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Wiener Morgenzeitung · 1921-08-28 · Heft 929 (28.8.1921) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 929 (28.8.1921)
Date
1921-08-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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äouyuii xmI neue s ■MMMC«eita«a0KWMaMli M Me KrcktfW. Der Notenwechsel mit Ungarn. Die ungarische Regierung sucht von Westungarn wenigstens noch OeLenbnrg im letzten Augenblick -u retten und hat darum in rascher Aufeinanderfolge zwei Noten an die österreichische Regierung gerichtet. Um nicht den Anschein eines unfreundlichen Vorgehens zu erwecken, wollte Bundeskanzler Schober mit der Beantwortung der ungarischen Noten nicht bis nach der vollzogenen Uebergabe des Burgen langes zuwarten. Er ließ darum für gestern den Ausschuß für AeußereK zusamrnenberufen, dem er die ungarischen Vorschläge unterbreitete. In den vorausgegangenen Beratungen der Parteiführer, die bis in die gestrigen Morgenstunden währte», hatte man sich so weit geeinigt, daß als Tenor der Ungarn zu erteilenden Antwort festgestellt wurde: Verhandelt wird über die Ungarische« Forderungen erst «ach der vollzogenen Uebergabe des Bttrzenlaudes. Fm Auswärtigen Ausschuß skizzierte Bundeskanzler Schober zunächst die Entwicklung der burgenländischen Frage seit der letzten Sitzung des Auswärtige» Ausschusses, und fuhr dann fort r Die Note von» 29. August. Am 20. August hat mir der ungarische Gesandte eine Rote überreicht, der ich entnehmen zu können glaube, daß die ungarische Regierung, entgegen der unter dem ersten Eindruck des Beschlusses des österreichischen Ausschusses für Aeußeres eingenommenen Haltung, doch die Absicht habe, nichl jede Möglichkeit der Annäherung und Verständigung ab zu sch neiden. In derselben Richtung könnte auch die ungarischerseits erfolgte Einladung zu einer vor wenigen Tagen in Raab eröffneten Konferenz zur Besprechung der sich aus der Uebergabe des Burgenlandes' egebenden Verkehrsfragen gedeutet werden, wenn ich nicht gerade heute von einem österreichischen Teilnehmer an dieser Konferenz hinsichtlich des Verhaltens der ungarischen Delegierten weniger erfrulicheMitteilnikgen bekommen hatte. In der Note des ungarischen Gesandten vom 20. d. M. erklärt sich die ungarische Regierung einverstanden, Verhandlungen, die den gesamten Komplex der zwischen den beiden Staaten schwebenden Fragen umfassen sollen, einzuleiten. Allerdings knüpft die ungarische Mgierung daran die Bedingung, baß das von Ungarn in seinem Vorschlag vom 4. d. M. beanspruchte Gebiet, und falls darauf nicht: eingegangen werden könnte, wenigstens die Stadt Osdevbnrg und deren Umgebung bis zur Beendigung der Verhandlungen in ungarischen Händen verbleibe. Die ungarische Regierung verlangt auch eine diesbezügliche Jnitiativnritteilung österreichischerseits an die BotschafterVonferenz in Paris sowie das Verbleiben der Gesamtheit der ungarischen Funktionäre im Lande. Die ungarische Regierung erklärt in ihrer Note sich auch bereit, im äußersten Falle daS Prinzip einer auf dein von ihr an gestrebter Gebiete durch'zuführenden Volksabstimmung anznnehmen. Die österreichische Regierung hält sich selbstverständlich an den ihr vom hohen Ausschuß vom 13. d. M. erteilten Auftrag, Verhandlungen erst dann zu beginnen, wenn das Oesterreich zngesprochene Gebiet Westnngarns ungestört übergeben wurde, für gebunden und konnte daher dem Herrn ungarischen Gesandten nur eine in diesem Sinne gehaltene vorläusige Antwort erteilen, hat