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Wiener Morgenzeitung · 1921-08-01 · Heft 903 (1.8.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 903 (1.8.1921)
Date
1921-08-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Vene _ggteit, Montag Versuch einer Neuorientierung, der jüdischen Geschichte. Bon Dr. Josef Meist. 1. Methodisches. Unsere Geschichtsschreibung kränkt an der Graetzschon Schule m stofflicher wie auch in methodischer Hinsicht. Obschon Graetz ein so mpsassepdes Material wie kein anderer jüdischer Historiker'vor .und nach ihm zusammen getragen hat, so wissen wir doch-' wieviel unerschlossene Quellen noch -vor uns liegen und welch große Fortschritte die Quellenforschung seit Graetz gemacht hat. Schwerer als die stofflichen Mängel wiegen die methodischen. Graetz, der Schüler Rantzes und Vertreter des Hegelschen Idealismus, ist naturgemäß Anhänger der heroischen Geschichtsauffassung, welche alle Geschichte auf das Wirken und die Taten von- Heroen, von einzelnen großen Persönlichkeiten zurückführt, also nur das Außergewöhnliche, das Nichtnormale berücksichtigt, während nach der modernen soziologischen Auffassung gerade die sonst übersehenen oder vornehm ignorierten Alltäglichkeiten, die Gasse, der Wandel der „Vielzuvielen", die Namenlosen die Basis brlden, von welcher aus das „Ungewöhnliche" verständlich wird. Dost Graetz' Blickpunkt betrachtet, stellt sich die jüdische Geschichte als Resultante aus den, Komponenten Martyriologie und Literatur dar. Und doch ist damit ihr Inhalt nicht erschöpft. Denn jüdische Geschichte hat ebenso wie die Gesetzgebung der Machthaber über die Juden und. die- Lckeraturprobukte, auch Kleidung, Wohnung, Nahrung, Feste, Gesellschaftsschichtung, Sitten, Familienleben und anderes mehr, kurz, das Leben der Gesamtheit in allen Aeußerungen zum Inhalt. Durch solche stoffliche und methodische Erweiterung soll die Historiographie versuchen, das Typische, die Richtungslinien, die Entwicklungstendenzen in dem Zuständlichen zu finden. Der erste Schritt zu solcher Neuorientierung muß rn einer Periydisierung der Geschehnisse durch Feststellung ihres Charakters in bestimmten Epochen bestehen, wie diss wohl am vollendetsten Lamp recht in dem Streben nach Feststellung eines geschichtlichen Normalverlaufs" gelungen ist. Selbstredend kann von einer einfachen Uebertragung dieses Typus auf die jüdische Geschichte keine Rede sein. Denn abgesehen von Abweichungen, die für jedes 'Volk in Frage Kimmen, zum Beispiel durch räumliche Beeinflussungen (Klima, geographische Lage usw.), durch den Verkehr der Völker liegt eine Uesonderheit der jüdischen Geschichte in der Zweiteilung, durch die sie in eine Periode der nationalen Konzentration und in eine Periode der Zerstreuung zerfällt, wobei die Zäsur nicht in die Zeit der zweiten Tempel- Zerstörung von uns verlegt, sondern als Beginn der Zerstreuung das babylonische Exil angesehen wird. Nur in der ersten Periode ist die jüdische Geschichte mit der Geschichte anderer Völker vergleichbar, während die Diasporageschichte durch die eigenartige Verquickung vo« Jüdischem und Nichtjüdischem in den einzelnen Niederlassungen und die dadurch gebundenen Aeußerungen der nationale« Individualität ihr Gepräge erhält. 