Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 922 (21.8.1921)
- Date
- 1921-08-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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«srener MorgenzeilitnF TTCnx-nar 21. August 1921 Nr. ssr Unser Kongreß. b'. W i e n, 20. ÄuMÜ.! Der am '1. September in Karlsbad zusammentretende zionistische Kongreß bedeutet den Anbruch einer neuen Älera in der zionistischen Arbeit. Dieser Kongreß setzt nach einer jahrelangen Unterbrechung, die der böse Krieg veranlaßt hat, die Kethe der Tagungen fort, welche nach den Intentionen ihres Schöpfers Theodor Herzl das Parlament des jüdischen Volkes bilden sollen. Der mehrjährige Riß, der zwischen diesem Kongreß und seinem Vorgänger klafft, ist ansgestillt durch eine unendliche Leidens summe für das jüdische Volk, und das Leid des Erlebens hat auch die zionistische Arbeit nicht verschont, welche durch eine wunderbare Fügung des Schicksals gleichzeitig ihre stärksten Behinderungen und Erschütterungen unb ihren größten politischen Erfolg erlebte. Nun schließt sich wieder der Ring und die Kontinuität der zionistischen Arbeit wird durch den -Kongreß, das höchste Forum der zionistischen Mli? ibcwegung, auch äußerlich besiegelt. Schon die Tatsache seines Zusammentrittes ist für die zionistische Tätigkeit ^bedeutungsvoll, welche im gegenwärtigen Augenblick der .Zusammenfassung aller Energien bedarf, und der Kongreß ist berufen, belebend urch auffrischend auf die Arbeit in den verschiedensten Ländern zu wirken und starke Impulse zu geben, die bis an der äußersten Peripherie de? jüdischen Lebens fühlbar werden sollen. Dieser Kongreß übertrifft an Bedeutsamkeit alle seine Vorgänger, die ihm gegenüber wie bloße Vorläufer erscheinen. Der Zionismus hqt nunmehr hie ganze Weite einer anerkannten politischen Bewegung gewonnen, mit welcher hie Mächte rechnen, uud^ er schickt sich Mnnrehr an, diesen seine präzisen Forderung gen zu präsentieren. Roch ist der SchlußpuM zu dem San Nemo * Traktat nicht gesetzt, da? Mandatsprovisorium besteht noch immer und hie kardinale zionistische Forderung geht dahm, daß durch die Ratifizierung des Mandats durch den Völkerbund ein unerschütterliches Fait aecompli geschaffen werde. Die andere Forderung Uber geht an England.selbst, dessen, jüdischer Vertreter in Palästina, der High Commissioner Herbert Samuel, eine Interpretation der -Bglsour-Er- 'klärung versucht hat, die geeignet ist, neue Unklarheiten zu schassen. Es ist Aufgabe des Kongresses, auf Klärung zu drängen und eindeutig feststellen zu lassen, was politische Taktik ist und welchen Weg England zur Erfüllung seines hem jüdischen Volk gegebenen Versprechens einzuschlagen gedenkt. Diese Klärung ist umso dringender nötig, als der plötzlich bekanntgewordene Entschluß Herbert Samuels, eine gewählte, konstitutionelle Körperschaft zu schaffen, neue Probleme auftollt, die nur unter Mitwirkung de? jüdischen Repräsentanz und unter Bebachtnahme auf das Endziel, die Schaffung eines, jübischnationalen Hermes, gelöst werden können. Weitere Forderungen werden die Aufhebung der Einwanberungseinschränkungen und die Schaffung von gesicherten Zuständen m Palästina ja betreffen haben. Wer mit der Aufstellung politischer Forderungen ist die Aufgabe dieses Kongresses nicht erschöpft. Er wird vielmehr die Ueberzeuguug in den jüdischen Massen Ku festigen haben, daß die Politik allein kein Weg sein kann, um das jüdische Palästina zur Tat werden zu lassen, daß vielmehr politische Aktionen nur dann von Wert und Erfolg sein -können, wenn sie sich auf die begleitende Tat stützen können. Mehr als bisher, in -ungleich stärkerem Tempo, wird die jüdische Aktivität sich entfalten müssen, wenn die jüdische Mehrheitsbildung in Palästina in absehbarer Zeit zur Tat werden soll, Es ist im verflossenen Jahre vieles versäumt worden, viele kostbare Kräfte gingen in den inneren Kämpfen mit der früheren Leitung der