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Wiener Morgenzeitung · 1921-08-05 · Heft 907 (5.8.1921) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 907 (5.8.1921)
Date
1921-08-05
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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9«. 907 Wien Freitag bände verfolgen irredentiftiscW AveM und verwenden die Jahresbeiträge und die Erträgnisse des Verbandsvermögens für die irredentisttsche Propaganda in den abgetretenen. von Ungarn losgelösten und an die- Aach.» fvlgestaaten cn-g 'gliederten Gkbieftn, Die Fusion erfolgte unter An frech Erhaltung des irrMntistischtzn - Programms. Zum Präsidenten wurde Barpn Siegmund Perenhi wiedergewählt. Es wnrhe ein« Anzahl Ehrenmitglieder gewählt, darunter die Grafen Alhert Apponyi, Jnsigs Andrassy, Minister Raday. Paul.Telsski, Johann Zichtz, ferner Bischof Prq* chazka, Baron Wlassics u. a. Der Pretzprozetz der Izsasier Juden. Aus Budapest wird uns berichtet: Namens der aus Jzsak geflüchteten Jrchen strengte her Bndaptzsjm , Rechtsanwalt Dr. Geza Do mb o Vary bei hex Bnda- Pester StqatsanivMchaft «i«?. Klage gegen das christlichnationale Platt „Uj Nemzedesil wegen Verherrlichung des Perbrechens und Aufreizung an, Jnkxinsirliert wird der Leitartikel vom 33, y. Mdes geMmrtenj Blattes, in welchem anläßlich der Enthüllungen Beniczkys über die Judenpogrome in Jzsak unter anderem folgendes gesagt wird; , . „Uebersll seufzen und klagen die Menschen, wiihreüd die Bevölkerung von Jzsak gehandelt hat. Sie hat schön und. höflich mit Umgehung jedes unangenehmen behördlichen Forums die Galizianer einfach hinauskomplimentiert und lassen sie selbst als Marktfahrer nicht mehr in die Gemarkung der Gemeinde hinein. Vazsonyi Und Beniczky können interpellieren, soviel sie wollen; in Jzsak wahnen ganze Mn scheu, die Heine halbe Arbeit leisten. Wir begrüßen sie, obztvar wir wissen, daß man ihrem Beispiel weder in Budapest noch sonstwo folgen wird. Denn Budapest ist die Stadt der halben Menschen und dieses Land ist trotz aller Deklamationen des Erwachens das Land der schlafenden Magyaren und der halben Christen." Eime Lücke des Versailler Friedens- Vertrages. Die Staatsbürgerschaft der Frauen im Slsatz. In Straß bürg fand dieser Tage ein« Massendemonstration statt, hie den Zweck hatte, die Botschafterkonferenz zu veranlassen, in einem bisher unbeachtet gebliebenen Punkte eine „Revision" des Versailler Frschensvertrages, herbeizuführen. Irgendein verborgener Paragraph des Vertrags bestimmt nämlich, daß, wenn eine Frau deutscher, belgischer, italienischer ja selbst französischer Abstammung wann immer vor dem Waffenstillstand einen Elsässer oder Lothringer geheiratet Haft sie dadurch' deutsche Staatsangehörige geworden ist unh es auch blecht, falls sie sich'.nicht vor dem. 15. Jänner 1d2Y für die französische Staatsangehörigkeit ausgesprochen hat. Natürlich hat in diesen Provinzen nftmarsi» diese Bestimmung gekannt und di« meisten waren der Meinung, daß, da infolge des Friedensvertrages die Gatten Franzosen geworden sind, auf Grund hes Dphe civil auch ihre Gattinnen Französinnen geworden seien. Nun erleben sie die Überraschung. daß dem nicht so sei, und es ergeben sich jetzt die gwteskesten Situationen. So wurde zum Wiener Morg«rzett«»s Beispiel, wie hie „Nmes^ meldan, Arzlich mehreren Französinnen, die im Jahre 1913 einen Deutschen heirateten, offenbarft dqß sitz deutsche Gattinnen yon Franzosen geworden sind, da sie es verabsäumt hatten, im Sinne des erwähnten Paragraphen des Friedensvertrages sich separat für die französische .Staatsangehörigkeit auszusprechen. Die durch diese Folgen der