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Wiener Morgenzeitung · 1921-08-06 · Heft 908 (6.8.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 908 (6.8.1921)
Date
1921-08-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 4bten, Samstag Die russische Gefahr. Hunger und Seuchen bedrohen die Grundlage der j sozialen und staatlichen Ordnung in Rußland. Die Hilfe,! welche nottutum zu retten, was rroch zu retten ist, kann die Sowjetmacht, aller Hilfsmittel in einem durch, ihr Wirtschaftssystem gänzlich ruinierten Lande bar, von außen feindlich umdrängt uNd im Inner« vor gänzlich versiegten Produktionsqutzllen hilflos- Nicht, leisten. Der kapitalistische Widerpart des Bolschewismus im europäischen Westen und . in Amerika fielltt wohl Hilfe in Aussicht. Aber diese wird — schon um der so lang ersehnten und Vst erstrebten endgültigen Niederringung des Bolschewismus willen — sicher feine durchgreifende, seim , . Es ist nun mehr als wahrscheinlich, daß in dieser ElemeNtarkatastrophe von ungeheurem Umfang die. Sowjetregierung in Rußland, zusamnieubricht. Sie.ist heute die einzige faktische Sbaatsgeioalt in Rußland. Und nun ist.Hie große Frage, ob es möglich, ist, gerade jetzt möglich ist,.eine neu« staatliche Ordnung in Rußland aufznrichten, ohne daß eZ zu Bürgerkrieg und Blutvergießen kommt. Wer kann und will heute in Rußland die Verantwortung für ein ruhigss Heber«. gleiten in ein anderes Regierungsshstem übernehmen? Es ist zu befürchten, daß eruptive Ausbruchs des durch unsägliche Qualen verbitterten Volkes erfolgen unö ein Chaos aNsbricht, das,' von den dunklem Elementen der Reaktion noch vergrößert, furchtbares Unheil bringen kann. Und die ersten, gegen die sich der Dl sturm der Bolkswut richten wird, sind, die Juden Rußlands. Nicht die Bolschewiken jüdischer und nichtjüdischer 'Abstammung wird dieser Ausbruch treffen, denn sie werden' sich' selbst rechtzeitig in Sicherheit bringen öder'in Sicherheit gebracht werden (es ist bezeichnend, baß eine Hundstagsmeldung schon heut« davon spricht, daß die Dolschewikenführer sich in englischen Kolonien ansiedeln werden), .sondern es kann dazu kommen, daß das Blut aller Juden vergössen' wird, der großen jüdischen Massen, die nicht nur» unschuldig am Bolschewismus, sondern seine Opfer sind. Ang-efichts der heutigen Verhältnisse in Rußland ist egmehr . als fraglich, ob eine friedliche. Umwälzung wird erfolgen können, die auf der Vereinigung aller sozialistischen und demokratischen Parteien beruht. Bricht aber ein Bürgerkrieg aus, dann haben die Juden das Schlimmste zu erwarten' die ReäkfioN wird g-ßwiß nicht verfehlen,, «ihre Ziele durch Aufreizung der Volksinstinkte gegen die'Jüden als vergliche Träger-des ruinösen, bolschewikifchen Systems zu maskieren und zu popularisieren. Was diemilitärischen Banden der Reaktion leisten, dafür fiitb grauenvolle Beispiele vorhanden-. Dazu kommt der Umstand, daß im Augenblick, wo die Zügel der Macht den Bolschewiken entgleiten, keine autoritative Gewalt da ist, welche die bösen Instinkte im Zaume halten kann. Schon heute sind Äufstandsbewegungen oder andere Ereignisse, welche die Macht der heutigen Regierung schwächen, von Pogromen begleitet. Nicht zu vergessen ist, däß ditz Sowjetmacht Uber eine riesige Soldateska verfügt, die, entglitten den Machthabern die Zügel der Gewalt, 'sich sofort zu den übrigen Mordbrönnerbanden gesellen und naturgemäß auf der Linie des schwächsten Widerstands, also bei den Juden, durch Raub, Plünderung und Mord ihren „Unterhalt" finden würde. Der Pogrom, der Massenmord der Juden, ist heute die unmittelbarste Gefahr, die aus den Verhältnissen in Rußland erwächst; sie ist viel größer als die der Verschleppung von tznfektionskrankheibm, von der gefaselt wird. Und diese „russische Gefahr" bedroht einen großen Teil des Judentums und einen seiner wertvollsten. Ihr muß vorgebeugt werden, solange es Zeit ist.