Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 904 (2.8.1921)
- Date
- 1921-08-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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SMe 2 Men. Dienstag Politische Rundschau. Italiens Außenpolitik. Albanien. — Lberschlefien. — Internalionalifierung von Fiume. Rom, 1. August. (Stesani.) Minister des Äeußern della Torretta gab im Senat eine Erklärung ab, worin er zunächst die Notwendigkeit betonte, die. Verpflichtungen, die aus den Friedensverträavn als'der' Grundlage der italienischen Politik hervovgehen, zu ' respektieren. Italien verlange aber auch von allen SignLtarmächten die Respektierung seiner Rechte. In strittigen Fragen werde Italien sich vom Geiste der Versöhnlichkeit leiten lassen. Die auswärtige Politik Italiens müsse im wesentlichen eine Wirtschaftspolitik sein, denn es brauche Rohmaterialien und Absatzmärkte. Das Gleichgewicht im Mittelmeer müsse »aufrechterhalten und die für Italien vorteilhaften Bestimmungen des zwischen deir drei Mächten abgeschlossenen Abkommens müssen» durchgeführt werden. Daraus ergebe sich die. Notwendigkeit eines einvernehmlichen und loyalen. Zusammenarbeitens mit den Alliierten. Was Albanien betrifft, so wünsche Italien die Unabhängigkeit dieses Landes. Diese dürfe sich aber nicht zum Vorteil für andere gegen" die Freiheit Albaniens und g e g en fri e strategischen Interessen Jta liens wenden. Andernfalls werde die albanische Frage in', ihrer Gänze einer neuerlichen Prüfung Unterzogen werden müssen, und'zwar auf der Grundlage der von den Alliierten" anerkannten italienischen Interessen/Bezüglich Obers ch le. sie ns, sagte der Minister,, müsse man di^ Entscheidungen des Obersten Rates abwarten. In Besprechung des Verhältnisses zn Jugoslawien erklärte- Torretta. daß der Vertrag von- Rapallo vcm^ beiden Seiten loyal burchgeführt werden müsse. Ministerpräsident Bonpmi erklärte bezüglich der Fiunianer Frage, durch' den vom Parlament ratifizierten Vertrag von Rapallo sei Italien mit feines Ehre gebunden. Die italienische Regierung beabsichtige, die Frage der Ostgrenze des Corpus feparatum in enge Verbrirdnng zu bringen mit der Jnternationvli-- sierung des Hafens, und Vertreter der Stadt Fiume zu einer Beratung einzuladen, denn' es solle ' die Lösung der Frage der Stadt nicht aufgezwungen, sondern in freier Entscheidung von ihr akzeptierst werden. Deshalb' müsse die.Bildung der ordnungsmäßigen Regierung in Fiume beschleunigt werden. Die Wilnaer Frage und die Juden. Zu Zieligowskis Plan, einen Landesrat einzuberufen, welcher im Namen der Bevölkerung des Gebietes von Wilna über das Schicksal Wilnas sich aussprechen soll, äußert sich das W.ilnaer Tagblatt „Unser Tag" unter anderem, wie folgt: „Es ist klar, daß das Verhältnis der jüdischen Bevölkerung zu einer solchen Repräsentanz nur ein negatives sein kann. Schon die Zusammensetzung dhs Wilnaer Stadtrates zeigt, wie eine solche. Repräsentanz die Verhältnisse der Nationalitäten in Wilna ausdrückt; gegenüber 34 Polen gibt es im Stadtrat nur 14 jüdische Vertreter, während die jüdische Bevölkerung Wilnas fast die Hälfte -er Gesamtbevölkerung bildet. Eine noch deutlichere Sprache spricht di«. Tatsache, daß unter 87 Vertretern der Provinzrepräsentanzen sich' bloß' ein Jude befindet! Und das ist kein Wunder, wenn wir daran denken, unter welchen Bedingungen und in welcher gesellschaftlichen unfe politischen Atmosphäre die Wahlen zu diesen Organen bÄrchgeführt wurden. Daraus