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Wiener Morgenzeitung · 1921-08-05 · Heft 907 (5.8.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 907 (5.8.1921)
Date
1921-08-05
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 _Wreni Freitag_Wiener Morgenzeitung 5. August 1421 _ Mt. 407 Die Lage in Sowjetrussland. Polilische^Lundschau. Die Stimmung in Konstantinopel. Einem Kvnstantiiwpler Brief der „Grazer Tagespost" entnehmen wir das folgende Stimmungsbild: Die griechischen und dietürkischen Fahnen'' flattern nebeneinander. Es fährt Lar manches Schiff gemächlich durch den Bosporus und trägt harmlos am Mast: das weißblaue Kreuz Hellas* und am Bug den Halbmond Mohammeds. In eurem Zeitungsverschleiß hing letzthin ein türkisches Witzblatt und zeigte König Konstantin schwitzend, fluchend,-machtlos und lächerlich auf einem kleinen, mageren, störrischen Esel und daneben* hing ein griechisches Witzblatt und zeigte Konstantin XIL, mit wallendem Zederbusch', otif einem weißen,'feurigen 5 chimmel und anr Boden liegend Mustapha Kemal in einem roten Affenjäckchen.. Beide, sollten, die griechische Offensive darstellen, beide "sägten das 'gleiche in verschiedener Sprache, hingen friedlich nebeneinander und taten sich nichts, und vor ihnen standen türkische und griechische Soldaten, schauten, standen friedlich nebeneinander und tateü sich nichts. Es ist Konstantinopel heute mehr denn je die Stabiler möglichsten Unmöglichkeiten. .Der Sultan: fährt ins Sekam> lit und betet für den Sieg der Fahnen des Pwpheten,, der Patriarch .psalmodiert in der Dreieinigkeitskirche um den Triumphs der Kreuzfahne Konstantins. An beiden Seiten des Goldenen Horns sitzen die Redqllleure und lassen unermüdlich wildphantastische Enten aufflattern. In Pera die -Griechen, in Stambul die Türken. Beide sind sehr stark und'einander würdige Gegner, aber die Griechen sind augenblicklich oben und leisten Besseres. 'Angora wurde bereits zum vierten Male eingenommen. Bei EsK-Schehir wurden an einem Tage 30.000 Gefangene eingebracht und.M usta p H a Kemal ist schon zweimal wohlverwahrt an Bord des „Averoff" nach Athen gebracht-worhen. Es.sind nicht' wenige zum Hofen gelaufen, um die Durchfahrt des gefangenen Löwen zu sehen. Die Gerüchte flattern auf und laufen mit orientalischer Raserei Md - Uebvrzeugungswnt durch die Stadt und die weiteste Umgebung. Jeder schwört, jeder predigt und schmettert überlebensgroße Worte, alte sehr billig und opferlos in behaglicher, prassender Konstantinopler Neutralität und inzwischen sterben die anderen in Anatolien mir dieser Worte und - dieser Schwüre willen. Konstantin opel' ist häßlich, peinlich und abstoßend wie jedes nutzlose, unnütze Zwitterding." Der ungesunde lettische NationuLisMUS. Der Rigaer Korrespondent der „Frankfurter; Zeitung" erörtert in. seinem Blatte die.LageMes lettisch e n Staates und weist auf die ungesunde nätio- - nalistische Politik der unter der Losung ,Los von den Minderheiten" gebildeten neuen lettischen Regierung hin. Er sagt unter anderem: „In. erster Linie richtet sich der lettische Nationalismus wohl gegen das Judentum. Das lettische Volk muß fast in seiner Gesamtheit als antisemitisch bezeichnet werden. Und diese Ricbtnng wird gegenwärtig durch das Herüberfluten der lettgallischen und russischen . Ostjuden nach Riga noch wesentlich verstärkt. Der Kampf' gegen die Spekulation ist ein Schlachtruf, der aus dem Mißverstehen der wirtschaftlichen Situation zu erklären ist. Anstatt zu erkennen, daß die Spekulation eine Folge der ungesunden wirtschaftlichen Zustände ist, sieht man in ihr die eigentliche Ursache der Krankheit und fücht sie durch Bekämpfung der Spekulanten und insbesondere der jüdischen Händler zu fassen. Soeben ist ein Gesetz- Projekt