Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 905 (3.8.1921)
- Date
- 1921-08-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien, Mittwoch Potttische^trmdschau. Die Deutschen in Polen. In Lodz wurde vergangenen Sonntag der Bund der Deutschen Polens gegründet, der die deutsche Minorität in dem früheren Kongreßpolen und in Galizien zusammenfassen soll, wie dies in Posen bereits geschehen ist. Alle Redner erklärten — nach der „9?enen Lodzer Zeitung" — in der gründenden Versammlung mit Nachdruck, daß der Bund auf keinen Fall als eine den Polen oder dem Staate feindliche Vereinigung auzusprechen ist: „Im 'Gegenteil, wir Deutschen wünschen in unserer polnischen Heimat, in der wir eine Minorität bilden, Hand in Hand und friedlich mit den Polen zusammen an dem Aufbau des Landes zu arbeiten. Wir wollen aber unsere Eigenart, unsere Sprache und Sitte beibehalten und uns dort verteidigen, wo man uns in chauvinistischer Weise schädigen will, aus dem einzigen Gründe/tveil wir andersftämmig sind als die Majorität des- Landes." Der § 2 des Statuts besagt:' „Der Zweck des Bundes ist, das Stammesbewußtsein, das geistige Und wirtschaftliche Wohl der deutschen Bevölkerung polnischer Staatsangehörigkeit ohne Rücksicht auf Unterschiede der Parteien, des-Berufs und der Konfession zu fördern, seinen Mitgliedern ihre deutsche Sprache und Sitte wahren und pflegen und ihre kulturelle Eigenart und ihre Rechte verteidigen zu helfen." Das ungarische Flüchtlingswesen. Die ungarische Opposition hat manche staatliche Einrichtung-, des neuen Ungarn in einer für die betreffenden Nutznießer peinlichen Weise beleuchtet, keine aber so grell wie das ungarische Flüchtlin'gsam t, das nach der Feststellung der Mitglieder der Nationalversammlung politischen Zwecken und der Selbstversorgung dient. Im „Pester Lloyd" veröffentlicht jetzt Baron Emil Horvath-Petrrchevich, der an Ltelle des in be'om eeer Propagandamission nach Amerika ab gedampften Grafen Teleki die Leitung übernommen hat, eine Verteidigungsschrift, in der auf die Leistungen des Amtes hingewiesen wird. Darin heißt es zum Beispiel: „Rechtsschutz wurde 1601 Flüchtlingen zuteil und repräsentiert einen Wert von 480.300 Kronen." An einer anderen Stelle: „Die 296 Angestellten haben durchschnittlich die Anliegen von rund 300 täglich sich meldenden Personen erledigt." -Also für jedes Anliegen ein Angestellter. ' Irl demselben Blatte finden wir folgende lakonische.'Mitteilung des Ungarischen Telegraphen-Kocreipondenz-Birreaus: „Dief ungarische Regierung teilt amtlich mit, daß infolge der hochgradigen Stauung der Flüchtlinge und wegen des Mangels an Verkehrsmitteln in den nächsten drei^ Monaten an den ungarischen Grenzen RepatrnerungswAggvns und Repatriierte überhaupt nicht durchgelassen werden. Wer also ln der nächsten Zukunft die Repatriierung versucht, gelangt in eine selbstverschuldete, schwierige Lage und setzt sowohl sich als auch seine etwaigen Angehörigen den schwersten Komplikationen und Unannehmlichkeiten aus." ’ \ , Die russischen Emigranten. Nach dcr letzten Berechnung des Russian Liberation Committee gibt es in den europäischen Staaten 818.CQÖ rufft»ctje Emigranten. Davon entfallen aus Frankreich 150.000, Großbritannien 5000. Italien 20.000, Deutschland 300.000, O e st e rc e r ch 5000. die Schweiz 4000. Polen 150.000, Finnland -6 000, Estland 12.000, die Tscheche-Slowakei 8000, Griechenland 2000, Jugoslawien 35.000, Bulgarien 9000, Konstantinopel 75.000, Afrika 7000, Amerika 10,000. Die Frankreich und Italien betreffenden Ziffern scheinen allzu hoch gegriffen zn sein, wogegen es in Polen Md Jugoslawien bestimmt mehr Emigranten gibt« rls in der Statistik angegeben wrrd. In der Statistik