ameriLanischen Zionisten verloren, und es wäre kaum zu den Exzessen in Erez Israel und zu allen ihren unliebsamen Folgen gekommen, wenn das jüdische Volk durch die schassende Tat bewiesen hätte, daß es ihm ernst ist, mit seinen Absichten und daß ein eiserner Wille vorhanden ist, gegen den jeder Widerstand nutzlos ist. Es unterliegt keinem Zweifel, daß nur die jüdische Untätigkeit den Drahtziehern der arabischen Bewegung, den Efendis und ihren Einbläsern, den ftanzöfischen und klerikalen Gegnern des Zionismus, Mut machte, und daß sievon der jüdischen Schwäche zu profitieren gedachten, als btefe allzu deutlich bemerkbar wurde. Der Kongreß wird zu unterstreichen haben, daß die praktische Aufbau arbeit im Lande das sicherste Mittel ist, dieser Gegnerschaft auf friedliche Weise entgegenzutreten und er wird seinen festen Willen kundtun müssen, daß endlich die großzügige Arbeit ausgenommen werde, deren Effekt im Lande geeignet sein wird, jede Gegnerschaft gegen das zionistische Werk im Lande verstummen zu machen. Daneben bedarf freilich die sogenannte Arabersrage der dringendsten Klärung und die zionistisch' Arbeit in diesem Punkt eines sestumrissenen Programms. Man hat bisher rn unheilvollem Optimismus alles allzusehr der Entwicklung überlassen, und vieles wird nachzuholen sein, das versäumt worden ist. Es gilt km jüdischen Volke eine bestimmte Ideologie in der arabischen Frage zu schassen und vorzusorgen, daß kein ungesunder Chauvinismus die letztens zutage gebetene Spannung vergrößere und Unheil anrichte, Es wird darum gehen, das Vertrauen her Araber zu gewinnen und durch systematische Arbeit die Brücke zwischen den beiden Brudervölkern zu schlagen, den Arabern die Ueberzeugung beizubringen, daß die Realiiierung des Zionismus auch ihnen selbst zum Heile t Budapest, 2ü. August, (Unfl. Tel.-Korr.-Aur.) Minister- Präsident Graf Stephan Be 1 hlen veröffentlicht a: läßlich deS St. Stcphavs-Tages im »Bester Llovd* emr« L<-itarr fei, in dem es unter anderem heißt : Ungarn wrude von seinen Femdrn zum Tode verurteilt. Der Urteilsvollstreckung stellt sich jedoch die un-! estegbare Lebenskraft der Nation entgegen. Diese Waffe kann Mierer Hand lewe Macht eulwimrn.. Ich betone dies in «wart Nugeybl cke, t« dem die ungerechten territorialen Bestimmungen des Trtanoner Frie^ensveyrageS ins Leben treten und realisiert werden, in eimm Augenblick, daOrsterrcichS Habg>erund Kuiziubtigket Weäunpam unse-en Staatskörprr entreißt. Unter der Müwirkung der aufslcireuden Arbeit der unnarilchm Regierung dämmert be>e,tsZm Bewußtsein der Mächte, die h-esrn Friedensvertrag geschaffen haben, die fieberpugung au', daß durch die Ldslrenpung AZtstungatns ein schicksalsschwerer Fehler begangen wmde. Eine Zeitlang bestano bei d>eien Mächten auch der gute Wille, diesen Irrtum durch die Zj>stgndebringmrg eines ftredlichen Uebereinkommms mU Oesterreich gutmmacken. Es laa nicht an ihnen, daß sich Ungarn mt jenem Nachbar nicht ausgleichen konnte, mit dem es vier Jahrhunderte lang in einer Schicksalsgcmrinschaft gck bt hatte und her Ungarn in die Katastrophe des Weltkriegs m« hmünriß. Oesterreich begeht also an ups ine gereiche. Die zionistische Politik wird durch Tuten zu haben, haß sie fern« ist von allem Jmpexigliümns. daß sie Versöhnung, Frieden und Kultur in hen Orient tragen will, sie wiro ein Kulturwerk einzuleiten haben, das den arabischen Massen zugute kommen soll, sie wird deren Kindern die jüdischen Schulen erZfsuen müssen unb die geistige Führerschaft im Orient vnstreben, ebenso wie ihr ökonomisches Uüfbautverk das äußere Angesicht jener seit Jahrhunderten vernachlässigten Länder verändern und den materiellen Aufschwung des arabischen Elements in die Wege leiten soll. Wenn die künftige zionistische Arbeit in diesem Geiste geschehen wird und sich ihre Pioniere hie ethische Mission der Bewegung vor Augen halten werden, die nichts anderes ist als-her konzentrierte Ausdruck des jüddischen