Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 914 (12.8.1921)
- Date
- 1921-08-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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(1 6eÖe S ■ Wien, Keila, .. ■ ... ... ,11 iKiHTur- Politische Rundschau. ©ic Jude« Ungarns fordern eine Vertretung im Magnatenhans. Ms Budapest wird »ns berichtet: In dem vom 'FuMzmmister Dr. T o mesanyt der Nationalversammlung unter-reiMen Gesetzentwurf über bas neue Magnatenhaus, wirb den weltlichen und geistlichen Ver- ,tretern der einzelnen Konfessionen ein vornehmer Platz eingeräumt. Es entspricht dem Geiste des herrschende» christlichen Kurses daß die Inden auch als Konfession in diesem Entwurf ganz Übergänge n wurden. Vegen diese völlig Ausschaltung des Judentums nimmt Samens der Ungar ländischen Judenschast die Israelitische LandeSkanzldi i« einer vom 26. Juli datierten Eingabe an den Justizminister Stellung. In dem Memorandum wird darauf hingewiesen, daß im Sinne des G.-A. 17 vom Jahre 1867 die Juden des Landes mit den übrige» Landesbewohnern politisch und bürgerlich gleichberechtigt wurden und daß der G.--A. 42 vom Jahre 1899 die Rezeption der jüdischen Konfession ausspricht. Die Jude» haben ihre Bürgerpflichten stets erfüllt und dürfen daher auch hinsichtlich der Rechte nicht auf eine niedrigere Stufe als die "übrigen Konfessionen gestellt werde». Schon im Jahre 1885' habe das Abgeordnetenhaus Über Antrag der Regierung beschloss«», daß das Judentum im Oberhaus durch eine» vom König zu ernennende» Jude» vertreten sei. Dieser Beschluß wurde damals hauptsächlich mit Rücksicht auf die inneren Verhältnisse des Judentums, welches keine einheitliche Vertretung besaß, aufgehoben. Ueberdies war die Rezeption der jüdischen Religion noch nicht durchgeführt. Die damalige Regierung hat jedoch. Um dem Geiste der Gleichberechtigung - zu entsprechen, zwei hervorragende Juden zu lebenslänglichen Mitgliedern des Magnatenhanses ernannt. Das Memorandum schließt mit der folgenden Erklärung ' „Die Ungarische Regierung, beziehungsweise die 'gesetzgebende Körperschaft kann unmöglich die Tatsache der Rezeption und die ans ihr sich ergebenden Konsequenzen umgehen, ohne sich z» de» grundlegenden Gesetze» « Gegensatz 3» bringen. Leidenschaften oder Stimmung«« vermögen nicht jene goldenen Fäden K» zerreißen, durch welche der nationale Genius Unsere Konfession in unser stattsrechtliches System eingewvben hat, und vergängliche Erscheinungen sind nicht geeignet, historische Prozesse anfzuhalten. Die in unserem konfessionellen Leben bestehenden zwei Organisation«», au denen wir nicht rütteln wollen, werde» bereit sei», hinsichtlich der Vertretung im Oberhaus gemeinsame Vorschläge z» unterb reiten." Das deutsche Budget. Der ordentliche Reichsetat Deutschlands für das: Fahr 1921 schließt mit Einnahmen und Ausgaben in der Höhe von 48,4 Millionen Mar?. Es muß jedoch dabei berücksichtigt werden, daß zur Herstellung des Gleichgewichtes noch 4,2 Milliarden Mark an Einnahmen fehle». Der außerordentliche Reich shaushalt für das Jahr 1921 meist ein sehr großes Defizit auf. Den Ausgaben von 59,6 Milliarden stehen nur .10,5 Milliarden an Einnahmen gegenüber, svdaß 49,1 Milliarden unbedeckt bleiben. Hiebei sindallerdings die fehlenden Beträge der Betriebs- Verwaltung mitinbegriffen. Sie belaufen, sich' auf 8,8 Milliarden Mark. Der gesamte Fehlbetrag soll b ut ch! Aul e iheu, also durch Schatzanweisungen, gedeckt werden. ES muß jedoch auch darauf verwiesen werden, daß in diesen Fehlbeträgen die Ausgaben auf Grund des Ultimatums noch! nicht mitenthalten sind. Alle ans dem Friedensvertrage resultierenden Ausgaben solle« m eteft» besonderen Kontributionsetat