find bloß sie Emigranten inbegriffen, die Rußland vor dem Bolschewikenmnsturz verließen. _ Die Südslawen werden Fünfkirchen nicht raumen. »Budapest! tzirlap* gibt die AeußerMg des Generals B o i o v i c wieder, die m der Frage der Räumung Fünikirchens und der Baranya dmch die in Fürsikirchcn stationierten Südslawen einem Ungarn gegenüber getan habe. Der General sagte: »Meine Belgrader Informationen gehen dahin, daß Südslawien die Besetzung Fünfkirchens und der anderen Gebiete insolange aufrechterhallen wird, als die im Friedensvertrage Südslawien zugesicherten Rechte aus die Ausnützung der Fünfkirchner Kohlengebiete zu Recht bestehen Die serbische Regierung beharrt daraus, daß die Besetzung so lange fortzubestehen habe, bis Ungarn seine sämtlichen Friedensoerpflichtungen einschließlich der Leistung der Kriegsentschädigung und der Wiedergutmachung erfüllt hat. Wie die Dinge . sich entwickeln werden, kann ich heute nicht sogen. Aber ich bin überzeugt, daß es unserer' Regierung gelingen werde, ihren Standpunkt bei der besrenndeten Entente durchzusetzen. Zum Beweise für die Richtigkeit dieser Behauptung sührt der Gewährsmann des genannten Blattes roch an, daß die in der letzten Zeit verfügten behördlichen und militärischen Maßnahmen seitens Jugoslawiens durchaus nicht sür eine baldige Evakuierung der besetzten Gebiete sprechen. So wurden erst jüngst die BcsatzungStruppen und die Grenzwachen verstärkt und auf der von Bares bis Baitaszek stch hinziehenden Demarkationslinie wurden erst vor» kurzem ungefähr 20 neue Wachtposten ausgestellt. Der Grenzd i e n st w u r d e v e r s ch 8 r f t der Grenzverkehr noch mehr eingeschränkt und mUu Uraiaeic Kontrolle gestellt.'' Wiener Morgenzektung Der Aufbau des jüdischen Palästina. Vorschläge De. Weitzmanns an die englische Regierung. London, 31. Juli. (Jüd. Korr.-Bur.) Doktor Weitzmann wohnte vor einigen Tagen einer wichtigen Konferenz über dieP alästina- Frage bei, an der sich der Ministerpräsident Lloyd George, Mr. V alfo ur, Churchill und Sir Maurice H a n k e h beteiligten. Dr. Weitzmann legte die zionistische Ansicht über die gegenwärtige Lage in Palästina in eingehender Weise dar nnd schlug gewisse R e f or m e n vor, die zur Umsetzung der Balsour-Deklaration in die Praxis «numgänglich notwendig find. Diese Vorschläge sind nun Gegenstand der Er 8rlern n g im Schoße der britische» Regierung. Churchill und Samuel für die rasche Regelung des Palästina-Mandats. - Warschau, 31. Julil (Tel. der „Wiener Morgenzeitnng".) Nach einer Londoner Meldung des „Najen 'Hajnt" fordern der englische Kolonialmmister Winston Churchill und der Oberkommissär von Palästina Sir Samuel die schnellste Regelung des Palästina- Mandats, .da diese günstig aus die Entwicklung in Palästina wirken^ würde. ' Palästina-Frage nnd Abrüstung. Wie das Jüdische Korrespondenz-Bureau aus Ncw-Aork berichtet, wird auf der durch den Prästd nten Harding sür den Herbst emberufenen Waihchgtonerkonferenz auch die Pal äst i n a-F rage zur Diskussion gestellt werden. Diese Erörterung i oll im Zusammenhang mit der Au?e nandersetzung über dleallgememe Politik der Großmächte betreffs der Mandate stattfinden, da in gewiffen polnischen Kreisen sich eine Bewegung zur Auslassung des Mandatssystems bezüglich einzelner Länder geltend macht. Immigrantenkopfstener in Palästina. Jerusalem, 1. August. (Jüd. Korr.