2. Die Periode der nationale« Konzentrativn. Sie gliedert sich in vier Hauptstädten. Das. erste beginnt mit dem gruppenweise von etwa 1550 v. Ehr. beginnenden Auftauchen hebräischer Wanderstämme, unter denen die Namens träger btt drei Stammväter Abraham, Isaak und Jakob die bedeutendsten sind, von welchen sich mehrere Unterabteilungen abzweigen, wie zum Beispiel der bis nach Aegypten gelangende Josef-Stamm. Ihr Seelenleben entspricht der primitiven Psyche der Hirten und Jäger. In der jw Teile von andere» Völkern übernommenen Welt der Gottheiten, mit der Krönung durch ein höchstes Wesen, werden die bedeutungs- und eindrucksvollsten Erscheinungen der Natur und des menschlichen Daseins symbolisiert, wie überhaupt die ganze Phantasietätigkeit dieser ursprünglichen Menschen in symbolischer Art oder Handlung zum Ausdruck kommt. Das bezeugen unter anderem die auf den erhaltenem Denkmälern eingekämmten Striche und Verzierungen mit ihren gelblichweißen Ueberzügeu und roten Linearornamenten. Dieses Entwicklllngsstadium, in welchem das Werben des Volkes sich vorbereitet, nennen wir nach dem Vorbild der sozialpsychischen Geschichtsauffassung S-Ym bolismn s. Das ägyptische Erlebnis bringt den Prozeß der Volkswerduug zur Vollendung. Nicht allein dieKnechtschaft, sondern vielmehr weltpolitisches Geschehen drängt Israel ans Aegypten. Die das Pharaonenreich zur Zeit des Mernephta (1225 bis IN5) bedrohende revolutionäre Welle setzt auch Israel in Bewegung und der durch die geheiligten Erinnerungen von dar Verheißung des Vaterlandes bereitete Bode«' läßt die Saat desh ersten israelitischen Propheten, Mos es,, keimen.. Seine Religionsstiftung ist nicht allein von universaler Bedeutung, sondern schafft auch die Volkseinheit, undmit der Eroberung Kanaans erhält das Volkstum feine festumrissen« Gestalt. Israel erkennt seine typische Wesenheit, seinen Berus, es wird zu einer spezifisch nationalen Eigenart. Die Schaffung der Volkseinheit macht den Inhalt des zweiten Stadiums, des Typi^>- Mus, aus. Mil der lidirrung der Verhältnis,'« entsteht die uruh. l,i Lze^u^uL.h-hb Wiener Morgenzeltrr«^ 1. August 1921 Nr. 903 ventionalisierung. Die Ersetzung der Stammesordnung durch die Gemeiudeverfassung, die Einführung des -Königtums und des geordneten Dempe-lftrHus verraten das Streben, das ganze Leben in Aoristen zu binden, zu konventionalisieren. Dieses dritte, die Richter- und erste Königszeit erfüllende Uebergangsstadium des Kon'ventivnalismus, wird durch' die sozialökonomische Entwicklung, die Lvslösung von den primitiven Verhältnissen, die Städtegründung und die naturgemäße Veränderung der Lebenshaltung rasch überholt. Die Vertiefung der Kluft zwischen arm und reich, das Aufkommen der Beamtenhierarchie., die Sprengung der ehemaligen sozialen Harmonie infolge der Konzentration des Grundbesitzes in den Händen einiger Machthaber und das Anwachsen des Proletariats, die Ersetzung der Naturaldurch die Geldwirtschaft geben der aus ihrer Isolierung erlösten Einzelpersönlichkeit eine fast ungehemmte und darum im sozialen Leben zersetzend wirkende Freiheit. Dieser Individualismus — das letzte Stadium — übt schließlich auf die politische Konstellation verhängnisvoll^ Wirkung aus. Per Gegensatz zwischen Nord 'Jhb Süd führt den Bruch herbei. Das Norbreich findet ein rasches Endo und infolge Verpflanzung der wirtschaftlich' und sozial wertvollsten Klassen nach dem Siegerlandewird der von den Assyrern zielbewußt betriebene Assimilationsprozeß beschleunigt. Das Reich Juda, nunmehr Assurs Nachbar,'ist'von dem^ Gedanken ergriffen, durch Zusammenschluß der palästinensischen Kleinstaaten und der Nachbargebiete die Tributherrschaft abzuschüttoln. Eine flüchtige Hoffnungswelle in den Vasallenstaaten weckt der Dodesstreich',- welchen Meder und Babylonier gegen den assyrischen Koloß führen. Aber weder diese Wendung noch die inneren Reformen vermögen dem Verhängnis Einhalt z» tun und der Versuch'Aegyptens, seine Hand auf Syrien zu legen, bringt infolge des mit N eh ukadnezar entfesselten Streites den Stein ins Rollen. Jerusalem fällt, alle Bemühungen zur Wiederherstellung der Selbständigkeit Judas scheitern. Wir stehen an dem gewaltigsten Wendepunkt der jüdischen Geschichte, Beginnendes Exils. 