fertiggestellt, demzufolge bex Kleinhandel den einzelnen Nationalitäten nur in der Höhe ihres Prozentsatzes der Bevölkerungszahl gestattet werden soll. Es dürsten demnach etwa 4 Prozent deutsche Geschäfte, 6 Prozent jüdische und 9 Pwzent russische Geschäfte existieren. . Diese kindliche Wirtschaftsmaßregel macht begreiflicherweise viel böses Blut und wird von den Minoritäten und insbesondere von der Kaufmannschaft in den größeren Städten mit aller Entschiedenheit und, mit allen Mitteln bekämpft werden. Bon all den nationalen Fragen ist aber die des Erwerbes der Staatsangehörigkeit die allerbrennendsbe. Nach dem bisherigen Gesetz gelten nur diejenigen Personen mit Sicherheit als lettländische Staatsangehörige, die auf Grund des alten komplizierten Ständesystems Rußlands einer den ständische« Körperschaften im lettländischen Territorium zugeschrieben waren und aus dem Laude stammten. Es gibt unzählige Familien, die auf Grund ihres Passes zu irgendeinem anderen Gebiet Rußlands zugeschrieben wären, aber trotzdem schon seit langem im Lande lebten und keinerlei Beziehungen zu ihrem Anfchreibeort unterhielten. All diesen Personen wird 'jetzt das Bürger-, recht versagt. Sie gelten als Ausländer, müssen besondere Steuern zahlen, können kein Eigentum erwerben und leben unter dem Damoklesschwert des Ausweiserechts. Ein solcher Zustand ist für die Dauer ganz unerträglich und im,der ihm leiden in erster. Linie die Juden, in zweiter JSUrie aber auch die Deutschen, besonders in Person der bereits obengenannten Kolonisten. Beiße Parteigruppen sind daher srst entschlossen, auf einer endlichen Regelung dieser Fräge im Sinne des Völkerrechts zu bestehen, und werden nötigenfalls auch nicht davor zurückscheuen, sich an eine außenstehende Justinz, an den Völkerbund, zu wende«, um ihr lLecht zu erlangen. Keine Gewalttätigkeiten. Modftu, 2. August. (Funkspruch.) Die.gestern veröffentliche . ZirkUlarnote der Sowjetvegivrung. besagt weiter: In.den vom Unglück betroffenen Provinzen bleibt von den alten Vorräten an Getreidv nichts und die Zufuhrmöglichkeiten aus den anderen Provinzen sind gegenwärtig sehr beschränkt. Daher ist in diesen Gebieten das Elend sehr groß. Aber nirgends zeigten sich Gewalttätigkeiten. In gewissen Gegenden, wo der Mangel an Lebensmitteln die Bevölkerung an einer Besserung verzweifeln läßt, trachtet eine LeträchLNche m$ä$T btt Bewohner mit Hilfe der Sowjetbehörden in die fruchtbareren Teile Rußlands auszuwandern. Aber diese Umsiedlung her hungernden Bewohner nimmt nirgends Formen an, die die gesellschaftliche Sicherheit und die öffentliche Ordnung, bedrohest. Neben der hon der Regierung eingesetzten Kommission hat die küssischc Regierung die Bildung' einesu ü a b h äm gi g e n Unterstützungskomite.es erlaubt, das aus Personen, die der Regierung ' fernstHen,- *. gebildet wurde. Dieses Komitee wich. die Verpflegsvvrräte, . hie zu.seiner. Verfügung ftinwepden, selbsttätig verteilen; es ist eine autonome Organisation, di« .Ln allen ihren Entscheidungen die volle Unterstützung der Svwjetbehörden genießen wird. Die Vertreter dieses Komitees werden sich demnächst in baK Ausland begeben. Di« russische Negierung wendet sich z§ diesem Zwecke an all« Regierungen.und erlaubt sich, Der Hoffnung Ausdruck zu g^ben, Paß letztere auf keine Weise den Organisationen ihres Landes, die den hungernden russischen Bürgern Hilfe bringen wollen, Schwierigkeiten bereiten werben. Die russische Regierung wird jede Hilfe, von welcher Seite, immer sie kommt, annehmen und. zu diesem Zwecke alle politischen Verhältnisse außer acht lassen. freier Handel. Mo kiu, 4. August. (Funkspruch.) Der Rat der Volkskommissare hat genaue Bestimmungen über die Eröffnung und die Führung der Handelstätigkeit und Regeln für deren Beaufsichtigung heraus gegeben. Alle Bürger haben bas Recht, mit lündwirtschastlichen E rzeugnissen und Mil Jndu- . st r i e w a r e n H a n d e l zrttreib e n. Ausgenommen davon sind.jene Erzeugnisse, gegen die auf Grund befyrcherer Verträge Rohstoffe geliefert, werden. Personen unter 16 Jahren ist jede Handelstätigkeit unter- - sagt, . ",; / SelbstverfokgÄng mit Holz. Mol st ly, 4. August. .