Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 909 (7.8.1921)
- Date
- 1921-08-07
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Wien, Sonntag /-;...——-—'—— - hars Menge, die über 20 Säle füllte. Eine Heerschau' der zeitgenössischen bildende» Künste, die ein treues Spiegelbild dieser Zeit und daher eine 'große Enttäuschu'ng ist. , , 2. .. Die französische Malerei steht am.Ende.einer Entwicklung, der sich an Ruhm uNd Größe in der Künstle sch ick) Le des 19. Jahrhunderts nichts ^au die Seite stellen kann. Sie beginnt mit dem unübersehbaren inneren und äußeren Reichtum Delacroix, der die besten Traditionen vergangenen Handwerks erlernt und in dem alle künftigen Gewi t?r bereits klärmde Blitze voraüsgesandt zu haben sch.'rncn. Im Jahr 1874 hielt der Impressionismus feinen -Einzug; er ist naturalistisch und ist es doch nicht, weil kerne Kunst naturalistisch s:in kann. Ww jede Kunst ist auch diese Elgenschöpsung des Geistes, fern aller Natur, heu eigenen Rythmus ihr anfzmingend. Darum erschien auch der Impressionismus bei seinem ersten Auftreten als unrealistisch, als „unwahr", darum rief er einen solchen Stürm dry Entrüstung hervor. Wir erkennen heute das naturalistisch^ Element in dm« Werken Man-ts und seiner Schule: Sie geben die Natur, wie, sie sich dem Künstler auf den-ersten Blick darbietet, sie zwingen den Rythmus ihrer Persönlichkeit d-n Dingen auf, ohne dabei über die Dinge hinauszuschr-iten. Ein Jahrzehnt später kam der Neoimpr.ssionismus, dH Punktmanier Seurats und Signa'cs, aber bald folgte eine. Reaktion darcms.Der Symbolismus und der Nentraditionalismus der Literatur fairen' in' der Kunst ihre Parallele.' Die Natur sollte nicht mehr unter dc« Rythmns eines Temperaments gezwungen wcr^cns wir bei Zola und Maupäfsaut, bei Manet uUd C'aude Monet. Die Kunst.wurde völlig eine Schöpfung der Phantasie, -wurde völlig abstrakt, la desörmation de la nature, wurde Prinzip. Noch einmal faßte-^n der beherrschenden Gebärde d»s Genies C;zanne das Erbe des Impressionismus zusainmrn, aber bahnbrechend sind in seinen Bildern schon dir letzten Vereinfachungen der Natur,^die alles kompliziert Lebendige: aus 'den einfachen Rhythmus von Kegel) Kugel, 'Zylinder und Würfel zurücksühren, angedeutet. Aus dem Erbe dieses Vollenders des Impressionismus erwuchs der ' Expressionismus, der bis zu den geistigen'Grundprinzipien aller Dinge Vordringen will. - Ec will nicht, mehr bloß Eindrücke registrieren, er will zu den Wurzelst d«r'Dinge Vordringen, diese neu schaffen, endgültiger, ewiger. Und seine Fortsetzung findet^ der Expressionismus, im Kubismus, dessen Gründer A. Gleizes'und I. Mehinger im Jahre 1912 eine Programmverösfentlichten, worin sie es als Mission des Künstlers crckä en, die Dinge ihrer banalen Erscheinung zu entkleiden und die Wirklichkeit nach dem Bilds des Geistes zu formen. All: Schönheit besteht in dem Verhältnis zwischen den einfachen Grundsiguren alles Seienden) der Künstler müsse in. sei ein Gehirn den Weg zurücklegen.zu hen immer abstrakteren und einfacheren Grundfiguren, und 'so das WesenMche, des U "wesentlichen entkleidet, in seinem' steinen AÄH'Sttnisspiel wicdergrben. ' / : In all diese' Entwicklungen vonI Manet an bis zu Glekzes spielte der Einfluß des'Hrieyts hinein. .Es 'toaf japanische und chinesische Kunst, dj»7bei d:r Eutstehujng des. Impressionismus mit Patey stand,' es waren die farbigen Bilder des Südens, die van Gogh und Gauguin entzückten, es war die Kunst Aegyptens, Persiens unt» zuletzt die der . primitiven Völker, bte den bildenden Kiinsten der jüLrgsten Zeit Vorbild au4e Die Selmsncht nach glauben'sdurchg'lühtcr