schon folgt, büß die jüdische Bevölkerung die erwähnten Körperschaften nicht als wirklichen Ausdruck des Bevölkerungswillens anerkennen kann, und auch an dem geplanten Landesrat oher Sejm keinen Anteil nehmen wird. Manche wollen diese Stellung der Juden als Absentierung deuten-. Nun — di« Lage der Juden zwischen zwei Feuern ist sehr favtpliziert und sie allein würde eine Politik deir Absentierung rechtfertigen. Aber die jüdisch« Bevölkerung; Wilnas hat eine klare Stellung zum polnisch>litauischen Konflikt. Die Mische Bevölkerung in ihrer überwiegenden Mehrheit verurteilt den Starrsinn irttfe die chauvinistischen Operationen beider Teile. Sie ist fest davon überzeugt, daß mit der Macht der Waffen das schwierige Wilnaer Problem zu keiner dauernden Lösstng kommen wird. Die jüdische Bevölkerung ist der Ansicht, daß' der einzige Ausweg.aus der Lage ein Kompromiß sein kann. Eine Basis .für dieses Kympronnß ist durch das Hymanssche Projekt des Kantvnalsystems für das Wilnaer Gebiet gegeben. Die Vertreter dev jüdischen Parteien hatten dieses Projekt, als Mörterungsgrundlage zu nehmen und anß seiner Basis' die Postulat« auszuarbeiten, welche als* die, Forderungen der jüdischen Bevölkerung aufzustellon sind. Diese ist ebenso wie die Litauer, , die Polen und die übrigen Nationalitäten des Wilnaer Gebietes an einen; friedlichen Ausgang des polnisch-litauischen Konfliktes interessiert.'* ,,H' a v ri §" meldet aus Brüssel, H y m a n s habe die polnische Regierung dahin'informiert, daß hie litauische Wiener Morgenzeitmrg 2. August 1921 ftt. 804 Kredite für Russland. befindlichen amerik anis'che« Staatsbürger und die Hilfeleistung für eine Million hun Moskau, 1'. August. (Funkspruch.) Krass in teilt mit, daß der Bestellungsplan Rußlands infolge der Hungersnot dahm abgeändert werde« mußte, daß aus dem Ausland zunächst.Lebensmittel bezogen werde«. Verschiedene ausländische Unternehmer hüben Rußland den Vorschlag gewacht, Waren auf Kredit zu liefern. Ist dvü nächsten Tagen wird es. vielleicht möglich sein, ein « G e l d a n l e i h e für Rußland abzuschließen. In letzter Zeit erhielt die Sowjetregierung zahlreiche Ansuchen um Konzessionen in den Wäldern des Ural Und Sibiriens, doch stellen sich dem Abschluß noch technische Schwierigkeiten entgegen. Ei« Arteil Kerenflis Paris, 1. August. (Funkspruch.) „Excelsior" ver. öffentlicht einen Artikel K e r e n s k i s über die Hungersnot. in Rußland. ‘ Kerenski führt darin aus, d-ß das russische Volk ohne internationale Hilfe zum sicheren Tode verurteil sei. Ws Ursache der traurigen Lage .Rußlands bezeichnet Kerenski den Bürgerkrieg und die Svwjetherrschaft. Der bebaute Boden sei stetig im - Ab nehmen begriffen,' die Verkehrsmittel gänzlich ungenügend und in einem trostlosen Zustand. Die gegenwärtige Ernte istr'europäischen' Rußland könne gegen 500-bis 600 Millionen Pud betragen; vor dem Kriege lieferte dasselbe Gebiet drei Milliarden. Die - Angst vorder Hu ngersnot bestimmte die Bauern, die Vorräte an Brvtfrucht, die sich noch in ihren Händen befinden, sorgfältigst zu vergraben und sie auf keinen Fall der verhaßten Sowjetverwaltung auszuliefern. Die Personen, die sich im Kreml mit Verzweiflung an die Macht klammern, seien voll Angst vor der Strafe, die das enttäuschte Volk für sie vorbereitet. Die Tage der Sowjetherrschaft seien gezählt. Belagerrmgszrtftand. Pajris, 1. August. -(Funkspruch.) Im größten Teile Rußlands ist der Belagerungszustand erklärt worden.. . Nutzland