3. Die Periode der IerftrennnK. Der Geschichtsverlauf, während der mit dem babylonischen Exil beginnenden, doch' erst nach der zweiten Tempelzerstörung vollendeten Zerstreuung, bewegt sich nunmehr in dem Zwiespalt zwischen den durch die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse bedingten Zwange zur Konzentration immer größerer VoMsplitter außerhalb Palästinas und dem „Drange nach Zion". Auf der einen Seite wirken die. zentrifugalen! Tendenzen während der Babylonier-, Perser-, Griechennnb Römerzeit, auf der anderen Seite die zentripetalen Tendenzen, wie sie sich' uns in der von CyruS erlaubten Rückkehr, hx der durch' Sernbabel, Esra und Netz emia begonnenen Schaffung eines die. nationale Zukunft sichernden „geistigen Zentrums, in dem unabhängigen HaswonSerstaate, in dem patriotischen Widerstand gegen jede Fremdherrschaft dokumentieren. Mt dem Abschluß des Talmud ist der nationale Sicherungs- Prozeß nach der geistigen Seite vollendet, so daß er nunmehr als Gegengewicht der politischen .und sozialökonomischen Zerstreuung in Wirksamkeit bleiben kann. Ungeachtet aller Verschiedenheiten der Teilentwicklungen, welche sich' in den Diaspvralänbern vollziehen, gibt es gemeinschaftliche Orientierungslinken, bse sich jn drei Hauptprvzessen der jüdischen Geschichte, im Galuth äußern, in dem politischen, sozialökonomischen und national-kulturellenProzeß:Derpolitis.icheProzeß zeigt die Art und Weise, wie der Staat in die Der-' hältnisse der Juden eingreift, bald als schädlich, bald als nützlich' betrachtet, sie abzuftoßen oder aufzunehmon bestrebt ist, kurz, ft« als Objekt seiner Maßnahmen behandelt, Jn denr mitdem politischen naturgemäß verknüpften sozial ökonomischen Prozeß erlangt der Jude erst seine Aktivität, er tritt geschichtlich! handelnd auf im Rahmen des Staatsgesetzes und darüber hinaus. Das Aufeiuanderprallen von Jüdischen und Nichtjüdischen, die Verquickung beider Elemente in den gesellschaftlichen Aeußerungen, macht den Inhalt dieses Prozesses aus. Der politische, und der sozialökvnvmische Prozeß sind in ihren Wirkungen zentrifugal, auf, die Assimilation ab zielend. Der national-kulturelle Prozeß ist dagegen zentripetaler Natur, auf die Erhaltung der jüdischen Eigenart gerichtet. Jn ihm liegt die geschichtliche Tendenz des Volkes nach seinem geistigen Kraftzentrum, nych Zjvn.' Zugleich bildete er die Brücke zwischen den zerstreuten Gliedern. bes'Dolkrs, indem jeweils die H eg emo nie eines Teiles der Judenheit bestand, der dann auf die übrigen Splitter hes Volkes entscheidend okmvirkte. So 5ab es eine palästinensisch«, eine palästinenftsch-babyl-onische, eine spanisch-französische, eine', spanisch-deutsche, einedeuFchpo!s* 'che Dam R Pigser, die Physiognomie des jüdischen Gesamt,leben s stach' der geistigen Seit« jeweils bestimmende'-Prozeß dauert bis in uu.seme Tage an..und es scheint, daß er nunmehr nach' seinem Ausgangspunkt, nach Zion -zurückkehreu und dort - die Wurzel der DoM^nstenz in das uralte Echraftll scheu will. Der vo'.st'hr'rde Versuch einer Muorientieruug des I jüdischen G.'schichrsverlaüfes will keineswsgS das letzt« Wort zu diesem 'Tl!«n"isein. Aber er enthält im be» wvMen KeLeMtze zu allen üblichen KonftzuktzM^ jene Gesichtspunkte, ohne welche eine moderne jüdische Historik undenkbar ist, indem er - nicht pragmatisch orivn^ tiert ist, wie unsere Geschichtsapologaten dies belieben, nicht an äußer« Einschnitte amkniZpft. de« Heroischen Standpunkt ablehstt, - vielmehr die jüdische Geschichte aus sich' heraus in ihren Hauptprvzessen begreifen, das gesamte Volksleben in den.Betrachtungskreis ziehen will. ' . Telegramme. Der Prager Esperanto-Kongretz. Prag, 31. Juli. (Tschecho-slow. Preßbur.) Heute nachmittags - wurde im Repräsentationshaus der XIH. Weltkongreß der Esperantisten in Anwesenheit zahlreicher Teilnehmer eröffnet. Nach der Wahl des Präsidenten und der Ehrenprästdmten