaikdlnttgelr mit Oester«^ reich anfänglich die vermögensrcchtlichen Fragen nicht aufgeworfen — unter den letzteren verstehen sich in erster! Reihe die von Oesterreich' für die ungarischen Staatsgüter' zu zahlenden Beträge — weil, wenn es gelungen wäre, hinsichtlich des Gebietes eine Vereinbarung zu treffen, allch ein gewisser Teil der Staatsgüter in unseren Händen geblieben wäre. Die ungarische Regierung steht auf dem Standpunkt,' das;' sie 'den Vertrag von Trra'non unterschrieben hat, und sie wird daher ihre Verpflichtungen erfüllen. Wir köntren uns auf keinen anderen Standpunkt stelle« und müssen demzufolge das Gebiet übergeben. Wir haben auch die Uebergabe nicht verweigert, sondewr bloß ein Drittel des Gebietes in Schwebe gelassen, bis uns Bürgschaften geboten würben, daß auch Oesterreich seine Verpflichtungen erfüllen wird. Bis zum heutigen Tage haben wir keinerlei Bürgschaften in dieser Richtung. Uebergeben wir das Gebiet Oesterreich, ohne daß eine Einigung in dieser Frage zlrstandegekommen wäre, so verblieben dem ungarischen Staate k.ine Garantien. In erster Reihe handelt es sich also um die Ablösung der Staatsgüter, deren Wert Ungarn heute auf. etwa .3,6 Milliarde^ schätzt. Geklärt muß ferner die Banknvtenfrage 'werden. Oesterreich' muß unbedingt einen gewissen Stock der ungarischen Bankirotenschuld üb:rnehmen. Der Regelung bedarf auch die Beamten fr a ge/ Das mindeste, was Oesterreich tun muß, ist Ucbcrnahmr oder Pensionierung unserer Beamten. Dann muß auch die Frage der gemeinsamen Güter bereinigt werben. Wir stchen nicht auf der Grundlage der Weigerung, den Trianoner Vertrag zu erfüllen, sondern wir fordern von Oesterreich Bürgs chaf ten, daß es seine aus der GLbietsübernahme erwachsenden Pflichten ebenso erfüllen^ wird wie Ungarn. Der Beschluß des auswärtigen Ausschusses des österreichischen Nationalrates rechnet offenbar damit, daß Oesterreich nach Uebergabe des in Rede stehenden Gebietes als glücklicher Besitzer die Verhandlungen so lange hinzieyen könne, als ihm beliebt. Für uns ist es Zeit, daß wir unsere Rechte, falls wir solche besitzen, geltend machen. Di: Räumung der Baranya durch die Serben ist noch nicht vollzogen. Die imgarische Regierung hat keinerlei Widerstand in Wepungarn organisiert. Wo sie Widerstand leistet, da tut sie dies offen »mb wahrhaftig. Die Regiemng hat Kenntnis, davon, daß'gewisse Derbände den Versuch unternehmen wolle» ober unter«!ehmeik, Freischärlertr,fttz>en zu organisieren. TÄungarische Regiermrg tritt jedoch! diesen Bestrebungen in der energischesten und unerbittlichsten Weise entgegen. Die Regierung war heute nachts gezwungen, in O.'e b e n b u r g z w e i L e u t 0 erschieße« zu lassen, die eine« Lhntiche« Ders-uch unternommen hatten. Die Reglung hat die strengsten KersügUngeu getroffen, baß die nicht vrtszustäudige« Personen sofort entfernt werden« Ihre Berfügm»gen werdM jetzt vollzogst Die Regierung duldet keinerlei Zuströme«/