-Bur.) Eine soeben verlautbarte B.rordnung des palästinensischen Einwanderungs-. departemcnts tührt eine Kopfsteuer von 1 Pfund Srerlina für jeden, in einem palästinensischen Hasen landenden Einwanderer, mit Ausnahme solcher unter 16 Jahren, die bloß 20 Piaster an Kopfsteuer zu enwichten haben. Die in den letzten Tagen eiugetroffenen jüdischen Immigranten fomtten ohn: jeden Zwischenfall landen. .. . : 7 rFMfth, Die Uebergab^ Westrmgarns. Nach den bisherigen Dispositionen dürste die Uebergabe deS Burgen! a n d e $ am 7. d. M. beginnen nnd am 27. d. M. beendet, werden. Die zur Dutchiührung der Uebergabe von dr» allüertrn Mächten eingesetzte Kommission wird aus dem englischen General G o r d o n, dem französischen General H ä m e l t n und dem italienischen Generalmajor F e r r a r r o bestehen, die noch dieVtxtrrler, her< österrriHischcmund der ungarischen Regierung beiziehen werden. -/ Der Uebergabsa kt wird mit der protokollarischen Festlegung der Übergabe unter Berufung aus die bezüglichen Bestimmungen der Friedensvertragevon Saint-Germam und Trianon beginnen. Sodmn Werden m einer bestimmten Reihenfolge alle Aemter nnd öffentlich e n I n st i tu tionen von den Vertretern der Alliierten Übernommen und durch diese den österreichrschen'Verwaltungsbehörden Ü b e r g e b'e n werden, wobei beabsichtrgt ist, jene bisher in Westungarn tätig gewesenen Beamten, die sich hiezu -bereit erklären, in J>m österr-ichischen Staats-, beziehungsweise burgenländischen Landeedierfi, zu übernehmen. Die endgültigen Entscheidung.en über die Einrichtung der Verwaltung wird jedoch erst der bmgenländische Landtag treffen, dessen Wahl in kurzer Frist ausgeschrieben werden soll. Graf Andraffy will Westungarn nicht hergeben. Graf Julius A n d r a s s h, der Führer der christlichnationalen Partei und Förderer der „Erwachenden Ungarn", hetzt selbst nah der Ratifizierung des Trianoner Vertrags und nachdem er nun zur Durchführung gelangen soll, die ungarische Bevölkerung gegen die Uebergabe Weftungarns an Oesterreich. Unter dem Titel ..Der Trianoner Vertrag und Westungarn* versucht er an leitender Stelle des christl chen Blattes »Magyarsag" unter Berufung auf die vielbesprochene Mantelnote den Ungarn den Glauben beizubringm, daß Westungarn nur wegen derB öswilligkeit Oesterreichs von Ungarn loögetrmnt werden müsse. Unter gnderem heißt es nun in diesem Artikel: „Wünscht Oesterreich die Gewalt, so soll es einmal v e r s u ch e n. So rauhe es von uns. die integrierenden Bestandteile, des tausendjährigen Ungarn, Wir aber dürfen sie niemals hingeben. Die ungarische Regierung darf nichts ausliefern und auch nichts abhandeln lassen; sie darf auch nicht ein einziges ungarisches Dorf von der Krone des heiligen Stephan, nicht einen einzigen ungarischen Staatsbliiger losbrechen, sei d'efes ungarische Dorf oder dieser ungarische Bürger welcher Muttersprache immer. Die ganze ungarische . Gesellschaft und auch die Bevölkerung Westungarns verwahrt sich gegen jeden Versuch, der auch nur de» Schein erwecken könnte, daß wir dieses Gebiet oder auch nur ei« Stück davon selbst verschachern und abgeben. ,Wir vertrauen noch aus dir Energie, das Pfllchtbewußisein Md dm Patriotismus unserer Regierung." Die aufreizendsten Stellm des Artikels find gesperrt oder fett gedruckt. Die Nummer dieses Blattes wird als Botschaft AndrassuS ,m Lande nnd b e s o n d e r S in W e st u n g a r n vertult. So sieht die Loyalität aus, von der der Vertreter Ungarns in Paris sprach, als er die RatisikatonSurluuden austaufchle. 3. August *192* - M 905 Telegramme. _ Auslieferung der kommunistischen Abgeordneten in Jugoslawien. Belgrad, 2. August. (Pceßbur. Belgrad.) Zn der heutigen Sitzung der Nationalversammlung wurde beschlossen die Kommunistin scheu Abgeordneten dem Gericht ans znli e s ern. Jugoslawien liefert ungarische Kommunisten an Horthy aus. Budapest, 2. August. (Ung. Tel.«Korr.