jedoch gleichzeitig versprochen, die ungarische Note noch vor dem Uebergabstag, das ist dem 29. August, dem hohen Ausschuß vorzulegen und dessen Beschlußfassung der ungarischen Regierung gleichfalls noch vor dem 29. d. M. zur Kenntnis zu bringen. Jtch> stelle dem Ausschuß zur Erwägung, der ungarischen Re?» gierung jenes Entgegenkommen zu bekunden, welches, ohne unserer Auffassung Abbruch zu tun, den Beweis unseres ernste« Willens, zu guten Beziehungen zu gelangen, tu deutlicher Weise zum Ausdruck bringt. Ol hiebei der in der ungarischen Präposition geäußert Gedanke einer Volksbefragung auf ein engumschriebenes Gebiet abgestellt oder ein konkreter Vorschlag in lokaler Beziehung in Betracht kommt, muß von der sozialen Meinung deS Ausschusses abhängig gemacht werden. . Die Ungarische Regierung hat für den Fall fttek Ablehnung oder nicht befriedigenden Erledigung ihre» Vorschläge schon in dieser Note vom 20. August a» gekündigt, sofort über einen ganze« Komplex nn^rarischer Fordern«» gen gegen Oesterreich Verhandlungen zu erbitten, und hat sodärm kn ekner weiteren Note vom 25. A»gust Garantien, betreffend die Ablösung der in Westungarn gelegenen Staatsgüter, beziehungsweise Teilung der dort befindliche» gemein-, samen Güter verlangt. Nicht unerwähnt möchte ich kaffe», bvß Nach der Meldung des in Jenuersdors stationierte« Entente offiziers .!\- >- . jugoslawische Truppen in dem «ns Vertrags» mäßig ^gesprochene« Gebiete drei Gemeinden besetzt haben. Diesbezügliche Proteste in Belgrad wie in Paris dürften die Zurückziehung dieser jugoslawische» Truppe» zur Folge haben. Wie unsere Vertreter aus Belgrad telegraphisch meldet, hat er seitens der jugoslawischen Regierung die Zusage erhalten, daß, wenn sich die Lage tatsächlich so verhalte, in kürzester Zeit die Remedur erfolgen wecke. Der Kanzler gedachte bann der Unterzeichn»««; des FriedensverLrages mit dr« Vereinigte« Staate« "" und bemerkte bezüglich der Kreditfrage: ' Ich möchte' vor allem die aus Anlaß' der Miss des Herrn Finanzministers nach Paritz wieder aufgetauchre Besorgnis, als stürche es mit den' Krediten wieder schlecht, zerstören. Wie ich! schon am 13. August im Ausschuß mitteilte, hat im Gegenteil das Völlerbundkomitee bereits für die Flüssigmachung der Vorschüsse österveichischerseits die nvttvendigen Sicherstellungen verlangt. Diesem Wünsche, wurde m einer noch am 13. b. M. abgehalüeneu Sitzung des Fünferkonntees des Nationalrates entsprochen und das diesbezügliche Material dem Völkerbunddelegierten Sektionschef Riiß Hansen übergeben. Bezüglich' der Effektuierung dieser Vorschüsse wurde: nun der Finanzminister vom Völkerbund zu den Besprechungen nach Paris eingeladen und ist am Sonntag! abends dorthin ab gereist. Nach allen mir zuteil ge-- wordenen Informationen kann ich an dem günstigen Ergebnis der Reise des Finanzministers nicht zweifeln.- Die Beratungen des Ausschusses' wurden ums 1 Uhr unterbrochen und um halb 4 Uhr nachmittagsfortgesetzt. An die Ausführungen des Bundeskanzlersj schloß sich eine lebhafte Debatte über deu Friedens-, vertrag mit Amerika. Nach einer ausführliche» Erörterung der westungarischen Frage wurde svlgevde; Entschließung einstimmig angenommen: Der Msschuß hält an seinem Beschluß Vom 13. August fest. Er ermächtigt die Regierung, sofort! nach Uebergabe des Oesterreich zugesprochenen Gebietes die iu Aussicht genommenen Verhandlungen mit der ungarischen Regierung aufzunehmen, aber schon jetzt der ungarischen Regierung mitzuteilen, baß Oester-! reich den Abschluß