Weisheit dar Autoren oder vjcNicht der Ausleger des Versailler Vortrags »ntstandsne Erbitterung machte sich, wie erwähnt, ckn einer Psmon« stration Luft, in welcher entweder hft Aufhebung der widersinnigen Bestimmung oder zumindest die Verlängerung des Termins bis Ende 1981 gsftlkdevl wird. Der Mschtzch traft Westrmgar». ungarische PS«,«»»«, Aus Budapest wirh uns berichb^: In der dieser Tage abgehaltenen Sitzung der Ünabhäugrgkeits- und 48er Kossuth-Partei hielt der Parteipräsident Gras Theodor Batthany eine große Rede über hie aktuellen: politischen Fragen, in der er w. a. ans führte: Es wirke als Ironie des Schicksals, daß das ins Leben gerufene selbständige ungarsiche Rote «in st stuft das, wie an hoffe, bald zur selbständigen Notenbank ümgestaltet werden wird, von Männern errichtet und geleitet werde, die Jahrzehnte hindurch die Unmöglichkeit einer selbständigen . ungarischen Notenbank verkündet haben. Die Politik der Nekriminationen, führte Redner ferner aus, sei vergeblich. Der Krieg wurde im Herbst 1918 verloren, teils als Folge des deutschen Bündnisses und teils, weil die Verantwortlichen nicht rechtzeitig erkannten, baß der Krieg verloren sei, und nicht bestrebt waren, den Frieden im Jahre 1916 oder 1917 herbetzu führen. Eine Folge des verlorenen Krieges fei, haß die Entente das Londoner Abkommen vom Jahre 1915, den Bnkarester Vertrag vom Jahr« 1916 und das Pariser tschechv-slvwakische Abkommen auch tatsächlich durch führte. Weder die Karolyische Regierung iwch die Nationalversammlung hätte dies verhindern können. Heute bleibe nichts anderes übrig als die loyale Durchführung des Friedensvertrages. Hinsichtlich der we st ungarischen Frage fordert Graf Batthany eine Entscheidung darüber, was mit Westungarn zu geschehen hätte, wenn in Oesterreich der Anschluß an das Deutsche Reich wieder ans die Tagesordnung gesetzt werden sollte. Oesterreich, meint Gras Batthany, habe Westungarn erhalten, weil es auf den Anschluß an Deutschland verzichtete (?). Sobald in Oesterreich offizielle Faktoren die Anschlußbewegung wieder auf die Tagesordnung gelangen lassen, Habs Ungarn das Recht, die automatische Rückgabe Westungarns an die G«hiete der heiligen Krone zu fordern. Zum Schlüsse nttufjfe Graf Batthany der Partei der kleinen Landwirte den Borwurf, baß sie wohl stets die Traditionen der Unabhängigkeitspartei verkünde, doch' ein« Politik mache, die mit dem Wiste und der Lehre Kosiukhs nicht vereinbar sei. Die Prügelstrafe Und bi« Knebelung der Preßfreiheit widersprechen diesen Traditionen «Eenft wie die extrem-reaktionäre Politik, die Graf Sbepha» Bethlen, indem er Stephan Tifzv «vchdhml, in Ungarn inauguriert habe und die von der Partei der kleinen Landwirte gestützt werde. 8. MM 1321 Seite t* Telegramme. Der Oberste Rat. mtm, 4. August. Die Blätter melden w« PartH daß nach einem Londoner Telegramm des „Petit Partften" der französische Botschafter in London gestern abends vom Ministerpräsidenten Briand den Auftrag' erhalten habe, den Botschafter der Bereinigten Maaten' in London offiziell einzuladen, den Präsidenten Harding pei der nächsten Sitzung des Obersten Rates i« Paris M vertreten. Weiter wird berichtet, daß hie erste Sitzung des Obersten Rates Montag 11 sihr vormittags im Ministerium des Aeußern am Ouai d'Orsay von Briand eröffnet wetdon wird. BorlLusts keine ZneSekziehnng der Amerikanischen Truppen. Washington. 