Genius, dann wird die jüdisch-arabische Verständigung eine festere Verankerung erfahren, als es die schönsten Abmachungen sind, die am grünen Tisch getroffen werSAn. Der Kongreß wird sich das größte Verdienst «in die -jüdische Sache erwerbsn, wenn er diesen Gedanven, her zum' Leitgedanken'aller künftigen Arbeit werben muß, zum klaren und unzweideutigen Ausdruck'bringt und hie Erziehung den Zionisten und nicht zuletzt des heutigen und des zukünftigen palästinensischen Jischuw in dieser Auffassung in die Wege leitet. Nicht militaristische Kalnpfgesinnung ist es, deren die künftigen jüdischen Koders in Palästina bedürfen, sondern die Erfüllung mit dem Geiste des friedlichen, brüderlichen Pioniertums, bas dem Zionismus feine besondere Note geben muß. Durch- Englaichs Unterstützung soll unter Emir Frisuls Regierung in Mesopotamien ein arabisches Mich erstehen; das Zentrum des Arabertums wird auch in Zukunft nicht in Palästina zu suchen sein, aber bas auflebende arabische Volk wird in dem brüderlichen Judenvolk feinen natürlichen Freund erkennen und seine kulturbringenbe Arbeit zu schätzen wissen. Dieser Kongreß ist dazu berufen, alle Hemmungen in der Arbeit zu beseitigen und dem- Tatendrang, der noch immer im jüdischen Volke lebt, freie Bahn zu bereiten. In politischen Dingen kann er nur fordern, aber diese Forderungen durchdie volle Tat zn unterstreichen, wirb Sache des jüdischen Volkes sein, und es ist kein Zweifel, daß die posiftve Arbeit im Lande unserer Volkszukunft sich stärker erweisen wird als alle Rückfall«, welche die Politik bringen kann. Klare Parolen und der Mut, das Große zu wollen und.alles Kleinliche abzutun, das ist es, was dieser Kongreß, uns bringen soll, den bas lebendigste» Interesse der weiten jüdischen Massen in allen Ländern der Erde bei seinen.Arbeiten begleitet. Reisebrlefe vom GrMan. Bo» unserem Spezialkorresponhente«. IV. In den größeren Städten Bulgariens degegnet man vielen Juden, sephardischen Inden. Dem, der bisher nur aschkenasifche Juden gekannt hat, fällt eS auf, daß -die Sepharbirn sich von ihren nördliche» Brüdern im Aussehen und im Wesen gar nicht unterscheiden. Merkwürdig berührt eS' nur, daß fite kein Jüdisch verstehen. D'afür sprechen sie Spaniolisch. Es ist eine schöne, klangreiche Sprache und für den, der Italienisch oder Lateinisch kann, nicht schwer zu verstehen. Sie sprechen eS untereinander stets. Aber die Jugend, in bulgarischen Schulen ausgewachsen, vergißt eS langsam. Und das ist schade. Denn sie tauschen eS natürlich nicht für das Hebräische ein, sondern für daS Bulgarische. Und mit der alten Generation geht ein« ganze jüdischspaniolische Welt mit unter: eine eigenartige Welt dev Tradition, der Lieber, Tänze und Sprüche, der Sitten und größte Ungerecht iß k e it der Weltgeschichte. 8" diesen Ausführungen de? ungarischen MiyistrrpEdrnfin Grafen Berhlen wird d.m Teiegraphen-KorrespondW-Pmegu von infotmirrter Se-.te mitgeteilt: ' Im Int resse des guten Einvernehmens zwischen Ungary und Oesterreich ist eS zu bedauern, daß der Chef der ungarisch^ R'tzicrung cS sür angemessenerachtet, in dieser Fprm bre Ttotn, wendige Durchführung der Fk'-densverträge von Samt-Gernwiy und Tlianon zu kritisieren. Was die gegen Oesterreich gerichteten Bemerkungen beftifft, so wäre die Widerlegung der AufjMmg dH unggnschenMinisterpräsideutetl zwar leicht,rrlcheintjedochÜheeflWg, weil die letz e Sitzung deS östexre'.chi'chen Ausschusses für AeußereS Gelegenheit gab, die gene-rche Entwicklung der west;mg.arischen Frage nicht uvr sür Oesterreich, sondern auch für daS Äuslapd sn objekiver Form darzustell««. W?