vereinigt werden. _ Kanzler Wirth über die deutsche Politik, Paris, 11. August. „Le Journal" veröffentlicht ein Interview mit d°m Reichskanzler Dr. Wi rth, der erklärte, die politische Lage Deutschlands werde gegenwärtig beherrscht durch die Erwartung der Entscheidungen des Obersten RateS über die zwei wichtigsten Fragen: Das Schicksal Oberschle ficnS und die Aufrechterhaltung vder Abschaffung der Sanktionen im Rheinland. Düse beiden Fraget feien der Angelpunkt der politischen Auffassung geworben. Die Mehrheit' des deutschen Volkes heiße die Politik des gegenwärtigen Kabinetts gut. Die deut sehe Demokratie willens, durch friedliche Arbeit a;i dem Wiederaufbau MrvpaS mitzuwirken, und sei von dem aufrichtigm Wunsche nach Verständigung und Einvernehmen, unter den Völkern beseelt. Es sei unmöglich zu glauben, daß seine Politik sich aus Meinungsverschiedenheiten zwischen den Großmacht^ aufbaue. Die deutsche Regierung wolle keine Politik der Zwietracht und der Feindseligkeit, sondern «ine Politik des Friedens, die sie zu verwirklichen wiinsche, indem sie dre Verpslichtungen erfülle, die von ihr übernommen worden seiest. BerA», 11. August. Bei der Berfassiingsfeier rn der Staats«per hielt Reichskanzler D'r. Wirt h ^>ie Festrede. Er gedachte zunächst des Ernstes der Stunde, die über das Schicksal Deutschlands, vielleicht auch ganz Europas entscheide. ,Hch bin überzeugt, daß der große demokratische Leitgedanke in nicht zu ferner Zeit Gemeingut des ganze» deutschen Volkes sein wird. Dieser Geda k' verkennt gewis; picht bat trezi-Mdep Gegensätze zwischen de^ Uoltsklasseu, Wiener MorgenzeitnnS 12. August 192t Nr. 914 * — " -• ---- ---1.- --- 7 . Ranzenberger, der Chef der Wiener MenschenrSnber. Der königlich ungarische Hanptmann Viktor Manzenberger, einer der Unterzeichner des an den ehemaligen ungarischen Wutfier gerichteten Droh- und. SchmähbriefeS, ist auch in Wien nicht unbekannt. Er war der Chef jener Horthhfche» Offiziersmaffia, die Ende 1919 mh anfangs 1920 in Wien und, Umgebur^ 1 ■? den Menschenraub systematisch betrieben hat. Im Oktober 1919 erschien Hauptmann Ran zeuberger beim Chef der Wiener Staatspolizei, Regierungsrat Brandl, mit einem Schreiben des ungarischen Ministeriums des Inner». In diesem Schreiben wurde die Wiener Polizei ersucht, den in der Zuschrift namhaft gemachten ungarische» Offizieren zu gestatten, daß fie gegen einige nach Wien geflüchtete ungarische Emigranten, die zurZeit des Kommunismus m Ungarn angeblich Verbrechen sich hätten zuschulden kommen lassen, Nachforschungen und Erhebungen zu pflegen..Regierungsrat Brandl wies die Offiziere an die Regierung, welche allein berechtigt sei, eine solche Bewilligung zu erteilen. Die österreichische Regierung verweigerte nicht nur die Erlaubnis, sondern ging gegen die ungarischen Offiziere mit der Ausweisung aus Oesterreich vor. Nach einiger Zeit kehrte» jedoch dieselbe» Offiziere nach Wien als Geheimagent e n zurück und nun begann eiste lange Serie von Verbrechen und! Gewalttaten. . Es war nämlich dem Hauptmann Ranzende rger gelungen, eine ganze Abteilungvon Hvrthy- Offizieren über die Grenze zu schwindeln, die dann im Palais der ungarischen Garde einqUartiert wurden und die Aufgabe hatten, Spitzeldienste zu leisten, andererseits die anserseheuen Opfer an zu locken und nach Ungarn zu verschleppen. zwischen Besitz und Arb.it; soll aber nicht alles zertrümmert werden,, so muß eine. Verständigung iyttß Versöhnung aiy gestrebt werden und durch sie die Rettung des deutschen Volkes, die Sicherung seiner nationale», Einheit und die Wicderbegründung seiner materiellen Wohlfahrt. Alles daS rmr möglich durch .die einheitliche dem«kratrsche deutsche