nimmt Hoovers Forderungen an. Mio lfm, 1. August. (Funkspruch'.) Maxim Go rri hat Herbert Hoover geantwortet/ daß er dessen Vorschläge dem Rate der Volkskommissare unterbreitet und daß dieser die Vorschläge Hoovers angenommen habe und ihn ersuchen lasse, so bald als möglich einen/ Vertreter nach Reval, N^iga oder Moskau zu entsenden, der über die Freilassung der nach in Rußland gerade' Kinder und Krank« verhandeln solle. Das ruinierte Petersburg. Paris, 1. August. (Funkspruch.) Der aus Petersburg eingetroffene Kapitän Wagner des Dampfers! „Hilda" erzählt, daß Petersburg den Eindruck einer Ruinenstadt mache, da fast alle Holzhäuser und has Holzpflaster zu Beheizungszwecken verwendet worden seien. Alle Geschäfte seien geschlossen, -Das Lyhnfuhrwerk sei in der Stadt fast ganz verschwunden. Eine kurze Fahrt kost? 84.000 Rubel, eine Schale Tee 2500, eilt Kilogramm Kakao -40.000, ein Pfund Butter 4000 Rubel. Englische und deutsche Schiffe bringen Lebensmittel für die Hungernden und nehmen dafür Holz an Bord, das aus dem Innern des Landes stammt. Saratow ein Friedhof. - Paris, 1. August. (Funkspruch.) Nach einer Meldung der Agentur Kuß beträgt die , Zahl der infolge der Hungersnot täglich Sterbenden 15:000 bis 20.000. Sara tow sehe, aus wie ein einziger Friedhof. Die deutschen Wolga-Kolonisten strömen nach Moskau und verlangen, nach' Orenburg gebracht zu werden. Hand in Hand mit dem Umsichgreifen der, Hungersnot gehe «ine Verschlimmerung der Eholer^epidemie. Die Regierung verspricht Saatgut. Mrolkp«, 1. August. (Funkspruch'.) Die Bauern des Gebietes von Saratow verkaufen die» auf den Feldern stehende Ernte und den Anspruch auf das' Saatgetreide zu Schleuderpreisen Und wandern mit dem Erlös aus. Eine Regierungsaufsorderung beschwört die Bauern, zu bleiben und die Wintersaaten zu bestellen, weil jetzt die Möglichkeit geboten sei, die! Bauern mit Saatgut zu versorgen. Anarchie tu Rußland. London, . 1. August. (Funkspruch.) Der lettische Minister des Äeußern Meyerowitsch erklärte, daß die Lage in Rußland derart ernst geworden sei, baß es zurzeit noch nicht möglich sei, abzusehen, wohin sie führen' werde. Die Hungersnot und die Flucht der Bevölkerung aus den Hungergebieten habe einen katastrophalen Umfang angenommen. Nach seiner Anschauung beftnde sich Rußland im Zustand v o l l st e r Anarchie und die Nachbarstaaten täten gut daran, sich auf alles vorzubereiten. Regierung ihre Antwort auf seinen Vorschlag zur Lösung der Wilnaer Frage übermittelt habe. Hymansi verzichtet angesichts des unbeftiedigendeu Wortlauts dieser wtt* wort darauf, nach' Brüssel eine neue polnisch-, litauische Konferenz einzuberufen. Die.Versuche, dieses Problem durch direkte polnisch-litauische Verhandlungen zu schlichten, sind also gescheitert. Die polnische Regierung über die antijüdischen Exzesse auf den polnischen Bahnen. Die Polnische DelegraphenageNtur veröffentlicht folgendes ofsizielles CommuniquS: „In den letzten Tagen sollen auf den Stationen der Linie Warschau— Sosnowice Fälle von Ausschreitungen demobilisierter Soldaten gegen jüdische Passagiere porgekommen sein. Wenn die Untersuchungen, welche von de« Zivil- und Militärbehörden sofort.angeordnet wurden, nachdem, sich die Gerüchte über die Ausschreitungen verbreitet hatten, diese bestätigen, so werden strenge Verordnungen erlassen werden, um solche. Vorfälle zu vermeiden und die Schuldigen zu bestrafen." Eine Konferenz jüdischer Emigranten und Flüchtlinge in Warschau. Seit