Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 916 (14.8.1921)
- Date
- 1921-08-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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— 4) J-X. -vtUgU'l'l Ötu« NeSsebriefe vom Balkan, i Bon unserem Spezia tko^respondenten. '! - IL. Äon Sofia nach Philippvpel fahren täglich drei Züge; einer davon ist ein Expreßzug, führt Speise- :sagen und Lostet zweimal soviel als die anderen. Mit viel Feingefühl nennt man diesen Zug hier den „Konventional", da er, auf rriier^nationaler 'Vereinbarung - ctnip'nd, Belgrad mit Konst-anrinopel verbindet. Denn eixpLeßzug ihn zu nennen, müßte diesem Wort erst , inan neuen Sinn geben und würde einer «neuen rnternttnonakn Vereinbarung bedürfen; der Zug fährt nicht um «ine Minute schneller und hält nicht in einer Haltestelle weniger als der gewöhnliche Postzug. Dennoch gelangt man auch mit ihm nach Philippopel, obwohl einem unterwegs Zweifel aufsteigen; fahrt man bei Tag. läuft man Gefahr, sich in Dampf aufzulöfen, wählt, man dagegen die Nacht, wird man gieriger, riesiger, seit dem Bau des Eisenbahnwagens (unp das heißt seit unzähligen Wanzengenerationen) dort heimatberechtigter Raubtiere Beute. Sofia ist doch noch eine europäische Stadt, die einzige vielleicht am Balkan (außer Bukarest). Durch die deutschen und westeuropäischen Zeitungen,, durch Gast- und Kaffeehäuser, sogar durch Theater fühlt man »ich Europa näher. Philippopel hat nichts Dergleichen. Ein Städtchen von 60.000 Einwohnern. Vieles erinnert noch an die Türken zeit: Eine große- Reihe kleiner Moscheen mit schlanken Minaretts, einige große Khane, 'inst zentrale Kaufmännshäufer, nicht wenige Türkinnen in der Straße, von denen aber nur selten eine noch ihr Gesicht verhüllt. Mer während Sofia noch eine, erträgliche Temperatur besitzt, von schützenden Bergen Umgeben, brütet in Philippopel die Hitze sumpfiger Ebenen. Auch die stolze Maritza, von deren Schäumen und Brausen man so viel, singt, ist ein träger, halb nusgetrockneter Fluß, dessen Ufer am Stadtrand trostlos sind wie die ganze Umgebung Philippopels. . Das einzige, erstklassig sich nennende Hotel in Philoppopel, Grand Hotel Mole, erinnert au K'besseren, Gasthäuser unserer ProvinzstädLe; aber im Restaurant spielt mittags und abends ein Orchester von sieben Mann Operettenweisen und ün Garten gibt es abends sogar ein Kino, dessen französische Films wohl schon den ganzen Erdkreis durchlaufen haben,, ehe > sie in stark beschädigtem Zustand hiehergekommett such. Hier im Garten sitz? die gute Gesellschaft von Philippopel und die Männer trinken ihren Raki, einen starken Anisschnaps, oder das hierzulande wieder vollwertige Bier, essen ihr Kebatsche, Keine, würstchenartige Braten ans Hammes fleisch, und den grünlichen Schafkäse Kaschkaval. Die bulgarische Speisenkarte ist einförmig: ZDas,-was. den Reiz der. französischen ausmacht, hie vielen, kleinen, variierten Hvrs d'oeuvres, Desserts und Gemüse, sinh ebenso unbekannt wie die' Mehlspeisen der Wiener oder böhmischen Küche- Man ißt viel Fleisch und dazu mit Vorliebe Paprika- und Tomatensalat. Auch Obst gibt es viel, Wassermelonen kugeln sich schon m Bergen in den Gassen und in vierzehn Tagen werden ihnen! Zuckermelonen. und Weintrauben folgen^ Das Hotel Molle liegt in der Hauptstraße. Am Sonntag ist sie so überfüllt, daß es fast schwer wird, norwäriszugehen. Hier sind eine Unmenge Restaurants und Konditoreien, hier auch'die drei Kmotheater der Stadt. Aber ans allem steigt wie ein fader Dunst die ganze schale Verzweiflung der kleinen Provinz... Der Wend kennt nur das Kino und das Kartenspiel. Und beim Anblich mancher schönen, lebensvollen,. Frauengestalt dxnkt man daran, wieviel Madame Bovarys wohl hier leben müssen. , Fast in jedem dritten H'anstor ist ein kleiner Casststr (Cafedjia), der türkischen Kaffee den Händlern der Nachbarhäuser ansschenkt.?MaN sieht, wenn man i hn beobachtet, daß er seiner Kunst .mit Liebe nach geht, und der türkische Kaffee, wenn man sich einmal an ihn gewöhnt hat, schmeckt vorzüglich. (In den guten Gasthäusern von Sofia erhalt man auch europäischen schwarzen Kaffee, doch ist er reine Zichorie.) Der türkische Kaffee wird Schale für Schale besonders gekocht. Der Tschesa, ein kleines Gerät, das eben nur eine Mokkatasse voll saßt, wird zur Hälfte mit Wasser und Zucker gefüllt und so lange in Mut gehalten, bis das Wasser gut kocht; dann wird sehr viel in länglichen, zylinderförmigen Mühlen feingemahlener Kaffee hinzngetan, dies noch in der Glut aufvschen gelassen, und dann genießt der Bulgare — zusammen mit einem Glas Wasser, was an Wiener Cafes erinnert — das dicke > satzretche Getränk mit seinem Kaimak. So oft wie der Cafötier unten im Hause, findet' sich ein Storchnest oben auf dem Dache. Insbesondere auf den kleinen Moscheen erheben sich überall diese weißen, würdigen Vögel. Ich mußte bei ihrem Anblick an die zwei einzigen melancholischen Störche denken, die an dein Weiher im Stadtpark meiner Heimatstadt mList vorschriftsmäßig ans einem Fuß standen. Da map mir damals erzählte, die Störche brächten klein« Kürder, konnte ich! nie begreifen, wie diese zwei während der Nacht den ganzen großen Bedarf der Stadt hecken konnten. In Philippopel ist es möglich. Daher werden die kleinen Kinder hier von solchen Probleme« verschollt. Aber Dulgarenkinder machen keinen sehr nachdenklichen Eindruck. Wie das ganze Volk, mürrisch, sehr genügsam, primitiv in den Bedürfnissen, sparsam ~ *T Siehe Nr. 902 dieses Blattes. Q? Furchtbare Lage der Auswanderer. Herr' Jacob Fishman, der Herausgeber des' „Jüdischen Morgenjournals" in New-Aork, befindet sich gegenwärtig auf einer Reise durch Europa, wo er im Auftrag der amerikanisch-jüdischen Hilfsgesellschaft „Hias" die jüdische, Emigrationsfrage studiert. Herr Fishman hat die holländischen und belgischen Häfen besucht und gibt von den Zuständen folgende Schilderung: ' - „Die Lage der Emigranten ist durch die neuen! amerikanischen Einwandernngsbestimmnngen sehr schwierig «geworden. Ich habe den Eindruck, daß die amerikanischen Behörden gewisse Instruktionen haben, der Auswanderung der Juden Schwierigkeiten zu machen. An manchen Stellen sagt man offen, man könne die Juden nicht brauchen, weil sie bis Städte überfüllen; Amerika könne gegenwärtig nur Landwirte aufnehmen. Manche aber äußern sich unverhohlen antisemitisch. Im Bureau, der Hilfsgesellschaft „Esra" erlebt man furchtbare Fälle. Ich sah zwei Kinder von 8 bis 10 Jahren, die allein reisen, weil ihre Eltern beim Pogrom umgekommen sind. Oft bitten Mütter und Geschwister beim „Esra" um ein paar Franken, um ihre kranken Angehörigen untere suchen lassen zu können. 'Die Lage der Emigranten ist besonders schrecklich, wenn sie tagelang warten müssen und keine Antwort von ihren amerikanischen Verwandton bekommen, so daß sie ihr eigenes Geld aufzehren und neuerliche Geldsendungen abwarten müssen. Der größte Sammelpunkt wartender Emigranten ist Antwerpen, weil dort alle Einwanderer hereingelassen stvechen, auch solche, die gar sticht nach Amerika kommen! können und auch keine DiLa besitzen.. .Holland hingegen/ läßt nur die mit allen notwendigen Reisedokumentem und Gew versehenen .Emigranten - he-rein, daher sind die Verhältnisse in Rotterdam auch besser. Das amerikanische Konsulat in Antwerpen HÄi den ukrainischen Flüchtlingen, denen in Rumänien! rumänische Pässe ausgestellt und vom amerikanische Vertreter vidiert worden sind, die Einreisebewilligung annulliert, weil es rumänische Pässe für ukrainische Staatsbürger nicht anerkennen könne. Diese. Leutesind, jetzt in'der fürchterlichsten