(Funkspruch.) Petersburger Gouvernements-owjet meldet, daß ein großer Teil der Petersburger Industriearbeiter und Angestellten der Zentralämter sich durch Selbstversorgung den nötigen Holzvorrat für den Winter verschafft hat Den übrigen Arbeitern und Beamten wurde gleichfalls empfohlen, zur Selbstversorgung zü schreiten, zu welchem Zwecke die Regierung die Transportmittel beistellen werde. Die Ausschließung des Kaukasus. Moskau, 4. August. (Funkspruch.) Die Regierung von Georgien hat Maßnahmen getroffen, unter Zuziehung von Fachleuten in allernächster Zeit eine Bergstraße über Pen Kaukasus zu bauen, Die italienisch-jugoslawischen Beziehungen. Der Bckgrader Korrespondent des ,R>jcc* Hütte eine Unterredung mit dem italienischen Gesandten M a N z o n i, worin dieser unter anderem erklätte, daß Italien die R 3 a m n n g der letzten Zone des besetzten Gebietes von Dalmatien nicht in die Länge ziehe, da es wiederholt erklärt habe, daß die VerträgSverpflichtungen erfüllt werden müssen. Die Verzögerung sei nur eine Folge-der durch die NachkriegSverhältniffe bedingten Schwierigkeiten. ES sei nicht richtig, daß' ein Druck zwecks eitteS für Italien möglichst günstigen Ausganges 'der Handelsvertragsverhandlungen ansgrübt'werde. Italien verfolge eine Friedenspolitik. Was MontMegro betreffe, habe Italien sein amtliches Wort gesprochen, das es einhalte. Trotzdem könne die Angelegenheit-mit Rücksicht auf die Psyche deS italienischen Volkes und die höfischen Beziehungen nicht so schnell geregelt werden. Bezüglich der Frag« deS B a r o s - H a f e n s erklärte der Gesandte, . daß die Belgrader Regierung den Plan des italienifch-Fiumaner-jugoslawischen Konsortiumsür, praktisch befunden habe. Jetzt müsse in F i u m e eine gesetzliche Regierung eingesetzt werden, worauf direkte Verhandlungen emgeleitet werden könnten. Manzoni hoffe, daß Fiume ein neuer BerbindungSpunkt zwischen Italien und Jugoslawien sei« weide. Die Seele Horthys. Wie die „Ungarische Rundschau" aus Budapest meldet, wird der Beschluß des Jmmunitätsausschasset 'der ungarischen Nationalversammlung, der eine Besträfnng P r o n a y s und Abbitteleistnng vor der Nationalversammlung verlangt, in b*n einzelnen Parteien lebhaft kommentiert und mit gemischten Gefühlen ausgenommen. In der Partei der kleinen Land- ' wirte verwiesen zahlreiche'Mitglied er, so auch der Vizepräsident der Nationalversanimlung Joses Bottlik, die bieveits von der zaristischen Regierung geplant war. Die Straße wird den Nvrdkaukasus mit dem Hinterkaukasus auf dem kürzesten Wege über de« Gebirgsrücken verbinden. Die Amerikaner freigegebe«. MaMngttm, 4. August. (Fnnkspruch'.). Eine amtliche Verlautbarung der russischen Regierung versichert, daß alle amerikanischen Staatsbürger bereits in Freiheit gefetzt wurden. Wann und wo sie die Grenze überschreiten werde«, ist in der Mitteilung! noch nicht gesagt. Die Aktiv« der Entente. Paris, '4. August. (Habas.) Ministerpräsident B r i a n d hat den Alliierten den Vorschlag gemacht, bei her Tagung des Obersten Rates de« Alliierten, Gelegenheit zu bieten, mit de« Bereinigten Staaten an.den Maßnahmen zur sofortigen Versorgung Rußlands mit Lebensmitteln zusammenzuarbeiten, um die das Wvlgagebiet verheerende Hungersnvt zu bekämpfen. Die Agence Havas glaubt zu wisse«, daß die französische Regierung mit Mckficht auf hie durch den Hunger geschaffene Lage die Absicht habe, Rußland eine zeitweilige Hilfe zu sichern. Die Hilfs»- mittel könnten von privaten Organisationen sowie vom Roten Kreuz verteilt werben. CS sei jedoch keine Rede von der Wiederherstellung regelmäßiger handelspolitischer Beziehungen mit Rußland, wie es England und die Bereinigten Staaten planen, da dies die tatsächliche Anerkennung der Sowjets bedeuten könntet Eineinhalb Millionen Dollar monatlich. WÄfHlmgkm, 4. August. (Tel.