eines Vertrageanstrebt,- in dem alle das künftige Verhältnis zwischen Ungar»; und Oesterreich berühreichen Fragen bereinigt wecken- und die Abgrenzungsfrage, vorbehrtttlich der' Zustimmung der Signatarmächte des Saint-Germaine» Vertrages und auf Grund der Willensäußerung des. burgenländischen Volkes selbst, einer einvernehmlichen Lösung zugeführt wird. Die nächste Sitzung des Ausschusses findet «w 1'. September statt. Tagesordnung: Der Friedensvertrag mit Amerika. « ittl « ng internationaler Konflikte vor. Dieser Rntnig wird d-m Sekretariat des Völkerbundes eingereicht. Die intsrvarlaiueMarische Union konstituierte ihren Rat m welchen nur jede naüonale Gruppe zwei Mitglieder entsendet. Präsident deS Rates »st, wie bisher. Lord Weardale, Generalsekretär Dr. Ehr. Lange. Alexander Wekerle. , Der. im Alter von 73 Jahren verstorbene ehemaligungarische Ministerpräsident Alexander Wekerle : vielt in der Geschichte der Juden Ungarns eine bedeutsam« Rolle. Als Sohn eines Beamten hat Dr. Wekerle trotz seiner hervorragenden Fähigkeiten Und seiner unbeugsamen Energie es nicht leicht gehabt, in den Achtzigerjahren, als noch der Feudalismus in Ungarn bas gesamte öffentliche Lebe» beherrschte, sich gegen den Willen der aristokratischen Oligarchie bis zur höchsten politischen Stelle durchzuringen. Wekerle war ein durchaus überzeugter Liberaler, der einzige, der seinem Liberalismus auch' nach' dem Zusammenbruch und selbst unter dem Weißen Terror und unter dem christlichen Kurs treu geblieben ist. Wekerle, der Schöpfer des Gesetzes über-die Rezeption der Juden in Ungarn und der Verfechter her kirchenpolitischen Gesetze überhaupt, hat, wie er sich einem nahen Freundeskreis gegenüber wiederholt äußerte, wegen des jähen Sturzes, ren die ungarische Politik vom Liberalismus hinab zur finstersten, rücksichtloseston Reaktion durchgemacht hat, 'erlisch schwer gelitten. Er hat wohl fein« hervorragenden finanzpolitischen Kenntnisse bis in dis letzten Tage seines Lebens seinem Vaterland« zur Verfügung gestellt und trotz seiner unerschütterlichen liberalen Auffassung war bas Vertrauen in dies« Autorität als Finanzpolitiker selbst in diesem verlotterten Hvrthy-Ungarn so groß, daß Hegedüs sein« großen waghalsigen Finanzpläne nickt besser in der Nationalversammlung einzuführen glaubt«, als das; er einleitend zu seinem Expo sä die Bemerkung machte, baß er seine Finanzpläne, bevor er sie der Oeffentlichkeit übergab, Wekerle vorgelegt i abe. Allerdings wurde es erst später bekannt, baß Weierle groß« Zweifel in die Durchführbarkeit und in dir: Reellität der Hegedüs'schen Finanzreform gesetzt habe. An der allgemeinen Landespolitik des gegenwärtigen Regims wollte Wekerle in keiner Farin teilfyäbtvt, wenn er auch wie viele andere nicht den Mut aufbrachi«, gegen die Hvrthh-Banden und die .H e i i a s - B u b e u ein energisches Wort zu sagen, offenbar weil er wußte, daß die Moralität unter dem ehristlich'nationalen Kurs bereits so fies gesunken und der Hatz gegen alles Liberale' so stark angewachsen ist, daß er selbst vor einem Wekerle, dem um Ungarn so hochverdienten Staatsmann, nicht Halt machen würde, wenn er gegen das neue Regime Stellung nehmen wollte. _ Inland. Das englisch - österreichische Schiedsgericht. . London, 27. Angnst. (Reuter.) DaS Haudcksamt $t&t kefnroit: Entsprechend Art. 266 bc§ Vertrages von St. Germam, 'e .