Situation, denn es! ist selbstverständlich) daß die Ukraine ihnen keinen Paß A ausstellen kann. Ich Lin leider gezwwtgvn, Vorgehen, als höchst barbarisch ünd unamerikanisch bezeichnen. Zu erwähnen ist noch, daß es sich gerades bei diesen Flüchtlingen um das beste Vienschemnateriak handelt, denn nur starke, junge Leute konnten sicht aus der ukrainischen Pogromhölle reiben. Dies» Leu«, läßt man nicht herein, obwohl sie Geld von ihre«! amerikanischen Landsleuten erhalten haben und «5^ wohl sie bereits im Besitz von Visa sind. Ich! glatt! daß diese Frage nur durch den politischen Ein/lus der amerikanischen Juden gelost werden kann, ist unmöglich, Menschen aus technischen Gründen a«L^ zuschließen, wenn nicht eine antisemitische DendenH dabei ist. Darum müssen die amerikanischen Judech eine öffentliche Protestaktion einleiten. :! Ein großes Uebel ist es, daß jüdische Hilfsgesekk»« schäften noch nicht hinreichend organisiert sind. Jn^ wesentlichen kommen nur die zwei große« GeseM schäften „Hias" und „Jca" in Betracht, die über di» Mittel verfügen. Aber leider können die beide» sich^ schwer verständigen, denn ,Hias" ist eine große bemo«? kratische Volksorganisation und ist dem Volke veranHf jvortlich', die „Jca" ist bekanntlich nach! dem Notabel»^ system organisiert und zieht es vor, nach der altmodA scheu, philanthropischen Methode zu arbeiten. "B*“5 muß aber auch' zugeben, baß eine allgemeine grationspvlitik auf große Schwierigkeiten stößt; die Lage so unklar ist und man nie weiß, was' betz nächste Dag bringen wird. Man sucht ändere Ländert Kanada ist besonders streng und' verlangt «nä Farmer, die katcadische Regierung hat in den Monats»! März und April 2000 jüdische Emigranten unter de« nichtigsten Vorwanden zurückgeschickt. Man dachte aa(. Mexiko und Brasilien, aber Hort ist kein Raums für größere Jndenmassen, man läßt sie nicht in die? Städte, sondern die Regierungen wollen sie zu Arbeite»^ in den Sümpfen verwenden, und dazu taugen Wh Juden nicht. Ar gentinien stellt ähnliche Bedingum gen, will keine Städter und vor allem keine Kommvi nisten.! : .!!!!.!^ In Dvtterbvm sind nicht so viel Emigranten angesammelt. Auch' ist dort die Fürsorge der Schiffs?-, gesellschaften eine weit bessere. « h-U-- bis zum Geize. Ein reiches Land, das von. Getreide, Fleisch, Obst , und Tabak überfiießt. Hätten sie mehr Intelligenz, wäre es eines der reichsten Länder Europas. Aber die. Reichtümer hier arbeiten nicht. Wozu die Regierung hier Gesetze gegen Luxus erläßt, ist mir urcerklärlich. , Der bulgarische Haushalt ist primitiv, das Mobiliar gering; gekocht und warm gegessen wird selbst in bürgerlichen Familienoft nur zweimal in der Woche. Eine Köchln ist unbekannt. Man begnügt sich mit einem jungen Bauernmädchen, das Vox allem die Kinder.betreut. Zweimal im Jahre, am 16. Mai und am 16. November, dem Dinntri- und dem Georgi-Tag, bringen Kommissionäre 14- bis 16jährige Bauernmädchen aus den unsäglich armen und verwahrlosten Dörfern des. Balkans in Scharen in die Stadt. Dort verbürgen sich die Mädchen für sechs Monate. Während dieser Zeit ist das Dienstverhältnis. unauflösbar; nach dieser Mt muß es ^erneuert oder gekündigt werden. So leben die Mädchen meist zwei Jahre in der Stadt und kehren mit ihren Ersparnissen datrn in ihre Dörfer zurück, um zu heiraten. Einige, die hübsch, eitel oder faul sind, finden den Weg in die Prostitution, vollziehen den Aufstieg' vom Dorf zur Stadt. Alle aber nehmen in ihr verlorenes Dorf eine Erinnerung für ihr Leben mit an die Stadt, die große Stadt Philippopel. __ Jochanan. Die Zukunft Ungarns. Eine Unterrevnng «it Martin Lovafzy. Die Vorgänge in Ungarn drängen, so seht sich auch die gegenwärtigen Machthaber dagegen sträuben mögen, zu einer Systemänderung. Es. mag Meinungsverschiedenheiten darüber göben, ob