-Bur.) Die Polizei von Maria-Theresiopel verhaftete unter anderen auch 14 Ungarn, zumeist Personen, die nach dem Sturze der Proletarierdiktatur gefiüchtet find. Diese wurden zur Grenzpolizei von Kisszallas geführt, von wo sie den ungarischen Behörden e i n g e l i e f e r t und in das Budapests Gefängnis gebracht wurden. Ein -entsch-franzöflscher Handelsvertrag? Brussel, 2. August Im Kabinett kamen die Besprechungen zwischen R a t h e n a u und L o u ch e u r zur Sprache. Zwischen Deutschland und F r a n k r e i ch soll ein Handelsvertrag abgeschlossen worden sein, der zum Prinzip hat, üch gegenseitig als bevorrechtete Ratio n e n für gewisse Produkte anzuerkennen. Deutsch-schweizerischer Dergleichsvertrag. Berlin, s. August. Die gegenwärtig in Berlin stat:- findenden deutsch-schweizerischen Verhandlungen über den Abschluß eines allgemeinen Schiedsgerichts- und VergleichsvertrageS nehmen, wie die Blatter melden, einen befriedigenden Verlauf und sind heute zu einem vvlläufigen Abschluß gekommen. Der schweizerische Bevollmächtigte Dr. Max Huber verläßt heute Berlin. Die Verhandlungen werden in kürzester Zeck in Bern wieder ausgenommen werden. Das deutsche Eigentum in Amerika Nerv-Pork, 2. August. (Tel.-Komp.) Zwölf deutsche Firmen haben das Verfahren zur Wiedererlangung ihres Eigentums eingcleitet. Sie gründen ihre Gesuche besonders daraus, daß die Friedensrcsolution die Beschlagnahme nicht ausdrückllch legalisiert habe. Die irische Frage »or der Lösung? Berlin, 2. August. . Einer Meldung der ,Erst Emope* aus D ü b l l n zufolge kann die irische Frage bereits a l s gelöst betrachtet werden, da die Sinnfemer da- Angebot der englischen Regierung angenommen hätte». i Zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in Italien. Nom, 2. August. Die italimische Regiernng hat der Kammer ein großzügiges Programm zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeck vorgelegt, das unter anderem folgende bemerkenswerte Ausgaben versteht: für dm Ausbau der Predilbahn 3(,0 Millionen, für den dcr Suganabahn 60 Millionen, lür Straßen- und Brückenbauten in Mittel- und Norditalien 6t Millionen, für solche in Kalabrien 42 Millionen, für den Ausbau der Wasserkräfte in Venezien und im Mailändischen 35 Millionen, für den rm sonstigen Italien 45 Millionen Lire. Keine Beteiligung am Sympathiestreiks. Rom, 1. August. Die italienische clonkeäsrarions tzsnersls del Lavoro hat den Beschluß gefaßt, daß sich die BerkehrS' gewerkfchaften nicht mehr an Sympathiestreiks beteiligen sollen. Lloyd George söhrt «ach Amerika. London, 2. August. (Funkspruch.) Lloyd George wird im Monat November nach den Bere'migtm Staaten reisen. Sassanow. in Karlsbad. , Prag, 2. August. Nach der ^Tribuna^ ist der ehemalige russische Minister des Aeußern Sassanow in Karlsbad k ingetroffen. Einberufungen in Polen. Warschau, 2. August. (Tel.-Komp.) In Kongreßpolen wurden laut Verfügung deS KriegsministermmS drei weite reJahrgänge, und zwar 1894, 1895 und 1836, einberufen. Blättermeldungen zufolge handelt es sich datier um eine Einberufung bloß in senen östlichen Teilen deS Landes, in denen die Miliiardiensipsticht noch nicht durchgeführt ist. Antisemitische Exzesse in Kowno. Danzigs 2. August. (Jüd. Korr.-Bur.) In den letzte' Tagen kamen in Kowno (Litauen) mehrfach Exzesse gegen di» Juden vor, denen auch einige Juden zum Opfer gesallcn sein sollen. Die jüdische Bevölkerung wandte sich mit Protesten an den Gouverneur von Kowno, weil dieser dem bekannten ukrainischkn Pogromisten Ataman O s k i l t o, dem Organisator des Judenpogroms in Berditschew, das Wohnrccht in Kowno erteilt hatte, das dieser Bandcnführer zur Pogromhetze unter der Pevölkerun" Kownos benützt hat. Nernst — Rektor -er Berliner Universität. Berlin, 2. August. Geheimrat Professor Dr. Nernst wurde zum Rektor der hiesigen Universität gewählt.