Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 920 (19.8.1921)
- Date
- 1921-08-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sk. 9 20 Seite 2 Men. Freitag ftrmsirmige Lmmauemng des Völkerbundes, den man zu einem Knegsmittel hat Herabdrücken wollen. Amerika hat gegen den Beschluß keinen Einspruch erhoben und geht dadurch von seiner Politik der Abstinenz ab. Das ist gewiß nicht die Politik nach dem Herzen jener Kreise, deren Sprachrohr der »Temps* stets nur eine Annäherung Frankreichs. Englands und Amerikas ersehnen, die ihnen die kleinen Völker noch wehrloser ausliefern würde. Es ist aber eine Politik, die zur Ruhe und zum - Frieden führt. _ Schulter an Schulter. Die Bundesgenossen untereinander. Rittmeister Hugo Ü u st i ß, der gegenwattifl in Berlin tätig ist. war am 34. April 1917 in Leitmniy verhaftet worden im Zusammenhänge mir ferner Aussage im Kran z<Prozeß und unter der Beschuldigung, daß er seine Slellnng als tourt- 'chaftlicher Adjutant des KriegsmimflerS Krobati«. zu elnem, persönlichen D-tteck mißbraucht habe Nack neunmvualiger Untersuckunashast wurde Lnstg auf freien Fuß gesetzt und dre Untersuchana gegen idu eintzesiellt. Die Wiener Wochenschrift ,Di« Börse^ veröffentlicht nun eine Denffchrifi, welch« im Laufe dieser Untersuchung abaefaßt wurde und welche, wie man annehmm muß. auf dm Entschluß mr Einstellung der Untersuchung entscheidend emwirtte. Ban wem diese Denk« ichrift formell Überreicht wurde, gehr auS der Darstellung nicht klar hervor, rS muß jedoch als sicher gelten, daß sie. wenn nicht von Lustig selbst verfaßt, so doch auf seine Information .mrückgehr. Wir veröffentlichen aus der umfangreichen Denkschrift hier zunächst einen Brief Lustigs.' m welchem es heißt: „Zuin Verständnis der Notwendigkeit, bei Beschaffung von Kriegsmaterialien aus dem Deutschen Reiche 1914 und 1915, zu einer Zeit, als es auch dort'.ioch keineorganisierte Kriegswirtschaft gab und sich bei uns ein ungeheurer und unvorhergesehener Kriegsbedarf ergeben hatte, mit allen Mitteln, ohne Rücksicht auf ihre moralische Beschaffenheit, vorzugehen, muß in; Erinnerung gebracht werden, daß Deutschland nicht nur jener Materialien selbst zur Kriegführung bedurfte, sondern daß es auch unser schärfster wirtschaftlicher Konkurrent war. Das preußische Kriegsministerium hat sich geg nüler unseren Forderungen auf Anteil errungener Beute, auf Ucüerlassung von Kriegs- und Rohmaterialien auf einen schroff ablehnenden, ja oft beleidigenden und das Bundesverhältnis geradezu ignorierenden Standpunkt gestellt. Dies zeigte sich insbesondere nach dem Fall von Belgrad und. später nach dem Fall von Przemysl. Da wurde uns zwar, sowohl mir als dem Herrn Rittmeister v. K o c z i a n, als auch später Herrn Hauptmann Baron Fritz Haymerle, direkt ins Gesicht' gtzsagt: „Holt euch das Material, das euch die Serben weggenommen haben." „Macht ein Ende mit eurer Mißwirtschaft." Bei Kvmpensationsvechandlungen in Berlin wurde dem Feldmarschalleutnant h. Schleyer einfach zygerufenr „Holt euch euer Material von den Türklinken des Hotel Bristol." Außerdem waren wir durch die Nichteinhaltung von Zahlungsverpflichtungen diskreditiert und fanden überall verschlossene Türen. Durch offene Forderungen und Aussprachen, durch Vorstellungen, Bitten und Ueberredungen war nichts zu erreichen. Angesichts unseres, keinen Aufschub duldenden Heeresbedarfs mußte daher im Interesse des Vaterlandes oft mit Bestechung, List, ja mit Fälschung und Betrug gearbeitet werden. Hatte ich durch Mißbrauch von Stempeln im Reichsamt des Innern, wozu ich wir durch Bestechungen die Möglichkeit geschaffen hatte, viele Waggons Schastholz, Schuhe, Salpeter, Gummi, Metalle, Motovrn oder andere Materialien über die Grenze geschmuggelt, so bekam ich den Auftrag, auf ,-analoge Weise", so nannten eS die Vorgesetzten, Graphittiegel «nd anderes herauszuschaffen. Wo Orden nicht. ausreichten, mußten Bestechungsgelder gegeben werden; es wurden daraufhin seitens der bestochenen Organe falsche Deklarationen ausgestellt, Stempel aus dem preußischen Kriegsministerium für Ausfuhrbewilliyungen mißbraucht, vertragliche Bedingungen *in Kompensationsabkommen durch Schmuggel aus dem damals neutralen Ausland umgangen. Auf diese Weise ist es mir gelungen, selbst den ungeheuren Anteilen an der belgischen Beute und an der Beute in der Schlacht bei Tannenberg, bi« ich dem Kriegsnnnisterium verschafft habe, zum Beispiel Munition für die Landbatterien in Pola zu bekommen. Ms der Krieg mit Italien ausbrach» war unsere Marine in Pola fast ohne Munition für hie schweren Landbatterien. Ich brachte, innerhalb acht Tagen viele Züge mit Munition von Essen nach Pola. Es gelang mir, Geschäftsgeheimnisse der Kruppschen Rohrkonstruktionen, Geheimzeichnuugen und andere Interna innerhalb 48 Stunden zu beschaffen. Ich erwirkte aus dem Beutematerial nicht nur bas S&ojfc und Brauchbarste von bem Heim gebrach len, sondern auch neue» Geschütze, trotz des damals so dringenden eigenen Bedarfs seitens Deutschlands. Ich beschaffte in großen Mengen Graphit, Maschinenmaterial, Bajonette, Kohle, Papier, Zellulose, Wolle, Baumwolle, Lebensmittel usw. Erwähnen will ich nur beispielsweise, daß ich 750 Waggons Tran, deren Besitz unsere Heeresverwaltung für die Glyzerinerzeugung unabweislich bedurfte, durch Bestechungen und Grenzschmuggel aus Holland nach Tatschen schafft«, obgleich Deutschland die Durchfuhr für dieses Material ^ausdrücklich verweigert hatte. Es muß bedacht werden, baß einmal hingegebene Bestechungsgelder weiterwirkten und eine unversiegliche Quelle für das Weiier- 'ließen von :f geworden find, da der einmal bestochene Mann mir gehörte und nicht mehr Msner Morgenzerrung Absperrung der russischpolnischen Grenze. Breslau, 18. August. jTel.-Komp.) Zur Absperrung der polnisch-russischen Grenze wird eine im Naume von EZenftochart stehende polnische Alanenbrigade über Warschau nach Baranowitschr befördert. Weitere Kavalleriedivisionen sollen von der Wilnafront und aus Ostgalizien au die russische Grenze im Abtransport sein, da man in Polen befürchtetdaß beträchtliche Mafien hungernder Russe« über die polnische Genze Hereinbrechen könnten. Bas Bandenunwesen hat in den Grenzgebieten in allerletzter Zeit außerordentlich genommen. zurückvonnte. Auf diese Weife habe ich unserer Heeresverwaltung um hunderte Millionen, meiner Rechnung nach im ganzen um. 3Vs Milliarden, Material beschafft, was ungefähr 25 Prozent der ganzen Heeresausrüstung bedeutet. » In der Denkschrift wird sodann ausgesührt: Hätte bas preußische Kriegsministerium von dieser geheimnisvollen Tätigkeit Kenntnis gehabt, es hätte den Mann nicht etwa abberufen lassen; es' hätte ihn wegen Verbrechens gegen die preußische Kriegsmacht, wegen Verbrechens der Urkundenfälschung, wegen Verbrechens des Diebstahls, ja sogar wegen Verbrechens der Spionage zum Tode durch' das Beil verurteilen lassen und auch auf die Vollstreckung dieses Urteils gedrungen. Ferner hat Lustig sowohl zu seiner Verteidigung im Strafakt selbst als auch durch einen seinen Verteidiger in einem Memorandum nachstehende Tatsachen vorgeb rächt r Das Kriegsministerirrin läßt tzegen Lustigs Rat durch einen Schieber für 75 Mllionen Tran in Holland kaufen; der Mann verdient Millionen, treibt die Preise. Deutschland protestiert vergebens gegen diese Treiberei, die ihm den Markt verdirbt. Als alles nichts nützt, sperrt es uns die - Durchfuhr. Nun kommt das Kriegsministerium und bettelt; Berlin verweigert weiter die Durchfuhr. 