eine radikale Lösung schon für die nächste Zeit bevorsteht pder ob Ungarn allmählich über verschiedene Uebergange vom gegenwärtigen äußerst rechten christlichen Kurs zur demokratischen Regierungsform gelangen wirb. Sicher ist bloß, daß der christliche Kurs sich immer mehr abnützt. So oft von einem Systemwechsel in Ungarn die Rede ist, wird der Aame Martin L vaszy genannt, der berufen sei, an her Entwirrung der heutige» Zustände in Ungarn mitzuarbeiten, wenn nicht gar die Führung.bei dieser Entwirrungsarbeit zu haben. Es ist daher von Interesse, die Meinung Martin L v v a s z h s, der als Chefredakteur des ^övö" ein freiwilliges Emigranterlleben in Wie« führt, Aber die künftige Gestaltung der ungarischen Politik kennen z« lernen. Bo» einem unserer Mitarbeiter Hierüber befragt, äußert« sich L v v a s z Y wie folgt: - Ich bin überzeugt, daß der Entwicklungsprozeß der Staatsform in Ungarn, wie er sich uns jetzt darstellt, nur in der Form einer demokratischen; Republik zum .Abschluß gelangen laiin. Was Heute in Ungarn geschieht, hat nur Ueb ergangscharakter, das sind die Reflexbewegungen, die letzten Zuckungen -es! verlorenen Krieges, die ihre Erklärung darin .finden/ daß Ungarn sich noch immer nicht jn jettet Situation zurechtgefunden hat, die durch den Verlust dos Krieges' hervorgerufen wurde. Ich' vertraue jedoch auf die Nüchternheit, die politische Urteilsfähigkeit und' den gesunden Lebensinstinkt des ungarischen Volkes und glaube daran, daß dieses Volk, wenn auch' vielleicht nach? mancher Erschütterung und zeitweiligen Mbschwenkungen, schließlich den richtigen Weg finden werde. Selbst in seiner heutigen Gestalt hat Ungarn eine große» Mission. Im Osten Europas, auf beiden Seiten dop Donau, ist Ungarn zwischen lauter klein« Na^ tionen eingekeilt, welche politisch und wirtschaftlich^ aufeinander angewiesen sind und die ihre Unabhängigkeit gegen jedweden Angriff nur durch ein frermdschaD» liches Zusammenwirken bewahren können. Im geographischen Mittelpunkt dieser kleinen Nationen liegh Ungarn, welchem daher die Rolle des Bindegliedes zwischen ihnen zufällt. > Erst wenn die Wellen boKj nationalen Hasses und der nationalen Eifersüchteleien! sich' gelegt haben, wird Ungarn seine Aufgabe, an dop Wiederherstellung her Brüderlichkeit und der Soli-, darität der Menschen mitzuarbeiten, zu erfüllen dev«^ mögen. Der Durchführung dieses Gedankens steht' dach gegenwärtig in Ungarn herrschende Regiernngrsystem hindernd im Wege. Ich bin jedoch von der unerschüttcP-, lichen Ueberzeugung durchdrungen, baß dieses Systen^ in nicht ferner Zeit an seiner eigenen Unfähigkeit Unfruchtbarkeit und dem Fiasko seiner eigens» Unternehmungen zugrunde gehe» « wird. Ob nach diesem Zusammenbruch des heutige» Systems nicht noch manche Uebergangsstadien burchznmachen sein werde», ehe das von mir erwähnte unausbleibliche Ziel erreicht fei» wird, kann niemand Voraussagen." , Auf die Frage, wie sich Lovaszy zur NePtndUtntz der Juden in Ungarn undi zur- Judenfrage. üherhauH stelle, antwortete er: < < „Die gegenwärtige Art der Behandlung d'or Judensrage in Ungarn verstößt gegen die ungarLscheu Gesetze, widerspricht dem Grundsatz» der MchjSgleichheit, welche das Fundament jedes modernen Staates bildet, verstößt aber auch gegen den Friedens- Vertrag von Trianon, durch dessen Destimmm^ gen Ungarn die Verpflichtung übernahm, durch' Grunds gesetze die völlige Rechtsgleichheit der .Staatsbürgers anzuerkennen. Ungarn hat ferner die Verpflichtung attf sich! genommen, das Leben und die Freiheit aller Staatsbürger ohne Unterschieb der Rasse, der Religion um, der Nationalität zu sichern und nicht zu gestatten, daA Unterschiebe nach Rasse. Sprache oder Kon^. f e s s i o n als Hindernis bei Erlangung von öffentliche« Stellen oder der freien Ansübmtg ÜMindeüM. W?