Erhabenheit des L b:::s, r ach gristunLerw-ors.'ner B herrschung der Natur, nach Bindung der Kunst an übermenschlich göttliches Geschehen, lief; diese Generation den Anschluß an jene primitiven Kulturen finden,' in dmen die Magie und d:r Mythos noch allen Ausdruck ba-chchr. Typisch ist, daß die Führer -bisfcr G:neratio)) alle Philosophen und Psychologen ü'arcn, deren kritisch.' und ästhetische Werks ihren bildneri-ch scheu Werken an Wert nicht nachstand'ejn, ja sie oft' übertrafcn. In all den Fahrer des Krieges.traben weder Literatur Koch bildende .Künste hcrvorragsndr 'Werke hsrvorgrbracht. Ab r di; Frag: ist, welche neuen Wege sie eingeschlagen haben) wie weit sich in ihnen der neue 'Geist der Nachkriegsjahre äußert, otf überhaupt ein neuer Geist La ist Und''welcher. Welchen Eindruck haben diese unzweisekhafc gewaltigen'Eceigni's: o-.m 1914 bis 1919 auf den-so empfänglichen Geist Künstlers ansgeübt? Die Antwort sei hier andeutert!) vorausgenonlmen: soweit uns die P.aris.'r Salons maßgebend sein Wunen, so können tyir von einen) gestalteten Erlebnis diese: Jahre nicht sprechen, die Leere gähnt uns au.' ' 3: •:’< . Jrrhaltlich sind der Krieg und di: Revolütiön spurlos, «rn d-r bildend:!) Kunst vorbeigehangen.' Die-Literatur 'hat uns -schlechte B Meisterung für den-Kridg Ünd für die heiligen Güter der Nation, sie" hat unsglühende ^Aufschreie. gegen M'a s n .nord und Nlenschenentivürdigung gebracht, Är-der Srtiji i i r'l! der til c,-d..n Künstl.-r gingen- Pas Elend dxs Krieges und dar C-a"s der Rsvolutrö'n aufcheiumd spurlos vorbei. Läfit r-.us schon die Sittojigkeit der literarischen Knegserzeugniis: cs:: Gefühl der Verblüffung zurück, so muß uns. diese TaKache in der Biio-nb:;t Knust. mnsvmehr. zu denken g.'beu. 2rar:u di; E '!>'») }.: in Krieg und Revolution so schwach,,das; ji:. sich flicht zu einen) einheitlichen SUlrhythmus formten, odcr iü die Kunst so fern dem .Leben, daß .sie ihm um Jahrhunderte nachhinkt-- .. .. - '. (veistrg gesehen, ist diese Nachkriegszeit.,leer. D'teSeh»-. sucht nach Halt und Ergriffenheit weift dis' meisten rückwärts.' Die Reaktion, di: auf allen Gebieteneingesetzt hat, ist -stärker als in der Literatur, in der bildenden Kunst bemerkbare Keine neue Richtung gibt sich kund, per Expressionismus und der 5krbjsmus habenkejne neuen Müsen getriebep. Einige > st!'..!stier sind ihnen t>':ir gebliebetc, aber vtele sind vom Expressionismus und . vom- Kubismus zu ernem Neoklassi- Wiener MorgenAirrmg Vor Letzinn 6er ' Wiener ister^Miea Messe erscheint unser «V » in Massenauflage und wird allen Besuchern der Messe zugesendet. Mrmr^ KsrgemmMW At’_m nr fajj ftVttnrtT ö&rGXLeßi IV CD)itn^Scfc6^lr^O*w«44^433;>gi HM Allen Firmen die in unseren Messe-Nummern annoncieren geben wir kostenfrei *WT ein Inserat im „Messe-Führer“ £80 um zismus zurückgekehrt. Freilich merkt mau ihren Bildern an der seltsamen Bewegtheit der Linien, an der schwtngex-den Perspektive den Durchgang durch jC'zanne und den Expressionismus, an der grauen Tönung ihrer Bilder die Schule des Kubismus. Aber stärker als seit . Jahren spürt man bas' Ätnknüpfrn an die Tradition der großen italienischen'Meister, bis in .die Motive hinein, die'dem klassischen Altertum ent-, lehnt sind. ‘ " r . .Nur der Einfluß des Orisuts bleibt. Die Unbewegtheit und Graudiojitüt nsrättsch re igiöser Symbole, die Farbenpracht der Tropenwelt^ Aber auch sie sind nicht Anreger zu neuen Wegen. In der Vorkriegszeit ist dies alles schon irgendwie dagewesen. Epigvnentüyr, bas zur Tradition zurückkehrtdas in einer gewi-'seu Müd.igküt -das kühne Vorwärtsstürmen aufgibt. »In der ungeheuren Menge der