Repuhlick. Go, findet, denn der deutsche Nattonalgedanke seinen besten 'Ausdruck in der Weimarer Verfassung. Nur unter Mitwirkung d;r organisierten Arbeiterschaft konnte der nationale Dolkstag gegründet werden. DaS furchtbare Los, das mit Atlasschwcre auf unseren Schulter» lastet, kann nur getragen werden, wemder alle Obrigkeitsstaat ersetzt-wird durch den Volksstaat. Ueb« alle Sorgen, die der Aufbau der Verfassung uns bereitet hat, .geht die Sorge um das Schicksal Obrrschlesicns. Wir sind uns klar darüber, daß mit dem Schicksal Ober-, schlesiens auch über das Schicksal Deutschlands und damit auch Europas eine bedeutsame Entscheidung fällt. Lassen Sie mich noch 'einmal in dieser Stunde der Hoffnung Ausdruck geben, daß die in Paris versammelten Männer sich der schweren Verantwortung gegenüber Europa undgegenüber der ganzen Menschheit bewußt sind und. zu einer gerechtes Entscheidung kommen, die dem'deutschen Volke die Lebensmöglichkeit erhält. Ein Volk, das den Weg von 1918 bis 1981 gegangen ist, das nach einem solchen Zusammenbruch sich ausgerafft hat zur Arbeit. Srlbstvrrantwortimg und sittlichen Freiheit, hat Anspruch ans em gleichwertiges Dasein, eS hat Rechtsansprüche an die andere« Völker der Erde und an die eigene Zukunft." Der Separatfriede zwischen Amerika «nd Ungarn. BstdiLpest, 11. August. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Zu Beginn der heutigen Sitzung der Nationalversammlung teilte der Minister des Aeußvvn Graf Banf f h in einer kurzen «Erklärung mit, daß die Bereinigten Staaten der ungarischen Regierung eine Nojte übermittelten, in welcher zum Ausdruck gebracht wirb, daß, falls die ungarische Ratio,ralversammlung die vom 1. Juni datierte Friedensresolution des amerikanischen Kongresses ünt> die Friedensresolution des amerikanischtzn Präsidenten vom 2. Juni sich' in ihrer' Gänze und ohne Vorbehalt zu eigen mache, Ungarn sofort in Beratungen über einen Separatfrieden mit den Ver«sinigten Staaten eintvdten könne. (Lebhafter Beifall, ist, ganzer, Hause.) Der Minister ersucht, die Angelegenheit unverzüglich' an den Ausschuß für Aeußeres. zu leiten, der einen diesbezüglichen Bericht schon in der morgigen Sitzung der Nationalversammlung zu unterbreiten habe. Der Antrag des Ministers wurde,, einstimmig angenommene ' . Der Auswärtige Ausschuß d«r Nationalversammlung zog den Bericht des Ministers des Aeußern über die amerikanische Friedensresolution in dringliche Verhandlung. Der Bericht wurde einstimmig angenommen, uns es wurde auch bereits der Ausschußbericht im dieser Frage sertiggesteftt. Darin wird hervorgehoben, daß der amerikanische Antrag von! bes 0 n de re c p0 l it i s ch er Bedeutung sei. Es | wird dadurch für die ungarische Nation die Hoffnung .Dieser ungarischen Offiziers-Spitzelgrüppe gehörten auch die Leutnants^Enge« Bleich rmd Kvloman Kiss an. welche, wie ertnuerkich, vom Wiener Landes gericht wegen Mitschuld, an der Verschleppung und der jenseits der öfierreichifch-ungarifcheu Grenze vollbrachten Ermordung beS Bela Schön zst S^,, beziehungsweise 3 Jahren schwere» Kerkers verurteilt wurden. Kvloman SisS, der damals i» derZeM Nr. 162 e die Untersuchungshaft verbrachte, erzählte einem Zellengenossen, daß er und feine Komplizen den Bela Schön in L^ebenönkg dem Pro nah übergaben, der sie hieraus sofort um neue Menschenlieferungen zu Ranzenberger «ach Wie» zurückschickte. Als sie nach Wien zurückkehrte«, beruhete fie Ranzenberger, der sich in Wie» Rauconannte, daß ih»e» nichts geschehen könne, da bei der Polizei Brandl sein Mann sei» AK es sich aber heraus stellte, daß Ranzenberger gelogen hat, Jmb die Menscheurauber verhaftet wurden, hatte Ranzenberger bereits das Weite gesucht. In der