-nnt das englisch-östeneichi^che gemischte Schrcdssierichl, d:m Ha t rls englisches ttnh Hommerfthlag als österreichisches Mitqlird -»gehöre«, demnächst in London seine A' beit. Ein bedeutender T«l dieser Arbeit wird darin bestrben, Beschwerden bezüglich der Schulde» gemäß Abschnitt III, Teil 10, des Vertrages sowie tslchr. die sich anS Streitigkeiten zwischen britischen «nd österreichischen Staatsangehörigen oder britischen und östneichischrn Ltq->id tuingSämler» ergeben, zu erledigen Die Ermordung des Abgeordneten Erzberger. Die Derfolg««g der Täter. Griesbach, 27. Augnst. GrnrralstaatSanwalt Schlimm -us Karlsrnhe, der die Unterfachung in der Angelegenheit der Ermordung ErzbergerS fährt, sowie StaatSanwalt Bnrger anS Offenburg, sind beute vormitlagS mit Krimmalbeamtm und Peamte» der politische» Abteilung a«S Stuttgart, die auf Wunsch HZ ReichSlnstizministerivmS znge^ügen worden sind, in Griesbach einMosftn. Zunächst «nrde die Gattin deS Ermordeten Über ihr mgegangmm Drohungen und eventuelle« Anhaltspunkte, die mr Feststellung der Tater führen könnte«, einvernomntt«. Zodann begab sich di« GerichtSkommissto» an den Tatort, wo Grrichtschemißer P^p a«S Frankfurt a. M. eine Untersuchung der Leiche pornah«. Uebrr die mutmaßlichen Täter war in Griesbach mrr z'r nlahre». daß bereits vor einige« Tagen zwei Männer im!W-lische» Mntttthei« «achfmgten, ob dort der Abgeordnete Erzberger «ohne. Sie erhielten jedoch von den katholischen Sälweste, n nur eine abweisende Antwort. Seä zwei Tagen bi Ift» sich tu Griesbach zwei junge, etwa 25jährige Männer aus' d'.e sich als BersichrrungSagentm anSgabm. Frau Erzbcrgrr hat ansg-'atzt, daß ihr Mann schon seit längerer Zeit von einem t-'N^u blonden Mann sowohl in Berlin als auch au anderen v rsolgt worden sei und daß man ihm veu'chiedrntbch grithVrt! hä\'t . Berlin, S? August. Die .BoMchr Zeitung* meldet: MÜ »er Äufktärung deS Mordes an Grzbrrger beschäftigt sich auch die Verliatr Kriminalvolizü. Heute riachmrttaps wird bereits eine .^onrmiision, bestehend aus zwei AriminallommistLre« und einem größeren Stabe von Beamten der politische» Polizei, nach Griesbach «-reifen. In der politischen Abteilung des Polizeipräsidiums selbst ist heute vormittags der Mordbereitschaftsvienst zusammengetreten, um von der nach Griesbach entsandten Kommission sofort alle Meldungen eutgegenrunebmen. Die Berliner Kriminalpolizei verfolgt schon seit Anfang Juli einen jungen Manu, der mehrfach in Gesprächen geäufierl hat. er «erde Erzberger aufsuchrn und ihn über den Hauten schreßen Die Nachtorschnuge« nach diesem jungen Manrr sind bisher rrsvlglvs geblieben. Die PersonSbeschrnbnug wird morgen von der Polizei an den An» schlagsänlen bekanntgemacht rorrden. Berti«. 27. August. (Tel.-Komp.) Die ganze Berliner Presse verurreiU e nmiiiig daS Äüenia'. ans den AbgeordnüL« Erzberger und meint, daß zweifellos politische Hintergründe ansschlaggebend warm. Während die linksgerichtete Preste dip schärfsten Ausdrücke gebraucht und die Tat den Rechtsparteien zuschiebt, gibt die andrre Seite Erzberger die Schnld an den Zuständen nach dem November 1918. Sie stM die Ermordung als die Tat von Wegelagerrru dar. Die *$3oijtfdje Zeitung* erklärt, alle Nachrichten stimmen darüber überein, daß das Verbrechen e>« politischer Mord sei. Die Mordtat könne Folgm haben, die für daß gesamte deutt'chr Volk vo» enlschüdender Bedeutung se>n können. DaS »Berliner Tageblatt* bemerkt, die Rückwirkung auf die linksgerichtete« Masten werde nicht ansblelben. Der ss?.ial^emokratische »Vorwärts* schreibt, daß die Urheber dieser Tat sich nicht täusche» mögen. D«e deutsche

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