-Komp.) Handelsminister Hovver veranschlagr die Summe, die für die russische Hilfsaktion benötigt wird, auf eineinhalb' Millioneu Do llar m ona tlich. Die erste Schiffsladung Lebensmittel und Medikamente wird in Danzig gelöscht werden. Die französische Presse billigt die Aktion für Rußland. Pckris, '4. August. (Havas.) Die Blätter billigen den Vorschlag des Ministerpräsidenten Briand, die Frage der Lebensmittelversorgung Rußlands, deren rein menschlichen Charakter sie unterstreichen, auf die DagesvrdUung des Obersten Rates zu setzen. Sie verweisest auf bte Tatsache, daß diese Initiative eine direkte» oder indirekte Anerkennung der Sowjetregterung nicht zstr Folge habest könne, und bestehen darauf, daß es' deff Volkskommissaren unmöglich gemacht werde, die Lebensmittelversorgung ihrer wirklichen Bestimmung zum ausschließlichen.Vorteil der Kommunisten zu entziehen. Ein polnisches Hilfskomitee. Waefchan» 4. Augnsi. In einer über Initiative dtt voliiisäi« russischen Bereinigung gcstern flattgefundenm Konferenz ve - schudener polnischer Organisationen wurde ei« Komitee zur Hilfeleistung für die vom Hunger heimgesvchte Bevölkerung in Rußland gegründet. Das Komittee beüeht aus dem Sejmabgeordueten Fürsten Czertwertynski. dem Erchiichof Rovp. dem Prosesior Petracheki, dem Msgr. Okolokulak und einem Vertreter der A. M. L. A. DaS Komitee hat sich an den Minister uw finanzielle Unterstützung gewendet. darauf, daß «s untunlich fei, den Oberstleutnant Paul Pronay zu zwingen, in offener Sitzung dem Nationalrat Abbitte z« leisten. Sollte er sich weigern, dem Verlangen des Jmmunitätsausschusses nachzukommen, so bestehen keinerlei Mttel, die ihn hiezu zwingien könnten. Mt Mckficht auf diese Einwendung wurde von seiten der kleinen Landwirtepartei ein Minderheitsvvtnm ein gereicht. Im JmmNnitätsausschicß gab Oberstleutnant Paul Pro nah folgende Erklärung ab: Don Szegedin ist eine kleine Offiziersgruppe ab gegangen, die sich später zu einem Bataillon vergrößerte. Dieses Bataillon hat in Ungarn die Ordnung gcschasfenl und wesentlich zur Wiederherstellung des verfassungsmäßigen Lebens beigetragen. Jetzt muß es sehen, daß ein Teil der Nationalversammlung daö Ansehen des ReichsverweserS vernichten und einen legitimistlfchen Putsch machen will. Das Pronay-Bätaillon ist die Seele und Stütze der Person deS ReichSverweftrs und kann es nicht zulassen, daß sie zu Fall gebracht werde. Er (Pronay) hatte, nicht die Absicht, Sttphan Rakovszky, diesen'alten Herrn über 60 Jahve, zu beleidigen. Was er tat. habe er nur in seiner Erbitterung getan, indem er Rakovszch alS Privatmann einen Brief geschrieben. Diese Erklärung ist eine Feigheit des Pmuay, denn er hat ja den Brief an den Präsiden t*n* der Nationalversammlung gerichtet. Die Haltung der Parteien zeigt aber, daß sie ebenso feig sind wie. Pronah und daß sie nach einer weniger drastischer' Satisfaktion suchen. Sie siich einander würdig. Fusion irredentistischer Verbände in Ungar». Aus Budapest wird gemeldet: Am 30. Juli fand die Jahresversammlung des ungarischen Ralionalverbandes statt, in welcher nach Erstattung des Jahre?bcrichLes unter großer Begeisterung die Filsiv» mit der Gebietsschutzliga beschlösse« wurde. Beide Ski»

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