- Es gilt diesmal, rasch einzugreifen, um ^rcheil zu verhüten, nicht, wie bisher immer, Hilfe zu bringen, sobald das Unheil seinen Lauf genommen hat. Und diese Verhütung des Unglücks ist Sache der gesamten Judenheit. Denn ist das Unheil im Lauf, daun ist die gesamte Judenheit bedroht. Es ist daher Sache der gesamten Judenheit, der Juden in allen Ländern, schon heute alles daranzusetzen, um die drohende Gefahr von ihren russischen Brüdern aözuwenden. Vor allem müßte überall eine Aktion ems-etzon, um bei den Mächten, beim Völkerbund, vor allem bei den gegenwärtigen Machthabern in Rußland selbst, Schuh der Juden zu erwirken. Alle politischen Faktoren, welche für den Fortbestand Rußlands in Betracht kommen, müßten in diese Aktion cinbezogen werde«. Rasch muß die unbedingt nötige politische Arbeit für di«.Sicherung der russischen Juden emsetzen, ehe es zu spät ist. Sonst find die'Juden der ganze« Welt mitschuldig am Unheil ihrer Brüder in Rußland, mitschuldig aber auch an dem. Unheil, das siselbst treffen kann. Die „russische Gefahr ist «ine jüdische Gefahr. Das Judentum muß alles tun, um sie abzuwenden . .. Neuer Aufruf Gorkis. Stockholm, ö. August. (Tel.-Koinp.), „Dagens RYheier" meldet aus Helsingsors: Martin Gorki hat einen Aufruf an Deutschland, Amerika und England gerichtet, in dem er Lebensmittel zur REung der russischen .Kultur erbittet. Gorki ist nicht, wie erwartet rjnrbe, gestern in Helsingsors eingetrossen, es ist ungewiß, ob seine Reise überhaupt zustande kommt. v. August ItitL vlr. Uio ..v Bundeskanzler Schober über Klestungam Die künftigen Beziehungen Sesterreich» z« Ungar«. Der Wiener Korrespondent des „Budapesti Hirlap^ hätte dieser Tage eine Unterredung mit Bundeskanzler Schober, im Verlaufe welcher sich der' Bundes!- kanzler über die zwischen Oesterreich und Ungarn schwebenden Streitfragen äußert«. Dssr Zeitpunkt der Aebergabr Westungarns ~ sagte der Bundeskanzler — wurde nicht von Oesterreich, sondern von der Botschasterkonferenz festgesetzt und es ist. selbstverständlich, daß wir diesen Ärmiw gänüü 'so einhalte n müssen wie Ungarn. Im Zusammenhänge damit kann von Verhandlungen keine Rede Mehr sein, wir können nnt mehr über die F p stieg ung der Grenzlinien verhandeln und die Aufgabe dieser Verhandlungen wird es sein, die im Zusammenhänge mit der Grenzbestimmung von der einen oder anderen Regierung unterbreiteten Wünschei vün lsßtter Bedeutung zu diskutieren. Im Rahms«' dieser Verhandlungen wird dir österreichische Regierung bestrebt sein, durch mäglichstes Entgegenkommen zu beweisen, baß die westungarischs Frage, wie' dies von unserer Seite wiederholt ausgesprochen' wurde, auch im Geiste der Derträge gelöst werden kann, ohrpe daß dadurch düs freundschaftliche Verhältnis zwischen den beiden Staaten beeinträchtigt werden müßte. ' Wir werden ohne Zweifel die Form, finden, wie der gegenseitige Grenzverke hr gesichert werden kann, was auch im Interesse der uckrnitftlbar an her Grenze lebenden Bevölkerung unerläßlich ist. Dies halt« ich für umso selbstverständlicher, als wir den Wunsch hegen, daß die künftige Grenze nicht viwe Linie zwischen zwei Feinden^ sondern eine, Verbindungsbrücke zwischen zwei wirtschaftlich aufeinander angewiesenen Freunde« bilden möge. Zwischen Oesterreich und Ungarn sind jetzt Verhandlungen wegen Abschlusses eines Handelsvertrages im Zuge. Die ungarische Regierung hat sich jedoch bisher noch nicht entschlossen, den Vertrag, zu unterzeichne. Im allgemeinen bin ich von her Ueberzeugung durchdrungen,, baß sich zwischen den beiden Staaten jedenfalls lebhafte Handelsbeziehungen entwickeln werden. In dieser