Bilder war nur ganz weniges, was über den Durchschnitt hervorragte. Dafür war" sehr . viel 'Unterdurchschnittliches da. Viele Säle sahen so aus, als wären sie aus der offiziellen Akademie.. In den ersten acht, wo die junge Kunst vereinigt war,' ging das Publikum kopfschüttelyd. herum, obwohl eigentlich nichts da war, worüber man den Kopf schütteln müßte. Denn über die Dadaisten, von denen übrigens nur ganz wenige vertreten waren, braucht mast , nicht den Kopf zu schütteln, sie nehmen sich wohl selbst kaum ernst. Auch dis Kubisten, die ausgestellt hatten, wirkten kalt. In ihren .theoretischen Versuchen ist unzweifelhaft viel 'Nichtiges, eine Verinnerlichung, ei))e Vereinfachung und dabei zugleich ein aktivistisches Element: Kunst als Eroberung 6:r Außenwelt von der Souveränität des Geistes her, aber in ihren praktisck)eu Ausführungen sind sie dein Prinzip zu Au Unsere p.t.Abonnenten in der Sommerfrische! Wir bitten bei Ueberfiedlung um rechtzeitige VerstKndi-; gung und Angabe der neue« Adreffe. 1 " ■■■■/': "v Die Verwaltung der „Wiener Mosgenzeitnng". 7. Augusi lyint' treu, entsteht ein neuer geometrischer Mechanismus) fcfit mathematischer Naturalismus. Das System überwuchert. Bei den Mülern) die aüsgestellt. habe),, spürt man meist den - Einfluß Brackes, )m'r Survage wäre zu nennen, dessein schäften von fesselnder Architektonik sind, und GierikjeS,. desft^ Stillebe)) vortreffliches Stoffgefühs »verrät.! Spürt man hier in dem linken Flügel eine Versteitte^ tung, so ist bas gleiche in dem rechten Flügel der Fall.; Eine große Anzahl von Impressionisten - und Neoimpressr«-! nisten deckest gleichmäßig die Wä)rd«. Der Altmeister Pauft Signac ist noch immer der Größte: seine drei -Btldstr,t von denen zwei den Mont Blanc, eütes.die Notre-D'am^ vo)) Paris barstellt, sind in ihrer lichten' SonnostdurchfluturU. und in ihrem Farbenreichtum gute Muster-.des NeormpressiVH ülismus. 1 Zwischen diesen beiden Extremen. aber sind die Suchenden. (Ich spreche vo)). jene),, die übechaupt zählemJs Kubismus, Asien und primitive Kunst haben auf sie alle; irgendwie eingewirkt, und bei''ihrer Rückkehr zu einenr Realismus trägt dieser noch die Spuren der VergListigung des langes Weges. Ist hier der Anfang neuer Zukimst? Eine Wende. . bereitet sich vor: Umkehr und Anknüpfung-an Dergangeues.j Ist sie nur Ausdruck moinentanen Suchrns, Tasten im Uw«, gewissen, oder ist sie bewußte Rückkehr nach geistiger iimerlichung? Ist un'er all diesen, die da ausgestellt haben,? das Genie oder schasst es einsam irgendwo am Montparmtss^ oder Montlnartre, um eines Tages'eine .yeue Losung auf- 'znwerfen? Ist es das Ende, Rückkehr ^aus Erschöpfung oder Sammlung zu neuer Tat? '! .. Andree Lho te und Andres Favo rkch.wären hiev lutz Mittelpunkt zu neunen. Beide sind durch. dein' Kubismus hin« durchgegangeu,' beide zur Tradition zurückgekehrt. Bon Lhot^ sind drei Bilder da, eia klafsistisches, „Entführung dex Euvopa"^ eine nackte Frau, die sich an dem Horn eines Stieres fest< hält, aber die beide» anderen sind kubistifche- Versuche. Sucht Lhott - noch oder hat er' sich .schon entschieden? F.avo^yAi Bildern, darunter' ebenfalls -eine ^/Entführung der Europ'ak^ sind schon ganz klafsizistifch f und man sieht in ihnen die: Möglichkeiten der Bereicherung: des Klassizismus nach ttemj Durchgang durch Kubismus.