feinerzeitigen Verhandlung wurde auch ein aufgefangener Brief des Kiss an den ungarischen l^gationsrat Matyas ovszky bekannt, in welchem KifS nm Geld für sich und seine Familie! bittet und dann schreibt; „AlS uns Herr Hauptmarm Manzenb^rger den Befehl erteilte, erwÄerte er auf mein Sträuben, daß, wenn ich erwischt werde» sollte, ich höchstens zwei Ta g e im Gefangenhaus bleiben würde, da Horthh in Wie« eiumarschieren würde und wir dann ohnedies frei wäre». Würden wir hier die Wahrheit gesagt haben, so würdeman hier erfahren haben, daß wir über direkten Auf-- trag Horthys handelten und Pronah und alle Offiziere, die damals hier weilten, wären verhaftet worden." $ Das ist der Ranzenberger; den der Pro nah, der Herr des Horthh und des Landes Ungarn, als wertvollen Mann achtet und — liebt. NMUW»W»»0WlW»W»»W»l>S>W>WWW»MNWWMWMSS>MM>WMM3> einer schöneren Zukunft erweckt. Der Sonherfriede mit Amerika werde geeignet sein, die vielen Ungerechtigkeiten, die der ungarischen Nation seit dein Jahre 1918 widerfahren sind, wicder gutzumachen und die ehemaligen Gegner auf den Mg < der Gerechtigkeit und' Verständigung zu führen. Die Iudenmetzeleien in - ch Der Präsident der russischen jüdischen Union Doktor Kren in ist in Berlin emgetroffen, um dort die Aufmerksamkeit der europäischen Regierungen und befosabeO! der jüdischen Organisationen auf die «ltsehlichen Judenmassakers zu richten, die in den berschredeNchl Megenostn. Rußlands, besonders in SüdLußland Mid in der Ukraine, in den letzten Monaten stattgefurrden Habens Nach den Aeutzerungen Dr. Kren ins haben die Pogwme solche Dimensionen angeiniommen, daß die radikalsten Schritte üvtwcndfg erscheinen, «nr M verhindern, das; binnen Jahresfrist die gesamte jüdische Bevölkerung ausgerottet wird. - Dr. Krenin hat ein urpi<lngreichcs statistisches und ossizielles Material mit, aus welchen!' hervorgeht, daß von Ende 1918 bis Juni 192l mehr als 800.000 Juden auf die grauenhafteste Weise getötet worden sind. Lausende haben versucht. Üb« die Gr^zen zu entfliehen, ohne jedoch die Möglichkeit zu besitzen, aus dem Lande, das ihnen so.st^lldltch ist, zu entkorumeu. Nach den Aeuß-rungen Dr. KrenmS'ist die russische Regierung bemüht, den Judenverfolgungen Einhalt zu gebieten. Mlein die Bolschewrkenregierung ist heute tat ganzen Lande schon so machtlos, baß ihr Schutz vollkommen wirkungslos ist. Besonders in b«r Ukraine haben sich Banden gebildet, die bis zu 1500 Köpfen stark sind, plündernd durch die Dörfer ziehen und besonders die jüdische Bevölkerung brandschatzen- Die Methoden ber sJüdemschlächtereien sind die gleichen wie früher. An einem Orw war Dr. Krenin Zeuge, wie HvO Juden, Mäimer,/Frauen und Kinder, nachdem die Frauen vergewaltigt Wardeni waren, M einem Hans zusammengetrieben Md lebendig verbmnnt wurden. Wenn die Banden die Juden eines Dorfts g «tötet haben, ziehen sie in daS nächste Md so von Diort zu. Dorf, von Stadt zu Stadt. Dr. Kreniu hat Moskau im Juni Verla sf;ü, zu eiasr ZeiÜ da die Lebensmittel schon teuer waren, abrr noch keine Hungersnot herrschte. SM'dieser'Zeit'ist er^' bä die Verbindungen »unterbrochen sind, ohne /jede Nachricht aus Rußland. Er .wirb' -sich von Berlin aus wahrscheinlich nach Paris, London und N<?w-Dork beg:ben, um die einflußreichen Kreise p einer Hilseleislnng für die, russischen Juden zu bewegen. Dis jüdische LandwirLschast in Ost» gattzien. Lemberg, 11. Angust. lPrivat? Ans einer Konteren? itzdilclier Farmer in Lemberg wur>? gegen die polnischer?lM!;.es<tze pcoiestier«, die aus dse Einziehung de? jüdischen Grundbesitzes abzielcn. Auf der Kvu^crenz ward? jeslgestrllt. daß gcgcrwärtia fc3K0 Juden in OstLülizun m de> L n n d w i' «i cd a j j >;rg sch'cu ^26C