Hinsicht werden dieselben wirtschaftspolitischen Gesetze maßgebend sein, welche schon.in der Vergangenheit bestimmend waren und' trotz aller Politik in Geltung bleiben. Unsere wvchselseitigen Interessen beruhen darauf, baß wir uns gegenseitig ergänzen müssen. Gestatten Sie **■ schloß der Kanzler — noch hintzUzufügen, daß das Wohlergehen Oesterreichs ebenso ein' Interesse Ungarns ist wie umgekehrt. Es wäre ein wirtschaftlicher Selbstmordversuch', wenn einer der beiden Staaten den wirtschaftlichen Ruin des anderen Staates mit Schadenfreude begleiten würde. Sollte sich irgendwo eiw jolchev Symptom zeigen, so wäre dies bloß eine Uebergangserscheinung, welche bald von einer gesunden Auffassung abgelöst werden wird.' *. Der Korrespondent berichtet ferner, daß er erfahren habe, daß die österreichische Regierung im Begriffe sei, für die Anmeldung des ungarische« Kronenvvrrätes einen Präklusivtermin! festzusetzen, daß ferner der Plan bestehe, t en Nerrstedler-See trockenzulegen, und daß Abgeordneter Ezernin der Regierung einen neuen Initiativvorschlag für den Ausbau des Verhältnisses zwischen Oesterreich «und Ungar« unterbreitet habe. . Zu diesem Berichts bemerkt die Redaktion des „Budapesti Hirtap": Ins -Ungarische übersetzt bedeutet diese diplomatische' Wußerung so viel, daß über West- Ungar«, welches im Sinne des Trianoner Vertrags zu Oesterreich gehört, „nicht verhandelt werden ka n n". Hingegen kann von der Festsetzung der Grenzen die Rede sein, was selbstverständlich ick engerem, aber auch in ausgedehnterem'Sinne gedacht werden kann. Wir akzeptieren das Argument des Herrn Schober, baß Oesterreich' und Ungarn wirtschaftlich aufeinander angewiesen simd. Daraus folgt, daß wir bestrebt fein sollen, gute Beziehungen herzustellen'. Aber nicht wir sind es, die von Oesterreich Gebietsabtrecknungett fordern. Wenn abev Oesterreich glaubt, daß dieses gute Verhältnis sicher fei, wie immer es auch' die westungarische Frage' löst, dann v e r re n nt e s d 1 e Denkungsart der ungarischen Nati on. Es wäre Selbsttäuschung, zu glauben, daß Man-sich schließlich auch an das Verstünrmeftwe.rden gewöhnen könne. Im Gegenteil, je mehr Glieder von unserem Körper bisher in unserem wehrlosen Zustand abgehackt wurden, mit desto furchtbarerer Bitterkeit müßten wir eine neue Verstümmelung aufnehmen, die 'weder politisch' woch' wl^schaMich oder moralisch oder sonst irgendwie ernstlich bPLrüMt ish. Bor der LebergaVe Westungarns. In Oedenburg findet heute die erste Aitzuntz der' provisorischen Kommission der Entente statt, welche mit den Formalitäten der Uebergabe Westungarns betraut ist. Der österreichische Delegierte, Sektionschefs Da vH, ist gestern dorthin abgereist. Die Ue bergab Ä» arbeiten werden am 27.. August beendet sei«. Die in Budapest verbreiteten Gerüchte ■- vvn der Enteutenote a« Oesterreich! wegen Zurückziehung angeblich' an her westungarischen Grenze, konzentrierter österreichischer Truppe« sind völlig aus der Luit gegriffen. Dje Entente hat keinen wie immer gearteten Schritt in dieser Richtung bei der österreichischen Regierung unternommen. Es Liegt hiezu auch! keine Veranlassung vor, da an dev westungarischen Grenze überhaupt österreichische» Truppen stehen. ' \ * Wie die Politische Korrespondenz erfahrt, Hot am 3. d. M. eine Vorsprache von Vertretern der »wgaiischk« Regierung im Bunde;mimsieiiUM iÜr Aeußereß stattge'unden, die bei dieser Gelegenheit du Ansichten ihrer Regierung Über Westungarn cmwickelte». Westungar« und Funfkkkchen. Wdiaptst, 5. August. (Ung. Del.-Korr.