4. August (WoN') 3a Wprechgyß mfirm EntfchliehgNM über di? Lstrückäehung der amerikani« schenTrnppen auS Deusichland rrklärtr der Borsihend^ de- MßManSfchtzffes -es RepräsmftriteyhqusB, Porter, nach seiner pnsßnlichen Ansicht würixi, die nmerikgnischen Tmppm bimr Regelung res BrrWlMeS Wischen Deutschland Wd Bmesika b \ e i b? ». Er glaub,, daß dies, Regchmg i r zwei hitzdrel tzst» «aten «folgen Gerd,. Die Wilnaer Frage. Gens, 4. August. Hymans hat die litauisch'« und bk polnische Regierung ersucht, Delegierte zu einer am .86, d. M. in Genf stattfindenden Konferenz zU ent!» senden, um womöglich eine Verständigung über die strittigen Fragen herbtzizuführen. Der internationale Gerichtshof. Genf, 4. August. Der König von England' und der König von Norwegen haben die Ratistkations-- urfunbe des ständigen internationalen Gerichtshofes unterzeichnet. Damit ist die Zähl der- Ratifikationen auf vierzehn gestiegen. I«1eruattonale Auswanderungs- Kommission. Gmf, '4. August. (Schweiz. DepeMnagentur.) Die JMrnHtiMale Kommission für Ans wände-' rnngsfragen hat, wie bereits von uns berichtet, Dienstag im Internationalen Arbeitsamt ihre erstem Sitzung abgehalten. Die Kommission ist bekanntlich voni der Ärbeitskonserenz in Washington damit betraut wprden, der rm Oktober stattfinden internationalen. Arbeitskonferenz «inert Bericht übsr das Problem der Auswanderung vvrzulegen. Der Kampf um ei« GewerKfchaftsgebäude. . ,^,w. 4. Auayst. (Havas.) Auf dem letzten Eifenbabnrrrongreß in TonrS hat der linke Nügek bei der Abstimmung üb« dir ameskschaitbch« Bemeguv« eine schwach« Mkbrheit er* M. dir mt bm bm MeKbeOnhtzel <üs «mechrmäßla $«* struten wmde, Trotzdem bchtzten damals dn Ertremt ste« daß Gebsütze des EtsenbahnerverbandeS. Die NehrhettSpartü Mengt« Prszeß geige» fie cm, der hmbe vormittags m\t d« A»» »eis» rig der Emmnistm «nkoe. Diese «klärte», vM der Gewalt weiche« zn wolle». Schließt mußt« Polizei SW vertrieb dir Extremtst» «ch WM sodann dw Maxim Gorki r einer kranken Stadt. ' 1 Gorki, der Sohn eines Färbers, der vom Zaren iy die Peter-Pauls-FestUirg geschickt worden war und dann im Ausland ' leben mußte, bis hie große Revolution kam, stellte sich dem Sowjetrcgime als Patriot . i zur Verfügung, kam aber bald ht. Gegensatz zu hen Sowjetgewaltigen. Jetzt erinnern sich diese seiner und schicken ihn nach Europa, ' , ' ' ' ' wp er für das hungernde Volk Und die ver- , : hungernden Intellektuellen Hilfe suchen soll. Sofort erklärte sich Gorki zu her Reise bereit. Die folgende erschütternde SAilderung ist Gorkis Zeitung „Nowaja Shisn" .entnommen. Port ist sie genau vor drei Jahren erschienen.' Ic; net? entlegenen, engen Nebengasse sitzen auf tC)u vom Regenwasser durchfressenen Bürgersteig, vor einem schadhaften Bretterzaun, ein «tlva fünfjähriger Junge und «in etwas älteres Mädchen. Beide sind entsetzlich mag«^ UO mft dunklen Lumpen bekleidet; das Mädchen hat rystbraune, ausgetretene Schuhe tv\\tt Erwachseneir an den Füßen; der Junge hgt an einem Fttß einen gestraften und am archeren eilten grauen Strumpf, . Dom bleichen Himmel herab blickt auf sie schräg eine lautuarm«, furchtbar ferne, gleichsam winterliche Sonne. Direkt Vox den Kindern «rheht sich eine hxaum Mauer mit einem riesengroßen, fest verschlossen^ Dpx, Das Mädcherr duselt mit hglhoffenem Munde wr sich hin. Die blauen Augen dßs Jungen sind unverwandt auf die Mauer gerichtet, Er Ws langsam den Kopf, blickt auf die Sonne, verzieht nnzufrsehen dgä Gesicht und spricht gedehnt: „Essew. . „Was dir nicht stMfWt . . muxurelb verschhrstrn das Mädchen. Sie zieht ihre dünnen Beine Wf ME sie Mt dem kneift dtz Mgen zusgUMHN mch ^hnt sich mit hem Hinterkapf gegen hgn Zaun --- hä? WnM blickt ihr jetzt gerade ins blutleere Gesicht. In der Gasse ist es leer und still. Aus der Ferne Amt das sm M WÄm M MMM-MMd- Die Strahlen der biechernen Sann« füllen die Allst mit den säuerlichen Ausdünstungen der