- und Expressionisnrus. Um diese) Künstler reihen sich andere: Bissüre -mit einem sehr fewmt Bild dreier Frauen in 'einem Fenster, Charles Gurerin, bessew D'ekorativismus voll lyrischer Emotion ist, Luc-Albert Moreau^ der in feiner „Loge" meisterhaftes Können verrät und bessew- Stilleben bester'Klassizismus sind, Dunoher de Legonzac mit! seinen dunkel-ruhigen Farben, Charles D'ufresne mit eiDrl; . Traumlandschaft, .worin im Spiel von.Mädchen »mb' Tiger-! jagd die unendliche Sehnsucht des Lebens vibriert, schwarz^ . Mohrenknaben von van Dmige»), die etwas enttäuschen, Hepry, de Waroquier, in dgssru von cyißerordentlicher BegabuW zeugenden Bildern die Tradition Hrrcos in modernemFühM weiterlebt, Kirchen unter ' stürmischem Himmel' in seltsam^ architektonischer Grandiosität,' Feder m t einem seinen PortrW und einer Garbentrügerin, die in ihrer lichten, belebtsrr Art einen dentlichen Fortschritt gegenüber Feders etwas kaltrUi^ Bildern bedeutet, Medyas/der für die Zukunft viel zu Ver«. sprechen scheint, „'.it..interessanten. Versuchen einer - . bilbung des Kubismus in dekorativer - Art. - Außerordentlich groß ist die Zahl der Frauen unkevi den. ausstellenbeu Künstlern, auch in der Abteilung der; Skulptur, die an .Zahl viel geriüger als die-Gemälbeabteiluntz! „ ist, aber vielleicht eben' deswegen In ihrem Durchschnitts-! uiveau c'was bcss r. Neues oder überragende Gestalter sieht« rnau anch hier nicht: die Rückkehr zmn. Klassizismus macht,* ' sich nach nicht bemerkbar. Dagegen ist hier der Einfluß Asiens, und der Primitiven noch stark fühlbar. Psychologisch, ist btefc Rückkehr zu kräftigeremvon einheitlich religiösem Bewußtsetm getragenen'Fühlen verständlich; kann aber diese Rückkehr^ ausgeführt von ungläubigen, inbividlialistisch vereinsamtes Menschen z» wahrer Kunst führen? Ist das nur Uebetp' nähme-von Form ohne die innere, seelische Kraft, die rinjij jette Form geschaffen hat, mit dem Wunsche, bas FsthW unserer Zeit in jene Form zu gießen? Spürt mau Verwand« schüft der Zeiten? Ist das Kolossale, unserer technischen Ms, mit ihren riesige)) Fabriken und epdutnspmmeinIdeU nehnmngeu der religiösen Ungeheuerlichkeit.jener Kultur mhle? Oder ist es ahnend-spielerische VorweghaMe einer veligijSS.^ gebundenen Zeit, jener der asiatischen und prttnitivMi uinb frühmittelalterlicheir Völker gleich, dw uns reisen soll? -):?'->> Da ist der Primitivismus von Ossip Zadkrn, .-Ein wuchtiger Tiger, nrächtig wte seine Ahnen in Afrika vber Vorderasien, Deschkowitsch,. dessen stark-sich ausbaumÄrdK,' schwerziehenbes -Pferd in großen Linien die Auflösung EeL Fornl nicht in drr, Richtung der Natur, sondersr in b'er!! Richtung dcr^ geplante» Bewegung.zeigt.''Lie, dessen säugeitdeS Kind au der Mutierbrust qn europäisch volle»)dete Negers Plastik gemahnt. Dm. reinen Kubismus vertritt Jakob Lipschitz,. dessen drei Steiufigurcu bei näherer Betrachtung sich! . als Gitarrespieler undals Mutier und Kind erweisen und'^ iu dessen Linieneine gesvisst Harmonik nicht zu verkenln-etp. ist. Zwei Frauen stellten interessante Plastiken aus, die bei' ollem Einfluß moderner Schule doch Realismus verrateyr Minnic Harkawy, deren feiner weiblicher Bvonzekopf iW seltener seelischer A„mnt ist und bereu Torso die europäische Verinnerlichung archaischer Steishcit vorstellt, und Chanck Orlosf mit ihren eleganten, schntale» Porträtköpfen. >. Der flüchtige Ueberbljck, den ich gebe» konnte, sM nur, die großen Linien htrrvortreteir lassen. Im gvoßm Nud^ ganzen — es sei wiederholt — leben wir in keinem Hphe« Punkt der bildende») Kunst. - Eine allgemeine Ermüdmrg gibö sich' luitb, eine Hoffnungslosigkeit zu neuem Begimch die! sonderbar absticht von de: Kühnheit der letzten Jahre vor! dem Zkriege. Vielleicht, baß das, was. Erschlaffung dünkt) Weg zur Gesundmrg ist. Aber her Salon, des Jndependants! entläßt uns unbefriedigt), wie äll-I, wäs .auf unsereFragf»« keine deutlichen Äütivorten gibt. Jochanan..