75 Millionen stehen am Spiel, die Pulvererzeugung stockt, es -fehlt an Glyzerin, das aus dem Tran erzeugt wird. Man bestürmt Lusttg, Rat zu schaffen. Endlich gelingt eS, mit einer Biertelmillion Grenzorgane zu bestechen. Das KriegSmintsterium gibt bas Geld, der Schmuggel beginnt unter falscher Doklaration; er gelingt. Run wird auS dem Tran Glyzerin und Speisefett. Hinter dem Rücken der österreichischen Regierung verkauft bas Kriegsministerium das uns fehlende Speisefett an das preußische Kriegsministerium — und zwar zu Wucherpreisen — der Nutzen wirb zwischen dem KriegSministerium und dem Schieber namens Westfried geteilt! Wvhlgemerkt, der Nutzen aus dem unserem Volksbedarf vorvnthaltenen Speisefett, verkauft an Deutschland, daS nicht weiß, baß es aus jenem Tran stammt, mit dem Deutschland betrogen wird. . Ober aus der belgischen Beule worden uns Kanonen und Pulver zugeteilt. Uns genügt es nicht. Lustig wird nach' Brüssel geschickt mit 150.000 Mark; besticht und bekommt nach Berlin bestimmte Wagen nach Tetschen, Vvllbeladen mit Munition, Metallen, Geschützen, Pistole«. Skoda verkauft an die Türkei für 40 Millionen Geschützmaterial zu 50 Prozent über unseren Preisen, bekommt Bergwerkskonzesfionen in Kleinasion noch als Dreingabe. Dann will er, daß das Kriegsministerium die Garantie fürdie 40 Mllionen übernimmt, Lustig protestiert — entweder zu unsere« Preisen zu unserem Gelbe — oder zu Wucherpreisen mit türkischem Risiko. Skoda geht zu Spitzmüller und sie besprechen, der Kriegsminister , soll entscheiden, baß die Frage dem Spitzmüller als österreichischem Finanzminister als Schiedsrichter vorgelegt werde. Spitzmüller, der frühere Direktor der. Kreditanstalt, die an Skoda Hauptinterefsent, entscheidet zugunsten Skodas — natürlich und hinter dem Rücken der ungarisen Negierung werben aus gemeinsamen Mitteln Millionen an Skoda geschenkt. Lustig wird von Gottlieb Kraus um Weinofferten Aus Rumänien gebeten. Er weiß, daß die Hofkellereien Tokajer durch Kraus an bas Kriegsmimsterium verkaufen. Der Tokajer wirb geliefert, wieder durch' Kraus, die Spitäler geben den Tokajer an die Lebensmitteluntersuchung, diese findet, daß er nicht den Titel „Tokajer" verdient, trotzdem ergeht der Befehl, den Wein als Tokajer zu übernehmen. Man wundert fich, ' baß Lustig Kraus, der als offizieller Vertreter des Kriegsministeriüms zu ihm kommt, Dörrgemüse in vielen Waggons aus Deuisch'anb als Mlitärfracht verschaffe, und weiß nicht, baß diese Sendung vom Erzherzog Leopold Salvator telephonisch von Lustig gefordert ' wird. Für die . Übernahme eines Dörrgemüses zahlt der Erzherzog Tausende an Verpflegsbeamte. Das Gericht «ahm an, baß der Erzherzog nichts davon weiß, Lusttg aber habe Kenntnis davon, baß er nicht nur davon wußte, fonhern höchst persönlich im Derpflegsnmgazin Grinzing war und täglich 60 Mann umsonst vom Aerar bekam zur Mischung dieses Dörrgemüses und dafür die k. k. Beamten Bestechungen erhielten. Solcher Tatsachen führt Lustig noch ein« Menge an; er weiß zu cvzähl^n, daß Millionen mach Rumänien gewandert find für Getreide, das ent- 1». August IvtLI weder überhaupt nicht existiert hat oder nicht' in jenem Ausmaße, beziehungsweise jener Qualität, von der geredet wurde; er weiß, daß Nordische Konserven um 98 Millionen Kronen dem Wasenmeister übergeben werden mußten; er weiß, wie schlecht bas gemeinsame Zkriegsministerium durch die Organe des österreichischen Handelsministeriums und der übrigen österreichischen wirtschaftlichen Aemtor im Auslande vertreten war und wie sehr das gemeinsame Aerar durch diese einseitig unzulängliche und oft korrupte' Ver-<- tretung geschädigt worden ist. Die Denkschrift schließt mit folgenden. Worten: „Au den Namen des Herrn Rittmeisters v. Lustig, käme es zu einem Kriminalprvzeß gegen ihn, würde -sich auf Jahrzehnte hinaus für alt« Völker Oesterreichs die Erinnerung knüpfen an himmelschreiende Wßwirtschaft. an kindische Hofintrigen, an geldnehmen de E rz - Herzoge und Exzellenzen, an die Ausplünderung des Staatssäckels durch verbrecherischen Unverstand itin skrupellose Bereicherungswut der herrschenden Klasstn in einer Zeit erschrecklicher Not und Verarmung des Volkes." * Es versteht sich, daß die Veröffentlichung bk.'