vergifteten Erde. „Katze!", sagt der Junge lächelrch und stößt mit seinen schmutzigen Händchen das Mädchen ins Knie. Die Katze geht langsam an der Mauer entlang, sich fast an sie drückend; sie hebt kaum ihre wollenen Pfoten von der Erde Und setzt sie, wohin es sich gerade trifft, ganz ohne das gewohnte Reinlichkeitsgefühl. Sie hält den Kopf tief gesenkt, das Fell auf ihrem Rücke« ist gesträubt, die Rippe« zeichne« sich deutlich ab, der Bauch hängt wie ein leerer Beutel. Di« SVnne beleuchtet sie von rückwärts und der Schatten der Katze hat einen, unförmlich langen Kopf. Sie bleibt einen Augenblick stehen, blickt mit trüben Augen auf die Kinder, nrachft ohne einen Ton von sich zu gehen, das Maul auf und geht, schwankend, jeden MrgenbW umzufallen bereit, weiter. Das Mädchen kratzt sich' den Kopf und sagt:! „Sie geht krepieren. Siehst, wie schwach sie ist .. Der Junge atmet mit gespitzten Lipve« recht viel Luft ei« und laßt sie laut und unzufrieden zugleich mit den Worte» heraus: „Essen . . ' Das Mädchen blickt der Katze nach nutz wiederholt: . „Was dir nicht einsäM . - S Ein von Arbeit und Hunger erschöpftes Ps-xd ist auf einen Hausen Pflasterwürfel gefaW». Di« scharstu Kanten der Halzwürstl schneiden es str bst Vejst, dst zerbrochene Deichselstange sticht es i» den aufgedunsenen Bauch. Das Pferd weint, die welfen Augenlider pressen krampfhaft große, schmutzige Trämentrypstn aus d«n trüben Augen heraus. Mürrische Menschen, die offenbar viel Zeit hiabßn, drängen sich um das Pferd und spreche» davon, daß das Pferd alt sei und de» schwecheladenen Magen gar nicht ziehe« MM. Der Kuffcher W M yin«m Randstein, erzählt, wie teuer strs MM W, Wd pchphezeitr „Bald werben alle an Hunger krepstre». Auch die Tiere ..." veL hamcadli J3I&59XST.v „Die Ratten habe» schon angefangen."! Kinder laufen hin und her, bringen VraSbüschel herbei, die sie mit den Wurzeln aus der Erb« heraus-; gezogen haben. Im Grase leuchte» gelbe Löwenzahnblüstn. Sie kauern vor der ausgestrecktzs» Pferdeschnauze und stopfen das Gras und die Blume« zwischen! die Masse« Lippe», die kleinen Hidndchön ä«gßtich vor de« breiten, grauen Zähne« znrückziehend. Das ist ebenso rührend, wie wenn man einem i» schwerster Pein sterbenden Mvnschen zarve, ltzrisch« Bepse vorkstft. Das Pferd kaut mechanisch und macht schwache, erfolglose Versuche, von den scharfen Holzwürfel» weg. Mkücken. ,We eS zappelt!^ sagt «1t Baßstimme einer der aufmerffame« Zuschauer. Am Htmmel zsthe» schwere Netze« grauer Wolken vvrbei; zwischen ihnen blaut der von den Winterstürmen «ingefegtr, vom Regen reingewaschene Himmel. Sin grnßgewachsener Reger mit glanzendem,' gleichsam lackiertem Gesicht, in einem komischen karierten! Mantel, großen, gelben Whuym und einer kurze,:- Pfeife zwischen den Zähne«, kommt herbei. Er blicktmit seine« öligen Augen über die Köpft der Zuschauer^ steckt bst Weift m die Tasche m schE die mm mst stimm gußeisernen Händen auseinander: „Pardon, . , . Pardvin . . Er hackt sich' hin, lögt mit den geschickten Bewegungen eines Athleten die Hohwürftl unter der Steitq. des Pftches etwas um, richtet sich wieder auf, macht eine Ärimafft, rollt hie schwarzen Mgen, schlagt sich' mit der flachen Hand auf die Seite und sagt in g«-^ brochenem Russisch: „Schmerzt. Nicht gut.^ Dann zeigt er Mt he« diAm, schwarz«« Finger »Vf biß Pftch Wh fügt hinzu: „StMs wenige? schmerzt," ' Er jp?Wt mit Um Finge? U* KM Wl M- «M-tzMm HM, lächelt «ft he« Lippe«, dst hst K»M pm NmSfett Kirsche« haben, steckt die Pftrft wieder Mjchm hie kräftige« Zähne «O «ntftynt sich. Hut mur rjrtfT aut", tmrf der Mra» mjü

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