«n der ungarische MiM«- präsibenl von seiner allgemeinen Krttik der FrichenSvextläge zu spezielle» Angriffen^ gegen Oesterreich übergehs und einen Gegensatz zwischen der Haltung Oesterreichs und den Lntschlichungeo der Mächte z» tonstruieren seicht, so dürfte d«S bei ruhiger Ueber« legung vom Redner selbst als. mit. den Tatsache» m vsfmem Widerspruch stehend erkannt werden. ' Fabeln, und daS bulgarische Jtchetrtum ist viel zu. kulturlos, NM diesen Verlust auch nur zu spüren, um den verschwindenden Schatz noch zu retten. Dennoch ist, ähnlich wie daS Jüdische, auch das Spepriylischo ein Politikum geworden: Die Wischen Kommunisten nehmen sich seiner »p und spielen; eal- Daftssprache gegen das hoktrhlchr-- -veattionäre Hebräisch aus. Das bulgarische Judentum ist noch national, es ist noch' Volk, Masse. Eine Assimilation gibt es, selbst, unter her Jugend, nicht. Es gibt auch nichts, an daS ptmt sich assimilieren könnte-. Die Inden nehmet weder an dem politischen noch an dem geistigen Leben Bulgariens i.rg^ndeinen Anteil: Sie sind weder Parteiführer. noch Journalisten noch Universitätsprofessoren. Auch ihr Beitrag zu den Beruf«: des Advokaten und des Arztes ist ein mäßiger. Das ist für dien Abendländer etwas Erstaunliches. Der Jude lebt völlig außerhalb der bulgarischen Gesellschaft, abgeschlossen für sich. In den kleineren Orten, aber selbst in den Städten ist daher der Zusammenhang unter den Juden sehr stark. Sie bilden wirklich noch eins lebendige Genreinschaft, Wre es möglich, meter st» Wstefarribtt' ^hShei^,.)Mschlicher. Md. jüdischer Sfulteit, etwa als Seelsorger, Lehrer usw., zu senden, so wären sie sicher vorzügliches Material zu möglicher, Entwicklung. M Wenn auch keine Assimilation in Bulgarien gesteht, so oder vielleicht deswegen ist bea' Jndisferentismus, besonders der Bürgmkreise, ums» größer. Das bulgarische Judentum ist das kulturloseste, das ich kennen gelernt habe. Es hat keine Intelligenz, keine Gelehrten, keine Dichter, keine Künstler. Bs'eder auf allgemein menschlichem noch auf jüdischem Gebiete. Talmud kermen nur die wenigen Rabbiner.. Der , Typus des geistigen Jude«, den es im Osten Europas gibt, der »ach dem Geschäft sich zum Buche fetzt und. denkt und lernt, der Typus des intellektuellen Juden. deS Westens, mit seiner intellektuellen Neugierde, beide sind hier völlig unbekannt. In geistiger Beziehung herrscht bet'Juden sonst unbekannte Oebo. DaS Zentrum der Zerstreuung bildet das Kartenspiel. Die Juden find meist Kaufleute. Wenige find Hand-' werter. Zum großen TeL: Proletariat. Luftmenscher:, die von zufällige» Geschäften leben. Nicht anders wie die aschkenasischen Ostjuden. Manche sü:d reich: Bankiers, Maßkaufleute, manchesind Millionär«. Aber man merkt eS, ihren Geschäften an: kleine,, schmutzig« Läden. Für „AusimachunK^ haben .die Juden hier so wenig Süm wie. di« Bulgaren. Dafür einen größeren für Lstxus, freilich nur sür ästtzerlichen Luxus', Frquentyiletten vor allem. Dl« Jugend, vor mehreren Jahren national aüflödernd, hat Hebräisch gelernt. Viele sprechen es geläufig. Aber cs geht nicht tiefer. Bei niemandem ist das Bestreben, tiefer in Geschichte und Literatur deS Volkes einzubringen, nicht nur di« Schriftsteller der Vergangenheit, auch die der Gegenwart find Nur dem Namen nach bekannt. Die Bibel und ihr« Schätze nicht einmal dem Namen nach. Und in der letzten Zeit hat auch, hie Jugend d«r JndifferentiZmüS ergriffe«. Die älteren Personen sprechen hier alle mehr oder minder vorzüglich Französisch; es ist das das Verdienst der. Schulen der Alliance israelite, die sie Per gegründet hatte.. Das erwachende nationale Bewußtsein dev hulgarischeu JDen, verdrängte dann in einem jahrelangen Kampfe, di« Alliance, und die Schul«:, die nun eingerichtet. wurhen, ftmteitj Schulen mit bulgarischer Unterrichtssprache, an denen aber! dem Hebräischen große Aufmerksamkeit geschenkt wurtze.^ Solche jüdische Schulen bestehen fast in allen Städten, sie, umfassen Volksschule und Progymnasium und ihre.Absoldeuten können ohneweiters in die bulgarische» Staatsschuleu aufsteigen. Die Schule» sind vom Staate anerkannt, .und auf Grund des Friedensvertrages von Neuillh leistet der Staat einen, wem: auch, minimalen Beitrag zu ihren Erhaltung Skosten. i