.'i Denkschrift Herrn Lustig durchaus nicht willkommen ist. Er sucht sie auch i« Zuschriften an Berliner Blätter abzuschwächen. Lustig wird Klagen? Berlin, iS. August. (Wolff.) Der Rittmeister Lustig, gegen dm daS Wiener Blatt »Di« Börse*' den Vorwurf der Korrumpjrrung von Beamten deS preußi'che« KrirgSministmums und anderer staatlicher Stellen erhoben hatte, hat durch feinen Rechtsanwalt Justizrat Wertha «, r bei der zuständigen Staatsanwaltschaft in Berlin di« Einleitung einer Untersuchung gegen »Du Börse* beantragt. Polittsche^Rundschau. Ei« deutsch-amerikanischer Vertrag. „Chicago Tribut erfährt ans zuverlässiger Quelle, baß in den Verhandlungen des amerikanischen Kommissärs in Berlin, Dressel, die Grundzüge eines Vertrages zwischen Deutschland und Amerika fvstgele.tt worden sind, daß jedoch noch eine Reihe, von Einzelheiten zu erledigen ist. Aus Grund der bereits ausgearbeiteten Bedingungen reservieren sich die Vereinigten Staaten alle Rechte und vorteile, die ihnen aus dem Versailler Vertrag zukommen. Die wichtigst: deutsche Konzession sei der Verzicht auf die Kabel von Aap und Emden-New-Vvrk. Deutschland seinerzeit verlangt erstens die Rückgabe des beschlagnahmten deutschen Eigentums oder das Recht, dieses Eigentum selbst zu verkaufen; zweitens efiro befriedigende Regelung des Schutzes der deutschen Patente, über die während des Krieges verfügt wurde; drittens die Wiedereinsetzung deutscher diplomatischer und konsularischer Vertreter in Amerika und viertens für die Deutschen, die Amerika besuchen wollen^ die gleichen Rechte, die Deutschland seinersettr den .Amerikanern gewährt. Diese Bedingungen werde« gegenwärtig in Washington geprüft. _ Die Berantwortmng der Entente für de« Weitze« Terror. Ms Fünfktrche« wirb unS gemeldet: Chefredakteur Dr. Josef H eßlein richtet in seinem Blatte ,^3aranyai Magyar Ujsag" ei««n offenen Brief an Oberst G osset. In diesem offenen Schreiben berufr er sich auf die Enthüllungen Beniezkys über die Greuel in Orgovanyi und Jzsak, auf die Jntarpellatton des Abgeordneten Fangler in der ungarischen Nationalversammlung über die sch. ecklichen Zustände und Geschehnisse in Zalaegerszeg, verweist auf die systematischen Schöudlichteiten des Weißen Terrors und richtet an ihn die Frage, ob er die Verantwortung dafür übernehme, daß mit der Nationalarmee auch der ungarische Weiße Terror seinen Einzug in Fünskirchen und in der Bavanya halten werde. „Geben wir izns doch keiner Täuschung hin — schreibt Heßlein — Tag um Dag ließ man uns von jenseits der Demarkationslinie sagen, daß es der Fünf-- kirchner Arbeiterschaft schrecklich ergehen werde, wenn sie einmal hier einmarschieren. Wir sind genau in'orm'ert über he« gestei e'-jeit Haß, let cegen uns dort drüben tobt. Wir wissen genau, daß sie, sie hier hereingelassen werden, die grausamsten Taten vollbringen werben. Herr Oberst! Ich bin ein Ungar, ich würde die Ungarn mit tausend Freuden hier aufnehmen, aber nichtdiese. Hier gibt es nur einen einzigen Ausweeg. und das ist der W e g de r D e m o k r a t ie. Der Oberst des demokratischen England wird mich verstehen, wenn ich sage, erst möge dort drüben daS ohnehin von, Volke gehaßt« reaktionäre Regime gestürzt dic reine Demokratie, wie es die englische ist und tvie es der Trianoner Friedensvertrag vorschreibt, geschaffen werben, durch welchen dem Terror der Internierungen umb den Emzelaktionen ein Ziel gesetzt wird, und dann, erst bann möge bie Entente die Baranya den Ungarn übergebe«, die wir hier wohnenden Ungarn mit brücnerlichcr Liebe an unsere Brust drücken würden. Wem: dies nichjt möglich ist, dann lagen Sie