dem 26. Juli tagt in Warschau eine Konferenz von Delegierten der in Pzlen beftndlichen jüdischen Emigranten und Flüchtlinge. Auf dieser Konferenz sind 76 Delegierte aus allen Teilen Polens' vertreten; übrigens wohnen ihr auch' Vertreter der in Beßarbien und in der Bukowina befindlichen jüdischen Flüchtlinge bei. Die Konferenz beschloß, ein zentrales Exekutivkomitee für alle Fragen, welche die Emigration und das Flüchtlingswesen betreffen, mit dem Sitze in Warschau zu gründerr. Die albanische Frage. Paris, 1'.. August. Die Agence Havvs meldet aus London: Es ist wahrscheinlich, baß der Oberste Rat am 8. d. M. die albanische Frage prüfen wird, die gemäß den Auffassungen der Alliierten unter Berücksichtigung des Wunsches Italiens -nach Wahrung gewisser Garantien bereinigt werden soll. Man glaubt, daß Frankreich den Standpunkt Englands unterstützen werde, um bl* Ansichten der englischen, der italienischen 'und ■ der französischen Regierung in dieser Frag« in Einllang zu bringen. Inland. Sine stttttch-rettgiSfe Karriere. ' Als wir vor einiger Zeit in berechtigter Abwehr der „Reich spost"-Ab sicht, die Juden für die Volksverdummung in Oe.fterreich verantwortliche zu machen, auf die Klerikalen als die eigentlichen Bildungsfeinde hinwiese« und als Beleg hiefür aus der großen Zahl 'christlichsozialer Leuchten den „urwüchsigen" Bielohlawek herausgrifsen, hat bas fromme Blatt den Genannten Unter Hinweis auf seine mannigfach an den Tag gelegten Talente vo» uns. in Schutz genommen. Mn haben wir diese. Talente nie bestritten, aber für einen Bildungsfanatiker wird den ehemaligen Landesausschuß von Niederösterreich' auch! der größte Bewunderer seiner Verdienst« um die Errichtung der unterirdischen Bedürfnisanstalten auf dem Graben und Am Hof nicht erklären können und bei der Errichtung und Verwaltung der Landesirrenanstalten hatte er ‘ ja nur mit seinem /„deutschen" Namen das Genie eines ungarischen Juden zu decken. Wir geben aber gerne zu, daß der Mann noch l<mge nicht der Schlechteste gewesen' ist, den der Aufstieg der christlichisoziale» Partei aus dem Bodensatz der Großstadt mit in die Höhe gerissen hat. In der ,Meichspvst" vom' Sonntag schildert ein Mensch. die Anfänge seiner politischen Karriere, dessen Zulassung rn öffentlichen Aemtern der christlichsozialen Partei gewiß noch viel weniger Ehre macht als die ^Entdeckung" Bielohlaweks, der vor seinem öffentlichen Wirken doch, wenigstens ein Greisler, also immerhin schon damals em nützliches . Mitglied der Gesellschaft gewesen war. Dagegen war der Menroirenschreiber her „Reichspost" vom letzten Sonntag, der ehemalige Stadtrat von Wien und Bluthund von Po ln a, Hans Arnold Schwer, als er in den Bann Dr. Luegers geriet, erst 19 Jahre alt, und was sein damaliges Eprhältnis zur Politik und sein Verständnis der wichtigen Tagesfragen, die die Gemüter der Wiener gerade sehr erhitzten, betrifft, so gesteht er selbst, daß dr von alldem keinen blassen Dunst hatte. „Den Leitartikeln in den Zeitungen sowie den verschiedenen Rubriken, die mir als mit der Politik im Zusammenhang stehend nur im geringsten verdächtig vorkamen, war ich stets aus dem. Wege gegangen, für mich, den Neunzehnjähriger!, waren bis zu dieser Stunde die besten Gesetze das Uebevflüsstgste auf der Mlt, ja, ich konnte die Menschen nicht begreifen, die ihre Zeit zu nichts Besserem verwendeten, als fick) mit Politik zu befassen, deren Endzweck, wie sich, mir sagte, doch, nur di« Schaffung von Gesetzen