begrüßte Minister Dr. äusta den Kongreß im Namen der tschecho-jlowakischen Republik. Es wurde ferner ein Telegramm des Ministers Dr. BeneS zur Verlesung gebracht, worin dieser den Kongreß, der einen neuen Schritt aus dem Wege der geistigen Annäherung d-er Völker bedeute, begrüßt. Nach der Festrede des Vorsitzenden Professors Dr. Kamarut sprachen Vertreter der Regierungen und der Nationen sowie der Sekretär des Völkerbundes Dr. N i t 0 b e, der der Ueberzeugung Ausdruck gab. daß die Zeit kommen werde, wo die Frage der Zulassung des Esperanto zu den Verhandlungen des Völkerbundes in günstiger Weife werde gelöst werden. Die französischen Gewerkschaften. Paris. 31. Juli. Der Gewerkschaftskongreß"'in Lille hat mit d.er gestrigen Abstimmung über die eingebrachten Beschlußanträge seine Beratungen beendet. Die von der Mehrheitspartei vorgelegte Resolution wurde mit 1572 gegen 1325 Stimmen bei 66 Stimmenmthaltungen angenomme.n. (Den Inhalt der Beschlüsse kann man aus diesem Bericht des Korrespondenzbureaus nicht erkennen.) Die Verkündung des Ergebniffes der Abstimmung wurde von der Mehrheit mit d.er Abfindung der .International e* ausgenommen, während die Extremisten die Hymne an Me Revolution* änftimmten. Nachdem wieder Ruhe eingetteten war. überbrachte Sekretär Fimmen die Grüße der gewerkschaftlichen Internationale und trat für die Einheit der Arbeiterschaft in ihren Bestrebungen ein. Hierauf sprach noch Eschenberger namens der Schweizer Arbeiterschaft, worauf der Kongreß geschloffen wmde. Von den ukrainischen Pogromen. Lemberg, 31. Juli. (Jüd. Korr^Dur.) Hier ist eine neue Gruppe jüdischer ' Pogromopfer ans der Ukraine emgetroffen. Einzelnen Kindern sind beide A i n e ab-ehaue n.> Die polnischen Gremhehöroen OstgalizienS habe« trotz dieser Scheußlichkeiten mit dem Rückkransport der jüngst nach Ost» galizien angekommene« Flüchtlingskolonnen über d-e Grenze nach derUkrarne begannen, waS unter den unglücklichen Heim - losen die größte Panik hervorrief. Zurückhaltung der Ehaluzir« in Konstantinopel. London, 3l.Juli.*(Jüd.Corr.-B.>W!e a«S K 0 ü st a ir t i» n 0 p e l gemeldet wird, lehnte der Lloyd Triestiuo die Anbordt nähme der dortigen 60 Chakuzim ab, bis ihm eine UebernahmSnnd AusschiffungSgarantte seitens der palästinensischen Regierung beigebracht wird. Tagesbericht. Ein ungarischer Ahvokat in Wien verschwunden. Unter seltsamen Umständen, die allerdings noch eine ganz natürliche Aufklärung finden können, wird seit dem 26/Juli der 40jährige Advokat Dr. Wla H a ck e r auS GyöngyöS vermißt. Er hatte die Absicht, am 26. Juli von Budapest nach Wien zu fahren, um seinen Schwager, den Ingenieur Adolf Brenn, Taborstraße Nr. 11, zu besuchen, er sollte noch am 26. Juli ankommen, ist aber bis heute nicht emgetroffen. Das Seltsame ist, daß am 26. Juli in der Wohnung des Ing. Brenu ein Mann von etwa 25 Jahren erschien, der sich für einen Budapefter Polizeiagenten anSgab. Er tvaf nur die Hausgehilfin an und ersuchte sie, Henn Brenn die Post auszurichten, daß! A>r. Harker noch am 26. Juli kommen werde, Eine telegraphische Anfrage in Budapest bewirkte, daß noch am Y0. Juli die Antwort eintraf, daß Dr. Hacker tatsächlich abgereist ist. . , % Der Streik iw Irrenhaus. Der Streik der niedervsterreichischen Landesangestellten zeitigte gestern — am ersten Tage desselben erhebliche Auswirkungen. Im Zentralkinderbe i m, welches jun 18. Bezirke, Bastiengasse, unteryebrachi ist, fanden sich zwischen 10 und 12 Uhr zahlreich« An^ gehörige der Ammen ein, welche jedoch die Eingangstore versperrt fanden. Große Plakate trugen die Inschrift: ^WegenStreik geschlossen.* Es wurde niemandem der Zutritt gestattet, doch nahmen die Streikposten Pakete zur Beförderung au chre Mrezfe entgegen.

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