-Bur) In der heutigen Sitzung bringt .Abg-sovdneter Pataesiin seiner dringlichen Interpellation jene Drangsalierungen zut Sprache, denen die ungarische Bevölkerung des! Baranyaer Gebietes angeblich von seiten der serbischen OkkupationsLehörden ausgesetzt sei. Der Interpellant legt Gewicht darauf, dies der hier weilenden Ententemission zur Kenntnis gU bringen, damit die Wiedel gutmachungskommrssion bei ihrer .Ankunft von den erlittenen Schäden der Baranyaer Bevölkerung gebührend Kenntnis erhalte. Der Interpellant meint, daß die Erpressungen ohne Wissen her serbischen Regierung geschehen. Er ersucht jden Minister des Aeußern, Lei dev serbischen Regierung Schritte zw tun, damit diese« Ätrozitäten ein Ende bereitet werde. Er lenkt die Aufmerkfamkeit des Ministers des Aeußern auch darauf, daß verschiedenen unkontrollierbaren Gerüchte« zufolge die Evakuierung Westungarns schon demnächst erfolgen soll, während man »ns angeblich' trotz der uns ims Trianoner Friedensvertrag zu gesicherten Rechte die südlichen Gebiete «icht übergeben will. Redner erklärt im Ranreu der -ganzen Nationalversammlung «ub eines jeden ungarischen Patrioten, daß jede Regierrmg, die Westungar« evakuieren wollte, bevor die Gebiete von Baranya, Baja, Somogy und Dolna seitens der Serben evakuiert werden sollten, gegenüber dieser Abi sicht auf den Widerstand der Nationalversammlung stoßen würde, Minister des Aeußern Banffy erklärt, daß tot der letzten Zeit die Bara.nhaer Bevölkerung mehrere ungesetzliche und «gegen den. Friedensvertrog verstoßende Erpressungen erleiden mußte. Der Minister habe beim Botschafterrat und beim Budapesteo Ober>° kommissär alle notwendigen Schritte getan, «m lrie.se Mißbräuche abzustellckn. Er habe die Budapests. Vertreter der Gwßmächte gebete-nbei der Evakuierung von' Baranya die notwendige Kontrolle auszuüben, wie sie seinerzeit bei der Evakuierung der von den' Rumänen besetzten Gebiete vuSgeübt wordenfei. Der Auszug der jugoslawischen Truppe» und der Einzugs dev ungarischen sei in nächster Zeit zu erwarten. Was die Ansicht deS Vorredners Setreffe, baß llngarn in eine Aenderung des westungarischen Zustandes nicht einwilligen könne, bevor die von den Serbe» okkupierten Gebiete zurückgegeben seien, so teile der! Minister diesen Standpunkt. Er HE dieser Auffassung vor dem Botschafterrat Ausdruck yeMen« und halte vom ungarischen Standpunkt aus «n einer derartigen Entscheidung fest. Es wäre nicht um Platz, sich, über die Einzelheiten des EdakuiernngsprogramniZ zu äußern, da dies militävtechnische Operationen vvraussehe, in, denen auch Aenderungen eintteteui könnten. Es stehe aber fest, daß der Oberkommisfür schon demnächst diesbezügliche Weisungen erhalten tverde Das Haus nimmt dis Antivvrt des Mirnswr^ des Aeußern zur Kenntnis. Ein jvgoslawtsches Ultimatum an Ungarn? Der BelMi>»r Bttichtrrstatterdes e e i t Magyar U fs a g vlepraphiert vom 4. d. M.: Laut Jttso««Ul0vev ans b'plomatifchw Kreisen teabstchliu Jugoslawien, än die uvflünsch? Rtgitruno «in lurüristsgkS NltiwMm ztt richten. Dmin wird bn sofortige Durch führ»« g des Trianoner Bertraaes, lnsbrsouvere dieAbrüstungdrrÄrmee und die SHaflung einer d e m 6 f r«t i f tb eji Regierung, gewrderi. Als G und für den energischen Slbritl dient dev llnnstand, daß die Äclgradre Regiervng rm Besitz eines DattUMäierialS ist, ans dem ein Zusammenhang twifchen der von den Hor<hy-i<eut n aechchteten I r r e d e n t a b e w eaung lnld den in Jugoslaw>e» in der letzten Zeit veriibi u Attentaten hervorgeht. Die Enaknierung des Baianr.aer Gebieiss wird bis zur deMoiraMelt Nevrgani'ativn der iinr>öu» ichen Regie»«iig unter keinen Umständen erfolgen Das Preschmeau deS Drlgr.-»der Auswärtigen Amtes gib» l'ckanm. laß die iugvslawische Regierung im Zusainmenpang nn> der Durchützrung deö svlukensrettrag-s H o r t l> u vor er Gericht?n stellen wünsche. we>l er während des Krieges als Admnal schutzlose Stäpte bombardiere« ließ.

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